Lapis Niger

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Lapis Niger

Der Lapis Niger (lateinisch „schwarzer Stein“) ist eine quadratische Fläche aus schwarzen Marmorplatten auf dem Forum Romanum in Rom, unter dem eine beschriftete oben abgebrochene Stele, eine Art Pfeiler, gefunden wurde. Die in altertümlichem Latein verfasste Aufschrift besteht aus Resten eines Kultgesetzes (lex sacra)[1] und bezieht sich entweder auf einen König (rex) oder einen Opferkönig (rex sacrorum), einen in der frühen römischen Republik für religiöse Zeremonien zuständigen Beamten. Dementsprechend könnte der Lapis Niger noch aus der Zeit der römischen Könige stammen, also etwa 600 v. Chr. entstanden sein oder etwas neueren Datums sein.

Geschichte des Lapis Niger[Bearbeiten]

Lapis Niger auf dem Forum Romanum.
Lageplan desLapis Niger. A: U-förmiger Altar, B: kleiner Stein auf dem Altar, C: Rest einer runden Säule, D: Stein mit Inschrift, E: Fläche vor dem Altar.

Laut antiken Quellen ist dies der Ort, an dem Romulus, der erste römische König und Gründer Roms, von den Senatoren wegen seines despotischen Machtmissbrauches ermordet wurde, während er nach einer anderen Legende, überliefert durch Livius, von den Göttern entrückt wurde, um in ihre Reihen aufgenommen zu werden.[2] Von Dionysios von Halikarnassos stammt die Ansicht, daß sich in direkter Nähe des Lapis Niger oder darunter das Grab des Faustulus, des Ziehvaters von Romulus und Remus, befand. Eine weitere Legende, überliefert von Horaz, besagt, daß dort das Grab des Romulus selbst war. Nach Festus war der Ort zumindest vorgesehen für das Grab des Romulus. Dionysios von Halikarnassos, der den Stein 30 v. Chr. sah und beschrieb, hatte bereits Schwierigkeiten die Beschriftung zu übersetzen.[3]

Der Lapis Niger wurde 1899 vom Archäologen Giacomo Boni zwischen dem Triumphbogen des Septimius Severus und der Curia Julia bei Ausgrabungsarbeiten auf dem Forum Romanum entdeckt. Unter der Fläche aus schwarzen Platten (1. Jahrhundert v. Chr.) fand man einen frührömischen Baukomplex: Reste eines Altars, wahrscheinlich das dem Feuergott Vulcanus gewidmete Heiligtum und einen viereckigen Inschriftenstein, den Lapis Niger. Vulcanal und Lapis Niger sind vermutlich die einzigen Überreste des alten Comitiums, einer frühen Versammlungsstätte, die ein Vorgänger des Forums war und selber aus einer archaischen Kultstätte aus dem 7ten oder 8ten Jahrhundert v. Chr. entstand. Diese kultische Stätte befand sich auch im frühesten Rom bereits im Zentrum des öffentlichen Lebens.[4] Wegen der großen religiösen Bedeutung dieser Stätte wurde sie bei späterer Bebauung an ihrem Platz belassen und nur mit den beschriebenen schwarzen Platten überdeckt. Unter den Platten fand man neben Votivgaben, Kleinplastiken, Keramik, zahlreichen Knochen von Rindern, Schafen und Schweinen auch eine Stele.[1] Meistens wird nur diese Stele (lat. Cippus) als „Lapis Niger“ bezeichnet. Diese Stele, auf deren vier Seitenflächen sich die ältesten erhaltenen lateinischen Steininschriften befinden, wird etwa auf das 6. Jahrhundert v. Chr. datiert.

Beschreibung des Steins[Bearbeiten]

Die Stele besteht aus dunklem Tuffstein aus der Gegend von Veji und hat eine Grundfläche von 47cm x 52cm mit einer Höhe zwischen 45 cm und 61 cm. Der obere Teil der Stele fehlt bzw. ist irgendwann zerstört und abgeschlagen worden. Die Schrift verläuft schlangenförmig von oben nach unten, dann wieder nach oben usw., was als „boustrophedon“, so „wie der Ochse beim Pflügen geht“, bezeichnet wird. Die Beschriftung bezieht sich auf die schriftliche Fixierung eines Kultgesetzes. In ihr werden der König (recei), (s)ein Herold (calator), die Volksversammlung (comitia), das göttliche Recht (fas) und möglicherweise ein Zugtier genannt (iouxmenta). Die Datierung auf das 6. Jahrhundert beruht auf Scherben aus korinthischer Keramik, die in der Nähe gefunden wurden, aber größtenteils Aufschüttungsmaterial sind. Für eine spätere Datierung spricht jedoch, daß das Tuffgestein aus Veji den Römern erst Anfang des 4. Jahrhunderts zugänglich wurde, als Rom Veji eroberte.[5]

Beschriftung[Bearbeiten]

Lapis Niger: Abbildung aller fünf Flächen.

