Jonny spielt auf

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Werkdaten
Titel: Jonny spielt auf
Form: Jazzoper
Originalsprache: Deutsch
Musik: Ernst Krenek
Libretto: Ernst Krenek
Uraufführung: 10. Februar 1927
Ort der Uraufführung: Neues Theater Leipzig
Personen
  • Anita, eine Opernsängerin (Sopran)
  • Max, ein Komponist (Tenor)
  • Daniello, ein Geigenvirtuose (Bariton)
  • Jonny, Fiedler in einer afroamerikanischen Jazzband (Bariton)
  • Yvonne, ein Zimmermädchen (Sopran)
  • Hoteldirektor (Tenor)
  • Eisenbahnangestellter (Tenor)
  • Kunstmanager (Tenor)
  • Drei Polizisten (Tenor/Bariton/Bass)
  • Hotelgäste, Hotelangestellte, Reisende, Polizisten, Dienerschaft, Publikum (Chor und Statisterie)

Jonny spielt auf (op. 45) ist eine Oper in zwei Teilen von Ernst Krenek. Sie wurde am 10. Februar 1927 im Neuen Theater zu Leipzig in der Inszenierung von Walther Brügmann uraufgeführt, hatte 421 Aufführungen in ihrer ersten Spielzeit, wurde auch weltweit ein Erfolg und gilt als Vorzeigeabbild der Freiheit der Künste in den Goldenen Zwanzigern.

Entstehung und zeitgeschichtliche Einordnung[Bearbeiten]

An der Wiener Staatsoper waren nach der Premiere am 31. Dezember 1927[1] schon die ersten Aufführungen von Unruhen, die auf die frühe Nazibewegung zurückgingen, gestört worden. Ab 1929 wurden auch Münchener Aufführungen gestört, bis die Oper schließlich nach der „Machtübernahme“ 1933 von den Nationalsozialisten verboten und als „entartete Musik“ gebrandmarkt wurde. Der Jazzmusiker des Titelbildes auf dem Klavierauszug wurde für das Werbeplakat dieser Nazi-Ausstellung missbraucht. Kreneks eigenes Libretto wurde in 14 Sprachen übersetzt. Die Beziehung des Österreichers Krenek zum progressiven Genre der Zeitoper der Weimarer Republik wie überhaupt zur Weimarer Moderne ist gleichwohl doppeldeutig. Gerade sein Jonny zeigt diese Ambivalenz, es war „Ausdruck der Moderne und zugleich Protest gegen sie.“[2] Die Diffamierung des Werks durch die Nationalsozialisten kann deshalb leicht der Vorstellung Vorschub leisten, Krenek sei wie Brecht oder Weill im linken oder zumindest liberalem Spektrum zu verorten. Doch es fragt sich, „ob die künstlerische Avantgarde, zu der Krenek zweifellos gehört, automatisch mit sozio-politischer Avantgarde gleichgesetzt werden darf.“[3] Denn der Komponist Max als der eigentliche Held der Oper (nicht zufällig ein Namensvetter aus Webers „Freischütz“) ist die Verkörperung des melancholischen romantischen Ichs, der Jonny steht deshalb trotz seines Rufs als Werk der Weimarer Avantgarde in der Tradition des romantischen Künstlerdramas. Im Jonny kollidiert dieses romantische Bewusstsein heftig mit den neuen massenkulturellen Entwicklungen der „Golden Twenties“: Neue Sachlichkeit, Film, Radio, Schlager, Jazz, Massensport, Konsumismus, Amerikanismus, Großstadtkult: für all das steht mittels karikaturhafter Zuspitzung einer Minstrel-Figur der Jazz-Musiker Jonny. Krenek bediente ganz bewusst im Jonny das zeittypische „Neger“-Klischee und betonte mehrfach, dass er keine Verherrlichung des amerikanischen Lebensstils beabsichtigt habe, sondern er steht im Gegenteil, hierin Thomas Mann nicht unähnlich, eher auf der Seite des alten, untergegangenen bürgerlichen Zeitalters: „Die Aufbietung dieses ganzen seelenlosen technischen Apparats macht auf dem kürzesten Wege die Antithese anschaulich, von der das Stück lebt: die Antithese von vitaler und spiritueller Daseinsform des Menschen... Jonny ist in diesem Sinn geradezu ein Teil dieser technisch-mechanistischen Weltseite, er reagiert ebenso leicht, erfreulich exakt und amoralisch wie eine dieser wohlkonstruierten Maschinen.“[4] Dementsprechend spricht Krenek von der „innersten Fremdheit des Bluts zwischen der Europäerin und diesem skrupellosen Eroberer, der alles zu besitzen glaubt, was gut ist in der Welt“,[5] um zu begründen, warum die Europäerin Anita immun sei gegen die Anziehungskraft Jonnys. Die linke Presse hat Kreneks Jonny auch keineswegs einhellig begrüßt sondern als „bourgeois“ abgelehnt. Adorno hat 1935 ebenfalls auf den antimodernen Charakterzug in Kreneks Werk aufmerksam gemacht: „Den Bereich einer Romantisierung amerikanischen Wesens hat er nur einmal und eilends genug auf seiner abenteuerlichen Fahrt durchmessen, und es ist am letzten die Schuld des Österreichers, wenn man ihn dort ansiedeln wollte; ihn der wahrhaft den berühmten Bahnhof des Jonny nur benutzte, um aus dem Bereich marktfähiger Urgefühle und auf Hochglanz polierter Neusachlichkeit so schnell wie möglich in gebirgigere und waldigere Regionen zu entfliehen.“[6] Diese Alpenwelt, das ist das romantische setting des 1. Bildes im Jonny, das ist die eigentliche Welt des Komponisten Max, und man darf annehmen, als sein alter ego, auch die des Komponisten Krenek.

