Kolonat (Recht)

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Kolone ist eine Weiterleitung auf diesen Artikel. Zum samoanischen Politiker siehe Vaʻai Kolone.

Der (oder das) Kolonat (lat. colonatus) war ein gesetzlich definiertes System zur Organisation einer Gruppe der in der Landwirtschaft tätigen Bevölkerung, welches sich im Verlauf der Spätantike im Imperium Romanum entwickelte und später zum Teil in den nachrömischen Königreichen der Goten, Vandalen, Burgunder und Franken übernommen wurde. Im oströmisch-byzantinischen Reich wurde der Kolonat nach den Gesetzen der spätantiken Kaiser bis ins Mittelalter fortgeführt.

Kolonenwirtschaft in der Zeit des Prinzipats[Bearbeiten]

Zunächst bedeutete colonus im Lateinischen ganz allgemein den Ackerbauern im Unterschied zum Hirten (pastor). Die Kolonenwirtschaft bezeichnete im römischen Kaiserreich (1. bis 3. Jahrhundert) ursprünglich den Stand der bäuerlichen Kleinpächter auf Großgrundbesitz, insbesondere jenen auf kaiserlichen Domänen, sowie das adäquate agrarwirtschaftliche System, welches sich möglicherweise nach dem hellenistischen Vorbild in Kleinasien bzw. Ägypten und dem sich abzeichnenden Sklavenmangel entwickelte.

Zum Pächter (colonus) wurde ein freier römischer Bürger, wenn er mit einem Grundeigentümer (patronus, dominus) einen kündbaren Pachtvertrag (locatio, conductio) abgeschlossen hatte. Die Pflicht des Kolonen war es, den Boden zu bebauen und den Pachtzins zu erbringen. Aus diesem Grund musste der Kolone eine Strafe zahlen, sollte er den Boden innerhalb der vereinbarten Pachtzeit verlassen. Grundsätzlich galt dies bis zur Herrschaft der severischen Kaiser (193 bis 235) für die meist auf fünf Jahre angelegte Laufzeit des Pachtvertrages. Nach dessen Ablauf konnte der Kolone das Land verlassen oder einen neuen befristeten Vertrag schließen. Es lag aber im Interesse der Grundeigentümer, eine stetige Bebauung des Bodens zu gewährleisten, um Einnahmeausfälle und damit Pachtrückstände sowie Steuerschulden zu vermeiden. Dieser Umstand wirkte sich langfristig negativ auf die Rechtslage der Kolonen aus, als der allgemeine Steuerdruck seit dem 3. Jahrhundert erheblich wuchs.

Entstehung und Entwicklung des Kolonats in der Spätantike[Bearbeiten]

Im Jahr 332 erließ Kaiser Konstantin der Große ein Gesetz, das erkennen lässt, dass eine bestimmte Gruppe von Kolonen, die "Kolonen fremden Rechts" (coloni iuris alieni), das gepachtete Land nun nicht mehr verlassen durfte: „Kaiser Konstantin an die Provinzialen: Bei wem auch immer ein Kolone fremden Rechts angetroffen wird, muss nicht nur selbigen an seinen Ursprungsort zurückversetzen, sondern darüber hinaus seine Kopfsteuer für diese Zeit übernehmen“ (Cod. Theod. 5,17,1 [332]).

Hieraus entwickelte sich im 4. Jh. eine dauerhafte Bodenbindung, die bald auch auf andere Kolonengruppen übertragen wurde (z. B. Cod. Theod. 10,20,10,1 [380]). Die Tendenz, die Rechte der Kolonen einzuschränken, setzte sich fort. Im Verlauf des 4. Jhs. wurde der Kreis der bodengebundenen Kolonen erweitert. Zu Beginn des 4. Jh. war bereits die Gruppe der kaiserlichen Kolonen in ihrer Amts- und Heiratsfähigkeit eingeschränkt worden, d. h. sie durften keine anderen staatlichen Dienste ausüben und sie konnten mit freien römischen Bürgern (bzw. Bürgerinnen) nur noch Ehen eingehen, die den Kolonat begünstigten. Im Laufe des 4. Jh. wurden dann auch die persönlichen Rechte der nicht-kaiserlichen Kolonen weiter beschnitten, etwa im Eherecht. Sie konnten schließlich nur noch untereinander rechtsgültige Ehen eingehen, immer mit dem Ziel die Nachkommen an den Kolonat zu binden. Gingen sie dennoch eine Beziehung mit einem freien und unabhängigen römischen Bürger (bzw. Bürgerin) ein, dann galt diese nicht mehr als rechtsgültige Ehe (matrimonium iustum). Die Kinder aus dieser Beziehung fielen dem Grundherren des Kolonen oder der Kolonin als Arbeitskräfte zu. Auch in seinen Rechten zur Prozessführung mussten Kolonen Einschränkungen hinnehmen. Noch in der Kaiserzeit konnten die Kolonen entsprechend ihres Status als Freie eine reguläre Prozessführung anstreben. Im Laufe des 4. Jh. schränkte sich das Klagerecht gegen ihren Grundherren immer weiter ein. Sie konnten schließlich nur noch wegen überhöhter Pachtforderungen (superexactiones) und wegen widerfahrenen Unrechts (iniuria) klagen (Cod. Iust. 11,50,2,4 [396]). Ferner wurde das Vermögensrecht der Kolonen beschnitten, die nur noch mit Zustimmung ihres Grundherren über persönliches Eigentum Verfügungen treffen konnten (Cod. Theod. 5,19,1 [365]).

Der Kolonat wandelte sich zunehmend in einen Geburtsstand (condicio). Das Prinzip der Bodenbindung wurde Ende des 4. Jh. von der Bindung des Kolonen an den Grundherren abgelöst. Auch Flucht konnte die Kolonen nicht von den Forderungen ihrer Grundherren befreien, es sei denn, die Flucht lag 30 Jahre zurück, ohne dass eine Rückforderungsklage erhoben wurde. In diesem Fall durften auch die Kinder nicht herangezogen werden (Cod. Theod. 5,18,1 [419]). Hierbei wurden allerdings nicht die Kolonen begünstigt, sondern der Anspruch auf flüchtige Kolonen unter den Grundherren geregelt. Die rechtliche Stellung der Kolonen hatte sich im 4. und 5. Jh. massiv verschlechtert. Sie standen nun unter der Herrschaft der Grundherren, ohne deren Eigentum im juristischen Sinne zu sein. Noch unter Kaiser Justinian wurde betont, dass Kolonen prinzipiell frei seien (Sirks 2008). Dennoch ist eine juristische Annäherung der Kolonen an die Rechtsstellung der Sklaven nicht zu leugnen. Gesellschaftlich standen sie auf einer sehr niedrigen Stufe innerhalb der Schicht der freigeborenen römischen Bürgern.

Frühes Mittelalter[Bearbeiten]

Folgt man den spärlichen Quellen, so bestand das (ein?) Kolonat im Fränkischen Reich bis ins 9. Jahrhundert und wurde vermutlich zusammen mit dem so genannten Patrozinium des Grundherrn und der dinglichen Unfreiheit der Kolonen eine der wesentlichsten Stützen der mittelalterlichen Gesellschaftsordnung, wobei die Frage der direkten Kontinuität dieser Formen in der neuesten Forschung, wie erwähnt, umstritten ist.

Entwicklung bis zur Neuzeit[Bearbeiten]

Während heutzutage die Bauerngüter in der Regel im vollen Eigentum des Besitzers stehen, war dies im Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert nicht der Fall (s. Freistift und Erbpacht). Die Güter waren vielfach den Bauern von den Gutsherren unter Anwendung lehnsrechtlicher Grundsätze verliehen und die Rechte der Besitzer daher nach Lehnsrecht zu beurteilen; hier und da hatte auch das römisch-rechtliche Institut der Emphyteuse (s. d.), besonders bei Kirchengütern, Anwendung gefunden.

