Marc Dutroux

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Marc Dutroux [ Aussprache?/i] (* 6. November 1956 in Ixelles/Elsene in der Region Brüssel) ist ein belgischer Mörder und Sexualstraftäter. Er hat mehrere Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 19 Jahren entführt und sexuell missbraucht und seinen Komplizen Bernard Weinstein sowie zwei von ihm entführte jugendliche Frauen im Alter von 17 und 19 Jahren ermordet. Zwei von ihm entführte achtjährige Mädchen verhungerten eingesperrt, während er im Gefängnis war. Seine Komplizin und damalige Frau Michelle Martin wurde zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt, ist 2012 nach 16 Jahren aber mittlerweile wieder freigekommen.

Herkunft und Vorleben[Bearbeiten]

Dutroux hat drei Brüder und eine Schwester. Er ist das älteste Kind seiner Eltern, die beide Lehrer waren. Dutroux wuchs im damaligen Belgisch-Kongo auf, bis die Familie nach der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonie 1960 nach Belgien zog. Dutrouxs Vater Victor schlug seine Frau und seine Kinder oft wegen Kleinigkeiten. Marc Dutroux fiel als Neunjähriger in der Schule als Schläger auf, in späteren Schuljahren verkaufte er gestohlene Mofas und pornographische Bilder.

1971 verbrachte Dutrouxs Vater wegen Depressionen mehrere Monate unfreiwillig in einer Klinik, woraufhin er sich im selben Jahr von seiner Frau scheiden ließ, der er die Schuld für seinen Klinikaufenthalt zuschob. Mit dem Auszug des Vaters übernahm Marc Dutroux immer mehr die Rolle eines herrschsüchtigen, gefühlskalten Familientyranns und schlug auch seine Mutter und seine Geschwister, bis er einige Monate nach der Scheidung seiner Eltern im Alter von 16 Jahren sein Zuhause verließ, um sich zunächst als Stricher durchzuschlagen.

Im Alter von 20 Jahren heiratete er 1976 seine erste Frau, die ein Kind aus einer vorigen Ehe mitbrachte; die beiden bekamen ein weiteres Kind, gaben jedoch nach einiger Zeit beide ins Heim. Nachdem Dutroux wiederholt gewalttätig gegen seine Frau geworden war, kam es 1983 zur Scheidung. Zu dieser Zeit hatte Dutroux bereits eine Affäre mit Michelle Martin, mit der er drei eigene Kinder hat; alle fünf Kinder haben inzwischen ihren Nachnamen geändert.

Straftaten bis 1995[Bearbeiten]

Polizeilich war Dutroux für Autodiebstähle, Überfälle und Drogendelikte bekannt; als Schrotthändler stahl er über Jahre hinweg wahllos alle möglichen Dinge, die er zu Geld zu machen versuchte. Er wohnte während der achtziger Jahre häufig in seinem Lieferwagen, mit dem er quer durch Belgien fuhr.

1983 wurde Dutroux wegen der Entführung und Vergewaltigung einer 48-jährigen Frau angeklagt, die er mit einer Rasierklinge bedroht habe, jedoch wurde das Verfahren trotz der Aussage der Frau aus Mangel an Beweisen eingestellt.[1]

1984 fand man nahe Brüssel die Leiche einer jungen Frau, mit der Dutroux später in Verbindung gebracht wurde, da Zeugen von einem „Marc aus Charleroi“ berichteten, mit dem das Opfer bekannt gewesen sei, jedoch blieb der Fall ungeklärt.

1986 wurde Dutroux mit seiner Lebensgefährtin Michelle Martin wegen Entführung und Missbrauchs von fünf „jungen Frauen zwischen zwölf und 19“[2] verhaftet; Dutroux hatte pornographische Aufnahmen von seinen Taten gemacht, um diese zu verkaufen. Dies war offenbar eines seiner Motive. 1989 wurde Dutroux daraufhin zu 13 Jahren und sechs Monaten Freiheitsentzug verurteilt, Michelle Martin zu fünf Jahren. Im gleichen Jahr heirateten die beiden im Gefängnis. 1992 wurde Dutroux begnadigt, nachdem er drei Jahre im Gefängnis verbracht hatte, obwohl sich seine Mutter in einem Brief an den Gefängnisdirektor dagegen aussprach.

Nach Dutrouxs Entlassung bescheinigte ihm der Psychiater Emile Dumont aufgrund der Haft eine seelische Schädigung mit resultierender Erwerbsunfähigkeit auf Lebenszeit, deretwegen er eine staatliche Rente bekam, und verschrieb ihm Schlafmittel und Sedativa, die er später zur Betäubung und Ermordung seiner Opfer einsetzte.

Erneute Entführungen[Bearbeiten]

Dutroux baute den Keller eines seiner Häuser in Marcinelle bei Charleroi aus, zunächst als Versteck für seine Beute aus Diebstählen, die er weiterhin unternahm, später als Verlies. Hinter einer massiven Tür, die als Regal getarnt war, befand sich ein 2,15 Meter langer, weniger als 1 Meter breiter und 1,64 Meter hoher Raum.

Am 24. Juni 1995 wurden Melissa Russo (8) und Julie Lejeune (8) entführt, in Dutrouxs Zelle gefangen gehalten und mehrfach sexuell missbraucht, wieder zu dem Zweck des Handels mit der so erstellten Pornographie. Am 22. August 1995 wurden Eefje Lambrecks (19) und An Marchal (17) entführt und ebenfalls zum Zweck der Pornographieherstellung vergewaltigt. Da sich im Kellerverlies bereits die beiden achtjährigen Mädchen befanden, sperrte Dutroux Eefje und An im ersten Stock des Hauses ein.

Vorübergehende Verhaftung, Mord an den Frauen und an Weinstein, Verhungern der Kinder[Bearbeiten]

Da Dutroux wieder in Autodiebstähle verwickelt war, wurde er am 6. Dezember 1995 verhaftet. Bei der Untersuchung der Diebstähle durchsuchte die Polizei auch Dutrouxs Haus, in dem die beiden achtjährigen Mädchen gefangen gehalten wurden. Eefje und An waren zu diesem Zeitpunkt bei einem Komplizen untergebracht oder bereits vergiftet. Der leitende Beamte gab später an, im Keller Kinderstimmen gehört zu haben, nahm jedoch an, sie kämen von der Straße, daher wurden die Mädchen nicht gefunden.

Nach Dutrouxs späteren Aussagen sollte sich seine Frau um die Pflege der Kinder kümmern, während er selbst im Gefängnis war. Michelle Martin ließ die Kinder allerdings verhungern. Eines war bei Dutrouxs Freilassung am 20. März 1996 bereits tot, das andere verstarb nach Dutrouxs Aussage in seinen Armen.[3]

Vermutlich fällt in diese Zeit auch die Ermordung seines Komplizen Weinstein, der ihn um Geld betrogen hatte.

Ermittlungspannen[Bearbeiten]

Bei den Ermittlungen gab es immer wieder Pannen. So lag den Ermittlern schon im August 1995, einen Monat nach der Entführung von Mélissa und Julie, ein Bericht vor, in dem Dutrouxs vormaliger Komplize Claude Thirault, der der Polizei bereits als Handlanger bei Dutrouxs Raubüberfällen bekannt war, behauptete, Marc Dutroux hätte ihm Geld geboten, damit er auf einem Dorffest junge Mädchen entführe. Dafür wurden ihm 150.000 Franc (etwa 3.700 Euro) in Aussicht gestellt. Ferner baue Dutroux im Keller eines seiner drei Häuser Zellen.

Trotz dieses Berichts und der Vorstrafe des Beschuldigten wurde das Anwesen Dutrouxs erst im Dezember 1995, vier Monate nach diesem Bericht, durchsucht, als die vorübergehende Inhaftierung Dutrouxs aufgrund von Autodiebstählen erfolgte. Die neu eingezogene, frisch verputzte Wand fiel den Ermittlern bei der darauffolgenden Durchsuchung trotz der Kinderstimmen nicht auf.

