Max Riccabona

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Max Riccabona (* 31. März 1915 in Feldkirch; † 4. Oktober 1997 in Lochau, Vorarlberg) war ein österreichischer Maler, Autor und Rechtsanwalt.[1]

Leben und Werk[Bearbeiten]

Nach der 1934 erfolgten Matura am Bundesgymnasium Feldkirch hat Riccabona, der Sohn eines Feldkircher Rechtsanwaltes, ein Jus-Studium in Graz begonnen. Während dieses Studiums wurde er 1934 Mitglied der K.Ö.St.V. Traungau Graz.[2] Es folgten Sommerkurse in Paris, Cambridge, Perugia und Salamanca.[1] Von 1936 bis 1938 machte Riccabona eine Ausbildung an der Wiener Konsularakademie.[1] In Wien arbeitete er - laut eigenen unbelegten Angaben, welche er 1945 bei seiner Entlassung aus dem KZ-Dachau machte[3] - in konspirativen Zirkeln im Widerstand gegen den Nationalsozialismus mit und war - gleichfalls laut eigenen unbelegten Angaben - für den englischen Geheimdienst tätig.[1] Von 1939 bis 1940 war Riccabona zwei Monate in Paris und arbeitete dort - laut eigenen Angaben - für verschiedene Zeitungen.[1] 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, machte den Frankreichfeldzug[3] als Soldat mit und wurde danach im selben Jahr Sonderführer im Stalag XVIIa (Kaisersteinbruch). Ende 1940 wurde er aus der Wehrmacht vermutlich wegen seiner – nach der zeitgenössischen Terminologie – "Wehrunwürdigkeit" als sogenannter Halbjude[3] entlassen, Mitte 1941 in Wien verhaftet, und ins Polizeigefängnis Salzburg überstellt. Von 1942 bis 1945 im KZ Dachau[1], wo er dem Revierpersonal des KZ-Arztes Sigmund Rascher angehört hat und bis zur Befreiung des Konzentrationslagers inhaftiert blieb. Sein Vater schützte während der NS-Herrschaft seine sogenannt jüdische Ehefrau und deren sogenannt jüdischen Bruder vor den laufenden Ausgrenzungen und Schikanen und vor der Verschleppung und Ermordung im Osten, und war auch laufend mit finanziellen Bestechungen für seinen Sohn im KZ-Dachau aktiv, damit Max im KZ Funktionshäftling wurde und blieb, und damit überleben konnte.[3]

Nach Kriegsende kehrte Riccabona nach Vorarlberg zurück, wo er sich in der Widerstandsbewegung engagierte [1] und 1946 Vorsitzender der Österreichisch-demokratischen Freiheitsbewegung wurde. Er wurde mit Josef Böckle, Max Haller, Rudolf Högler und Claus Pack bekannt.[1] 1949 promovierte er an der Universität Innsbruck und trat als Rechtsanwaltsanwärter in die Kanzlei seines Vaters Gottfried Riccabona ein, der als langjähriger Präsident der Vorarlberger Rechtsanwaltskammer großes Ansehen genoss. Nach dessen Tod (1964) übte Riccabona noch bis 1967[1] den Beruf als Rechtsanwalt auf seine eigene Art aus:

„Aufgaben wie jene als schlecht bezahlter Pflichtverteidiger, die jeder Rechtsanwalt turnusmäßig übernehmen musste [...] begegnete er mit Schalk und Provokation, bis man ihn mit derlei Belästigung in Ruhe ließ. Oft und gerne erzählte er die Geschichte seiner letzten Pflichtverteidigung, als er einen LKW-Fahrer zu verteidigen hatte, der einen Radfahrer übersehen, niedergestoßen und verletzt hatte. Riccabona plädierte auf Freispruch, indem er auf die Paläontologie und Darwin verwies: Niemandem würde es einfallen, argumentierte er, einen Dinosaurier zur Verantwortung zu ziehen, wenn er irgendein Kriechtier zertreten hätte. Auch im Straßenverkehr sollte man, wie in anderen Lebensbereichen, das Recht des Stärkeren als Selektionsprinzip akzeptieren. Mit diesem Plädoyer hatte er sich zwar einer lästigen Pflicht auf Dauer entledigt und den Richter, einen ehemaligen Nationalsozialisten geärgert, zugleich aber seinen Ruf als seriöser Rechtsanwalt beschädigt. Aber darauf steuerte er ohnehin zu.[4]

Im Mai 1967 wurde Riccabona teilweise entmündigt[5] und war anschließend vor allem durch seine Berichte über seine – teils nur vorgeblichen – persönlichen Begegnungen mit James Joyce (1932), Joseph Roth (1939) und Ezra Pound (1959), seine Arbeit an seiner Tragikomödie des x-fachen Dr. von Halbgreyffer oder Protokolle einer progressivsten Halbbildungsinfektion sowie mit seiner Tätigkeit im monarchistischen Widerstand als Vorarlberger Original bekannt.

