Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus (HKWM) ist ein mehrbändiges, deutschsprachiges begriffsgeschichtliches Wörterbuch marxistischer Begriffe. Es ist angelegt auf 15 Bände, in denen über 1500 Begriffe im Umfeld des Marxismus dargestellt werden. Das Werk soll bis 2021 fertiggestellt werden; seit 1994 sind sieben Bände im Argument Verlag erschienen. Das Wörterbuch wird vom Berliner Institut für kritische Theorie unter der Leitung von Wolfgang Fritz Haug, Frigga Haug und Peter Jehle herausgegeben.

Entstehung[Bearbeiten]

Das HKWM entstand 1983 zunächst als Ergänzung der deutschen Ausgabe des Dictionnaire Critique du Marxisme (Kritisches Wörterbuch des Marxismus), dessen „französisch geprägter“ Diskussionsstand von seinem Herausgeber, Wolfgang Haug, kritisiert worden war.[1] Mit dem Ende des Staatssozialismus wurde dieser Ansatz jedoch aufgegeben und das Projekt weiter für Autoren aus Asien, Afrika und Lateinamerika geöffnet.

Konzeption[Bearbeiten]

Das HKWM lehnt sich in seiner Konzeption an das Historische Wörterbuch der Philosophie an, wobei es allerdings, wie Wolfgang Fritz Haug feststellt, in der Auswahl der Lemmata und der Darstellung des Stoffs „kaum Überschneidungen“ gibt.

Es bearbeitet theoretische und politisch-strategische Begriffe, die auf Marx und Engels zurückgehen. Darüber hinaus werden auch Stichwörter aufgenommen, die nicht marxistischen Ursprungs sind, sofern sich in ihnen „historisch neuartige Problematiken oder Erkenntnisansprüche artikulieren“ oder „bisher vernachlässigte Seiten des Marxismus in den Vordergrund“ gerückt werden. Dazu gehören begriffliche Neuprägungen, die aktuelle Gegenwartsprobleme artikulieren wie der „Übergang zur hochtechnologischen Produktionsweise des transnationalen Kapitalismus“, das „Scheitern der sowjetischen Gesellschaftsformation“ , der „Nord-Süd-Konflikt“ und die „neuen sozialen Bewegungen“ (Frauenbewegung, Ökologiebewegung).

Das Werk will „nach dem Abbruch des kommunistischen Experiments“ sich zum einen mit dem Marxismus als geschichtliches Phänomen auseinandersetzen, ohne das „Wissenschaft, Kultur und Politik des 20. Jahrhunderts“ nicht angemessen zu verstehen wären. Darüber hinaus halten die Herausgeber den Marxismus für ein Projekt, das solange unerledigt sei, wie „die Existenzprobleme, auf die es zu antworten begonnen hat, nicht gelöst oder bedeutungslos geworden sind“. [2]

Seit 2011 werden die Trailer der Artikel in der als Wiki fungierenden InKritPedia online und kostenlos zur Verfügung gestellt. Für den Zugriff auf den Gesamtartikel wird ein geringes Entgelt erhoben.

Rezeption[Bearbeiten]

Das Buchprojekt wurde begrüßt, weil es für lange Zeit ein Desiderat gewesen sei, präzise Auskunft zu marxistischen Fachbegriffen erhalten zu können.[3] Gelobt wird die thematische Erweiterung auf neuere Felder wie Feminismus und Ökologiebewegung,[3] sowie die Offenheit und Pluralität bei der Wahl von Stichwörtern wie „Jazz“, „Jeans“, „Internet“, „Ich-AG“ oder „Ironie“.[4] Als Stärke des Wörterbuches wurde auch die Abhandlung der kapitalistischen Globalisierung und ihrer politischen Auswirkungen hervorgehoben.[3]

Obzwar dem HKWM ein offener und undogmatischer Marxismusbegriff und eine kritische Haltung gegenüber der Machtpolitik der Sowjetunion attestiert werden,[4] ist ihm auch eine Überbetonung des Marxismus-Leninismus[3], eine Distanz zur klassischen Kritischen Theorie sowie eine Ignoranz gegenüber der neueren, sich an die Kritische Theorie anlehnenden außerakademischen Wertkritik vorgeworfen worden.[5] Rolf Hecker beklagt, sein Stichwortartikel Einfache Warenproduktion sei ohne seine Zustimmung verändert worden, [6] Heinz Gess hat seinen geplanten Beitrag Kritische Theorie aus Uneinigkeit über den Begriffsumfang und die Linie der im gleichen Verlag erscheinenden Zeitschrift Das Argument zurückgezogen.[7]

Erscheinungsjahre der Bände[Bearbeiten]

  • Band 1: Abbau des Staates – Avantgarde (1994)
  • Band 2: Bank – Dummheit in der Musik (1995)
  • Band 3: Ebene – Extremismus (1997)
  • Band 4: Fabel – Gegenmacht (1999)
  • Band 5: Gegenöffentlichkeit – Hegemonialapparat (2001)
  • Band 6/I: Hegemonie – Imperialismus (2004)
  • Band 6/II: Imperium – Justiz (2004)
  • Band 7/I: Kaderpartei – Klonen (2008)
  • Band 7/II: Knechtschaft – Krise des Marxismus (2010)
  • Band 8/I: Krisentheorie – Linie Luxemburg/Gramsci (2012)
  • Band 8/II: links/rechts – Maschinerie
  • Band 9: Massen – naturwüchsig
  • Band 10: Negation der Negation – Phantasie
  • Band 11: Philosophie – Regulationsthoerie
  • Band 12: Reichtum – Sorelismus
  • Band 13: Sowjet – Text
  • Band 14: Theater – verstehen/erklären
  • Band 15: Versuch – Zynismus

Weblinks[Bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten]

  1. Vgl. Wolfgang Fritz Haug: Vorwort zum ersten Band des Kritischen Wörterbuch des Marxismus (1983)
  2. Vgl. Wolfgang Fritz Haug: Vorwort zum ersten Band des HKWM (1994)
  3. a b c d So Hans-Martin Lohmann: Wieviel Marxismus braucht der Mensch (4 Seiten pdf; 71 kB), Zeit, 27. Oktober 1995
  4. a b Rudolf Walther: Diagnosen für Debatten (PDF; 46 kB), Taz, 7. Mai 2005
  5. Stephan Grigat: Materialien zum Nachschlagemarxismus, Streifzüge 3/1999
  6. Rolf Hecker: Einfache Warenproduktion, Originalfassung, Rote-Ruhr-Uni
  7. Heinz Gess: Über den Missbrauch der „kritischen Theorie“ und ihres Namens im „Institut für kritische Theorie“ (Inkrit, Berlin) (5 Seiten pdf; 176 kB), Kritiknetz, 2006