Anpassungsstörung

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Klassifikation nach ICD-10
F43 Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen
F43.2 Anpassungsstörungen
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Eine Anpassungsstörung ist eine psychische Reaktion auf einmalige oder fortbestehende identifizierbare psychosoziale Belastungsfaktoren, die die Entwicklung klinisch bedeutsamer emotionaler oder verhaltensmässiger Symptome zur Folge hat [1].

Symptome[Bearbeiten]

Die Symptome können sehr vielfältig sein und hängen individuell von der Person und dem als Belastung empfundenen Ereignis ab.

Folgende Symptome sind möglich:

  • Gefühl von Bedrängnis
  • emotionale Beeinträchtigung
  • verändertes Sozialverhalten
  • Probleme mit Nähe/Distanz
  • evtl. sozialer Rückzug
  • Gefühle der Leere
  • Gedankenkreisen
  • gesteigerte Sorge
  • Freudlosigkeit
  • Trauer
  • Angst
  • depressive Verstimmung

Die Anzeichen sind unterschiedlich und umfassen depressive Stimmung, Angst oder Sorge (oder eine Mischung von diesen), ohne jedoch so markant zu sein, dass die speziellen Diagnosen gegeben werden können. Außerdem kann ein Gefühl bestehen, mit den alltäglichen Gegebenheiten nicht zurechtzukommen, diese nicht vorausplanen oder fortsetzen zu können. Störungen des Sozialverhaltens können insbesondere bei Jugendlichen ein zusätzliches Problem sein.

Diagnose[Bearbeiten]

Klassifikation nach ICD-10
F43.20 Kurze depressive Reaktion. (Vorübergehender leichter depressiver Zustand, der nicht länger als einen Monat dauert.)
F43.21 Längere depressive Reaktion (Leichtere depressiver Zustand als Reaktion auf eine länger anhaltende Belastungssituation, die jedoch nicht länger als 2 Jahre dauert.).
F43.22 Angst und depressive Reaktion gemischt (Es sind sowohl Angst als auch depressive Symptome vorhanden.).
F43.23 mit vorwiegender Beeinträchtigung anderer Gefühle (Die Symptome betreffen meist verschiedene emotionale Qualitäten wie Angst, Depression, Besorgnis, Anspannung und Ärger. Auch bei regressivem Verhalten im Kindesalter (wie erneutes Daumenlutschen oder Bettnässen) sollte diese Diagnosekategorie verwendet werden.).
F43.24 Mit vorwiegender Störung des Sozialverhaltens (Die hauptsächliche Störung betrifft das Sozialverhalten, beispielsweise eine adoleszente Trauerreaktion mit aggressivem oder dissozialem Verhalten.)
F43.25 Mit gemischter Störung von Gefühlen und Sozialverhalten (Sowohl emotionale Symptome wie Störungen des Sozialverhaltens sind vorherrschend.)
F43.28 Sonstige Reaktionen auf schwere Belastung
F43.29 nicht näher bezeichnete Reaktion auf schwere Belastung
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Diagnosekriterien für Anpassungsstörungen F43.2 (ICD-10-Forschungskriterien[2])

A. Identifizierbare psychosoziale Belastung, von einem nicht außergewöhnlichen oder katastrophalem Ausmaß; Beginn der Symptome innerhalb eines Monats.

B. Symptome und Verhaltensstörungen, wie sie bei affektiven Störungen (F3) (außer Wahngedanken und Halluzinationen), bei Störungen des Kapitels F4 (neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen) und bei den Störungen des Sozialverhaltens (F91) vorkommen. Die Kriterien einer einzelnen Störung werden aber nicht erfüllt. Die Symptome können in Art und Schwere variieren.

C. Die Symptome dauern nicht länger als sechs Monate nach Ende der Belastung oder ihrer Folgen an, außer bei der längeren depressiven Reaktion (F43.21). Bis zu einer Dauer von sechs Monaten kann die Diagnose einer Anpassungsstörung gestellt werden.

Synonyme[Bearbeiten]

Synonyme für die Anpassungsstörung sind Hospitalismus bei Kindern, abnorme Trauerreaktion, Kulturschock.

Ursachen[Bearbeiten]

Die Anpassungsstörungen sind Reaktionen auf Belastungen. Solche Belastungen können Beendigung einer Beziehung, Eheprobleme, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder Mobbing sein. Aber auch sogenannte kritische Lebensereignisse wie Schulwechsel, Heirat, Geburt, Tod eines Angehörigen, Arbeitslosigkeit, Emigration, Pensionierung können bei mangelnder Bewältigungsfähigkeit eine Belastung sein und zu einer Anpassungsstörung führen. Weiterhin gilt dies für Ereignisse wie Flucht, Unfälle, Raub oder Operationen. Bei Kindern und Jugendlichen kann Vernachlässigung (siehe: Hospitalismus, Deprivationssyndrom, Deprivation) die Ursache sein.

