Kulturschock

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Kulturschock

Der Begriff Kulturschock bezeichnet den schockartigen Gefühlszustand, in den Menschen verfallen können, wenn sie mit einer fremden Kultur zusammentreffen. Der Begriff wurde von Cora DuBois, einer US-amerikanischen Anthropologin 1951 eingeführt[1]. Kalervo Oberg erweiterte diesen Begriff, um ihn allgemeiner anzuwenden und führte eine Theorie basierend auf vier Phasen ("Honeymoon Phase", Krise, Erholung und Anpassung) ein. Dies wurde später mit dem U-Modell und dann mit dem W-Modell beschrieben.

Kulturschock ist heute auch ein Aspekt im Studium der interkulturellen Kommunikation.

Der Begriff Kulturschock (culture shock) beschreibt einerseits den schockartigen Sturz aus der Euphorie in das Gefühl, fehl am Platze zu sein (Zeitpunkt). Zum anderen verwendet Oberg das Wort auch für den gesamten Prozess der Kulturkrise, die ein Mitglied einer Kultur beim Einleben in einer anderen Kultur durchlaufen kann (Zeitdauer).

Symptome Taft (1977)[Bearbeiten]

  1. Stress aufgrund der Belastung, die notwendigen psychischen Anpassungsleistungen zu erbringen;
  2. ein Gefühl des Verlustes in Bezug auf Freunde, Status, Beruf und Besitztümer;
  3. ein Gefühl der Ablehnung, weil man sich von Mitgliedern der neuen Kultur abgelehnt fühlt oder diese selbst ablehnt;
  4. Verwirrung über die eigene Rolle, über die Rollenerwartungen anderer, über Werte, über die eigenen Gefühle und die eigene Identität;
  5. Überraschung, Angst und Empörung, nachdem man sich des vollen Ausmaßes der kulturellen Unterschiede bewusst wird;
  6. Ohnmachtsgefühl, weil man meint, mit der neuen Umgebung nicht zurechtzukommen.

U-Modell[Bearbeiten]

In diesem Modell wird nicht der punktuelle Schock beschrieben, sondern der länger anhaltende (gelegentlich über mehrere Monate). Dabei verläuft die Zeit auf der horizontalen Achse, das Wohlbefinden wird auf der vertikalen Achse eingetragen. Mit "U" ist die graphische Form beschrieben, die die Kurve annehmen kann.

Honeymoon-Phase[Bearbeiten]

Während dieser Zeit werden die Unterschiede zwischen der alten und der neuen Kultur in einem romantischen Licht gesehen – wunderbar und neu. Zieht jemand zum Beispiel in ein anderes Land, so genießt die Person das fremde Essen, die andersartige Architektur und wie die Menschen leben. In den ersten Wochen sind die meisten Menschen von der neuen Kultur fasziniert. Eine Phase der Beobachtung, die voll von neuen Entdeckungen ist.

Krise[Bearbeiten]

Es fällt einem auf, was alles nicht so ideal ist in der "neuen" Kultur und man tritt häufig in Fettnäpfchen. Typisch ist der Gedanke "zu Hause wird das besser gemacht". Sprachliche Barrieren und mangelnde Kenntnis spielen dabei häufig eine Rolle.

Erholung[Bearbeiten]

Man entwickelt Verständnis für die Handlungsweisen, die von der Heimatkultur abweichen und versucht sie zu verstehen.

Anpassung[Bearbeiten]

Die Person hat sich in die neue Kultur integriert, sie versteht die Kultur und übernimmt teilweise sogar Verhaltensmerkmale der Fremdkultur. [2]

W-Modell[Bearbeiten]

Mit dem sogenannten W-Modell wird das U-Modell um eine weitere Phase erweitert, und zwar die Phase der Rückkehr in die eigene Kultur. Da diese ähnlich verlaufen kann wie der erste Abschnitt, liegen hier zwei U-Modelle hintereinander, oder eben (aufgrund der graphischen Ähnlichkeit) das W-Modell. Zur Abgrenzung des Schocks, der bei der Heimkehr entstehen kann, vom Schock in der Fremdkultur, wird ersterer Eigenkultur-Schock genannt.

Eigenkultur-Schock[Bearbeiten]

Das Phänomen des Eigenkultur-Schocks ([3], auch umgekehrter Kulturschock, reverse culture shock, re-entry shock) beschreibt das Phänomen eines Kulturschocks bei der Rückkehr aus einer fremden Kultur in die eigene Heimat. Dieser sei dabei in der Regel heftiger als bei Eintreten in die fremde Kultur, da die Notwendigkeit einer Reintegration in die eigene Kultur in der Regel eine höchst unerwartete psychologische Erfahrung darstelle.

ICD-10 Klassifikation[Bearbeiten]

In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10) ist der Kulturschock verzeichnet. Dort trägt er folgende Codierungen:

Verwandte Themen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kalervo Oberg: "Cultural Shock: Adjustment to New Cultural Environments". In: Practical Anthropology 7/4 1960, S. 177-182. Reprint in: Curare 29/2+3 2006, S. 142-146.
  • Hanne Chen (Hsg.), Henrik Jäger: KulturSchock: Mit anderen Augen sehen. Leben in fremden Kulturen. Reise-Know-How Verlag Peter Rump 2002. ISBN 3-8317-1109-7
  • Maria Blechmann-Antweiler: Ohne uns geht es nicht - Ein Jahr bei Frauen in Indonesien. Der einjährige Aufenthalt in einer indonesischen Familie am Stadtrand von Makassar (Ujung Pandang) auf Sulawesi wird beschrieben. Dabei stellt die Autorin ihren Alltag in der Fremde so dar, dass man ihren Kulturschock miterlebt. LIT-Verlag, ISBN 3-8258-5645-3
  • Martin Woesler: A new model of cross-cultural communication – critically reviewing, combining and further developing the basic models of Permutter, Yoshikawa, Hall, Hofstede, Thomas, Hallpike, and the social-constructivism, Berlin et al.: Europäischer Univ.verl., 2. Aufl. 2009 (1. Aufl. 2006), Reihe Comparative Cultural Science, vol. 1, ISBN 978-3-89966-341-9

 Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Kulturanthropologin Cora DuBois führte diesen Begriff ursprünglich ein. Sie benutzte ihn in ihrer Rede mit dem Titel "Culture Shock" auf dem "Midwest regional meeting of the Institute of International Education" am 28. November 1951 in Chicago.
  2. Office of International Programs, Understanding Culture Shock, letzter Zugriff am 22. August 2008 (Englisch)
  3. Woesler, Martin: A new model of cross-cultural communication, Berlin 2009, S. 31

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Kulturschock – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen