Projektion (Psychoanalyse)

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Projektion bezeichnet in der Neurosenlehre allgemein und von Schulen unabhängig einen Abwehrmechanismus. Der Begriff Projektion umfasst das Übertragen und Verlagern eines innerpsychischen Konfliktes durch die Abbildung eigener Emotionen, Affekte, Wünsche und Impulse, die im Widerspruch zu eigenen und/oder gesellschaftlichen Normen stehen können. Eine solche Projektion richtet sich auf andere Personen, Menschengruppen, Lebewesen oder Objekte der Außenwelt.

Abgrenzungen[Bearbeiten]

Die Projektion wird oft mit dem psychoanalytischen Begriff Übertragung als Synonym verwendet. Allerdings stellt die Übertragung lediglich eine spezielle Form der Projektion dar, in der unbewusste Wünsche und Erfahrungen in einem bestimmten Beziehungsgeschehen reaktiviert werden. Dies trifft besonders auf die Übertragung im therapeutischen Umfeld zu. Sie wird beispielsweise am häufigsten bei der Paranoia – diese im Sinne einer Persönlichkeitsstörung – gefunden. Die neurotische Paranoia unterscheidet sich von der psychotischen dadurch, dass der Neurotiker kein bizarres Beeinträchtigungserleben hat. Die Projektion kann aber auch bei anderen psychischen Konflikten gefunden werden, so z. B. neigen Personen mit einer histrionischen Persönlichkeitsstörung häufig zur Abwehr durch Projektion.

Definitionen nach Schulen[Bearbeiten]

Psychoanalyse[Bearbeiten]

In der Psychoanalyse nach Sigmund Freud versteht man unter Projektion einen Abwehrmechanismus, bei dem eigene, unerwünschte Impulse z.B. im Sinne von Gefühlen und Wünschen einem anderen Menschen (oder Gegenstand) zugeschrieben werden.

„Projektion ist das Verfolgen
eigener Wünsche in anderen.“

Sigmund Freud

Beispiel: Eine Frau fühlt sich durch einen Kollegen sexuell bedrängt, obwohl dieser den Kontakt meidet. Lässt das Verhalten des Kollegen von außen betrachtet eher die Wahrscheinlichkeit zu, dass er keinen Kontakt wünscht, so kann davon ausgegangen werden, dass die Frau ihr Begehren in den Kollegen projiziert hat.

Analytische Psychologie[Bearbeiten]

Die Analytische Psychologie nach Carl Gustav Jung versteht unter Projektion zum einen das Zuschreiben von in der eigenen Psyche angelegten Archetypen an Personen oder Objekte außerhalb des Ichs. Es werden beschrieben:

  • Die Projektion des Mutterarchetyps auf die persönliche Mutter bzw. andere Frauen. Sie führt regelmäßig zum Mutterkomplex und ist Ursache einer Vielzahl psychischer Störungen.
  • Die Projektion des Schattenarchetyps, also verdrängter eigener Eigenschaften, Wünsche und Taten – vor allem solcher, die mit gesellschaftlichen Normen in Konflikt stehen, oder für die sich der Projizierende schämt – auf andere Menschen, um sich selbst von diesen distanzieren zu können. Es handelt sich um einen Abwehrmechanismus zur Bewältigung der Negativanteile der eigenen Persönlichkeit. Dieser Abwehrmechanismus führt aber häufig zu sozialen Konflikten, bis hin zu der Verfolgung von Minderheiten und Krieg.

Die weitere Form von Projektion umfasst das Hineinlesen eigener Vorstellungen auf mächtigere Personen oder Wesen, um diesen Rechtfertigung und Nachdruck zu verleihen. Beispiele für diese Form der Projektion finden sich bei Puristen oder Fundamentalisten: „Gott will, dass alle Ungläubigen bekehrt werden“.

Weiterführende Begriffe[Bearbeiten]

Projektive Identifikation[Bearbeiten]

Hauptartikel: Projektive Identifikation

Die über die Projektion hinausgehende projektive Identifizierung ist das Konzept eines psychischen Mechanismus, der mit der Schule von Melanie Klein im Zusammenhang mit ihren Forschungen zu frühkindlichen Abwehrmechanismen beschrieben und weiterentwickelt wurde. Sie bewirkt, dass der Mensch, welcher Ziel der Projektion ist, sich in seinem Verhalten den Erwartungen des Projizierenden anzugleichen beginnt und diese im Rahmen von dessen manipulierendem Verhalten erfüllt. Dabei richtet der Projizierende seine Wahrnehmung des Gegenübers nach seinen eigenen Maßstäben aus, d.h. was in die eigenen Vorstellungen passt, wird bevorzugt wahrgenommen, wohingegen nicht Passendes nicht oder weniger gewertet wird (selektive Wahrnehmung). Das interpersonelle Manipulieren ist hierbei die nicht nur hinreichende, sondern sogar notwendige Voraussetzung für die Diagnose eines Vorliegens der projektiven Identifikation. So werden durch provozierendes oder verführendes Verhalten bei dem Menschen, der Ziel der Projektion ist, diejenigen Verhaltensweisen hervorgerufen, die der Projizierende erwartet. Die Klein'sche Schule legt hierbei noch nicht fest, was in dem projektiv Identifizierten das erwünschte Verhalten auslöst, wobei spätere Schulen den interaktionellen Anteil zur Definition voraussetzen. Manche Therapeuten sehen die projektive Identifikation als sehr archaischen Abwehrmechanismus an und sehen ihn nur in frühen Störungen, wohingegen andere Therapeuten diesen Mechanismus auch bei anderen Störungsbildern sehen.

