Charleroi

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Dieser Artikel befasst sich mit der belgischen Stadt Charleroi; zu weiteren gleichnamigen Bedeutungen siehe Charleroi (Begriffsklärung).
Charleroi
Héraldique Ville BE Charleroi.svg Drapeau ville be Charleroi.svg
Charleroi (Hennegau)
Charleroi
Charleroi
Staat Belgien
Region Wallonien
Provinz Hennegau
Bezirk Charleroi
Koordinaten 50° 25′ N, 4° 27′ O50.4116666666674.4447222222222Koordinaten: 50° 25′ N, 4° 27′ O
Fläche 102,08 km²
Einwohner (Stand) 203.871 Einw. (1. Jan. 2012)
Bevölkerungsdichte 1997 Einw./km²
Postleitzahl 6000, 6001, 6010, 6020, 6030-6032, 6040-6044, 6060, 6061
Vorwahl 071
Bürgermeister Paul Magnette (PS)
Adresse der
Kommunalverwaltung
Hôtel de Ville,
Place Charles II,
6000 Charleroi
Webseite www.charleroi.be

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Charleroi (wallonisch: Tchålerwè)[1], ist eine Stadt in der Provinz Hennegau in der Wallonischen Region Belgiens und Hauptstadt des gleichnamigen Arrondissements. Mit 203.871 Einwohnern (Stand 1. Januar 2012) ist Charleroi die drittgrößte Gemeinde Belgiens und die größte Gemeinde der Wallonie. Die Einwohner Charlerois werden Carolorégiens oder Carolos genannt.

Geografie[Bearbeiten]

Charleroi: Stadtteile und Nachbargemeinden

Lage[Bearbeiten]

Charleroi liegt zu beiden Seiten der Sambre und befindet sich etwa 50 km südlich von Brüssel. Die Stadt grenzt (im Uhrzeigersinn, beginnend im Norden) an die Gemeinden Les Bons Villers (a), Fleurus (b), Châtelet (c), Gerpinnes (d), Ham-sur-Heure-Nalinnes (e), Montigny-le-Tilleul (f), Fontaine-l’Évêque (g), Courcelles (h) und Pont-à-Celles (i). Charleroi liegt in einem großen kohlehaltigen Becken. Zwar wird heute keine Kohle mehr gefördert, doch finden sich noch zahlreiche Bergehalden im Umkreis der Stadt.

Blick auf Charleroi
Einkaufsstraße

Stadtgliederung[Bearbeiten]

Durch die belgische Gebietsreform im Jahre 1977 wurde die ursprüngliche Gemeinde Charleroi mit den umliegenden Gemeinden Couillet (VI), Dampremy (II), Gilly (IV), Gosselies (XIV), Goutroux (XI), Jumet (XIII), Lodelinsart (III), Marchienne-au-Pont (IX), Marcinelle (VII), Monceau-sur-Sambre (X), Montignies-sur-Sambre (V), Mont-sur-Marchienne (VIII), Ransart (XV) und Roux (XII) zur heutigen Großgemeinde zusammengelegt.

Klima[Bearbeiten]

In Charleroi herrscht gemäßigtes maritimes Klima. Im Durchschnitt werden in Charleroi 200 Regentage pro Jahr gezählt.

Monatliche Durchschnittstemperaturen und -niederschläge für Charleroi
Jan Feb Mär Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez
Temperatur (°C) 2 2 6 8 12 15 17 17 14 10 6 3 Ø 9,4
Niederschlag (mm) 67 53 52 52 62 70 76 75 70 72 71 73 Σ 793
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Quelle: www.meteo.be

Geschichte[Bearbeiten]

Die Ursprünge von Charleroi gehen zurück auf das 863 in einem Dokument der Abtei Lobbes erstmals schriftlich erwähnte Dorf Carnotus, das in der Folge Karnoit (980) und Charnoy (1188) benannt wurde und der Grafschaft Namur angehörte.