Entdeckung und Prozess[Bearbeiten]

Am 28. Mai 1996 entführte Dutroux die zwölfjährige Sabine Dardenne, indem er sie in seinen Transporter zerrte. Am 9. August widerfuhr dies auch der 14-jährigen Laetitia Delhez. Bei der polizeilichen Ermittlung wurde ein Augenzeuge gefunden, der sich einen Teil von Dutrouxs Autokennzeichen gemerkt hatte. Darauf wurden am 13. August Marc Dutroux, Michelle Martin und der Komplize Michel Lelièvre verhaftet, am darauf folgenden Tag auch der Komplize Michel Nihoul. Eine Durchsuchung von Dutrouxs Häusern blieb wieder ergebnislos, worauf Dutroux die Beamten auf das versteckte Kellerverlies hinwies, aus dem die Polizei am 15. August 1996 Sabine und Laetitia befreien konnte. Dutroux führte die Fahnder am 17. August zu den Leichen der verhungerten achtjährigen Mädchen sowie dem ermordeten Komplizen Bernard Weinstein, den Dutroux zusammen mit den Mädchen im Garten eines seiner Häuser vergraben hatte. Am 3. September erklärte Dutroux der Polizei, wo die Leichen von An und Eefje zu finden waren.

Dutroux behauptete, er selbst sei nur eine Art Handlanger gewesen. Die Mädchen seien nicht nur für ihn allein bestimmt gewesen, sondern auch für andere Personen, die teilweise „höchste Protektion von ganz oben“ genießen würden. Als Anstifter und Kopf einer Bande von Männern, die Sexualstraftaten an Kindern verübten, für den Dutroux gearbeitet habe, beschuldigte er nach der Verhaftung und während des Prozesses wiederholt Nihoul.[4]

Todesfälle nach der Verhaftung[Bearbeiten]

Laut der ZDF-Reportage Die Spur der Kinderschänder – Dutroux und die toten Zeugen[5] von 2001 verstarben während der Ermittlungszeit nach Dutrouxs Verhaftung 27 Zeugen, die im Prozess aussagen wollten. Der Staatsanwalt Hubert Massa beging im Juli 1999 Suizid. Doch konnte kein eindeutiges Motiv geklärt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass die Zeugen umgebracht wurden, um sie zum Schweigen zu bringen.[6]

Flucht[Bearbeiten]

Im April 1998 kam die nächste schwerwiegende Panne: In einem Gerichtsgebäude entriss Dutroux einem seiner Bewacher die Dienstwaffe und floh. Nachdem tausende Beamte fast vier Stunden im Großeinsatz waren, fanden ihn Spürhunde in einem Waldstück. Als Reaktion auf diesen Vorfall traten Innenminister Johan Vande Lanotte, Justizminister Stefaan De Clerck sowie Polizeichef Willy Deridder von ihren Ämtern zurück. Einem Beamten sagte Dutroux kurz nach der Festnahme: „Ich bin glücklich, wenn ich das Chaos sehe, in das ich Belgien gestürzt habe“.[7]

Der Prozess[Bearbeiten]

Der Prozess gegen Marc Dutroux vor dem Gericht von Arlon begann am 1. März 2004 mit der Auswahl der Geschworenen. Es sammelten sich knapp 400.000 Seiten in den Akten des Falles an. Neben Dutroux selbst waren auch seine Frau Michelle Martin sowie seine Komplizen Michel Lelièvre und Michel Nihoul angeklagt. Besonders Martin verwickelte sich während des Prozesses wiederholt in Widersprüche.[8] Dutroux war außer für die oben genannten Taten auch dafür angeklagt, 1995 die Polizeiinformanten Philippe Divers, Pierre Rochow und Bénédicte Jadot entführt und gefoltert zu haben, zudem 1996 drei slowakische Frauen vergewaltigt zu haben, und außerdem für den wiederholten ausgedehnten Drogenhandel, vor allem mit Haschisch und Heroin.[9]

