Hure Babylon

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Die Hure Babylon reitet die siebenköpfige Bestie

Die Hure Babylon ist eine der biblischen Allegorien für die Gegner der Gläubigen im Allgemeinen und das römische Weltreich im Speziellen. Ihre wirkungsreichste Beschreibung findet sich im Neuen Testament in der Offenbarung des Johannes im Kapitel 17 und 18.

Die Hure Babylon in der Johannesoffenbarung[Bearbeiten]

Die Hure Babylon in der Ottheinrich-Bibel (um 1530-1532)
Die Hure Babylon aus dem Apokalypsen-Zyklus von Albrecht Dürer (1498).

In der Offenbarung des Johannes wird die Hure Babylon stets als „die Große“ bezeichnet (Βαβυλὼν ἡ μεγάλη in Offb 14,8 ELB; 16,19 ELB; 17,5 ELB; 18,2 ELB; 18,18 ELB; 18,10 ELB; 18,21 ELB). Ihre Kennzeichen sind Hurerei und Gräuel (d. h. Götzendienst), ja sie ist sogar der Ursprung, die „Mutter“ dieser Sünden (Offb 17,5 NA: ἡ μήτηρ τῶν πορνῶν καὶ τῶν βδελυγμάτων τῆς γῆς). Die Offenbarung beschreibt die Hure so, dass eine Deutung auf die Stadt Rom und von daher auf das römische Reich sehr wahrscheinlich ist (vgl. besonders Offb 17,9.18)[1]. Der Reichtum und die Pracht der Hure Babylon sind vergänglich, von einem Tag auf den anderen, ja sogar in einer Stunde (Offb 18,17.19) wird sie in bitterste Armut, Nacktheit und Einsamkeit gestürzt werden. Darüber werden sich die unter der Herrschaft der Hure Leidenden, allen voran die Christen, freuen und laut jubeln (Offb 19,1-3 ELB).

Babylon als Symbolname in weiteren antiken Schriften[Bearbeiten]

Im ersten Petrusbrief (1 Petr 5,13 LUT) werden die Adressaten von der Gemeinde aus Babylon (ἐν Βαβυλῶνι) gegrüßt. Für die Deutung des Namens Babylon als Chiffre für das antike Rom bzw. das Imperium Romanum und nicht als realer Name des mesopotamischen Babylon spricht, dass a) schon die meisten Ausleger der Alten Kirche diese Deutung bieten[2], b) es für einen Aufenthalt oder eine Tätigkeit des Verfassers Petrus in Babylonien keine Zeugnisse gibt, c) dass es dagegen für den Aufenthalt des Petrus in Rom weitreichende Zeugnisse gibt[3]. Die Deutungen auf ein gleichnamiges Militärlager im Nildelta[4], sowie - in Anlehnung an Offb 11,8 LUT - auf Jerusalem sind ebenso abzulehnen[5]. Zu erwägen ist die Deutung des Namens Babylon als Symbol für die Existenz der Christen in der Fremde und Zerstreuung[6].

Ähnlich wie im Neuen Testament wird auch in den Oracula Sibyllina V,143 und V,159 sowie in der syrischen Baruchapokalypse (syrBar/3Bar) 67,7 Babylon als Symbolname für Rom verwendet.

Die Rezeption der Hure Babylon im weiteren Geschichtsverlauf[Bearbeiten]

Lucas Cranach der Ältere: „Die Babylonische Hure“, 1534. Kolorierter Ausschnitt eines Holzschnitts zur Lutherbibel. Die babylonische Hure ist auf diesem Bild mit einer päpstlichen Tiara dargestellt.

In der Alten Kirche findet sich früh die Deutung von Offb 17 auf Rom (Irenäus von Lyon und Hippolyt von Rom). In dieser Deutungstradition steht auch Cassiodor (* um 485; † um 580).[7] Andreas von Caesarea (um 600) deutet in seinem wichtigen Kommentar zur Apokalypse die Hure auf die gesamte weltliche Macht.[8]
In der Reformationszeit haben Martin Luther und John Knox die römisch-katholische Kirche als Hure Babylon bezeichnet, wie vor ihnen bereits Girolamo Savonarola und Friedrich II. anlässlich seines ausgedehnten Streits mit Papst Gregor IX.

