Konstruktivismus (Philosophie)
aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Konstruktivismus nennen sich mehrere Strömungen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Auf Grund des gemeinsamen Namens werden sie oft irrtümlich für übereinstimmend gehalten. Die meisten Varianten des Konstruktivismus gehen davon aus, dass die erkannten Gegenstände durch den Vorgang des Erkennens konstruiert werden. In der Fachsprache der Philosophie ausgedrückt, nehmen sie damit eine nominalistische Position zum Universalienproblem ein.
Während der Radikale Konstruktivismus die menschliche Fähigkeit, objektive Realität zu erkennen, mit der Begründung bestreitet, dass jeder Einzelne sich seine Wirklichkeit im eigenen Kopf „konstruiert“, und daher dem Konsens über solche Konstruktionen misstraut, glaubt der Erlanger Konstruktivismus an eine gemeinsame Konstruktionsweise: dass es mit Hilfe einer besonderen Sprach- und Wissenschaftsmethodik möglich sei, „das naive Vorfinden der Welt“ zu überwinden und durch „methodische Erkenntnis- und Wissenschafts-Konstruktion“ zu ersetzen. Ob dieses gemeinsam Konstruierte auch unabhängig von seiner Konstruktion existiert oder bloß einen Konsens belegt, ist dagegen ein anderes Problem. Der Erlanger Konstruktivismus ist wesentlich angeregt von der Konstruktiven Mathematik, die wie der Radikale Konstruktivismus eine nominalistische Anschauung vertritt.
Inhaltsverzeichnis |
[Bearbeiten] Radikaler Konstruktivismus
→ Hauptartikel: Radikaler Konstruktivismus
[Bearbeiten] Erlanger Konstruktivismus
Der Erlanger Konstruktivismus umfasst die Projekte einer von Missverständnissen freien Wissenschaftssprache, dialogische Logik, konstruktive Mathematik, Protophysik und eine darauf aufbauende Theorie von Gesellschaft und Technik. Kern des Erlanger Konstruktivismus ist die zirkelfreie und den konkreten Gebrauch nachvollziehende Konstruktion bzw. Rekonstruktion von Begriffen. Vertreter sind unter anderen Wilhelm Kamlah, Paul Lorenzen, Christian Thiel. Folgende Schulen haben sich aus dem Erlanger Konstruktivismus entwickelt:
- Konstanzer Schule: Jürgen Mittelstraß, Friedrich Kambartel und viele andere gründen in Konstanz in den 1970er Jahren eine geschichtlich und enzyklopädisch orientierte Philosophie und Wissenschaftstheorie;
- Dialogischer Konstruktivismus: Kuno Lorenz, Dietfried Gerhardus, Wilhelm Kamlah, Philosophische Anthropologie
- Methodischer Kulturalismus: Peter Janich nahm eine Umbenennung von Erlanger Schule in Methodischen Konstruktivismus vor und arbeitet einen methodischen Kulturalismus aus (auch genannt Marburger Schule).
- Argumentationstheorie: Von Carl Friedrich Gethmann, Harald Wohlrapp und Holm Tetens wird im Anschluss an die Erlanger Schule eine Argumentationstheorie entwickelt.
[Bearbeiten] Interaktionistischer Konstruktivismus
Der Interaktionistische Konstruktivismus ist dem Erlanger Konstruktivismus ähnlicher als dem Radikalen Konstruktivismus. Allerdings versteht er die kulturalistische Wende des Konstruktivismus nicht überwiegend sprach-, sondern lebensweltbezogen und knüpft in den Grundannahmen insbesondere an Poststrukturalismus, Cultural Studies, Dekonstruktivismus und Pragmatismus an. Seine Vertreter sind unter anderen Kersten Reich und Stefan Neubert.