Der erste Untersuchungsrichter war Jean-Marc Connerotte, der kurz nach der Festnahme von Dutroux alle Belgier aufforderte, alles, was sie über einschlägige Verbrechen an Kindern wüssten, mitzuteilen. Als er die beiden befreiten Mädchen Laetitia und Sabine zum Essen einlud, wurde er wegen Befangenheit abgesetzt (was in der Folge als „Spaghetti-Arrest“ bezeichnet wurde). Die Aufforderung hatte eine hereinbrechende Lawine von Informationen für die Ermittler erbracht. Im Volk brach Empörung über die Demontage Connerottes aus. Über 300.000 Menschen zogen daraufhin beim Weißen Marsch durch Brüssel. Neuer Untersuchungsrichter wurde Jacques Langlois.

Während seiner Haftzeit und während des Prozesses beschmierte Dutroux seine Zelle wiederholt mit Fäkalien,[10] schlug sich den Kopf absichtlich gegen die Zellenwand,[11] reagierte während der Verhandlungen nicht auf Anreden[12] und beschuldigte weiterhin Nihoul, sein Auftraggeber gewesen zu sein.[4] Nervös und widersprüchlich äußerte er sich allerdings nur, wenn er auf seine Frau angesprochen wurde.[7]

Das Urteil[Bearbeiten]

Am 22. Juni 2004 gab das Gericht das Strafmaß bekannt: Dutroux muss für drei Giftmorde – an seinem Komplizen Weinstein sowie an den zwei von ihm entführten jungen Frauen Eefje Lambrecks und An Marchal – lebenslänglich ins Gefängnis. Bereits in der Woche zuvor hatten die Geschworenen geurteilt, dass Dutroux die zwei Jugendlichen entführt und getötet habe. Trotz mehrfacher Appelle seines Verteidigers hüllte sich Dutroux, dessen Sexualstraftaten gegenüber den drei Morden in den Verhandlungen nur untergeordnete Bedeutung hatten, über die angeblichen Hintermänner seiner Taten aus Kreisen der Politik weiterhin in Schweigen, obwohl er in den acht Jahren von seinem Geständnis bis zu seiner letzten vor Gericht verlesenen, 21-seitigen Erklärung ständig davon redete,[13] Teil eines größeren Netzwerks gewesen zu sein.

Dutrouxs Ex-Gattin Michelle Martin erhielt 30 Jahre Gefängnis für die fahrlässige Tötung der Mädchen Russo und Lejeune durch Verhungernlassen. Ende Juli 2012 entschied die belgische Justiz, Michelle Martin wegen guter Führung auf Bewährung und unter Auflagen vorzeitig freizulassen. Die belgische Justiz genehmigte einen Resozialisierungsplan, der Michelle Martins Aufnahme in einem Kloster in Belgien vorsieht. Martin darf sich zudem den Familien der Opfer nicht nähern.[14] Die Staatsanwaltschaft und einige Angehörige von Dutroux-Opfern legten vor dem Kassationshof Einspruch gegen die Entscheidung ein. Der Kassationshof in Brüssel wies die Einsprüche am 28. August 2012 als unbegründet zurück, es sei zu keinen Verfahrensfehlern seitens des Strafvollstreckungsgerichts gekommen.[15] Michelle Martin kam gleichentags frei und fand sich im Klarissenkloster in Malonne bei Namur ein.[16]

Ein Antrag von Dutroux auf vorzeitige Haftentlassung und Verbüßung der Strafe mit einer elektronischen Fußfessel wurde am 18. Februar 2013 von einem Brüsseler Gericht abgewiesen.[17] Begründet wurde dies mit der Gefahr, dass der mittlerweile 56-Jährige wieder rückfällig werden könne. Auch Dutrouxs Mutter hatte öffentlich vor der Freilassung ihres Sohnes gewarnt.

