Individuation

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Individuation (lateinisch individuare, sich unteilbar/untrennbar machen‘) ist der Weg zu einem eigenen Ganzen. Es beschreibt den Prozess des Ganzwerdens zu etwas Einzigartigem, einem Individuum. Im Individuationsprozess eines Menschen wird er zu dem, was er „wirklich“ ist. Dieser Prozess beinhaltet die Entfaltung der eigenen Fähigkeiten, Anlagen und Möglichkeiten. Sein Ziel ist die schrittweise Bewusstwerdung, um sich dadurch als etwas Eigenes und Einmaliges zu erkennen und zu verwirklichen (ICH-Werdung und Selbst-Werdung).

Individuation als psychologisches Konzept[Bearbeiten]

In der Entwicklung des Menschen ist die Individuation ein Schritt, zu dessen Bewältigung ein Konflikt verarbeitet werden muss. In diesem Konflikt geht es darum, sich über die Normen und Wertvorstellungen anderer (z.B. der Eltern) hinwegzusetzen und zu eigenen Normen und Werten zu finden. Dabei ist es nötig, die Erwartungen anderer zu enttäuschen, Verbote zu übertreten und ein eigenes Maß zur Überwindung ungesunder Anpassung zu finden. Das Ergebnis dieses Entwicklungsschrittes bildet sich als innere Repräsentanz ab und nimmt Einfluss auf die Organisation der Persönlichkeit. Je nach Qualität und Ausreifung dieser inneren Repräsentanz verbessert sich die innere Struktur des Menschen. Man kann davon ausgehen, dass die Verarbeitungsmöglichkeiten im späteren Leben weiter verbesserungswürdig sind.[1]

Individuation nach Carl Gustav Jung[Bearbeiten]

Zitat (1933) des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung: „Individuation bedeutet: zum Einzelwesen werden, und, insofern wir unter Individualität unsere innerste, letzte und unvergleichbare Einzigartigkeit verstehen, zum eigenen Selbst werden. Man könnte „Individuation“ darum auch als „Verselbstung“ oder als „Selbstverwirklichung“ übersetzen.“[2]

Jung betrachtete den Individuationsprozess als einen lebenslangen, unvollendbaren Prozess mit einer stetigen Annäherung an ein „fernes Ziel“, das Selbst, für den der Tod die letzte Grenze ist.[3] Damit setzt er sich vom einseitig ätiologischen (ursächlichen) Denken Freuds zugunsten im Unbewussten angelegter, seelischer Endabsichten im Hinblick auf Integration und Ganzheit ab und schließt sich der Vorstellung der Finalität Alfred Adlers an.[4]

Auf dem Weg seiner Individuation ist der Mensch immer wieder gefordert, sich aktiv und bewusst den neu auftauchenden Problemen zu stellen und seine Entscheidungen vor sich selbst zu verantworten. Individuation bedeutet, sich nicht danach zu richten, „was man sollte“ oder „was im allgemeinen richtig wäre“, sondern in sich hinein zu horchen, um herauszufinden, was die innere Ganzheit (das Selbst) jetzt hier in dieser Situation „von mir oder durch mich“ bewirken will.[5][6][7]

„Man kann hier die Frage aufwerfen, warum es denn wünschenswert sei, daß ein Mensch sich individuiere. Es ist nicht nur wünschenswert, sondern sogar unerläßlich, weil durch die Vermischung das Individuum in Zustände gerät und Handlungen begeht, die es uneinig mit sich selber machen. Von jeder unbewußten Vermischung und Unabgetrenntheit geht nämlich ein Zwang aus, so zu sein und zu handeln, wie man selber nicht ist. Man kann darum weder einig damit sein, noch kann man dafür Verantwortung übernehmen. Man fühlt sich in einem entwürdigenden, unfreien und unethischen Zustand (...) Eine Erlösung aus diesem Zustand aber ergibt sich erst dann, wenn man so handeln kann, wie man fühlt, daß man ist. Dafür haben die Menschen ein Gefühl, zunächst vielleicht dämmerhaft und unsicher, mit fortschreitender Entwicklung aber immer stärker und deutlicher werdend (...) Es muss allerdings anerkannt werden, daß man nichts schwerer erträgt als sich selbst.“[8] (C. G. Jung 1928)

Individuation nach Milton H. Erickson[Bearbeiten]

Der US-amerikanischer Psychiater und Psychotherapeut Milton H. Erickson legt in der von ihm entwickelten Hypnosetherapie einen besonderen Schwerpunkt auf die Individualität jedes einzelnen Menschen. Für Erickson ist das Unbewusste eine unerschöpfliche Ressource zur kreativen Selbstheilung, Selbstwerdung und Individuation.[9][10]

Testtheoretische Erhebung des Entwicklungsstandes der Individuation[Bearbeiten]

