Introjektion

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Introjektion (von lateinisch intro = „hinein“, „herein“ und iacere = „werfen“) ist ein Begriff aus der Psychoanalyse, der einen Vorgang beschreiben soll, bei dem eine äußere Realität (Objekte, Objektqualitäten) nach dem Vorbild körperlicher Einverleibung in das seelische Innere hineingelangt. Das betreffende Objekt bzw. die betreffenden Objektqualitäten werden auch als Introjekt bezeichnet.

Herkunft[Bearbeiten]

Der ungarische Psychoanalytiker Sandor Ferenczi prägte den Begriff „Introjektion“ als symmetrische Entsprechung zum Gegenvorgang der Projektion (Ferenczi 1910). Ein unliebsamer Inhalt kann demgemäß nicht nur durch Projektion aus dem Psychischen ausgeschlossen und in die äußere Realität versetzt werden, sondern eine äußere Realität kann auch in Form eines „Introjekts“ zum festen Bestandteil der Psyche werden. Für Ferenczi ist Introjektion zunächst das Wesen der „Objektliebe“; im Ausgang vom ursprünglich angenommenen Autoerotismus bzw. (primären) Narzissmus' finde durch Hereinnahme äußerer „Objekte“ eine „Icherweiterung“ statt:

„Im Grunde genommen kann der Mensch eben nur sich selbst lieben; liebt er ein Objekt, so nimmt er es in sein Ich auf […] Solches Anwachsen, solche Einbeziehung des geliebten Objektes in das Ich nannte ich Introjektion.“

Ferenczi (1911)

Sigmund Freud übernahm den Begriff, um die Frühentwicklung des Ich in Abgrenzung von der Außenwelt zu erklären:

„[…] das purifizierte Lust-Ich bildet sich durch Introjektion von allem, was eine Lustquelle darstellt, und durch Projektion von allem nach außen, was Gelegenheit zur Unlust gibt.“

Freud: Triebe und Triebschicksale, 1915

Dementgegen beschreibt Ferenczi 1932 jedoch auch eine Introjektion der Unlustquelle (Introjektion des Angreifers) als wesentliches Moment einer Traumatisierung.

Allgemeines[Bearbeiten]

Unter Introjektion wird allgemein der Prozess des In-Sich-Aufnehmens von Werten und Normen verstanden, die jemand im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung während seiner Sozialisation verinnerlicht. Werden diese verinnerlichten Pflichten vernachlässigt, empfindet der Mensch ein Schuld- oder Schamgefühl, hat ein schlechtes Gewissen. Introjizierte Normen und Werte werden im Laufe der Entwicklung passiv und ohne eigene freie Entscheidung des Kindes von außen eingegeben, können daher mehr oder weniger von seiner eigenen Persönlichkeit abweichen und im Extremfall konträr dazu stehen. Die Introjektion kann so von der Internalisierung unterschieden werden, bei der Normen und Werte aktiv aufgenommen und durch Assimilation in das Gesamt der Persönlichkeit integriert werden.

Psychoanalyse[Bearbeiten]

Introjektion stellt im Rahmen der psychoanalytischen Theoriebildung eine Stufe von Internalisierungsprozessen dar. Die Introjektion gilt als eine Vorstufe der reiferen Identifikation, als deren Vorläufer sie betrachtet wird. Sie stammt aus der oralen Phase. Vorstufe der Introjektion ist die Inkorporation. Introjektion bedarf jedoch einer reiferen Form des Ichs, als bei der Inkorporation, bei der die Differenzierung zwischen Subjekt und Objekt noch nicht stattgefunden hat. Ihre zugehörigen Objektrepräsentanzen sind ambivalent. Sie sind durch verschiedene libidinöse, aggressive und narzisstische Konflikte verzerrt. Die unabhängige Objektrealität wird vom Kind zwar schon erkannt, jedoch nicht ohne Ambivalenzen und Ängste. Diese werden dann projektiv abgewehrt. Projektion stellt das Gegenstück zur Introjektion auf der Seite der Externalisierungsprozesse dar. Introjektionen sind – ebenso wie davor schon die Inkorporationen – in der frühen Kindheitsphase notwendig. Treten sie aber im späteren Leben übermäßig auf, so sind sie Ausdruck eines regressiven Vorgangs verzerrter Objektwahrnehmung. Introjektive (und projektive) Mechanismen spielen bei der Depression und bei der Borderlinestörung eine wichtige Rolle.[1]

Introjektion in der Gestalttherapie[Bearbeiten]

Das Konzept der "Introjektion" in der Gestalttherapie ist nicht identisch mit der psychoanalytischen Definition. Fritz und Laura Perls setzen die Assimilation der Introjektion entgegen. Bei der Assimilation verwandelt der Organismus (als Gesamtheit von Körper, Geist und Seele) Neues aus der Umwelt in Eigenes, das er zur Selbsterhaltung und zum Wachstum benötigt. Dabei wird das Neue an der Kontaktgrenze des Organismus mit der Umwelt geprüft, "zerstört" und umgewandelt, so dass es assimiliert werden kann. Dazu ist positiv verstandene Aggression notwendig. Nicht-brauchbares Material wird nicht übernommen. Fritz und Laura Perls sehen dies in Analogie zum "Kauen" beim Prozeß der Nahrungsaufnahme.

Bei der Introjektion wird das Neue aus der Umwelt ohne Prüfung und Umwandlung als Ganzes in den Organismus aufgenommen, da an der Kontaktgrenze u.a. die Bewusstheit herabgesetzt ist oder völlig fehlt, und "aggressives" zerstören und überprüfen daraufhin, was für den Organismus sinnvoll ist, und was nicht, nicht geschieht. Das so entstandene Introjekt bleibt im Organismus ein Fremdkörper. Dieser Prozeß wird analog zum Saugen bzw. Schlucken bei der Nahrungsaufnahme verstanden.[2]

Anstelle des Kontakts mit dem Neuen ist bei der Introjektion "Konfluenz" getreten. Konfluenz bezeichnet einen Zustand an der Kontaktgrenze, bei dem die Bewusstheit herabgesetzt ist, oder vollständig fehlt, und/oder bei dem die Kontaktgrenze selbst nicht mehr vorhanden ist.[3]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stavros Mentzos: Neurotische Konfliktverarbeitung – Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuer Perspektiven. Fischer-Verlag. Frankfurt a.M. 1984, S. 42 ff.
  2. Perls, F.: 'Das Ich, der Hunger und die Aggression', 1944/1946, Stuttgart 1978, S. 154 ff.
  3. Perls, F./Hefferline, R./Goodman, P.: 'Gestalt-Therapie. Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung', 1951, Stuttgart 1979, S. 244 ff.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Introjektion – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen