NEET

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NEET (engl., niːt) ist ein Akronym des Begriffs Not in Education, Employment or Training, nicht in Ausbildung, Arbeit oder Schulung, und bezeichnet die Gruppe Jugendlicher und junger Erwachsener, die keine Schule besuchen, keiner Arbeit nachgehen und sich nicht in beruflicher Ausbildung befinden und dies auch nicht unmittelbar anstreben.

Zum Begriff[Bearbeiten]

Die Bezeichnung wurde von der britischen Regierung geprägt, zunehmend wird sie aber weltweit in Bildungsstatistiken verwendet. Im spanischen Sprachraum findet sich auch der Ausdruck Nini oder Ni-ni (‚weder … noch‘, in Bezug auf Ni trabaja, ni estudia, ni recibe formación).

Ursachen[Bearbeiten]

Verschiedene Ursachen liegen der Entstehung des NEET-Phänomens zugrunde. Dabei wird zwischen Ursachen auf der Makro-Ebene (der Gesellschaft des Landes, Schulsystem und generelle Arbeitsbedingungen), der Meso-Ebene (einzelne Schule, Firma, Ort) und der Mikro-Ebene (der einzelnen Person) unterschieden.

Am Beispiel Japans:

  • Ursachen auf der Makro-Ebene: Als eine Ursache für das Entstehen der NEETs wird ein Wertewandel in der japanischen Gesellschaft betrachtet: Die heutigen jungen Erwachsenen sind im Gegensatz zu früheren Generationen nicht mehr bereit, jede ihnen zugewiesene Arbeit widerspruchslos anzunehmen und auszuführen, sondern sie entscheiden selbst, ob eine Arbeit ihren persönlichen Vorstellungen und Ansprüchen entspricht.[1] Aber auch das inflexible Beschäftigungssystem und die in der japanischen Bevölkerung tief verwurzelte Scheu, Probleme nach außen zu tragen und Hilfe zu suchen, fördern das Entstehen von NEETs.
  • Ursachen auf der Mikro-Ebene: Davon abgesehen wird die individuelle Entscheidung einer Person, sich zu einem NEET zu entwickeln, begünstigt von verschiedenen Faktoren[2] wie
    • Persönlichkeitsmerkmale, insbesondere Reizbarkeit, Überempfindlichkeit, Unfähigkeit sich an neue Situationen anzupassen und Schüchternheit, wobei diese Eigenschaften insbesondere bei unbehandeltem AD(H)S hervorgerufen werden,
    • familiäre Gründe wie die Unfähigkeit der Eltern, ihr Kind angemessen zu unterstützen, oder Scheidung/Verlust eines Elternteils,
    • schulbezogene Gründe, beispielsweise Mobbing, Überforderung und Druck in Bezug auf Schulleistungen, keine Unterstützung bei Schwierigkeiten in der Schule, oder
    • arbeitsbezogene Gründe, insbesondere Unzufriedenheit mit dem gewählten Beruf und der Behandlung durch Vorgesetzte, lange Arbeitszeiten und Stellenabbau im Unternehmen.

Für Europa werden zwei Ursachen für NEET-Jugendliche ausgemacht:

  • Zum einen die sozial und in der Arbeitswelt insgesamt benachteiligte Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Die Jugendlichen aus armen und bildungsfernen Familien bilden die größte Gruppe der NEETs.
  • Zum anderen Kinder sozial höherer Schichten, in denen kein direkter Erwerbsdruck herrscht (Hotel Mama-Effekt). Bei Kurzzeit-NEETs könnte es sich um Freijahre im Sinne des Sabbaticals handeln, die den Kindern zugestanden werden: Da die Lebenserwartung heutiger Jugendlicher bei voraussichtlich durchschnittlich 90 Jahren liegt, also ein weitaus längeres Arbeitsleben absehbar ist, und das klassische Pensionssystem schon jetzt prinzipiell in Frage steht, wird eine sorgfältige Bildungswahl höher beurteilt, auch dann, wenn darin Unterbrechungen entstehen, und sich der Bildungsgang in die Länge zieht.