Daneben aber kamen zahlreiche Nutzungsrechte an Bauerngütern vor, welche nach Landrecht zu beurteilen waren, und welche man eben unter der Gesamtbezeichnung Kolonat zusammenfasst.

Die genauen rechtlichen Bestimmungen und Bezeichnungen waren regional sehr verschieden: die erblichen Laten- oder Hobgüter am Niederrhein und in Westfalen, die ebenfalls erblichen Meiergüter in Niedersachsen und in Westfalen, die Schillingsgüter im Lüneburgischen und in der Grafschaft Hoya, die Erbpachtgüter in Sachsen, Thüringen und Österreich, die Festegüter in Schleswig-Holstein, die nicht erblichen Fallgüter oder Schupflehen in Schwaben, die Todbestände in Baden, die Leibrechtsgüter in Bayern und Österreich (die beiden letztern ebenfalls nicht erblich), die Landfiedelleihen in Oberhessen (nicht erblich im Solmsischen), die Lassgüter in der Mittelmark (nicht erblich in Sachsen) und die sogen. Herrengunst in Bayern; letzteres die Bezeichnung für Güter, die auf freien Widerruf des Gutsherrn verliehen waren.

Das Rechtsverhältnis zwischen Gutsherren und Kolonen bestimmte sich bei allen diesen Gütern im Einzelnen nach den bei der Verleihung etwa aufgenommenen Urkunden (Leihbrief, Meierbrief) sowie ab dem 18. Jahrhundert hierüber ergangenen Ordnungen (Meier-, Erbpachtsordnungen), außerdem nach lokalem und partikulärem Gewohnheitsrecht. Die Grundzüge des Rechtsinstituts sind im Großen und Ganzen überall dieselben: ein sogen. Obereigentum (Dominium directum) des Gutsherrn, ein nutzbares Eigentum des Kolonen (Dominium utile); der Kolone hatte die auf dem Gut ruhenden Lasten zu tragen; Veräußerungen ohne Zustimmung des Gutsherrn waren nichtig; das Gut haftete nicht ohne weiteres für die Schulden des Kolonen; dieser war zu sorgfältiger Bewirtschaftung des Gutes verpflichtet und konnte im entgegengesetzten Fall „abgemeiert“ werden (s. Abmeierung). Gewöhnlich hatte der Kolone beim Antritt der Erbleihe eine Abgabe (Handlohn, Laudemium, Weinkauf, Ehrschatz) an die Gutsherrschaft zu entrichten; zuweilen war auch eine sogen. Baulebung üblich; ebenso war hier die sogen. Interimswirtschaft gebräuchlich. Die moderne Gesetzgebung hat jedoch mit der ehemaligen Rechtsanschauung vom sogen. geteilten Eigentum gebrochen und an die Stelle der bäuerlichen Nutzungsrechte das volle Eigentumsrecht des Besitzers gesetzt (s. Ablösung, Bauernbefreiung).

Weiteres Beispiel[Bearbeiten]

Ein ähnliches und gleichnamiges System verwendete die portugiesische Regierung nach 1945 in Angola, um die Einwanderung von Weißen in neu angelegte "Musterdörfer" zu fördern.

Siehe auch: Inquilinus

Literatur[Bearbeiten]

  • J.-M. Carrié: "Le 'colonat du Bas-Empire': un mythe historiographique?", in: Opus 1, 1982, S. 351ff.
  • R. Clausing: The Roman Colonate. The Theories of Its Origins, New York 1925.
  • M. Rostovtzeff: Studien zur Geschichte des römischen Kolonates, Leipzig 1910. (Veraltet, aber lesenswert.)
  • A. Sirks: "The Colonate in Justinian's reign", in: The Journal of Roman Studies 98, 2008, S. 120ff.
  • C. Whittaker: "Colonate", in: P. Brown u.a. (eds.), Late Antiquity. A guide to the postclassical world, Cambridge/Mass. 1999, S. 385f.
  • O. Schipp: Der weströmische Kolonat von Konstantin bis zu den Karolingern (332 bis 861), Hamburg 2009.

Weblinks[Bearbeiten]