Phoebuskartell

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Das Phoebuskartell war ein Gebiets-, Normen- und Typenkartell, das im Dezember 1924 in Genf von den international führenden Glühlampenherstellern gegründet wurde. Ziel des Kartells waren Absprachen zum Austausch von Patenten und technischen Informationen sowie die Aufteilung des Weltmarktes für Glühlampen unter den Beteiligten.[1]

Bekannt wurde das Kartell in neuerer Zeit durch die Absprache zur Begrenzung der Lebensdauer von Glühlampen auf 1.000 Stunden. Es ist umstritten, ob es sich hierbei eine legitime Normung oder eine illegitime Kartellabsprache handelte. Das Kartell existierte nachweislich bis mindestens 1942. Der Name leitet sich von der 1926 in Genf eingetragenen Firma Phoebus S.A. Compagnie Industrielle pour le Développement de l'Éclairage ab, an der die Kartellmitglieder Anteile gemäß ihren Marktanteilen hielten.[2]

Regulierungen durch das Kartell[Bearbeiten]

Standardisierung der Lebensdauer[Bearbeiten]

Eine der zentralen Übereinkünfte des Kartells war eine Standardisierung der Lebensdauer von Glühbirnen auf 1000 Stunden. Um die Brenndauer der Glühbirnen zu reduzieren und den Standard zu überwachen, wurde ein erheblicher technischer Aufwand betrieben.[3]

Die Standardisierung der Lebensdauer durch das Kartell wird oftmals als Beispiel für geplante Obsoleszenz in der Industrie angeführt.[4] Andere qualifizieren die Obsoleszenz-Theorie als Verschwörungstheorie.[5]

Bei Glühlampen existiert ein Zielkonflikt zwischen den Parametern

  1. Lebensdauer
  2. Helligkeit und
  3. Stromverbrauch.

Jeder der drei Parameter muss vor allem zulasten der anderen Parameter optimiert werden. Seit den 1920er Jahren hat es keine wesentlichen Verbesserungen der Lebensdauer durch Innovationen im Material des Glühfadens gegeben, zu den Möglichkeiten wesentlicher Verbesserungen äußerten sich Experten skeptisch.[6]

Bei fehlender Standardisierung kann ein Wettbewerb zwischen den Anbietern über die Optimierung einzelner Parameter stattfinden, wobei die Käufer gezielt in die Irre geführt werden können. Die Standardisierung der Lebensdauer führte daher, so die Argumentation des am Kartell beteiligten Glühlampenherstellers Osram, zu einem faireren Wettbewerb und größerer Transparenz bei Kaufentscheidungen.[7] In internen Schreiben führten die beteiligten Firmen auch höhere Verkaufszahlen als Argument für eine niedrigere Lebensdauer an.[8][4]

Dass die meisten heute erhältlichen Standardglühlampen nicht länger als durchschnittlich 1000 Betriebsstunden halten, kann mit einem Kompromiss zwischen Lebensdauer und Lichtausbeute begründet werden – für Spezialanwendungen wie beispielsweise Verkehrsampeln werden Lampen mit erhöhter Lebensdauer produziert,[9] die jedoch etwa nur die halbe Lichtausbeute wie Allgebrauchslampen haben (380 lm gegenüber 730 lm).[10] (Vgl. auch diese Grafik im Artikel Glühlampe/Lebensdauer.)

Sonstige Absprachen[Bearbeiten]

Neben der Standardisierung der Lebensdauer wurden Wissenstransfer und uneingeschränkter Patentaustausch zwischen den Mitgliedsfirmen beschlossen, sowie eine Abgleichung der Produktionsmethoden und Vereinheitlichung von Lampenfassungen und -Sockeln. So setzte das Kartell die heute noch weltweit einheitlichen Lampensockel E27 und E14 durch.[11]

Zusätzlich teilte man den weltweiten Markt in Untermärkte auf, die lokal begrenzt waren (Gebietskartell). Jedem der Teilnehmer wurde ein „Heimmarkt“ zugestanden, in dem er, ohne die Konkurrenz der anderen Teilnehmer befürchten zu müssen, seine Produkte vertreiben konnte. Dies war effektiv, da die Mitgliedsfirmen des Phoebuskartells auf dem Weltmarkt zu dieser Zeit einen Marktanteil von über 80 % besaßen. So konnte jeder der Teilnehmer fast ohne nennenswerte Konkurrenz seine Produkte verkaufen, weshalb jeder die Preise auch fast nach Belieben ansetzen konnte.