[Bearbeiten] Vergleich
Der Radikale Konstruktivismus ist in erster Linie Kritik des naiven Realismus. Er setzt jenem einen Relativismus entgegen, der Objektivität zur Unmöglichkeit erklärt. Vor allem subjektive Beobachterpositionen erscheinen ihm wesentlich. Tendenzen zum Solipsismus sind vorhanden, dennoch grenzt sich der Radikale Konstruktivismus von diesem klar ab. Zirkuläre Denkvorgänge werden nicht als logisch fehlerhaft, sondern als unvermeidlich betrachtet. Der Radikale Konstruktivismus ist ein kritisches Wissenschaftsprogramm, das unzureichend reflektierte Vorstellungen hinterfragt. Seine Voraussetzung, dass alles nur konstruiert sei, wird manchmal als Abwertung des Konstruierens verstanden.
Der Erlanger Konstruktivismus wertet das Konstruieren dagegen auf und setzt es zur Klärung der wissenschaftlichen Grundlagen, vor allem der Begrifflichkeit wissenschaftlicher Theorien ein. Der Erlanger Konstruktivismus macht sich die nachvollziehbare Rekonstruktion von Begriffen zum Programm und ist bestrebt, begriffliche Unklarheiten in der Wissenschaft zu erkennen, begründete Alternativen dazu zu erarbeiten und auf diesem Wege Missverständnismöglichkeiten im wissenschaftlichen Austausch zu verringern. Er ist auf den Konsens der wissenschaftlichen Gemeinschaft ausgerichtet, während der Radikale Konstruktivismus einen oberflächlichen Konsens in Frage stellt.
Der Interaktionistische Konstruktivismus bezieht Handlungen in lebensweltlichen, sozialen und kulturellen Kontexten ein. Dabei versucht er, die subjektiven Beobachterpositionen vor dem Hintergrund kultureller Teilnahme- und Akteursrollen zu reflektieren. Neben der theoretischen Begründung legt der Ansatz vor allem Wert auf pädagogische Anwendungen.
[Bearbeiten] Siehe auch
- Konstruktivismus (Begriffsübersicht)
- Konstruktivismus (Lernpsychologie)
- Sozialkonstruktivismus
- Konstruktivismus (Kunst)
- Konstruktivismus (Politikwissenschaft)
[Bearbeiten] Literatur
- Ameln, F. v. (2004): Konstruktivismus. Tübingen.
- Schmidt, Siegfried J. (1987): Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus. Frankfurt am Main.
- Schmidt, Siegfried J. (1992): Kognition und Gesellschaft. Der Diskurs des Radikalen Konstruktivismus 2. Frankfurt am Main.
- Markus F. Peschl (Hrsg.) (1991): Formen des Konstruktivismus in der Diskussion. Wien: WUV–Universitätsverlag.
- Reich, K.: Benötigen wir einen neuen konstruktivistischen Denkansatz? Fragen aus der Sicht des interaktionistischen Konstruktivismus. In: Fischer, H.-R., Schmidt, S.J. (Hrsg.): Wirklichkeit und Welterzeugung. (Auer) 2000
- Reich, K.: Konstruktivistische Ansätze in den Sozial- und Kulturwissenschaften. In: Hug, T. (Hrsg.): Wie kommt die Wissenschaft zu ihrem Wissen? Bd. 4. Baltmannsweiler (Schneider) 2001
[Bearbeiten] Weblinks
- Rob Mallon: „Naturalistic Approaches to Social Construction“ in der Stanford Encyclopedia of Philosophy (englisch, inklusive Literaturangaben)
- Walter Zitterbarth: Der Erlanger Konstruktivismus in seiner Beziehung zum Konstruktiven Realismus () - Gemeinsamkeiten zwischen Radikalem Konstruktivismus und Erlanger Konstruktivismus.
- H. R. Fischer & M. Peschl (1996): Art. Konstruktivismus (constructivism), in: Strube, Gerhard u.a. (Hgg.): Wörterbuch der Kognitionswissenschaft, Klett-Cotta, Stuttgart 1996.
- Bochumer Arbeitsgruppe für sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
- Kersten Reich (Hrsg.): Interaktionistischer Konstruktivismus

