Mühlviertler Hasenjagd

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Gedenkstein, der im Mai 2001 in Ried in der Riedmark aufgestellt wurde

Die Mühlviertler Hasenjagd ist der euphemistische Name eines Kriegsverbrechens im nationalsozialistischen Österreich, bei dem im Februar 1945 nationalsozialistische Verbände sowie Soldaten und Zivilisten entflohene sowjetische Häftlinge nach einem Großausbruch aus dem KZ Mauthausen im Mühlviertel jagten und ermordeten.[1]

Von der SS wurde diese Menschenjagd später „Mühlviertler Hasenjagd“ genannt. Der Ausbruch selbst und die Tatsache, dass einigen die Flucht gelungen ist, stellt einen einzigartigen Vorfall in der Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen dar.

Verlauf[Bearbeiten]

Ausbruch und Flucht[Bearbeiten]

In der Nacht zum 2. Februar 1945 unternahmen etwa 500 so genannte K-Häftlinge, hauptsächlich sowjetische Offiziere als Kriegsgefangene, bei acht Grad Celsius unter Null einen Fluchtversuch aus dem Todesblock 20 des KZs Mauthausen. Mit den Feuerlöschern ihrer Baracke und diversen Wurfgeschossen griff eine Gruppe die beiden Wachtürme an, während eine zweite Gruppe mit feuchten Decken und Kleidungsstücken den elektrischen Zaun kurzschloss. Dann kletterten die Häftlinge über die Mauer.

Zunächst gelang es 419 Häftlingen, das Lagerareal zu verlassen.[2] Viele der ausgehungerten Flüchtlinge brachen jedoch bereits kurz nach der Mauer erschöpft im Schnee zusammen oder starben im Kugelhagel der Maschinengewehre. Alle, die nicht in die Wälder entkommen konnten, und 75 im Block zurückgebliebene Kranke wurden noch in derselben Nacht exekutiert.

Insgesamt gelang über 300 Häftlingen vorerst die Flucht.[2]

Verfolgung[Bearbeiten]

Noch am selben Morgen rief die SS-Lagerleitung eine „Treibjagd“ aus, an der sich neben SS, SA, Gendarmerie, Feuerwehr, Wehrmacht, Volkssturm und Hitler-Jugend auch die Zivilbevölkerung der Umgebung beteiligte. Das Ziel dieser drei Wochen langen „Hetzjagd“ war, „niemanden lebend ins Lager zurückzubringen“.

Der Großteil der Flüchtigen wurde aufgegriffen und meistens an Ort und Stelle erschossen oder erschlagen. Die getöteten Häftlinge wurden nach Ried in der Riedmark, dem Stützpunkt der „Jagd“, gebracht und dort zu einem Haufen gestapelt. Mitglieder des Volkssturms, die Gefangene zum KZ zurückbrachten, wurden beschimpft, weil sie diese nicht sogleich erschlagen hatten.

„Ried in der Riedmark bildete in diesen Tagen einen Stützpunkt, das heißt, dorthin wurden die erschossenen und erschlagenen KZler aus der näheren und weiteren Umgebung stückweise eingesammelt und zu einem Haufen gestapelt – genau so wie die Jagdbeute bei einer herbstlichen Treibjagd.“

Otto Gabriel[3]

Die Kriminalpolizei Linz berichtete später an das Reichssicherheitshauptamt (RSHA): „Von den 419 Geflüchteten [jene, denen es gelang, das Lagerareal zu verlassen] […] im Raume Mauthausen, Gallneukirchen, Wartberg, Pregarten, Schwertberg, Perg, insgesamt über 300 wieder ergriffen, davon 57 lebend.“[2]

Es ist nur von elf sowjetischen Offizieren bekannt, dass sie die Menschenjagd und das Kriegsende überlebten. Einzelne Bauernfamilien und zivile ausländische Zwangsarbeiter versteckten trotz des extrem hohen Risikos Häftlinge oder versorgten die in den umliegenden Wäldern versteckten Flüchtlinge mit Nahrungsmitteln. Drei Monate später ging der Krieg zu Ende und die Häftlinge waren in Sicherheit.

