Kontingenz (Psychologie)

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In der Psychologie wird der Begriff Kontingenz im Sinne von Übereinstimmung oder wenigstens starker Verbundenheit verwendet. Diese Begriffsverwendung ist von der in der Philosophie gebräuchlichen abzugrenzen, da dort Kontingenz die Offenheit sehr verschiedener Optionen fassen soll.

Der Kontingenzbegriff der Psychologie findet besonders in der Entwicklungspsychologie Verwendung. Er beschreibt hier die Übereinstimmung und wechselnde Abstimmung bei der Interaktion zwischen Mutter resp. Pflegeperson und Säugling (siehe auch: Rapport (Psychologie)). Die Übereinstimmung kann dabei von deckungsgleichen Verhaltensabläufen bei Mutter und Kind bis zu spielerisch modifizierten und/oder zeitlich versetzten Übereinstimmungen führen. Paradebeispiel ist das gegenseitige Anlächeln.

Versuchsreihen mit Säuglingen zeigen schon seit Ende der 70er Jahre [1], dass die spontanen emotionalen Äußerungen des Säuglings zu einer Antwort der Mutter führen, die im Wesentlichen auf Nachahmung in spielerischer Weise beruhen. Manchmal handelt es sich auch um abgewandelte Formen der Nachahmung, die zu einem Spiel der Kommunikation, in der Regel auch bereichert um rhythmische Elemente, führen. Zumindest ab dem vierten Lebensmonat gelten solche wechselseitigen Kommunikationsabläufe, die zu gegenseitiger Beeinflussung der Stimmungslage führen als gesichert. Alle weiteren Experimente belegten die herausragende Rolle dieser frühen Abstimmung in der Kommunikation für die Entwicklung der Psyche.

In den letzten Jahren waren es vor allem die Autoren Peter Fonagy, György Gergely, Elliot L. Jurist und Mary Target, die auf die Rolle dieser frühen Abstimmung bei der Herausbildung der Reflexionsfunktion, der von ihnen so genannten Mentalisierung bzw. der Theory of Mind hinwiesen. Diese höhere Fähigkeit des Menschen, davon auszugehen, dass der andere Mensch mit dem ich kommuniziere oder den ich beobachte, ebensolche inneren Vorgänge wie Wünsche, Absichten, Abneigungen etc. hat, wird erst im vierten Lebensjahr vollständig entwickelt. [2]

Die Störungen, die mit der Behinderung bei der Entwicklung dieser Fähigkeiten entstehen, wie sie etwa bei konsequenter Verweigerung „kontingenter“ Antworten auf die Äußerungen des Säuglings und Kleinkinds entstehen, sind dramatisch. Sie reichen über das ganze Spektrum schwerer Persönlichkeitsstörungen. Bei traumatischen Eingriffen in das Leben des Kleinkindes, wie Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung sind die Folgen dieser Theorie zufolge deswegen so dramatisch, weil das Kind die Erfahrung von kontingenten Abläufen mit Bezugspersonen nicht machen kann oder sie jedenfalls nicht in jener entspannten Atmosphäre erleben kann, die zum Lernen und Üben notwendig ist. Wenn aber keine Erfahrung eigener Wirksamkeit in immer ähnlich ablaufenden Zyklen von Verhalten gemacht wird, dann verhindert dies nicht nur die Entwicklung der Theory of Mind (also die Fähigkeit anderen Menschen auch eine Seele zuzuschreiben), sondern auch die Möglichkeit das eigene Seelenleben regulieren zu können. Die Verinnerlichung von erfolgreichen mütterlichen Regulationsversuchen durch Kommunikation, die in der normalen Entwicklung die Basis der Selbstregulation abgibt, bleibt mangels dieser Regulation aus und kann nicht erlernt werden. Das Seelenleben des Kindes entwickelt damit keine ausreichenden Fähigkeiten mit auftauchenden Impulsen umzugehen.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. T. B. Brazelton, B. Koslowski und M. Main: The Origins of Recoprocity. The Early Mother-Infant Interaction. John Wiley, 1974
  2. Peter Fonagy, György Gergely, Elliot L. Jurist und Mary Target: Affektregulierung, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst. Klett-Cotta, 2004