Michel Lelièvre bekam wegen seiner Beteiligung an den Verbrechen eine Haftstrafe von 25 Jahren. Michel Nihoul erhielt eine Gefängnisstrafe von fünf Jahren, weil er Anführer eines Drogen- und Menschenhändlerringes gewesen sei. Vom Vorwurf der Beteiligung an den Frauen- und Kindesentführungen wurde er freigesprochen.

Das abschließende Gutachten[Bearbeiten]

Da die Medien Dutroux trotz des gemischten Alters seiner Opfer (8–43 Jahre, drei der fünf Opfer 17 Jahre und älter, sofern man den obengenannten Fall der 48-Jährigen außer Acht lässt) weltweit vorwiegend als Pädophilen dargestellt hatten,[18][19][20] sah sich das abschließende Gutachten, das unüblicherweise von insgesamt vier Psychiatern und einem Psychologen einstimmig verfasst wurde, veranlasst, mit Nachdruck festzustellen, dass er nicht pädophil sei, sondern vielmehr ein gegenüber Gewalt empfindungsloser Psychopath, der aus Machtstreben und Geldgier gehandelt habe, allerdings voll schuldfähig sei.[21][22][23][24] Dieses Machtstreben könnte mit seiner seit der Verhaftung gezeigten Geltungssucht zu tun haben,[13] die sich außer in seinen Geschichten von kleineren oder größeren „Netzwerken“ auch im oben zitierten Satz über die Freude äußerte, die er gegenüber dem von ihm verursachten sozialen, politischen und staatsrechtlichen Chaos (u. a. grundlegende Änderungen der belgischen Verfassung, wie etwa die im Jahr 2001 erfolgte Zusammenlegung der innenpolitischen Ordnungspolizei, der Gendarmerie, des belgischen Militärs und Grenzschutzes zur Federale Politie/Police Fédérale/Bundespolizei mit ausdrücklichem Verweis auf Dutrouxs Fall) empfinde; auch brüstete er sich vor seinen Gutachtern wiederholt seiner in den neunziger Jahren begangenen Entführungs- und Vergewaltigungstaten.[24]

In den Medien waren Dutrouxs Vorgehen und Taten als typisch für sexuellen Kindesmissbrauch im Allgemeinen oder für das Verhalten von Pädophilen im Besonderen dargestellt worden. An Dutrouxs Haus in der Avenue de Philippeville in Marcinelle bei Charleroi wurde eine Tafel befestigt mit der Inschrift: „En memoire de tous les enfants victimes de pedophilie“, zu deutsch: „Im Gedenken an alle Opfer der Pädophilie“.[25]

Auswirkungen für Belgien[Bearbeiten]

Viele Bürger wurden mit der Zeit dem Staat gegenüber misstrauisch. Sie glauben, dass die Reichen und Mächtigen des Landes gedeckt werden, während der Staat, Justiz und Polizei die Normalbürger nicht zu schützen wissen.

Innerhalb und außerhalb des Landes wurde Belgien in den Medien aufgrund des Falles um Dutroux schnell zum „Land der Kinderschänder“ erklärt; so sagte etwa der belgische Polizist Patrick Debaets über seine Ermittlungen in dem Fall: „Sobald man gegen Pädophilie vorgehen will, stößt man auf ein System von Protektionen und bekommt sofort Probleme. In Belgien hat der größte Teil der Presse die Opfer und die Ermittler lächerlich und unglaubwürdig gemacht, um selbst eben keine Probleme zu bekommen.“[2]

Allerdings sind in Belgien jegliche soziale Vereine, Institutionen oder politische Parteien von Pädophilen oder für Pädophile, für die Überwachung der Einhaltung von verfassungsmäßig garantierten Bürgerrechten speziell von Pädophilen, oder zur Verbreitung von nichtpathologisierenden Erklärungen von Pädophilie und Sexualhandlungen zwischen Kindern und Erwachsenen (der juristischen Definition von sexuellem Kindesmissbrauch), seit 1986 gesetzlich verboten. In diesem Jahr fand eine gewaltsame Zerschlagung der bis dato von UNICEF unterstützten offiziellen pädophilen Interessenvertretung Belgiens mit Namen CRIES, statt, wobei auch eine Reihe von belgischen UNICEF-Funktionären, wie Michel Felu und Philippe Carpentier, wegen sexuellen Missbrauches und Besitzes von Kinderpornographie verhaftet und verurteilt wurden. Das Verbot jeglicher sozialer Vereine, Institutionen oder politischer Parteien, die oben genannte liberalistische Überzeugungen erkennen lassen, wird seither in Belgien mit der Behauptung begründet, die Verbreitung solcher Auffassungen sei „kinderpornographisch“ (pédopornographique).