Die individuelle Prädisposition oder Vulnerabilität spielt bei dem möglichen Auftreten und bei der Form der Anpassungsstörung eine bedeutsame Rolle.

Häufigkeit[Bearbeiten]

Wie bei allen psychischen Erkrankungen variiert die ermittelte Prävalenz erheblich je nach untersuchter Population und Untersuchungsmethode. In der Stichprobe von Kindern, Jugendlichen und Älteren liegt sie demnach bei 2-8 % [3].

In einer multizentrischen Studie in der europäischen Allgemeinbevölkerung wurde unter Anwendung der DSM-IV-Kriterien für die Anpassungsstörung mit depressiver Symptomatik eine Punktprävalenz von 0,6% für Frauen und 0,3% für Männer ermittelt. Bei Anwendung der ICD-10-Kriterien ergaben sich mit 0,3% niedrigere Raten[4].

Differentialdiagnose[Bearbeiten]

In der ICD 10 wird als Ausschlusskriterium das Nichtbestehen der Trennungsangst in der Kindheit (F93.0) spezifiziert[5].

Es gibt verschiedene Störungen, die einer Anpassungsstörung auf den ersten Blick ähneln, so z. B. die Bindungsstörung, Borderline, der Autismus, das Asperger-Syndrom und die schizoide Persönlichkeitsstörung.

Eine Unterscheidung zu anderen Störungen ist häufig nur möglich, wenn sich der Betroffene nicht in einem Heim, einem Krankenhaus oder einer Anstalt befindet, also nicht in einem Milieu, das den Hospitalismus fördert. Wird der Betroffene in ein „normales" Milieu gebracht, bessert sich das Verhalten häufig nach einigen Monaten.

Im Unterschied zur Bindungsstörung neigt der Betroffene nicht zu gewalttätigem oder aggressivem Verhalten und nicht zu einem „eingefrorenen“ Gesichtsausdruck bzw. zu erhöhter Wachsamkeit gegenüber der Umgebung.

Der Autismus unterscheidet sich von der Anpassungsstörung vor allem dadurch, dass das autistische Verhalten auch bei guter Pflege und genügend Anregung weiterbesteht. Außerdem findet sich bei Patienten mit einer Anpassungsstörung nicht das spezifische Verhalten autistischer Menschen. Menschen mit einer Anpassungsstörung weisen im Unterschied zu Autisten auch keine sprachlichen Defizite auf.

Eine Unterscheidung zum Asperger-Syndrom ist die Durchführung einer neurologischen Untersuchung, die bei Menschen mit Asperger-Syndrom häufig auffällige Befunde liefert.

Folgen und Komplikationen[Bearbeiten]

Das subjektive Wohlbefinden der Betroffenen ist beeinträchtigt; es bestehen Gefühle von Angst, Depression und/oder Sorge. Es können Schwierigkeiten bestehen, den Alltag und seine Anforderungen zu bewältigen. Besonders bei Jugendlichen kann das Sozialverhalten beeinträchtigt sein, so dass es zu Vereinsamung und Isolation kommt. Die Folgen können Arbeitsunfähigkeit, Schwierigkeiten in der Beziehung oder Selbstmordgedanken sein.

Behandlung[Bearbeiten]

Anpassungsstörungen werden psychotherapeutisch behandelt, in Einzelfällen werden unterstützend auch Antidepressiva gegeben.

Literatur[Bearbeiten]

  1. American Psychiatric Association, Diagnostivc and Statistical Manual of Mental Disorders. Hogrefe 2013
  2. Helmut Remschmidt (Herausgeber), Martin H. Schmidt (Herausgeber), Fritz Poustka (Herausgeber), Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO. Mit einem synoptischen Vergleich von ICD-10 und DSM-IV. Huber: 2006
  3. American Psychiatric Association, Diagnostivc and Statistical Manual of Mental Disorders. Hogrefe 2013
  4. Ayuso-Mateos J L, Vazques-Barquero J L, Dowrick C et al (2001) The ODIN group: Depressive disorders in Europe: prevalence figures from the ODIN study. Brit J Psychiat 179: 308-16.
  5. Helmut Remschmidt (Herausgeber), Martin H. Schmidt (Herausgeber), Fritz Poustka (Herausgeber), Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kindes- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO. Mit einem synoptischen Vergleich von ICD-10 und DSM-IV. Huber: 2006
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