Institutionelle Abwehr[Bearbeiten]

Der Begriff institutionelle Abwehr wurde von Stavros Mentzos vorgeschlagen. Als Synonyme für institutionelle Abwehr werden auch Begriffe wie psychosoziale Kompromisslösung und psychosoziales Arrangement gebraucht (s.a. Annelise Heigl-Evers). Als gleichbedeutend wird auch der von Jürg Willi geprägte Begriff Kollusion verwendet. Die Autoren Hoffmann und Hochapfel verwenden den Begriff psychosoziale Abwehr. Er besagt, dass zivile Personen wie auch Institutionen Abwehr und kompensatorische Funktionen ausüben können. Die Bedeutung des Begriffs ist als in sich gegensätzlich zu verstehen. Einmal können die von der Institution angebotenen Rollen vom einzelnen zum Zweck der individuellen neurotischen Abwehr benutzt werden, andererseits übernehmen Institutionen sekundär die Befriedigung neurotischer Bedürfnisse. Interpersonelle und institutionelle Abwehr gehören zu den am häufigsten vertretenen und auch in der Öffentlichkeit eingenommenen Abwehrmechanismen (s.a. Stavros Mentzos). Es erscheint gerechtfertigt, die institutionelle und interpersonelle Abwehr als Unterformen der Projektion zu betrachten, da es sich bei diesen Abwehrformen um eine Externalisierung, das heißt, um eine Verlagerung des innerseelischen Konflikts in eine reale zwischenmenschliche und zuweilen soziale bzw. institutionelle Beziehung handelt. Diese Ähnlichkeit und das Zusammenwirken von intraindividueller und interindividueller Balance wurde insbesondere von Jürg Willi hervorgehoben. Erich Neumann spricht von einer Sündenbockpsychologie als ethischer Primitivform. Sie deckt sich mit dem universalgeschichtlich zu verfolgenden Entwicklungsstadium der Gruppenidentität bzw. mit dem entwicklungsgeschichtlichen Stadium des Narzissmus, siehe → psychogenetisches Grundgesetz. Dabei kommt es zu einem Kreislauf der Gewalt in Form von äußerer Ausgrenzung in Form von Projektion auf der Objektstufe (z.B. Fremdenhaß) und innerpsychischer Abspaltung (Schattenproblem). Dieser Schatten führt erneut zur Projektion auf die Politik bzw. auf extremistische politische Gruppierungen. Hierdurch werden alle mit dem wertidentischen Bewusstsein nicht übereinstimmenden Inhalte auf eine Person oder Personengruppe übertragen, die – evtl. auf dem Umweg über politische Institutionen – nun zur Zielscheibe aller verdrängten destruktiven Affekte wird (z. B. Achse des Bösen).

Literatur[Bearbeiten]

  • Annelise Heigl-Evers, F. Heigl: Die psychosozialen Kompromißbildungen als Umschaltstelle innerseelischer und zwischenmenschlicher Beziehungen. In: Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik. 14, 1979, S. 310–325.
  • Hoffmann, Hochapfel: Neurotische Störungen und psychosomatische Medizin. Schattauer, Stuttgart/ New York 2003, ISBN 978-3-7945-2619-2, S. 59 f.
  • Karl König: Abwehrmechanismen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen/ Zürich 2007, ISBN 978-3-525-45607-1.
  • Karl König: Einführung in die psychoanalytische Krankheitslehre. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen/ Zürich 1997, ISBN 3-525-45788-X.
  • Jean Laplanche, Jean-Bertrand Pontalis: Das Vokabular der Psychoanalyse. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1973, ISBN 3-518-27607-7.
  • Stavros Mentzos: Neurotische Konfliktverarbeitung; Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuerer Perspektiven. (= Geist und Psyche. Bd. 42239). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt a.M. 1992, ISBN 3-596-42239-6, S. 50, 256, 259, 265.
  • Das Kollusionskonzept. In: Jürg Willi: Die Zweierbeziehung, Spannungsursachen / Störungsmuster / Klärungsprozesse / Lösungsmodelle – Analyse des unbewußten Zusammenspiels in Partnerwahl und Paarkonflikt. Rowohlt, Reinbek 1988, S. 167.
  • Erich Neumann: Tiefenpsychologie und neue Ethik. (= Geist und Psyche. Bd. 42005). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt a.M. 1985, ISBN 3-596-42005-9. (zu Stichwort Sündenbockpsychologie: S. 39, 40, 44, 46; zu Stw. Gruppenidentität: S. 40, 61 (Fn 1), 62)