Matthäus-Effekt

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Der Matthäus-Effekt ist eine These der Soziologie und bezeichnet ein Prinzip, bei dem Erfolge mehr durch frühere Errungenschaften als durch gegenwärtige Leistungen erzielt werden. Erfolge rufen danach immer neue Erfolge hervor. Begründet ist dies darin, dass Erfolge stärkere Aufmerksamkeiten erzeugen, die wiederum Ressourcen eröffnen mit denen das Erzielen weiterer Erfolge wahrscheinlicher wird. Kleine Anfangsvorteile zwischen Akteuren können dadurch im Zeitverlauf zu extremen "Winner-take-all"-Strukturen heranwachsen, bei denen eine sehr kleine Anzahl den Hauptteil aller Erfolge auf sich vereint, während die Mehrheit erfolglos bleibt.[1] Der Effekt spielt unter anderem bei der Zitationsanalyse eine Rolle.

Dieses Phänomen spiegelt sich in mehreren Sprichwörtern: „Wer hat, dem wird gegeben“, „Es regnet immer dorthin, wo es schon nass ist“ oder auch „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“.

Bezeichnung[Bearbeiten]

Die Bezeichnung „Matthäus-Effekt“ spielt an auf einen Satz aus dem Matthäusevangelium aus dem Gleichnis von den anvertrauten Talenten:

„Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat.“

Mt 25,29 LUT (entsprechend: Mt 13,12 LUT; Mk 4,25 LUT; Lk 8,18 LUT)

Wissenschaftliche Zitierungen[Bearbeiten]

Der amerikanische Soziologe Robert K. Merton operationalisierte den Matthäus-Effekt (als Matthew effect) im Rahmen seiner wissenschaftssoziologischen Überlegungen hauptsächlich auf die Zitierhäufigkeit von wissenschaftlichen Veröffentlichungen als empirisch beobachtetes Phänomen, das dem Grundsatz der positiven Rückkopplung folgen soll. Das heißt, dass bekannte Autoren häufiger zitiert werden als unbekannte und dadurch noch bekannter werden (success breeds successErfolg führt zu Erfolg).

Trotz des Matthäus-Effekts nimmt die Anzahl der Zitierungen einer Publikation nach einem kurzen Anstieg auch bei bekannten Autoren mit einer relativ konstanten Halbwertszeit ab. Oft ist es sogar so, dass die momentan am häufigsten zitierten Artikel eine schnellere Abnahme der Zitierungen aufweisen. Dies kann unter anderem damit erklärt werden, dass allgemein bekannte Informationen nicht mehr zitiert werden, sondern nur noch mit dem Namen des Autors oder als bloße Tatsache in einem Text erscheinen. Dieses Phänomen wurde von Eugene Garfield als eine Form der Uncitedness behandelt. Selbst Klassiker und Standardwerke werden in der Regel nicht ewig zitiert, weil sie irgendwann neu aufgelegt werden und auf die neueste Auflage verwiesen wird. Es deutet auch darauf hin, dass der Matthäus-Effekt eher bei Autoren als bei einzelnen Artikeln auftritt.

Wenn der Matthäus-Effekt durch gegenseitige Gefälligkeitszitate mehrerer Autoren herbeigeführt oder verstärkt wird, spricht man von einem Zitierkartell.

Siehe auch: Publish or perish

Lerntheorie und Bildungssoziologie[Bearbeiten]

In der Lehr-Lern-Forschung besagt das Prinzip (stark verkürzt), dass das Vorwissen einen wesentlichen Prädiktor des Lernerfolgs darstellt. Je mehr Vorwissen vorhanden ist, desto höheren Nutzen kann der oder die Lernende aus einem bereitgestellten Lernangebot ziehen. Einen Matthäus-Effekt konnten Knut Schwippert, Wilfrid Bos und Eva-Maria Lankes nachweisen. Wenn man Schüler über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet, so fällt auf, dass leistungsstarke Schüler aus dem Unterricht einen stärkeren Wissensgewinn erzielen als leistungsschwache Schüler. Somit werden durch Unterricht vorhandene Leistungsunterschiede verstärkt. Da bereits bei Grundschülern Leistungsunterschiede zwischen Kindern aus bildungsnahen und Kindern aus bildungsfernen Familien bestehen, verstärken sich diese Unterschiede im Verlauf der Schulzeit in der Regel.

Verglichen mit 15-jährigen ist der Effekt bei Grundschülern verhältnismäßig gering. In allen Ländern, die sowohl bei PISA als auch bei PIRLS/IGLU teilnahmen, zeigte sich, dass die Leistungsunterschiede zwischen den Kindern aus verschiedenen Schichten im Jugendlichenalter größer sind als im Kindesalter. Dies betrifft die Länder Neuseeland, Deutschland, Frankreich, Ungarn, Norwegen, USA, Schweden, Kanada, Griechenland, Tschechien, Island, Niederlande, Italien, Lettland und die Russische Föderation.[2]

In anderen Bereichen werden ähnliche Effekte als richer-get-richer-Prinzip (Reiche werden reicher) bezeichnet. Daraus ergeben sich in der Regel Pareto-Verteilungen oder eine andere Form von Skalengesetzen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Mark Lutter: Wem wird gegeben? Matthäus-Effekte und geschlechtsspezifische Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt für Filmschauspieler. MPIfG Discussion Paper 12/8, Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2012. <http://www.mpifg.de/pu/mpifg_dp/dp12-8.pdf>
  •  Robert K. Merton: Der Matthäus-Effekt in der Wissenschaft. In: R. K. Merton (Hrsg.): Entwicklung und Wandel von Forschungsinteressen. Suhrkamp, Frankfurt 1985, ISBN 3-518577107, S. 147f.
  •  Robert K. Merton: The Matthew Effect in Science. In: Science. Bd. 159, Nr. 3810, Washington DC 1968, S. 56–63 (pdf; 2,5 MB).
  •  Robert K. Merton: The Matthew Effect in Science, II. In: Isis. Bd. 79, 1988, S. 600–623 (pdf; 2,22 MB).
  • Harriet Zuckerman: Dynamik und Verbreitung des Matthäus-Effekts. Eine kleine soziologische Bedeutungslehre. In: Berliner Journal für Soziologie. Bd. 20, 2010, S. 309-340.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mark Lutter: Soziale Strukturen des Erfolgs: Winner-take-all-Prozesse in der Kreativwirtschaft. MPIfG Discussion Paper 12/7, Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2012, S. 11. <http://www.mpifg.de/pu/mpifg_dp/dp12-7.pdf>
  2. Knut Schwippert, Wilfrid Bos, Eva-Maria Lankes (2003): Heterogenität und Chancengleichheit am Ende der vierten Jahrgangsstufe im internationalen Vergleich, S. 295. In: Bos et al.: Erste Ergebnisse aus IGLU: Schülerleistungen am Ende der vierten Jahrgangsstufe im internationalen Vergleich. Münster: Waxmann, 2003