Auch Dante nutzt dieses Bild im 19. Gesang des Inferno und im 32. Gesang des Purgatorio für seine Kritik an der Amtsführung des Papstes Bonifaz VIII. Dieser soll die Kirche durch Lügen und Betrug an sich gebracht haben, was eine Anspielung auf die umstrittene Abdankung Coelestin V. ist.

Moderne Rezeption[Bearbeiten]

In Alfred Döblins Großstadtroman Berlin Alexanderplatz steht der Protagonist Franz Biberkopf unter der Macht der Hure Babylon. Sie begleitet sein Leben durch die Berliner Unterwelt der 1920er Jahre und wird erst mit der Machtübernahme durch den Gevatter Tod abgelöst, welcher mit ihr schon seit geraumer Zeit um Biberkopf konkurrierte.

In moderner Popmusik wird gelegentlich das Bild von der Hure Babylon aufgenommen, etwa als Babylon-System. Diesen, aus dem Rastafari-Glauben übernommenen Begriff, etablierte Bob Marley 1978 durch sein Album Babylon by Bus. Dem Sänger geht es um die Entfaltung der „schwarzen Identität“, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung durch Befreiung aus den Fängen des „westlichen Babylons“[9]. Die christliche Band Söhne Mannheims singt vom Ende des „Babylon Systems“[10], für die Künstler die gegenwärtige Staats- und Gesellschaftsordnung, gekennzeichnet von Steuerlast und Absolutheitsansprüchen. Wenn Jahwe alles ändert, werde die Hure Babylon fallen[11].

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl Georg Kuhn, Art. Βαβυλών, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament I, Stuttgart 1933, 512-514.
  • Ulrike Sals: Die Biographie der „Hure Babylon“. Studien zur Intertextualität der Babylon-Texte in der Bibel. Forschungen zum Alten Testament 2/6. Mohr Siebeck, Tübingen 2004. (567 S.), ISBN 3-16-148431-2
  • Moritz Wullen (Hrsg.): Babylon. Mythos und Wahrheit. Band 2: Mythos. München, 2008. ISBN 978-3-7774-5005-6
  • Giancarlo Biguzzi: Is the Babylon of Revelation Rome or Jerusalem?, Biblica 87, 2006, S. 372-386 (PDF).
  • Mathias Rissi: Die Hure Babylon und die Verführung der Heiligen. Eine Studie zur Apokalypse des Johannes (Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament 136). Stuttgart, Kohlhammer, 1995.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Vgl. dazu das Fazit von Biguzzi, Babylon S 386. Dass Rom nicht „an vielen Wassern“ (Offb 17,1 ELB) liegt, ist kein Argument gegen die Deutung auf Rom, da der Verfasser der Offenbarung bei seiner Schilderung der Hure Babylon in der Tradition von Jer 51,13 ELB steht, wo das historische Babylon als „an großen Wassern wohnend“ beschrieben wird (vgl. Bousset, Die Offenbarung Johannes S. 403).
  2. Vgl. Euseb Kirchengeschichte II 15,2, sowie einige neutestamentliche Minuskeln, die statt Babylon die Lesart Rom bieten.
  3. Vgl. Kuhn, Βαβυλὼν 514.
  4. Vgl. zu dem Ort Strabo XVII 30, p. 807; Josephus, Antiqitates II, 315; XV, 14 sowie C. Detlef G. Müller, Art. Ägypten IV, TRE 1 (1977) 514, 36–40.
  5. Vgl. Hans Windisch, Die katholische Briefe, HNT 15, Tübingen ²1930, 82.
  6. Vgl. Reinhard Feldmeier, Der erste Brief des Petrus, Leipzig 2005 27f.
  7. Vgl. Wilhelm Bousset, Die Offenbarung Johannis, Göttingen 1906, S. 66.
  8. Vgl. Wilhelm Bousset, Die Offenbarung Johannis, Göttingen 1906, S. 64.
  9. Hanna Strzoda, in: Babylon. Mythos, S. 42.
  10. auf dem Album Noiz, 2004. Text. Weiteres dazu bei Hanna Strzoda, Berlin-Babylon, in: Babylon. Mythos, S. 189.
  11. So im Lied Jah is changing all auf dem Album Zion, 2000. Text. Auch die auf dem gleichen Album befindlichen Lieder Volle Kraft Voraus und Armageddon handeln u. a. vom Fall der „Nutt Babylon“.