Um den Entwicklungsstand der Individuation bei Erwachsenen messen zu können, wurde z.B. der Fragebogen PAFS-Q (Personal Authority in the Family System-Questionnaire von Bray, Williamson & Malone, 1984) entwickelt. Er ist aufgebaut auf der „Persönlichen Autorität im Familiensystem“. Die Selbstwerdung (Individuation des Selbst) innerhalb der leiblichen Familie (Herkunftsfamilie) wird als eine „Autonomie in Bezogenheit“ betrachtet. Dabei bezieht sich hier die Individuation auf das Geschehen innerhalb eines Familiensystems mit mehreren Generationen. Wesentliche Elemente dieses Prozesses, deren Ausreifung Informationen über den Stand der persönlichen Individuation geben, sind ausgeglichenes „Geben und Nehmen“ zwischen den Generationen und auch deren Versöhnung untereinander. Das „Abschließen unerledigter Geschichten“ (keine ungeklärten Situationen offenstehen lassen) und eine Entmystifizierung (unter dem Blickwinkel der Realität betrachten) von Familiengeschichten sind dabei ebenfalls wesentliche Bestandteile.[11]

Fachlich betrachtet ist eine gute Integration der inneren und äußeren Kohärenz der multiplen Selbst- und Beziehungsschemata in direktem Bezug zu sehen mit zunehmender Differenzierung oder Positionierung im Herkunftsfamiliensystem.[12]

Individuation in der Entwicklungspsychologie[Bearbeiten]

Die Psychoanalytikerin Margaret Mahler (1999) (auch: Fred Pine/ Anni Bergman) beschreibt die kindliche Entwicklung als einen Prozess, der durch Loslösung (Ablösung) und Individuation geprägt ist (Individuationsprozess in der Entwicklungspsychologie). Sie betrachtet die Individuation als eine Folge von Entwicklungsschritten, die aus der symbiotischen Verschmelzung mit der Mutter heraus führen. Ziel dieser Entwicklung ist die Ausbildung von individuellen Eigenschaften im Verhalten und des Charakters. Die Phasen im Verlauf dieses Entwicklungsprozesses sind Aufgaben, die Mutter und Kind bewältigen müssen, wenn die Entwicklung des Kindes in die Individualität führen soll.[13][14]

Philosophisch und soziologisch orientierte Sichtweisen von Individuation[Bearbeiten]

Individuation nach Gilbert Simondon[Bearbeiten]

Der französische Philosoph Gilbert Simondon beschrieb (1964/1989) alle Formen biologischer, psychologischer und sozialer Individuation. Er verbindet die Informationstheorie und die Gestaltpsychologie und versucht so die Individuation insgesamt als verschiedene Formen eines einzelnen Phänomens zu betrachteten und zu verstehen.[15][16][17]

Individuation nach Bernard Stiegler[Bearbeiten]

Der Philosoph Bernard Stiegler beschreibt Individuation aufbauend auf der Arbeit von Gilbert Simondon. In der von Stiegler abgewandelten Form berücksichtigt er zusätzlich Ideen von Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud.

Er kritisiert beispielsweise die seiner Ansicht nach falschen Vorstellungen, das Individuum sei das, was sich der Gruppe entgegenstellt. Vielmehr sei, wie schon Simondon zeigte, „ein Individuum ein Prozess, der nicht aufhört zu werden, was er ist.“ Auch betrachtet Stiegler die psychische Individuation immer als einen „kollektiven Prozess“.[18][19][20]

Fachlich definiert wird diese kollektive Individuation erst möglich, wenn sich jedes Individuum jede einzelne Einzigartigkeit/Singularität aneignet, die aus dem gemeinsamen vor-individuellen/präindividuellen Vorrat hervorgeht, wie es Simondon nennt. Aus den Prozessen psychischer und kollektiver Individuation gehen die gesellschaftlichen Organisationsformen hervor.

Auch Kuno Lorenz sieht in seiner Beschreibung die Individuation nicht als isolierten Prozess eines einzelnen Wesens. Individuation und Sozialisation erscheinen zunächst wie zwei Gegensätze/Polaritäten. Sie lassen sich jedoch als zwei menschliche Entwicklungsverläufe betrachten, die im wechselseitigen Austausch miteinander stehen. (Fachlich: zwei Phasen einer „dialogischen Anthropologie“).[21][22]

Literaturverweise[Bearbeiten]

Josef Goldbrunner: Individuation. Selbstfindung und Selbstentfaltung. Erich Wewel Verlag, Krailling vor München, ab 1951 Freiburg i. Br., 1949, 2. A. 1957, 3. A.1966 mit Bibliographie C. G. Jungs. Englisch: London 1955, New York 1956, Notre Dame 1964. Portugiesisch: São Paulo 1961. Spanisch: Madrid 1962. (Die sachlichste und in ihrer übersichtlichen Analyse beste Darstellung des umfänglichen Werks von Carl Gustav Jung." Viktor Emil von Gebsattel)

