Lichtnahrung

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Lichtnahrung oder auch Breatharianismus bezeichnet eine esoterische Methode, bei der nach Vorstellung ihrer Anhänger die für das Leben notwendige Energie aus feinstofflicher Energie („Licht“; siehe „Prana“ als universelle Lebensenergie) gewonnen werden soll. Dadurch soll man imstande sein, ohne feste und flüssige Nahrung auszukommen, die sonst zum Überleben notwendig ist. Wissenschaftlich betrachtet sind solche Behauptungen unglaubwürdig und mögliche Erklärungen in bewusstem Betrug oder Irrtum zu sehen, wie Überschätzung der fürs Überleben notwendigen Menge an Kalorien, falsche Einschätzung der tatsächlich zugeführten Nahrungsmenge, Vernachlässigung der zugeführten Kalorienmenge in Flüssigkeiten oder unbewusste Nahrungsaufnahme beispielsweise beim Schlafwandeln.[1] Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis dafür, dass eine Person dauerhaft ohne jegliche Nahrung überleben kann. Aus medizinischer Sicht führt ein dauerhafter Verzicht auf feste und flüssige Nahrung zwangsläufig zum Tod.

Geschichte[Bearbeiten]

Berichte über Menschen, die angeblich keine oder nur sehr wenig Nahrung zu sich nahmen, gibt es seit Jahrhunderten.[1] So soll der Schweizer Einsiedler Niklaus von Flüe (1417–1487) angeblich in den letzten 19 Jahren seines Lebens außer Wasser und der Eucharistie nichts zu sich genommen haben. Im 19. Jahrhundert waren in Europa Hungerkünstler populär, die längere Nahrungslosigkeit öffentlich zur Schau stellten. Die bekanntesten Vertreter dieser „Kunst“ waren im 19. Jahrhundert Giovanni Succi und Wilhelm Bode alias Ricardo Sacco. Sowohl Succi als auch Bode wurde jedoch Betrug nachgewiesen, was zu einer nachlassenden Popularität des Schauhungerns führte.[2]

Die sogenannte Lichtnahrung wurde vor allem durch die Australierin Ellen Greve, die sich selbst Jasmuheen nennt, bekannt. Sie behauptet, seit 1993 keine Nahrung im herkömmlichen Sinne mehr zu benötigen, jedoch aus gesellschaftlichen Gründen und in sehr geringen Mengen ab und zu eine Kleinigkeit zu essen. In einem von ihr vorgeschlagenen 21-tägigen „Lichtnahrungsprozess“ soll sich der Körper angeblich darauf einstellen, keinerlei feste Nahrung und Flüssigkeit mehr zu benötigen, sich also nur noch durch „Licht“ zu ernähren. Dieser 21-tägige „Lichtnahrungsprozess“ sieht unter anderem vor, dass sieben Tage lang durchgehend weder gegessen noch getrunken, die weiteren vierzehn Tage nur getrunken werden soll. Nach Beendigung der 21 Tage könne man wieder normal essen, soll aber ab diesem Zeitpunkt durch den Prozess und mit Hilfe von „Energiewesen“ die Möglichkeit haben, ganz auf „feststoffliche“ Nahrung verzichten zu können. Bislang ist es Greve nicht gelungen, ihre Thesen zu beweisen. Sie konnte 1999 in einem Selbstversuch unter kontrollierten Bedingungen keinen Beweis dafür erbringen, dass die postulierte Aufnahme von "Lebensenergie" feststoffliche Nahrung ersetzen kann. Das Experiment wurde nach vier Tagen aufgrund der fortschreitenden Dehydratation und des deutlichen Gewichtsverlustes abgebrochen.[3]

Durch Anwendung von Greves Theorien kamen jedoch bereits mehrere Menschen zu Tode.[4][5][6] In ihrem ersten Buch distanziert sich Greve von jeglicher Verantwortung gegenüber gesundheitlichen Schäden. Ab dem Jahr 2004 empfahl sie jedoch statt des 21-tägigen „Lichtnahrungsprozesses“ die „Sanften Wege zur Lichtnahrung“. Die Umstellung von feststofflicher Nahrung auf feinstoffliche Lebensenergie soll dabei nur sehr langsam über Jahre hinweg erfolgen.

In den Jahren 2003 und 2010 sorgten die Berichte über die Untersuchung des indischen Yogis Prahlad Jani für weltweite Schlagzeilen. Jani gab an, seit Jahrzehnten weder zu essen noch zu trinken. Die beiden Untersuchungen wurden von Kritikern als unwissenschaftlich bezeichnet,[7] sie wurden nicht wissenschaftlich publiziert.