Aufarbeitung nach 1945[Bearbeiten]

1948 gab es zwei Verfahren am Volksgericht Wien und Linz, die sich mit diesem Endphaseverbrechen auseinandersetzten.[4]

Große Bekanntheit erlangten die Geschehnisse der Mühlviertler Hasenjagd im Jahr 1994 durch die Verfilmung Hasenjagd – Vor lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen von Regisseur Andreas Gruber. Der Film war mit rund 123.000 Kinobesuchen in Österreich der erfolgreichste österreichische Film der Kinosaison 1994/95.

Der zeitgleich entstandene Dokumentarfilm Aktion K von Regisseur Bernhard Bamberger beobachtet einerseits die Reaktion der Bevölkerung auf die Dreharbeiten, lässt aber vor allem auch jene zu Wort kommen, die selbst Zeugen der Geschehnisse im Jahr 1945 waren. Er wurde 1994 mit dem Großen Preis der Österreichischen Volksbildung ausgezeichnet und seither mehrmals im deutschsprachigen Raum ausgestrahlt.

Im Mai 2001 wurde auf Initiative der Sozialistischen Jugend in Ried in der Riedmark ein Gedenkstein zur „Mühlviertler Hasenjagd“ aufgestellt.[5]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Linda DeMeritt: Representations of History: The Mühlviertler Hasenjagd as Word and Image. In: Modern Austrian Literature, Nr. 32.4, 1999, S. 134–145 (englisch)
  • Ernst Gusenbauer: „Was man erwischt, wird kalt erschossen“. Ried in der Riedmark und die Mühlviertler Hasenjagd am 2. Februar 1945 (PDF; 823 kB); in: Oberösterreichische Heimatblätter 46 (2/1992), S. 263–267.
  • Matthias Kaltenbrunner: Flucht aus dem Todesblock. Der Massenausbruch sowjetischer Offiziere aus dem Block 20 des KZ Mauthausen und die "Mühlviertler Hasenjagd". Hintergründe, Folgen, Aufarbeitung. Innsbruck [u.a.] 2012 (Der Nationalsozialismus und seine Folgen, 5)
  • Thomas Karny: Die Hatz: Bilder zur Mühlviertler „Hasenjagd“. Verlag Franz Steinmaßl, Grünbach (Österreich) 1992, Reihe: Edition Geschichte der Heimat; ISBN 3-900943-12-5.
  • Walter Kohl: Auch auf dich wartet eine Mutter. Die Familie Langthaler inmitten der „Mühlviertler Hasenjagd“. Verlag Franz Steinmaßl, Grünbach (Österreich) 2005, Reihe: Edition Geschichte der Heimat, ISBN 3-902427-24-8.
  • Hans Maršálek: Die Geschichte des Konzentrationslagers Mauthausen Dokumentation. Österreichische Lagergemeinschaft Mauthausen, Wien 1980, 2. Auflage; S. 255–263
  • Alphons Matt: Einer aus dem Dunkel: die Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen durch den Bankbeamten H. SV International, Schweizer Verlags-Haus, Zürich 1988, ISBN 3-7263-6574-5.
  • Parlamentsdirektion (Hrsg.): Demokratie Werkstatt aktuell. Mitmachen.Mitbestimmen. Mitgestalten! Sonderausgabe Gedenktag/Jugendprojekt, Mai 2010
  • Elisabeth Reichart: Februarschatten; Müller Verlag, Salzburg und Wien 1995; ISBN 3-7013-0899-3. (Belletristische Darstellung)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Onlineauftritt der KZ-Gedenkstätte Mauthausen: Bericht über die „Mühlviertler Hasenjagd“; mit Schilderungen der Abläufe, Bildern und Zeugenberichten
  2. a b c Alphons Matt: Einer aus dem Dunkel, 1988, S. 75 (s. Literatur)
  3. Otto Gabriel, ehemaliger Gendarm, in: Website der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Bericht über die „Mühlviertler Hasenjagd“ (Dokument AMM V/3/69)
  4. Hellmut Butterweck: Verurteilt und begnadigt – Österreich und seine NS-Straftäter. Czernin, Wien 2003, ISBN 3-7076-0126-9, S.217ff.
  5. Onlineauftritt der Hochschülerschaft an der Johannes Kepler Universität Linz aus dem Jahr 2001 (Version vom 2. Juli 2007 im Internet Archive): Bericht über die Gedenkstein-Einweihung in Ried an der Riedmark am 5. Mai 2001