Kammratten

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Kammratten
Ctenomys haigi

Ctenomys haigi

Systematik
Überordnung: Euarchontoglires
Ordnung: Nagetiere (Rodentia)
Unterordnung: Stachelschweinverwandte (Hystricomorpha)
Teilordnung: Hystricognathi
Familie: Kammratten
Gattung: Kammratten
Wissenschaftlicher Name der Familie
Ctenomyidae
Lesson, 1842
Wissenschaftlicher Name der Gattung
Ctenomys
Blainville, 1826

Die Kammratten oder Tukotukos (Ctenomys, Ctenomyidae) sind eine in Südamerika lebende Gattung und Familie von Nagetieren. Es sind unterirdisch lebende, grabende Tiere, die ihre Baue meist einzelgängerisch bewohnen. Die innere Systematik ist umstritten, es werden rund 60 Arten unterschieden.

Merkmale[Bearbeiten]

Kammratten erinnern mit ihren Anpassungen an eine grabende Lebensweise stark an die nordamerikanischen Taschenmäuse, mit denen sie jedoch nur entfernt verwandt sind. Sie erreichen eine Kopfrumpflänge von 15 bis 25 Zentimeter, der Schwanz wird zusätzlich 6 bis 11 Zentimeter lang. Das Gewicht variiert zwischen 100 und 700 Gramm. Ihr Fell ist meist dick, je nach Art kann es grau, braun oder fast schwarz gefärbt sein, wobei die Unterseite heller ist.

Der Körper ist zylindrisch, der Schwanz ist wie bei vielen unterirdisch lebenden Tieren kurz und kaum behaart. Der Kopf ist wuchtig, der Hals kurz und muskulös. Die Vorderbeine sind etwas kürzer als die Hinterbeine, alle Zehen sind mit langen Krallen ausgestattet, wobei die der Vorderpfoten etwas länger sind. An den Hinterpfoten befinden sich kammartige Borsten, die dazu dienen, das Fell von Erde zu säubern.

Die Augen sind im Verhältnis zu anderen unterirdisch lebenden Tieren groß, sie sitzen hoch oben am Kopf. Dadurch brauchen die Tiere den Kopf nur wenig aus einem Erdloch herauszustrecken, um sich umsehen zu können. Die Ohrmuscheln sind sehr klein. Die Zahnformel lautet wie bei allen Meerschweinchenverwandten I1 – C0 – P1 – M3, insgesamt haben sie also 20 Zähne. Die Schneidezähne sind groß und dick und leuchtend orange gefärbt. Die Anordnung der Höcker auf den Molaren ist nierenförmig, der hinterste Molar ist verkleinert.

Verbreitung und Lebensraum[Bearbeiten]

Kammratten sind im südlichen Südamerika beheimatet, ihr Verbreitungsgebiet reicht vom südlichen Peru und dem mittleren Brasilien bis Feuerland. Sie finden sich in einer Reihe von Lebensräumen von den Tropen bis in die subantarktischen Regionen, häufig sind sie in Grasländern und Wäldern, aber beispielsweise auch im Altiplano und in Gebirgen bis über 4000 Metern Seehöhe.

Lebensweise[Bearbeiten]

Die Baue der Kammratten bestehen aus einem langen, manchmal leicht gekurvten Haupttunnel, von dem Nebengänge abzweigen, die entweder in Sackgassen enden oder zu Futterplätzen an der Oberfläche führen. Der Haupttunnel kann 14 Meter lang sein, er hat einen Durchmesser von rund 5 bis 7 Zentimetern und verläuft rund 30 Zentimeter unter der Erdoberfläche. Unterhalb des Haupttunnels befindet sich eine mit Gras verkleidete Schlafkammer, daneben gibt es mehrere Kammern, in denen Nahrung gelagert wird. Die Ausgänge an der Oberfläche können mit Erdhaufen markiert sein, manchmal verschließen die Tiere sie, wenn sie im Bau sind.