Im September 2010 erschien der österreichische Dokumentarfilm Am Anfang war das Licht, der Lichtnahrung thematisiert. Der österreichische Filmemacher P. A. Straubinger besucht im Film Menschen, die behaupten, sich von Lichtnahrung zu ernähren, befragt Esoteriker, Ärzte und Wissenschaftler und sucht nach Erklärungen, wie Lichtnahrung funktionieren könnte. Entgegen der etablierten Wissenschaft vertritt der Film die Auffassung, Lichtnahrung als Phänomen existiere tatsächlich.[8] In den österreichischen Medien wurde der Film und die Aussagen Straubingers kontrovers diskutiert. Kritiker bewerten den Film als antiaufklärerisch und manipulativ[9][10] und werfen Straubinger einen unverantwortlichen Umgang mit dem Thema vor.[11]

Im April 2012 berichtete der Tages-Anzeiger über den Fall einer Schweizerin, die nach dem Betrachten des Films beschloss, sich von Licht zu ernähren und infolgedessen verhungerte.[12]

Medizinische Bewertung[Bearbeiten]

Der von Greve vorgeschlagene 21-tägige „Lichtnahrungsprozess“ sieht vor, sieben Tage lang weder zu essen noch zu trinken. Aus medizinischer Sicht ist das Risiko groß, dabei zu verdursten. Ab dem dritten Tag ohne Flüssigkeitszufuhr steigt das Risiko der tödlichen Dehydratation. Zumindest mit Schädigungen der Niere bis hin zum Nierenversagen kann gerechnet werden.[13] Wie viele Tage man gänzlich ohne Wasser überleben kann, ist auch vom Grundumsatz und der Umgebungstemperatur abhängig. Komapatienten, denen die Nahrungszufuhr (Essen und Trinken) unterbrochen wurde, überlebten in der Regel zwischen 10 und 14 Tage.[14] Ein in einer Zelle vergessener Häftling überlebte 18 Tage ohne feste und flüssige Nahrung. Nur die Feuchtigkeit an den Wänden der Zelle diente ihm als minimale Wasserquelle.[15]

Im Gegensatz dazu würde ein gesunder erwachsener Mensch unter ärztlicher Aufsicht, der beim zeitlich begrenzten Fasten nur auf feste Nahrung verzichtet, keine gesundheitlichen Schäden davontragen. Beim normalen Fasten werden oft kalorienhaltige Fruchtsäfte getrunken.

Nach Aussagen von Experten[16] kann ein gesunder Erwachsener etwa 50 bis 80 Tage der Nahrungslosigkeit bei ausreichender Wasserzufuhr überstehen, bei adipösen Menschen kann sich dieser Zeitraum auch weiter verlängern. Aus Beobachtungen an Hungerstreikenden ist bekannt, dass diese nach 50 bis 60 Tagen der Nahrungslosigkeit den Hungertod starben. Ein dauerhafter Verzicht auf feste und flüssige Nahrung führt daher zwangsläufig zum Tod.

Greve behauptet im Rahmen ihrer „Lichtnahrungslehre“, dass es nicht nötig sei, Nahrung oder Flüssigkeit zu sich zu nehmen, sobald sich der Körper in einem mehrwöchigen Umstellungsprozess an die vermeintliche „Lichtnahrung“ gewöhnt habe. Ein Beweis für diese Hypothese konnte bislang nicht angeführt werden. Beobachter berichten zudem davon, sie beim Essen gesehen zu haben. Greve bestreitet dies selbst nicht. Anhänger ihrer Lehre, die in Deutschland großen Zuspruch fand,[17] nehmen zwar nach eigenen Angaben keine feste Nahrung zu sich, ernähren sich aber stattdessen von flüssiger Nahrung. Prinzipiell ist es möglich, über einen sehr langen Zeitraum hinweg die zum Leben notwendigen Nährstoffe und Kalorien über Flüssigkeiten (Fruchtsäfte, Milch, Suppen, „Astronautenkost“) zu sich zu nehmen. Dies wird beispielsweise bei der Ernährung bewusstloser oder komatöser Patienten bis zu mehrere Jahre lang in Kliniken oder auch am Wohnort praktiziert. Der völlige Verzicht auf Nahrung und Trinkwasser führt jedoch innerhalb weniger Tage zu einer lebensbedrohlichen Situation, wie Greve 1999 während eines von Kamerateams überwachten Selbstversuchs selbst erlebte, als sie zunehmend dehydrierte (austrocknete), Gewicht verlor und an Sprachstörungen litt.[3][13]