1659 führte der Pyrenäenfriede zu einem neuen Grenzverlauf zwischen den Spanischen Niederlanden und Frankreich. Mehrere spanische Festungen fielen durch den Friedensvertrag an Frankreich, so dass nun aus spanischer Sicht zwischen Mons im Hennegau und Namur an der Maas eine unbefestigte Lücke klaffte und die Verteidigung in Richtung Brüssel unterbrochen war. Am 3. September 1666 erwarb der Gouverneur der Niederlande, Francisco de Moura, im Namen des damals erst fünfjährigen spanischen Bourbonenkönigs Karl II. die Grundherrschaft über Charnoy, um dort eine neue Festungsanlage zu errichten. Charnoy wurde hierbei zu Ehren des Königs in Charleroy umbenannt. Noch bevor die Festung fertiggestellt werden konnte, fiel diese 1667 im Devolutionskrieg kampflos an Frankreich. Am 2. Juni 1667 besichtigte Ludwig XIV. die von den Spaniern beim Abzug zum Teil zerstörte Anlage und ordnete deren Wiederaufbau an. Unter der Leitung von Thomas de Choisy und Charles Chamois wurde die Festung – nun als französischer Grenzposten – 1668 vollendet.

Von 1794 bis 1800 trug die Stadt den „Revolutionsnamen“ Libre-sur-Sambre. 1815 zog Napoleon auf dem Weg nach Norden durch Charleroi und manövrierte dadurch zeitweise die Alliierten aus, ehe er in der Schlacht bei Waterloo geschlagen wurde. Nach Kriegsende 1815 kam Charleroi zum Königreich der Vereinigten Niederlande und 1830 zum neugegründeten Königreich Belgien.

Um mehr Platz für den Ausbau der Stadt zu schaffen, wurde 1867 bis 1875 der alte Festungsring wieder abgetragen.[2]

Im Verlauf der Grenzschlachten des ersten Weltkriegs erlitt bei Charleroi vom 22. bis 24. August 1914 die französische 5. Armee unter Charles Lanrezac durch die deutsche 2. und 3. Armee unter Karl von Bülow und Max von Hausen eine Niederlage und war gezwungen, den Rückzug anzutreten.

1977 fusionierte die Stadt Charleroi mit den umliegenden Gemeinden, was die Bevölkerungszahl beinahe verzehnfachte.

Wirtschaft[Bearbeiten]

Im Zuge der Industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts wurde die Stadt zu einem Zentrum der wallonischen Kohle- und Stahlindustrie und einem frühen Zentrum der Arbeiterbewegung. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Region um Charleroi zudem zu einem wichtigen Standort für die Produktion von Flachglas, das anfangs vor allem nach Holland und in die holländischen Kolonien exportiert wurde.[3] 1863 eröffnete Ernest Solvay zusammen mit seinem Bruder Alfred Solvay in Couillet, einem heutigen Stadtbezirk von Charleroi, die erste Fabrik, die nach dem von ihm entwickelten Solvay-Verfahren Soda herstellte, einen wichtigen Grundstoff unter anderem für die Glasindustrie.[4]

Bergbau und Schwerindustrie zogen auch zahlreiche ausländische Arbeitskräfte an, vor allem Italiener. Am 8. August 1956 kamen beim schwersten Grubenunglück der belgischen Geschichte im Bergwerk Bois du Cazier im Stadtteil Marcinelle 262 in der Mehrzahl italienische Bergleute ums Leben.

Dem in den späten 1960er Jahren einsetzenden Niedergang der wallonischen Stahlindustrie konnte sich auch Charleroi nicht entziehen, und es setzte ein schmerzhafter Strukturwandel ein, der zu einer bis heute anhaltenden hohen Arbeitslosigkeit führte. Im März 2012 kündigte Duferco an, den letzten verbliebenen Hochofen in Charleroi schließen zu wollen.[5] Auch die Glasindustrie hat an Bedeutung verloren, ist aber noch immer ein wichtiger Arbeitgeber. Im Stadtteil Gosselies hat sich der Maschinenbauer Caterpillar angesiedelt und betreibt dort die größte Fabrik des Unternehmens außerhalb der USA. Insgesamt hat sich die Wirtschaft von Charleroi in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend diversifiziert.

Verkehr[Bearbeiten]

Eisenbahn[Bearbeiten]

Charleroi ist mit Verbindungen nach Brüssel (- Antwerpen), Lüttich, Lille und Paris sowie Regionalstrecken nach Couvin und Ottignies-Louvain-la-Neuve einer der wichtigsten Eisenbahnknoten Belgiens. Am Hauptbahnhof Charleroi Sud fahren täglich rund 355 Züge. Der Rangierbahnhof Monceau-sur-Sambre wurde jedoch 2013 stillgelegt.