Die Aufschriften der Seiten A bis D und der Fläche zwischen A und D lauten (in Leserichtung)[6]:

A
1) quoiho...
2) (s)akros es
3) ed sor
B
4) sia ias
5) recei l
6) euam
7) quos r
C
8) m kalato
9) rem ha
10) od iouxmen
11) ta kapia dotau
D
12) m ite ri
13) m quoiha
14) uelod nequ
15) od iouestod
D-A
16) loiuquiod

Ergänzung[Bearbeiten]

Palmer (1969) ergänzt folgendermaßen:

A
1) quoi hon[ce louquom violasit]
2) ]sakros es-
3) ed. sord[es nequis fundatod neve]
B
4) [kadaver proikitod ---] a has
5) recei io[us esed bovid piaklom fhakere.]
6) [moltatod moltam pr]evam.
7) quos re[x moltasid, boves dantod.]
C
8) [rex--- ]m kalato-
9) rem hab[etod.]
10) [iounki]tod iouxmen-
11) ta kapia duo tau[r---]
D
12) am iter pe[r---]
13) [eu]m quoi ha-
14) velod neq f[hakiat]
15) [en---]iod iovestod
D-A
16) louquiod qo[miti---]

Übersetzung[Bearbeiten]

Palmer kommt nach Ergänzung der fehlenden Teile (hier in Klammern) zu folgender Übersetzung: „Whosoever [will violate] this [grove], let him be cursed. [Let no one dump] refuse [nor throw a body...]. Let it be lawful for the king [to sacrifice a cow in atonement.] [Let him fine] one [fine] for each [offense]. Whom the king [will fine, let them give cows.][Let the king have a ---] herald. [Let him yoke] a team, two heads, sterile...Along the route...[Him] who [will] not [sacrifice] with a young animal...in a...lawful assembly in a grove...“.[7]

Literatur[Bearbeiten]

  • Romulus und Remus. In: Johannes Geffcken, Erich Ziebarth (Hrsg.): Friedrich Lübkers Reallexikon des klassischen Altertums. 8., vollständig umgearbeitete Auflage. Teubner, Leipzig u. a. 1914, S. 896–897.
  • Sepulcrum Romuli. In: Samuel Ball Platner: A Topographical Dictionary of Ancient Rome. Completed and revised by Thomas Ashby. Oxford University Press, London 1929, S. 482–484, online bei LacusCurtius.
  • Johannes Stroux: Die Foruminschrift beim Lapis niger. In: Philologus. Bd. 86, Nr. 4, 1931, S. 460–491.
  • Zum Problem der Foruminschrift unter dem Lapis Niger (= Klio. Beihefte. Bd. 27 = NF Bd. 14, ISSN 1438-7689). Dieterich, Leipzig 1932 (Enthält: 1) Franz Leifer: Zwei neuere Lösungsvorschläge. (Graffunder und Stroux). 2) Emil Goldmann: Deutungsversuch.).
  • Robert E. A. Palmer: The king and the comitium. A study of Rome's oldest public document (= Historia. Einzelschriften. Bd. 11). Steiner, Wiesbaden 1969.
  • Theodor Kissel: Das Forum Romanum. Leben im Herzen der Stadt. Artemis & Winkler, Düsseldorf u. a. 2004, ISBN 3-7608-2307-6, S. 36–38.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Theodor Kissel: Das Forum Romanum. Leben im Herzen der Stadt. Artemis & Winkler, Düsseldorf u. a. 2004, S. 36–38.
  2. Johannes Irmscher (Hrsg.): Lexikon der Antike. 9., neubearbeitete Auflage. VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1987, ISBN 3-323-00026-9, S. 507.
  3. Hans Lamer: Wörterbuch der Antike. Mit Berücksichtigung ihres Fortwirkens (= Kröners Taschenausgabe. Bd. 96, ZDB-ID 986558-5). In Verbindung mit Ernst Bux und Wilhelm Schöne verfasst. Alfred Kröner, Leipzig 1933, S. 368.
  4. Johannes Stroux: Die Foruminschrift beim Lapis niger. In: Philologus. Bd. 86, Nr. 4, 1931, S. 460–491, hier S. 461.
  5. Luciana Aigner-Foresti: Die Etrusker und das frühe Rom. 2., durchgesehene Auflage. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-534-23007-5, S. 95.
  6. Johannes Stroux: Die Foruminschrift beim Lapis niger. In: Philologus. Bd. 86, Nr. 4, 1931, S. 460–491, hier S. 466.
  7. Robert E. A. Palmer: The king and the comitium. A study of Rome's oldest public document. Steiner, Wiesbaden 1969, S. 49.