Der bekannteste „Lichtesser“ aus dem deutschsprachigen Raum ist Michael Werner,[18] der nach eigenen Aussagen seit 2001 von „Lichtnahrung“ lebt.[19] Vom Institut für Komplementärmedizin der Universität Bern wurde Michael Werner unter kontrollierten Bedingungen zehn Tage lang begleitet und untersucht. Werner nahm in dieser Zeit nur Flüssigkeit zu sich, die keinen oder nahezu keinen physiologischen Brennwert hatte. Werner verlor durchschnittlich 0,26 kg pro Tag an Körpergewicht und auch die körperliche Leistungsfähigkeit nahm während des Selbstversuchs ab. Die 2008 veröffentlichte Studie kommt zum Schluss, dass die Behauptung Werners, auf herkömmliche Nahrung verzichten zu können, widerlegt sei.[20]

Sowohl Greve als auch Werner räumten selbst ein, nicht vollständig auf Nahrung zu verzichten, sondern ab und zu zu essen. Die Wiener Ernährungsmedizinerin Sonja Schwinger sieht im Phänomen der Lichtnahrung eher eine unterschiedliche subjektive Wahrnehmung. Es sei nach ihrer Meinung möglich, dass manche „Lichtesser“ im Glauben leben, nichts zu essen, es nach unserer Wahrnehmung aber doch tun.[18]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Vgl. Berit Uhlmann: Darben ohne Narben? „Sie sind in der Fastenzeit wohl gelitten: Legenden von Asketen, die nur von Luft und Glauben leben. Doch wie lange kann der Mensch tatsächlich hungern?“ sueddeutsche.de vom 4. Februar 2008
  2. Peter Payer: Die brotloseste aller Künste (Version vom 2. Oktober 2010 im Internet Archive) Wiener Zeitung, 14. Dezember 2001.
  3. a b Fernsehdokumentation über den Selbstversuch von Jasmuheen, Australische Version der Fernsehsendung 60 Minutes, 1999
  4. Zitat: … In her book 'Living on Light', Jasmuheen tries to animate people worldwide to follow her drastic nutrition rules in order to boost their quality of life. Several deaths have been reported as a fatal consequence … Quelle: Heusser P, Wolf U, Vonwiller HM, Messerli N, Laederach-Hofmann K. "Nutrition with 'light and water'? In strict isolation for 10 days without food - a critical case study." Forsch Komplementmed. 2008 Aug;15(4):203-9. Epub 2008 Aug 15.Medline abstract
  5. A. Wolfsgruber: Licht, Luft und Leichen. In: Focus 29, 1999
  6. Tom Walker und Judith O'Reilly: 3 Todesfälle im Zusammenhang mit dem 'Lichtnahrungs-Kult. In: The Sunday Times vom 26. September 1999 (englisch)
  7. Guardian: India's man who lives on sunshine
  8. Details zum Film Am Anfang war das Licht (Version vom 9. Oktober 2010 im Internet Archive) Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, aufgerufen am 10 Oktober 2010
  9. derStandard: So wertvoll wie ein kleiner Fake, 22. September 2010
  10. diepresse: Schwere Kost Lichtnahrung, 18. September 2010
  11. Konkret: Das Servicemagazin (Version vom 27. September 2010 im Internet Archive) ORF, 24. September 2010.
  12. Hugo Stamm: Vom Licht ernährt bis in den Tod. In: Tages-Anzeiger vom 25. April 2012
  13. a b Rolf Degen: Den Löffel ganz abgeben! In: Tabula. Zeitschrift für Ernährung. Nr. 2 (April 2003), S. 10 f.
  14. Scientific America: How long can a person survive without food?, 8. November 2004
  15. Beamte vergaßen Häftling in der Zelle: Verurteilt, Hamburger Abendblatt, 6. November 1979
  16. W. Siegenthaler: Klinische Pathophysiologie. Thieme, Stuttgart 2006, ISBN 3-134-49609-7.
  17. Face behind food-free teaching. Aufgerufen am 5. Juni 2010.
  18. a b Die Presse: diePresse: Fasten für Fortgeschrittene: Die Lichtesser. 20. Februar 2010
  19. Michael Werner, Thomas Stöckli, Jakob Bösch. Leben durch Lichtnahrung: Der Erfahrungsbericht eines Wissenschaftlers. AT Verlag, 2005, ISBN 3-03800-229-1.
  20. P. Heusser, U. Wolf u. a.: Nutrition with 'light and water'? In strict isolation for 10 days without food - a critical case study. In: Forschende Komplementärmedizin (2006). Band 15, Nummer 4, August 2008, S. 203–209, ISSN 1661-4127. doi:10.1159/000148650. PMID 18787329.