Map of the Charleroi premetro network.png
Streckennetz der Métro Léger de Charleroi

Schifffahrt[Bearbeiten]

Der Hafen von Charleroi ist über den Kanal Charleroi-Brüssel mit dem flämischen Wasserstraßennetz verbunden.

Flugverkehr[Bearbeiten]

Bei Charleroi befindet sich der Flughafen Brüssel-Charleroi, der ein beliebtes Ziel von Billigfliegern ist. Hauptfluglinie ist Ryanair.

ÖPNV[Bearbeiten]

Den öffentlichen Nahverkehr erbringen die Stadtbahn Charleroi sowie Busse. Betreiberin ist die Gesellschaft TEC Charleroi.

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

  • Kohlebergwerk Bois du Cazier, das 2012 zusammen mit drei weiteren wallonischen Bergwerken zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde.
  • Belfried von Charleroi, Teil des UNESCO-Welterbes „Belfriede in Belgien und Frankreich“.
  • Musée de la Photographie in Mont-sur-Marchienne, das als eines der bedeutendsten Fotografie-Museen Europas gilt.
  • Das im 17. Jahrhundert auf Festungsruinen aus dem 14. Jahrhundert errichtete Schloss von Monceau-sur-Sambre, inmitten eines englischen Gartens.
  • Glasmuseum, das Glasherstellung und Kunsthandwerk von der Antike bis zur Gegenwart zeigt.
  • Musée des Beaux Arts Charleroi

Sport[Bearbeiten]

Sporting Charleroi gehörte von 1985 bis 2011 der höchsten belgischen Fußballliga an. Die Heimspielstätte des Verein, das Stade du Pays de Charleroi, war auch einer der Austragungsorte bei der Fußball-Europameisterschaft 2000. Mit ROC Charleroi, das heute ROC Charleroi-Marchienne heißt, war ein weiterer Fußballverein aus Charleroi in der obersten Spielklasse des Landes vertreten. Spirou BC Charleroi, dessen Heimspielstätte RTL Spiroudome zwischen 2004 und 2007 Austragungsort des Final Four im ULEB Cup sowie 2006 des Finals im Fed Cup war, gehört zu den erfolgreichsten Basketballvereinen Belgiens. Weiters ist in der Stadt der international erfolgreiche Tischtennisverein Royal Villette Charleroi beheimatet.

Partnerstädte[Bearbeiten]

Rathaus mit Belfried an der Place Charles II (erbaut 1936)

Charleroi pflegt Städtepartnerschaften mit folgenden Gemeinden:

Söhne und Töchter der Stadt[Bearbeiten]

Sonstiges[Bearbeiten]

  • Charleroi ist ein Zentrum der belgischen Comic-Kultur. Im Stadtteil Marcinelle befindet sich der Sitz des traditionsreichen Verlags Dupuis.
  • Der Sexualstraftäter und Mörder Marc Dutroux besaß in Marcinelle ein Haus, in dem er zahlreiche seiner Verbrechen beging.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Charleroi – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die Verwendung des Namens „Karolingen“ für diese Stadt in OpenStreetMap/Deutscher Stil ist durch keinen historischen Beleg legitimiert. Tatsächlich ist „Karolingen“ die niederländische Version der Dynastiebezeichnung Karolinger. Als Spross des Hauses Bourbon war der Namenspatron der Stadt, Karl II. von Spanien im weiteren Sinne ein Angehöriger der Kapetinger, die im Westfrankenreich 987 die Karolinger ablösten.
  2. Les fortifications de Vauban: Charleroi (abgerufen am 30. September 2012)
  3. Eva Mendgen: Glas- und Kristallerzeugung im Hennegau, GR-Atlas (abgerufen am 30. August 2012)
  4. Europäische Route der Industriekultur: Industriegeschichte Belgiens (abgerufen am 23. August 2012)
  5. RTBF, 28. März 2012: „Le haut fourneau de Carsid à Charleroi ne sera pas relancé“ (abgerufen am 31. August 2012)