Kriegsspielzeug

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Zinnsoldaten sind heute vor allem ein Sammelobjekt
NVA-Spielzeugsoldat

Als Kriegsspielzeug bezeichnet man Spielzeug, das den Themenkomplexen Krieg, Militär oder Waffen zuzuordnen ist.

Dazu gehören beispielsweise Miniaturen von Kriegsgerät wie Panzer oder Flugzeuge, Figuren von Soldaten (Zinnsoldaten), Nachbildungen von Pistolen und Gewehren (Spielzeugwaffen). Auch Wasserpistolen und Gewehre mit Plastikkugeln zählen dazu.

Gesellschaftliche Bewertung[Bearbeiten]

Kriegsspielzeug ist in seiner psychologischen und pädagogischen Wirkung schwer einzuschätzen. Es ist bereits umstritten, ob eine aggressive Haltung zu dem Wunsch nach Kriegsspielzeug führt oder der Umgang mit Kriegsspielzeug diese Haltung erst erzeugt. Entsprechend widersprüchlich sind die Bewertungen in der Gesellschaft und in der Pädagogik. Die weitgehende Ablehnung von Kriegsspielzeug begrenzt sich in weltweiter Sicht im Wesentlichen auf den europäischen Kontinent, speziell das Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg:

Nach den kulturhistorischen Untersuchungen von Warwitz / Rudolf [1] ist Kriegsspielzeug in sämtlichen Regionen der Erde und bei nahezu allen Völkern nachweisbar und beliebt. Nach den Befragungen von Wegener-Spöhring [2][3] besitzt bereits ein Großteil der Grundschulkinder Kriegsspielzeug und wünscht sich mehr davon.

In Deutschland ging man noch bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts sehr unbefangen mit dem Phänomen um. Generationen von Familien sangen bedenkenlos mit ihren Kindern und Enkeln unter dem Weihnachtsbaum das 1835 von Hoffmann von Fallersleben verfasste Lied:

„Morgen kommt der Weihnachtsmann,
kommt mit seinen Gaben.
Trommel, Pfeifen und Gewehr,
Fahn’ und Säbel und noch mehr,
ja ein ganzes Kriegesheer
möchte’ ich gerne haben.“ [4]

Erst mit dem Aufkommen der Friedensbewegung in den 1970er Jahren wurden nach den Erfahrungen des Weltkriegs das Kriegsspielzeug und das Kriegsspielen problematisiert. Die öffentliche Diskussion zeigte sich dabei allerdings eher emotional als rational bestimmt, wobei die Empfindlichkeit gegenüber dem Wort Krieg und der Vorstellung vom realen Krieg die Hauptrolle spielte.

Eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit dem Problemkomplex scheitert nach Warwitz /Rudolf schon daran, dass eine in der Alltagsrealität brauchbare Definition von Kriegsspielzeug nicht leistbar ist[5]: Spielzeugwaffen und Symbolspiele verändern sich zeitgemäß. So ist es etwa nicht klar, ob Pfeil und Bogen des Indianerspiels, eine Wasserpistole oder erst ein Gewehr mit Farb- oder Platzpatronenmunition zum Kriegsspielzeug zählen sollen. Schließlich kann auch jeder Stock oder Stein im Spiel der Kinder zu einer Waffe und zum ‚Kriegsspielzeug’ werden. Ein Aggressionscharakter ist auch bei den Sportspielen gegeben. Identifikationsfiguren wie Indianerhorden oder Ritterheere erscheinen den einen harmlos, den anderen bereits bedrohlich. Das virtuelle Spiel am Computer und mittels der Spielkonsole bildet eine weitere Kategorie von Kriegsspielzeug, die nur medial wirksam wird und nach Wegener-Spöhring ohne nachweisbare Bezüge zu realer Gewaltbereitschaft bleibt[6].

So kommt Eltern und Erziehern ein erheblicher persönlicher Ermessenspielraum für die pädagogische Bewertung zu.[7]

Verbreitung[Bearbeiten]

In den deutschsprachigen Ländern ist die Verbreitung von physischem Kriegsspielzeug seit der Friedensbewegung der siebziger Jahre sehr gering. In der Schweiz beispielsweise lag der Anteil von Kriegsspielzeug am Umsatz des gesamten Spielzeugmarkts im Jahr 2011 bei unter einem Prozent. Demgegenüber sind Computerspiele mit kriegerischem Inhalt sehr verbreitet.[8]

In der Schweiz ist Kriegsspielzeug kaum noch erhältlich, nachdem Franz Carl Weber als letzter größerer Spielzeughändler, der noch Kriegsspielzeug führte, dieses nach den Attentaten des 11. September 2001 aus dem Sortiment nahm. Das Tragen von Spielzeugpistolen in der Öffentlichkeit ist in der Schweiz seit 2008 gesetzlich verboten.[8]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Kriegs- und Friedensspiele. In: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. Hohengehren (Schneider-Verlag) 2014. 3. Auflage. S. 126–151. ISBN 3-89676-798-4
  • Gisela Wegener-Spöhring: Die Bedeutung von „Kriegsspielzeug“ in der Lebenswelt von Grundschulkindern. In: Zeitschrift für Pädagogik. Nr. 6/1986, S. 797–810.
  • Gisela Wegener-Spöhring: Kriegsspielzeug und Computerspiele in der Lebenswelt von Grundschulkindern: Eine Krise der „balancierten Aggressivität“? In: Titus Guldimann: Bildung 4- bis 8-jähriger Kinder (Waxmann Verlag) 2005. S. 169–188. ISBN 3-8309-1533-0

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Kriegs- und Friedensspiele. In: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 3. Auflage. Hohengehren 2014, S. 126–151
  2. Gisela Wegener-Spöhring: Die Bedeutung von „Kriegsspielzeug“ in der Lebenswelt von Grundschulkindern. In: Zeitschrift für Pädagogik. Nr. 6/1986, S. 797–810
  3. Gisela Wegener-Spöhring: Kriegsspielzeug und Computerspiele in der Lebenswelt von Grundschulkindern: Eine Krise der „balancierten Aggressivität“? In: Titus Guldimann: Bildung 4- bis 8-jähriger Kinder. Waxmann Verlag, 2005. S. 169–188
  4. Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Kriegs- und Friedensspiele. In: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 3. Auflage. Hohengehren 2014, S. 126–127
  5. Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Kriegsspiele. In: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 3. Auflage. Hohengehren 2014, S. 131–134
  6. Gisela Wegener-Spöhring: Kriegsspielzeug und Computerspiele in der Lebenswelt von Grundschulkindern: Eine Krise der „balancierten Aggressivität“? In: Titus Guldimann: Bildung 4- bis 8-jähriger Kinder. Waxmann Verlag 2005. S. 169–188
  7. Siegbert A. Warwitz, Anita Rudolf: Kriegsspiele. In: Vom Sinn des Spielens. Reflexionen und Spielideen. 3. Auflage. Hohengehren 2014, S. 130–135
  8. a b Matthias Daum: "Geschenke, die die Welt nicht besser machen: Die klassischen Kriegsspielzeuge schenkt man schon lange nicht mehr, dafür wird heute virtuell aufgerüstet" (PDF; 127 kB) in: Neue Zürcher Zeitung vom 19. Dezember 2011, S. 42

Weblinks[Bearbeiten]