  1. Ermann, Michael Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Ein Lehrbuch auf psychoanalytischer Grundlage 5. überarbeitete Auflage 1995/2007 Verlag W. Kohlhammer GmbH Stuttgart ISBN 3-17-019664-2
  2. Jung 1933, S. 65 in: Der Individuationsprozeß in der analytischen Psychologie C.G. Jungs
  3. Jung 1931, S.114
  4. „Das Unbewußte ist ein reiner Naturvorgang einerseits ohne Absicht, aber andererseits mit jenem potentiellen Gerichtetsein, das für jeden energetischen Vorgang schlechthin charakteristisch ist. Wenn aber das Bewußtsein aktiv Anteil nimmt und jede Stufe des Prozesses erlebt und wenigstens ahnungsweise versteht, so setzt das nächste Bild jeweils auf der dadurch gewonnenen höheren Stufe an, und so entsteht Zielrichtung.“ Vgl. C.G. Jung: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten, Zweiter Teil, Die Individuation, München (dtv), 4. Auflage, S. 116. Dieser Vorgang ist, so Jung, in der Art eines Initiationsweges strukturiert.
  5. Franz, in: Jung (1968), S. 163.
  6. Der Individuationsprozess in der analytischen Psychologie C.G. Jungs, Jung 1933
  7. Tewes Wischmann Der Individuationsprozess in der analytischen Psychologie C. G. Jungs - eine Einführung 1. Aufl. 1994/2. Aufl. 2006 Dr. Tewes Wischmann, Dipl.-Psych. Institut für Medizinische Psychologie/ Psychosoziale Medizin/ Universitätsklinikum Heidelberg
  8. C.G. Jung: Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewußten, Zweiter Teil, Die Individuation, München (dtv), 4. Auflage, S. 110.
  9. Erickson, M.H.; Rossi, E.L.: Der Februarmann. Persönlichkeits- und Identitätsentwicklung in Hypnose. Junfermann, Paderborn, 1991, ISBN 3-87387-033-9
  10. Biermair, Mag. Susanne 2005 Identitätsfindung als Weg zur Selbstverwirklichung nach Erik H. Erikson Pädagogische Akademie des Bundes, Steiermark/ Archivnummer: V65532
  11. Pädagogische UNI-München, M. Schmidt & Walper
  12. Systemische Familienrekonstruktion und Individuation bei Erwachsenen. Martin Schmidt, Ursula Schmid, Wolfgang Sierwald. Erscheint in: Walper, S. & Pekrun, R. (2001). Familie und Entwicklung. Perspektiven der Familienpsychologie. Göttingen, Hogrefe
  13. Margaret S. Mahler/ Fred Pine/ Anni Bergman/ Die psychische Geburt des Menschen. Symbiose und Individuation Fischer Frankfurt (1999) ISBN 978-3-596-26731-6
  14. Quellen aus: Projekt:Familien in Entwicklung/ UNI-München:
    • Masche, G. & Walper, S. (Hrsg.) (2003). Eltern-Kind-Beziehungen im Jugend- und frühen Erwachsenenalter: Entwicklungsverläufe, Einflussfaktoren und Konsequenzen der Individuation. Sonderheft 3 der Zeitschrift für Familienforschung. Opladen: Leske + Budrich.
    • Masche, G. & Walper, S. (2003). Facetten und Funktionen der Individuation: eine Einleitung. Zeitschrift für Familienforschung (Sonderheft 3: Eltern-Kind-Beziehungen im Jugend- und frühen Erwachsenenalter: Entwicklungsverläufe, Einflussfaktoren und Konsequenzen der Individuation, hrsg. von G. Masche & S. Walper), 7-18.
    • Walper, S. (2003). Einflüsse der Bindung und Individuation in Beziehung zur Mutter auf die Befindlichkeit und Sozialentwicklung Jugendlicher. Zeitschrift für Familienforschung (Sonderheft 3: Eltern-Kind-Beziehungen im Jugend- und frühen Erwachsenenalter: Entwicklungsverläufe, Einflussfaktoren und Konsequenzen der Individuation, hrsg. von G. Masche & S. Walper), 89-106.
    • Walper, S. (2003). Individuation im Jugendalter. In J. Mansel, H. M. Griese & A. Scherr (Hrsg.). Theoriedefizite der Jugendforschung (S. 119-143). Weinheim: Juventa.
  15. Simondon, Gilbert (1964/1989) Dissertation in 2 Teilen: „L’individu à la lumière des notions de forme et d’information“
  16. Simondon, Gilbert (1964) L'Individuation psychique et collective (Aubier, 1989)
  17. Schmidgen, Henning (2004) Thinking technological and biological beings: Gilbert Simondon's philosophy of machines. Max Planck Institute for the History of Science, Berlin
  18. *Stiegler, Bernhard, Dokumentation (2004) Le Monde diplomatique Nr. 7380 vom 11. Juni 2004, Seite 4, 411
  19. Stiegler, Bernard (1994/2003) Temps et individuation technique, psychique et collective/ in Veröffentlichung von Simondon
  20. Paola-Ludovika Coriando: Individuation und Einzelnsein. Nietzsche - Leibniz - Aristoteles; Frankfurt a.M. (Klostermann) 2003 ISBN 3-465-03246-2
  21. Kuno Lorenz (Hrsg.): Identität und Individuation, Stuttgart 1982
  22. Kuno Lorenz: Einführung in die philosophische Anthropologie, Darmstadt 1990, ISBN 3-534-04879-2

Quellen[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]