Riccabona war Mitglied in der Grazer Autorenversammlung und bei Literatur Vorarlberg.[1] Seine Geschichten fanden vor allem bei der Grazer- und Wiener Literaturszene großes Interesse und Zustimmung. Zu seinen literarischen Anhängern und Freunden zählen unter anderem Wolfgang Bauer, Manfred Chobot, Gerhard Jaschke, Reinhard Priessnitz und Hermann Schürrer.

Stand der biografischen Forschung[Bearbeiten]

Riccabonas literarische Freunde und auch die Vertreter der Literaturwissenschaft haben die Berichte und Schilderungen des teilentmündigten Riccabona ungeprüft als Augen- und Zeitzeugenberichte übernommen und in Artikeln und Lexikoneinträgen als Tatsachen überliefert. Ihr Wahrheits- bzw. Faktengehalt ist höchst fraglich, wesentliche Aspekte von Riccabonas Biografie wurden Jahrzehnte lang nicht auf ihre Plausibilität und Wahrhaftigkeit überprüft, was vor allem der Vorarlberger Schriftsteller Kurt Bracharz immer wieder thematisiert hat:[6] „Sie sind allerdings meines Wissens nirgendwo belegt oder durch eine andere Person beglaubigt, jedenfalls nicht für die von Riccabona stets behauptete, insbesondere in der Beziehung zu Joseph Roth weitgehende freundschaftliche Intimität. In dem Essay-Band (= Johann Holzner und Barbara Hoiß (Hrsg.): Max Riccabona. Bohemien. Schriftsteller. Zeitzeuge.) werden Riccabonas diesbezügliche Berichte offenbar von den meisten Autorinnen und Autoren mehr oder minder fraglos akzeptiert.“[7]

Erste Korrekturen zu Riccabonas Biografie hat im Jahr 2001 die Vorarlberger Literaturwissenschaftlerin Petra Nachbaur angebracht und klargestellt, dass er weder Offizier noch von, geschweige denn Graf war, als welcher er sich 1939 Joseph Roth und dessen Pariser Freundes- und Bekanntenkreis vorgestellt hat. [8] [9]

Nachbaur hat auch Riccabonas legendäre Tätigkeit für einen Geheimdienst hinterfragt: Riccabona spricht im Nachhinein von seinem Frankreichaufenthalt als gezieltem Einsatz 'als geheimer Kurier für eine tyrolisch monarchistische Widerstandsbewegung', diese Gruppe ist allerdings in den einschlägigen Archiven und Publikationen nicht dokumentiert.[9]

Darüber hinaus hat sie dargelegt, dass Riccabona den Zeitraum seiner kurzen Bekanntschaft mit Joseph Roth im Lauf der Zeit verdoppelt und verdreifacht hat, um dieser und sich mehr Bedeutung beimessen zu können:

„Max Riccabona ist am 11. April [1939] in Paris angekommen. Am 27. Mai ist Joseph Roth gestorben, die Bekanntschaft beschränkt sich also auf eineinhalb Monate. In Briefen an [David] Bronsen und Ingeborg Sültemeyer versuchte Riccabona, diese Zeitspanne als länger darzustellen, wohl um sich mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Anfang März, heißt es bei ihm, gelegentlich sogar Anfang Februar sei er schon nach Paris gekommen. Soma Morgensterns Erinnerungen hingegen, der schreibt, dass Riccabona erst seit ein paar Wochen in der Stadt war, treffen wohl zu. Riccabona äußert in Briefen aus den sechziger Jahren sogar, gemeinsam mit Friederike Zweig als Nachlassverwalter von Joseph Roth vorgesehen gewesen zu sein.[9]

Später hat der Vorarlberger Historiker Werner Dreier Riccabonas Haftzeit im KZ Dachau untersucht und im Hinblick auf Riccabonas Zugehörigkeit zum Revierpersonal des KZ-Arztes Sigmund Rascher einige Aspekte gestreift, die bis dahin unbedacht geblieben sind:

„Wir wissen nicht, wie nahe der Häftling Max Riccabona bei den medizinischen Versuchen und den damit verbundenen Verbrechen war und wie lange. Schon gar nicht wissen wir, was er tat oder nicht tat. Wir wissen allerdings, unter welch schrecklichen Umständen er im KZ Dachau existierte und mit wem er zusammen war. Das lässt darauf schließen, dass er in Dachau furchtbare Dinge sah und geschehen lassen musste, dass er dabei war oder davon wusste - und dass er immer am eigenen Leben bedroht war. Fest steht, dass er nach 1945 im Gegensatz zu anderen Funktionshäftlingen nicht wegen Mittäterschaft belangt wurde.[3]

Eindeutig widerlegt ist inzwischen Riccabonas legendäre Begegnung mit dem irischen Schriftsteller James Joyce, die 1932 in Feldkirch stattgefunden und Riccabonas Leben und Werk besonders geprägt haben soll. Der Wiener Germanist Andreas Weigel konnte nachweisen, dass der damals 17-jährige Max Riccabona während jener drei Wochen, die Joyce im Sommer 1932 in Feldkirch verbrachte, selbst in der „Deutschen Heilstätte“ in Davos in stationärer Behandlung war, was durch Briefe und Postkarten verbürgt ist, die Riccabona damals seiner Mutter geschrieben hat, „weshalb die ihn nachhaltig prägende Begegnung mit Joyce getrost als Münchhausiade zu Grabe getragen werden kann“.[10]

Auch Riccabonas Augenzeugenbericht, dass der Schriftsteller Stefan Zweig seinen Freund Joseph Roth noch ein paar Wochen vor dessen Tod in Riccabonas Beisein in Paris getroffen habe,[11] ist eine Erfindung, die sich durch Dokumente (Briefwechsel zwischen Roth und Zweig sowie Zweigs damaligen Aufenthalt in England) zweifelsfrei widerlegen lässt und von Andreas Weigel auch widerlegt wurde.[12]

Riccabona lebte nach der im Mai 1967 erfolgten Entmündigung bis zu seinem Tod in einem Heim in Lochau.[1]

Anerkennungen[Bearbeiten]

Einzelausstellungen[Bearbeiten]

Publikationen[Bearbeiten]

  • Riccabona veröffentlichte auch unter den Pseudonymen „Spectator alpinus“[13] bzw. „Eduard von Hochpruck“[14].
  • Übersetzungen der Autoren Ezra Pound, Henry de Montherlant, Ives Becker.[1]
  • Bauelemente zur Tragikomödie des x-fachen Dr. von Halbgreyffer oder Protokolle einer progressivsten Halbbildungsinfektion (1980).
  • Poetatastrophen (Herausgegeben von Wilhelm Meusburger und Helmut Swozilek) (1993).
  • Max Riccabona: Auf dem Nebengeleise. Erinnerungen und Ausflüchte. Herausgegeben von Ulrike Längle (1995).

Literatur[Bearbeiten]