Klassifikation von NEET-Typen[Bearbeiten]

NEETs lassen sich grob in zwei Gruppen unterteilen: Der eine Teil der Personen gibt an, zukünftig wieder ein Arbeitsverhältnis aufnehmen zu wollen, die andere Hälfte strebt hingegen langfristig keine Beschäftigung an.[3]

Reiko Kosugi, stellvertretende Leiterin des Japan Institute for Labor Policy and Training, unterscheidet vier unterschiedliche Typen von NEETs[4], nämlich

  • den antisozialen und hedonistischen Typ, der es schlicht bequemer findet, nicht zu arbeiten,
  • den zurückgezogenen Typ, der nicht in der Lage ist, sich in die Gesellschaft zu integrieren, und sich daher abkapselt,
  • den paralysierten Typ, der durch zu viel Nachdenken zur Passivität gezwungen ist und daher nicht in der Lage ist, sich eine Arbeit zu suchen, sowie
  • den entzauberten Typ, der bereits Arbeitserfahrung hat und aufgrund dieser Erfahrungen keine weiteren Arbeitserfahrungen zu machen wünscht.

Verwandte Phänomene[Bearbeiten]

Freeter sind ebenfalls in dieser Altersgruppe anzusiedeln; sie vermeiden feste Arbeitsverhältnisse und gehen ständig wechselnden Gelegenheitsjobs nach. Im Japanischen spricht man von Hikikomori als jungen Erwachsenen, die sich von der Gesellschaft abkapseln und sich von ihren Eltern finanzieren und versorgen lassen, auch der Begriffe Parasitärer Single wird genannt.
Wenn es sich um ein Wohlstandsphänomen handelt, bezeichnet man solche Personen als Privatier.

Nationales[Bearbeiten]

Österreich[Bearbeiten]

Österreich gilt in Bezug auf Jugendarbeitslosigkeit in Europa als vorbildlich, selbst nach der Wirtschaft- und Finanzkrise seit 2007 liegt Arbeitslosenquote unter 4 % (2011: 4,2 % bzw. 6.7 % österreichischer Berechnung). Eine jüngste Erhebung des Instituts für Soziologie der Universität Linz in Zusammenarbeit mit der Arbeiterkammer Oberösterreich[5] ermittelt aber für Österreich etwa 75.000 NEET-Jugendliche im Alter zwischen 16 und 24 Jahren, das sind 8,2 % der Altersgruppe.[6][7] Bei dieser Studie wurden erstmals detailliert Zahlen zu diesem bisher wenig berücksichtigten Faktor erhoben.[6]
Dabei sind die NEET-Zahlen niedrig in Tirol, Oberösterreich und Salzburg (um 7,5 % gesamt), aber in Vorarlberg (9,2 %) und in Wien (11,1 %) überraschend hoch.[8]

Unter dieser Gruppe werden zwei spezielle Risikogruppen ausgemacht:

  • Frauen, mit durchschnittlich knapp 9 % – unter den Männern sind es 7,5 %. Ein möglicher Grund liegt laut Studie darin, „dass männliche Jugendliche leichteren Zugang zu Lehrstellen finden bzw. auch öfters Hilfstätigkeiten in jungen Jahren annehmen und somit aus diesem Indikator herausfallen“.
  • Jugendliche der ersten Migranten-Generation gehören zu 18,8 % (also fast ein fünftel dieser Gruppe), bei in Österreich geborenen zu 11,7 % – Jugendliche ohne Migrationshintergrund: 6,5 %, das Ausgrenzungsrisiko der ersten Generation ist fast drei Mal so hoch.

Ein insgesamt signifikant höheres Risiko trifft also Migrantinnen: ein Viertel (knapp 24 %) der 16- bis 24-jährigen Frauen der ersten Generation sind vom NEET-Phänomen betroffen (Männer: 13,5 %). Daher wird Ergebnis der Studie in Österreich primär als „ein Integrationsthema“ gesehen.[9]

Inwieweit es sich aber um Langzeitaussteiger – also entweder echte Bildungsabbrecher oder Wiedereinsteiger in die Erwachsenenbildung – handelt, oder nur kurzzeitiges Drop-out aus dem Bildungsweg (im Sinne eines Sabbaticals), wurde nicht näher ermittelt: Die Quote der Österreicher ohne Bildungsabschluss (auch beruflich, das heißt nur mit Pflichtschulabschluss), also der formal gering Qualifizierten (Bildungsabschluss ISCED 2/3C), liegt in Österreich bei 20 %. Darunter fallen aber auch rein innerbetrieblich Weitergebildete oder hochqualifizierte Selbständige, die sich ihr Berufsbild eigenständig erarbeitet haben.