Handlung[Bearbeiten]

Die Oper spielt in den Hochalpen, in einer mitteleuropäischen Großstadt und in Paris während der 1920er Jahre.

Die Sängerin Anita und der Geigenvirtuose Daniello befinden sich auf Europatournee. Zurzeit logieren sie im selben Hotel, in dem auch Jonny, der afroamerikanische Leiter einer Jazzband, gerade wohnt. Er hat auf das französische Zimmermädchen Yvonne ein Auge geworfen. Als Jonny merkt, welch prächtige Violine Daniello besitzt, ist Yvonne für ihn nur noch Nebensache. Sein größter Wunsch ist jetzt, das Instrument zu besitzen. Bald sieht er die Gelegenheit gekommen, die Geige zu stehlen. Kaum ist ihm die Tat gelungen, bekommt er auch gleich Skrupel. Flugs versteckt er das Instrument erst im Zimmer der Sängerin und später bei dem etwas weltfremden Komponisten und Kapellmeister Max, der auch erst kürzlich in dem Hotel abgestiegen ist und sich in Anita verliebt hat. Es dauert auch nicht lange, bis diese beiden in den Verdacht des Diebstahls geraten. Doch glücklicherweise erhärtet er sich nicht.

Klavierauszug (Titelbild von Arthur Stadler)

Gegen Ende der Oper treffen sich alle Protagonisten auf dem Bahnhof, um nach Amsterdam weiterzureisen. Unglücklicherweise gerät Daniello unter den fahrenden Zug und wird tödlich verletzt. Jonny, inzwischen wieder im Besitz des wertvollen Instruments, schmuggelt es erneut in Maxens Gepäck. Diesmal hat der Komponist kein Glück. Er wird des Diebstahls bezichtigt, verhaftet und ins Gefängnis gebracht. Jonny gelingt es, den Komponisten wieder zu befreien. In letzter Minute schafft es Max, in den schon fahrenden Zug zu springen, in dem seine geliebte Anita auf ihn wartet.

Jonny klettert mit der gestohlenen Geige auf eine Bahnhofsuhr. Plötzlich verwandelt sich diese in einen riesigen Globus, auf dem der Schwarze triumphierend aufspielt. Alle um ihn herum tanzen nach den jazzigen Rhythmen aus Amerika, die nun die alte Welt zu erobern beginnen.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Julius KorngoldFeuilleton. Operntheater. Jonny spielt auf von Ernst Krenek. In: Neue Freie Presse, Morgenblatt, Nr. 22734/1928, 1. Jänner 1928, S. 1–5. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/nfp.
  2. Martin Lade: Abgründe des Fortschritts. Ernst Kreneks Jonny spielt auf und der Geist der Zeit. Programmheft Oper Köln, Spielzeit 2004/2005, S.18.
  3. Ebenda, S.13
  4. Krenek zitiert nach Martin Lade, ebenda, S.13.
  5. Ebenda S.13
  6. Adorno zitiert nach Martin Lade, ebenda S.15