Belgien nimmt daher seit 1986 mit diesem gesonderten Vereinigungs-, Redefreiheits- und wissenschaftlichen Publikationsverbot in Sachen Pädophilie und Kindesmissbrauch in den westlichen Industrienationen eine Sonderstellung ein; zu den der belgischen CRIES vergleichbaren offiziellen Organisationen und Interessenvertretungen, die in Belgien unter diese Sondergesetzgebung fallen und deshalb in diesem Land gesetzlich aufgelöst worden wären, zählten in Deutschland etwa die offizielle Deutsche Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie (DSAP) (1979–2003) oder der Bundesverband Homosexualität (1986–1997, dem in diesem Zeitraum auch die DSAP angehörte), in den Niederlanden z. B. die Partij voor Naastenliefde, Vrijheid en Diversiteit (Partei für Nächstenliebe, Freiheit und Diversität, seit 2006) und die Vereeniging Martijn (seit 1982), oder in Frankreich GRED (seit 1979).

Verurteilung eines Anwalts der Opferfamilien wegen Kinderpornographie / Mordversuch des Sohnes des Anwalts an seinem Vater[Bearbeiten]

Im Oktober 2010 wurde Victor Hissel, der Anwalt der Opferfamilien von Melissa Russo und Julie Lejeune, von einem Gericht in Lüttich selbst wegen Kinderpornographie zu zehn Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Der Anwalt hatte sich zwischen 2005 und 2008 mehr als 7.500 kinderpornografische Bilder angesehen. Hissel legte gegen das Urteil Berufung ein.[26][27] Im Berufungsverfahren im Mai 2011 bestätigte das Gericht das Strafmaß, jedoch wurde die Strafe zur Bewährung ausgesetzt.[28]

Sein Sohn Romain versuchte seinen Vater Victor Hissel im April 2009 zu töten, er stach fünfmal mit einem Messer auf ihn ein und verletzte ihn schwer.[29] Vor Gericht erklärte er, er wollte seinen Vater umbringen, damit dieser den Kindern seiner neuen Partnerin nicht antue, was er erlitten habe: verbale und körperliche Gewalt und die Entdeckung der pädophilen Neigungen des Vaters.[30] Romain Hissel wurde vom Vorwurf des Mordversuchs im Mai 2011 freigesprochen. Das Gericht befand, dass er zum Zeitpunkt der Tat unzurechnungsfähig war.[31] Ein Jahr später, im Mai 2012, wurde er unter Auflagen zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt wegen mehrerer versuchter Carjackings und Androhung von Gewalt.[32]

Literatur[Bearbeiten]

  • Douglas Coninck: Marc Dutroux. Het stilste jongetje van de klas. Houtekiet, Antwerpen 2004, ISBN 90-5240-747-9
  • Sabine Dardenne, Marie-Thérèse Cuny: Ihm in die Augen sehen. 80 Tage in der Gewalt von Marc Dutroux. Knaur, München 2006, ISBN 3-426-77847-5
  • Michel Dutroux: Mijn zoon Marc Dutroux. De speurtocht van een vader naar de wortels van het kwaad. Standaard, Antwerpen 2003, ISBN 90-02-21405-7
  • Hans Knoop: De zaak Marc Dutroux. BZZT, s'Gravenhage 1998, ISBN 90-5501-585-7
  • Xavier Magnée: Marc Dutroux, un pervers isolé? Calman-Levy, Paris 2005, ISBN 2-7021-3563-3
  • Dirk Schümer: Die Kinderfänger. Berlin: Siedler, 1997. ISBN 3-88680-623-5