In einer neueren umfassenden Studie des ISW-Linz (ISW), des Instituts für Soziologie der JKU (Universität Linz) und des Instituts für Berufs- und Erwachsenenbildungsforschung (IBE) wurden nach einer internationalen Literatursichtung die Ursachen quantitativ und qualitativ untersucht. Gemeinsam mit Praktiker und Ptaktikerinnen wurden Maßnahmen entwickelt. Für den Gedankenaustausch wurde eine Homepage eingerichtet.

Japan[Bearbeiten]

Gesellschaftliche Relevanz[Bearbeiten]

Nach einem Anstieg der NEET-Zahlen in Japan um die Jahrtausendwende, umfasst die Gruppe der NEETs seitdem relativ stabil rund 640.000 Menschen (Statistik aus dem Jahr 2008)[10], also rund 0,5 % der japanischen Bevölkerung. Die japanische Regierung bewertet dies als gesellschaftlich und ökonomisch hoch problematisch und investiert daher seit 2003 in verschiedene, teilweise präventive, Fördermaßnahmen, um die Zahl der NEETs zu verringern.[11]

Rezeption in der japanischen Literatur[Bearbeiten]

In der japanischen Prekariatsliteratur wird neben Freetern (siehe Freeter-Literatur) und Hikikomori zunehmend auch die Thematik der NEETs aufgegriffen. Beispiele aus der Light-Novel-/Manga-Literatur bzw. dem Anime sind Higashi no Eden, NHK ni Yōkoso! oder Kami-sama no Memo-chō.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. René Haak, Ulrike Maria Haak: Arbeitswelten in Japan: Werte im Wandel, Strukturen im Umbruch. Eine Einführung. Skriptum o.D. (pdf, dijtokyo.org).
  2. Khondaker Mizanur Rahman: NEETs’ Challenge to Japan: Causes and Remedies. Skriptum o.D. (pdf, dijtokyo.org).
  3. Yūji Genda: Jobless Youths and the NEET Problem in Japan. In: Social Science Japan Journal, Volume 10, Issue 1, S. 23–40 (abstract, en, The Author 2007/Oxford University Press)
  4. Foreign Press Center Japan: 850.000 junge Menschen ohne jeden Bezug zur Arbeit, Japan Brief, 8. April 2005 (de)
  5. Berechnungen auf Basis des jüngsten Mikrozsensus der Statistik Austria, 2012, siehe Mikrozensus ab 2004, statistik.at
  6. a b Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatJugendliche ohne Ausbildung und Job. In: Unsere Positionen » Arbeitswelt » Arbeitsmarktpolitik. Arbeiterkammer Oberösterreich, 27.02.2012, abgerufen am 13. März 2012.
  7. Vorlage:Internetquelle/Wartung/Datum nicht im ISO-FormatJeder fünfte junge Migrant ohne Ausbildung oder Job. In: DiePresse.com. o.D., abgerufen am 13. März 2012.
  8. vergl. Jugendliche weder in (Aus)Bildung, Beschäftigung noch Training (NEET) (Anteil in % der 16 - 24-Jährigen, Durchschnitt der Jahre 2008 - 2010 ), Grafik (pdf; 266 kB), arbeiterkammer.com
  9. Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP), zitiert in DiePresse.com
  10. The Ministry of Health, Labour and Welfare: Employment measures in Post-Financial Crisis Japan. Juli 2009 (pdf, mhlw.go.jp, en).
  11. The Ministry of Health, Labour and Welfare: Creating working opportunities and enabling environment for young people. Country Report for the Symposium on Globalization and the Future of Youth in Asia, 2 and 3 December 2004, Tokyo, (pdf, mhlw.go.jp, en).