Die meiste Grabetätigkeit geschieht tagsüber, hauptsächlich am frühen Morgen und späten Nachmittag. Die Erde wird dabei mit den Vorderfüßen gelockert und mit den Hinterfüßen nach hinten gescharrt. Mit den Zähnen durchtrennen sie Wurzeln, die im Weg sind.

Die meisten Arten leben einzelgängerisch, es gibt aber vereinzelte Berichte von mehreren Weibchen, die einen gemeinsamen Bau bewohnen. Männchen gelten hingegen als territorialer und aggressiver.

Die Bezeichnung Tukotukos ist eine lautmalerische Angleichung an den Laut, den die Männchen ausstoßen und der vermutlich das Territorium markiert. Der Laut klingt eigentlich wie „tlok-tlok-tlok“, er dauert 10 bis 20 Sekunden und wird gegen Ende hin schneller.

Ernährung[Bearbeiten]

Kammratten sind reine Pflanzenfresser, die sich von verschiedenen Pflanzenteilen, wie Wurzeln, Knollen, Stängeln, Gräsern und anderem ernähren. Manche Pflanzen wie Stängel und Gräser ziehen sie von unten in den Bau hinein, andere versuchen sie von den Eingängen ihres Baus aus zu erreichen. Sie verlassen aber selten ihren Bau vollständig.

Fortpflanzung[Bearbeiten]

Über die Fortpflanzung der meisten Arten ist kaum etwas bekannt. Üblicherweise tragen die Weibchen im Jahr nur einen Wurf aus, nur selten zwei. Vielfach fällt der Zeitpunkt der Geburt in die Regenzeit, wenn reichlich Nahrung vorhanden ist. Die Tragzeit beträgt rund 100 bis 120 Tage und die Wurfgröße eins bis sieben.

Kammratten und Menschen[Bearbeiten]

Mancherorts dringen Kammratten in Felder und Plantagen ein, weswegen sie als Plage angesehen werden. Ihre knapp unter der Oberfläche gelegenen Baue führen auch dazu, dass Pferde und andere Tiere einbrechen und sich dabei das Bein brechen. Aus diesen Gründen werden sie teilweise intensiv bejagt. In manchen stark landwirtschaftlich geprägten Regionen sind sie verschwunden, für genaue Angaben zum Gefährdungsgrad fehlen meist die Daten. Die IUCN listet nur eine Art, Ctenomys magellanicus, als gefährdet.

Systematik[Bearbeiten]

Die Kammratten werden innerhalb der Nagetiere zu den Meerschweinchenverwandten gerechnet. Ihre Schwestergruppe sind die Trugratten, als deren Unterfamilie sie manchmal sogar klassifiziert werden.

Die innere Systematik ist unübersichtlich und bedarf dringend einer Revision. Die Arten unterscheiden sich teilweise erheblich in der Chromosomenzahl, die Karyotypen lauten 2n=10 bis 2n=70, sind aber morphologisch recht ähnlich. Kammratten dürften in relativ kleinen Populationen leben, die von anderen Populationen durch Gebiete mit ungeeigneten Bodenverhältnissen getrennt werden. Dies hat zur Entstehung einer großen Zahl von Taxa geführt, deren systematische Klassifizierung umstritten bleibt. Die folgende Liste mit 60 Arten folgt Wilson & Reeder (2005):

Literatur[Bearbeiten]

  • Ronald M. Nowak: Walker's Mammals of the World. 2 Bände. 6. Auflage. Johns Hopkins University Press, Baltimore MD u. a. 1999, ISBN 0-8018-5789-9.
  • Don E. Wilson, DeeAnn M. Reeder (Hrsg.): Mammal Species of the World. A taxonomic and geographic Reference. 2 Bände. 3. Auflage. Johns Hopkins University Press, Baltimore MD 2005, ISBN 0-8018-8221-4.

Weblinks[Bearbeiten]