Dokumentationen[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Marc Dutroux – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Liz Kelly: Confronting An Atrocity: The Dutroux Case, in: Trouble and Strife, Nr. 36, 1998 (PDF; 57 kB), auf CWASU: Child & Woman Abuse Studies website
  2. a b Der Fall Dutroux - Eine Chronik der Geschehnisse von 1995 bis 2004
  3. Jörg Stolzenberger: Der Fall Marc Dutroux: Der Prozessverlauf im Monat März, S. 5 (PDF; 282 kB)
  4. a b Dutroux wollte Mitangeklagtem Nihoul „eine Freude bereiten“, FAZ, 21. April 2004
  5. Dutroux und die toten Zeugen, ZDF-Reportage von Piet Eekman, Ausstrahlung am 30. Januar 2001
  6. Staatsanwalt erschießt sich, Spiegel Online, 15. Juli 1999
  7. a b „Schuld hat die Gesellschaft“, FAZ, 22. März 2004
  8. Plädoyers im Dutroux-Prozeß – Die Demontage eines Monsters, FAZ, 9. Juni 2004
  9. Anklageschrift im Arlon-Prozess
  10. Ein besonders aufsässiger Häftling, FAZ, 19. Mai 2004
  11. Auf das blaue Auge folgt die Halskrause, FAZ, 7. April 2004
  12. Nebenfiguren im Zentrum der Aufmerksamkeit, FAZ, 26. Mai 2004
  13. a b Die Gespinste des Marc Dutroux – Der mutmaßliche Kinderschänder flüchtet während seiner Schlussworte in die eigene Realität, Die Welt, 11. Juni 2004
  14. Dutroux-Komplizin kommt vorzeitig frei. In: Spiegel Online vom 31. Juli 2012
  15. Entschieden: Michelle Martin unter Auflagen frei. In: Belgischer Rundfunk vom 28. August 2012
  16. Fabienne Hurst: Dutroux-Komplizin kommt frei. In: Spiegel Online vom 28. August 2012
  17. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Zugriffsdatum nicht im ISO-FormatVorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatGericht in Brüssel lehnt Antrag ab: Kindermörder Dutroux bleibt in Haft. tagesschau.de, 18. Februar 2013, abgerufen am 18. Februar 2013.
  18. Marc Dutroux, A Pedophile and Child-Killer
  19. Belgium’s Dutroux jailed for life, BBC News, 22. Juni 2004
  20. Paedophile facing life in jail after child rapes and killings, in: The Scotsman, 18. Juni 2004, Archiv-Version
  21. Dutroux schuldfähig, Berliner Kurier, 21. März 1998
  22. Evil star of script written in blood, The Age, 19. Juni 2004
  23. DUTROUX AND THE TRAIL OF DECEPTION
  24. a b Themenabend ARTE: Dutroux und die Pädophilie vor Gericht
  25. Der Fall Dutroux, stern.de, 25. Februar 2004
  26. Opfer-Anwalt schaute selbst Kinderpornos in: Spiegel Online vom 14. Oktober 2010
  27. Der Alptraum endet nie in: Spiegel Online vom 24. Dezember 2010
  28. Zehn Monate Haft auf Bewährung für Victor Hisse. In: Belgischer Rundfunk vom 23. Mai 2011
  29. Romain Hissel könnte wegen Formfehler frei kommen in: Belgischer Rundfunk vom 15. April 2010
  30. Romain Hissel: Fünf Jahre Haft auf Bewährung gefordert. In: Belgischer Rundfunk vom 31. März 2011
  31. Unzurechnungsfähig: Freispruch für Romain Hissel. In:Belgischer Rundfunk vom 4. Mai 2011
  32. Zwei Jahre auf Bewährung für Romain Hissel – Psychiatrische Behandlung. In: Belgischer Rundfunk vom 3. Mai 2012