  • Vorarlberger Landesmuseum: Max Riccabona. Katalog herausgegeben von Wilhelm Meusburger und Helmut Swozilek. Bregenz. 21. Juni bis 3. September 1989.
  • Helmuth Schönauer: Nackte Normalsauen. Max Riccabonas Poetatastrophen für UFO-Leser. In: Gegenwart. Nr 20; 1994; Seite 48/49.
  • Johann Holzner und Barbara Hoiß (Hrsg.): Max Riccabona. Bohemien. Schriftsteller. Zeitzeuge (2006) (= Edition Brenner-Forum, Bd. 4).
  • Andreas Weigel: Max Riccabonas erfundene Begegnung mit James Joyce. Erforderliche Korrektur einer zweifelhaften Zeitzeugenschaft. In: „miromente“. Nr. 25. September 2011. S. 34-44.
  • Andreas Weigel: Max Riccabonas "James Joyce"-Münchhausiaden. Berichtigung seiner zweifelhaften Zeitzeugenschaft. In: Rheticus. Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft. Nr.55 (2012). S. 92-107.
  • Kurt Bracharz: Max Riccabonas Geburtstag jährt sich zum hundertsten Mal – Eine Frage an die Riccabona-Forschung. In: Kultur. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft. Dezember 2014/Jänner 2015. S. 72–76.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g h i j k l m n o Kurzbiografie und Quellen, S. 259-260. In: Susanne Fink, Cornelia Rothmund: Bildende Kunst in Vorarlberg. 1945–2005. Biografisches Lexikon. Vorarlberger Landesmuseum, Kunsthaus Bregenz, Bucher-Verlag, Hohenems 2006, ISBN 978-3-902525-36-9. Der Beitrag enthält zahlreiche direkt von Max Riccabona stammende biografische Behauptungen, von denen die meisten bislang ungeprüft sowie einige inzwischen klar widerlegt wurden.
  2. Max Riccabona: Auf dem Nebengeleise. Erinnerungen und Ausflüchte. S. 108.
  3. a b c d e Werner Dreier: Max Riccabona im KZ Dachau. Worüber er nicht schreiben konnte. Zuerst erschienen in: Johann Holzner und Barbara Hoiß (Hrsg.): Max Riccabona. Bohemien. Schriftsteller. Zeitzeuge (2006). S. 41-50.
  4. Meinrad Pichler: Vom angehenden Diplomaten zum ausschweifenden Literaten. In: Johann Holzner und Barbara Hoiß (Hrsg.): Max Riccabona. Bohemien. Schriftsteller. Zeitzeuge (2006), S. 31-40. In einer Anmerkung hält Meinrad Pichler fest, dass Riccabona ihm diese Anekdote in den 1970er Jahren erzählt habe. Ohne den Nachweis durch allfällige Gerichtsakten bzw. Zeitungsgerichtssaalberichte ist möglicherweise auch diese Geschichte bloß eine weitere Münchhausiade.
  5. „Tabellarischer Lebenslauf“. In: Johann Holzner und Barbara Hoiß (Hrsg.): Max Riccabona. Bohemien. Schriftsteller. Zeitzeuge (2006). S. 253-255.
  6. Kurt Bracharz: metasuperMAXimal. In: Kultur. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft. Nr. 7 (1989). S. 7.
  7. Kurt Bracharz: „… in seinem Kern nicht so gewaltig.“ In: „Miromente“. Nr. 7 (2007). S. 15ff. S. 16.
  8. Soma Morgenstern: Brief an Max Riccabona. 30. Dezember 1963.
  9. a b c Petra Nachbaur: Tischgespräch übern Atlantik? Soma Morgenstern und Max Riccabona – zwei Briefe. In: Exil. Forschung. Erkenntnisse. Ergebnisse. Nr. 2 (2001). S. 74-81.
  10. Andreas Weigel: Max Riccabonas erfundene Begegnung mit James Joyce. Erforderliche Korrektur einer zweifelhaften Zeitzeugenschaft In: „miromente“. Nr. 25. September 2011. S. 34-44.
  11. „Ich erinnere mich an einen kurzen Besuch Stefan Zweigs, welcher sagte: ‚Ja, wenn ich so gut schreiben könnte wie Du.‘ Er gab die dichterische Überlegenheit Roths vor allen am Tisch Anwesenden zu.“ (Max Riccabona: „Alphonse, un Pernod sʼil vous plaît ...“. Aus den letzten Tagen von Josef [sic!] Roth. In: „St. Galler Tagblatt“. Sonntag, 10. August 1969. Feuilleton. Sonntagsbeilage. Nr. 370. S. 7.) Riccabonas Beitrag wurde wenig später leicht geändert in der „FAZ“ nachgedruckt: „Ich erinnere mich an einen kurzen Besuch Stefan Zweigs und an den einen Satz Zweigs ‚Ja, wenn ich so gut wie du schreiben könnte ....‘ Er gab die dichterische Überlegenheit Roths vor allen am Tisch Anwesenden zu.“ (Max Riccabona: Herr Roth im Café Tournon. Erinnerungen aus den letzten Tagen Joseph Roths. In: „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 10. September 1969. Feuilleton. S. 32.)
  12. Andreas Weigel: Max Riccabonas "James Joyce"-Münchhausiaden. Berichtigung seiner zweifelhaften Zeitzeugenschaft. In: Rheticus. Schriftenreihe der Rheticus-Gesellschaft. Nr.55 (2012). S.92-107. S.105.
  13. Armin Eidherr: Riccabona, Max. Lexikoneintrag.
  14. Petra Nachbaur: Max Riccabona. Biografischer Abriss.