Paruresis

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Klassifikation nach ICD-10
F40.2 Spezifische (isolierte) Phobien
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Unter einer Paruresis (umgangssprachlich auch schüchternen Blase) versteht man eine Blasenentleerungsstörung unterschiedlichen Schweregrades – von mehr oder weniger langem Warten bis zum Beginn der Miktion, einer unvollständigen Blasenentleerung bis hin zur Unmöglichkeit überhaupt urinieren zu können – unter der Betroffene hauptsächlich auf öffentlichen Toilettenanlagen beziehungsweise außerhalb des privaten Wohnbereiches leiden und die sich meist während der Pubertät entwickelt. Es handelt sich dabei um eine psychische Störung, nämlich eine Form der sozialen Phobien, die wiederum eine Unterform der Angststörungen darstellen. Die Bezeichnung selbst wurde 1954 von G. W. Williams und E. T. Degenhardt eingeführt.

Trotz der weiten Verbreitung und des teils großen Leidensdrucks ist der Begriff zumeist nicht einmal den Betroffenen bekannt. Auch gibt es in der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur bis dato kaum Veröffentlichungen zum Thema. Somit verfügen selbst Ärzte und Psychotherapeuten meist über wenig Informationen. Die Therapie richtet sich nach den Grundsätzen zur Behandlung sozialer Phobien.

Ursachen[Bearbeiten]

Körperliche Komponente[Bearbeiten]

Paruresis gründet auf einer psychisch bedingten Anspannung des Sphinkters, die das Wasserlassen erschwert oder unmöglich macht. Diese Anspannung lässt sich auf psychische Faktoren wie Angst und Stress zurückführen. Entspannungsübungen wie autogenes Training oder Tiefenentspannung können einem Betroffenen helfen, die Kontrolle über die Blasenmuskeln zurückzugewinnen. Schwerer als die körperliche Komponente wiegt aber die psychische Ursache.

Psychische Komponente[Bearbeiten]

Urinale mit Schamwänden

Durch ein Referenzerlebnis erfährt der Betroffene zum ersten Mal eine paretische Reaktion (oft in der Pubertät), die einen derart prägenden Eindruck hinterlässt, dass er ab dem Zeitpunkt des Erlebnisses keine Toilette mehr unbefangen aufsuchen kann. Die Ursache des Referenzerlebnisses kann mannigfaltig sein: Vom Minderwertigkeitskomplex bis hin zu Stress in der Schule oder Streit mit der Familie. Auf Grund des Referenzerlebnisses verknüpft das Unterbewusstsein die Umstände der ersten paretischen Reaktion mit der Anspannung der Harnröhrenschließmuskeln, was in der Regel dazu führt, dass die Miktionsstörung auf die Anwesenheit anderer Personen zurückgeführt wird, obwohl die Ursache ganz woanders liegen kann. Diesen Mechanismus bezeichnet man als Konditionierung (siehe Iwan Petrowitsch Pawlow).

Der unmittelbare Eindruck eines Paruresispatienten basiert auf der gefühlten Gewissheit, dass ihn andere Menschen auf der Toilette beobachten und bewerten und sich – im Falle des Versagens – über ihn lustig machen. Bei männlichen Patienten ist zu beobachten, dass diese ihre Männlichkeit oft an der Fähigkeit, am Pissoir Wasser lassen zu können, festmachen.

Betroffene sprechen in den seltensten Fällen über ihre Krankheit, da die Schamgrenze zu hoch ist. Befürchtungen, verspottet oder nicht ernst genommen zu werden, sorgen für die zunehmende soziale Isoliertheit eines Patienten.

Patienten wollen ihre Paruresis vor anderen Menschen (Freunde, Familie, Bekannte, etc.) verbergen, was dazu führt, dass Paruresis ein Schattendasein fristet.

Literatur[Bearbeiten]

  • Philipp Hammelstein: Lass es laufen! Ein Leitfaden zur Überwindung der Paruresis. 2005, Pabst Science Publishers, Lengerich, ISBN 3-89967-221-6.
  • Philipp Hammelstein, Britta Jäntsch, Winfried Barnett: Paruresis. Ein bisher vernachlässigtes psychotherapeutisches Problem. Psychotherapeut, 2003, 48: 260-263. (PDF-Datei)
  • Heinz Alexander: Nie wieder gehemmt pinkeln
  • Steven Soifer u. a.: Shy Bladder Syndrome (nur auf englisch verfügbar), ISBN 1-57224-227-2
  • Carol Olmert: Bathrooms Make Me Nervous: A Guidebook for Women with Urination Anxiety (nur auf englisch verfügbar), ISBN 978-0-615-24024-4

Weblinks[Bearbeiten]

Gesundheitshinweis Dieser Artikel bietet einen allgemeinen Überblick zu einem Gesundheitsthema. Er dient nicht der Selbstdiagnose und ersetzt keine Arztdiagnose. Bitte hierzu diese Hinweise zu Gesundheitsthemen beachten!