Die Einhaltung der zugewiesenen Kontingente wurde intern ebenso streng überwacht wie die Beachtung der festgesetzten Produktlebensdauer; bei Zuwiderhandeln drohten finanzielle Sanktionen. Eine Tabelle aus dem Jahr 1929 etwa listet exakt auf, wie viele Schweizer Franken eine Firma zu bezahlen hatte, deren Lampen die 1000-Stunden-Grenze überschritten, gestaffelt nach Höhe der darüber hinausgehenden Brenndauer.[12]

Auflösung[Bearbeiten]

Nach dem Eintritt der USA in den Krieg im Jahr 1941 verschwand das Kartell offiziell. Für die Ansicht, es habe bis in die 1990er Jahre weiter existiert oder bestehe sogar noch heute, gibt es weder Beweise noch Gegenbeweise.

Rechtslage[Bearbeiten]

Im Oktober 1942 erhob die US-Regierung Anklage gegen General Electric und andere beteiligte Unternehmen wegen illegaler Preisabsprachen und unlauterem Wettbewerb.[12][13] Nach einem elf Jahre dauernden Rechtsstreit wurde General Electric 1953 verurteilt und unter anderem die Reduzierung der Lebensdauer von Glühlampen verboten;[12] zu einer geforderten Strafzahlung kam es jedoch nicht.[14]

Nach heutiger Rechtslage gilt dieses Kartell in Deutschland als ausnahmslos verbotenes Gebietskartell (Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen). Das Bundeskartellamt begründet das Verbot durch das generelle Verbot von Kartellen. Dieses kann nur in einigen Ausnahmefällen auf eine Prüfung der möglichen Kartellteilnehmer hin und nach Anhörung aller Beteiligten genehmigt werden. Ein Gebietskartell ist in jedem Fall illegal, da es

  • Unternehmen in ihrem Recht beschneidet, in jeden beliebigen Markt einzusteigen,
  • andere Marktteilnehmer benachteiligt, da sie nach wie vor mit allen anderen Teilnehmern konkurrieren müssen und
  • auf den neu entstandenen Untermärkten überhöhte Preise zu befürchten sind.

Mitglieder des Phoebuskartelles[Bearbeiten]

Am Phoebuskartell waren alle seinerzeitigen großen internationalen Hersteller von Glühlampen beteiligt, beispielsweise:

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Cosima Dannoritzer, Jürgen Reuß: Kaufen für die Müllhalde. Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz. orange-press, Freiburg 2013. ISBN 978-3-936086-66-9.
  • Markus Krajewski: Im Schlagschatten des Kartells. Anmerkungen zu Byron der Birne In: Bernhard Siegert, Markus Krajewski (Hrsg.): Thomas Pynchon. Archiv – Verschwörung – Geschichte, Band 15 von [me:dien^i], herausgegeben von Claus Pias, Lorenz Engell, Joseph Vogl, VDG, Weimar 2003, S. 73–107.
  • Markus Krajewski: Vom Krieg des Lichtes zur Geschichte von Glühlampenkartellen. In: Peter Berz, Helmut Höge, Markus Krajewski (Hrsg.): Das Glühbirnenbuch. edition selene, Wien 2001, S. 173–193.
  • 100 Jahre OSRAM (Firmenschrift 2006, pdf 4,66 MB), S. 33–34.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Technological roulette – a multi-disciplinary study of the dynamics of innovation in electrical, electronic and communications engineering; 4.7.13.2 The Phoebus Organisation. 2006, abgerufen am 23. März 2013 (PDF; 1890 kB, englisch).
  2. Phoebus SA., Compagnie Industrielle pour le Développement de l'Eclairage (Genève), Statuten und Geschäftsordnung, 1926, Genf
  3. Deutschlandradio Kultur: Der profitable Tod der Glühbirne, abgerufen am 29. August 2014
  4. a b Markus Krajewski: The Great Lightbulb Conspiracy. The Phoebus cartel engineered a shorter-lived lightbulb and gave birth to planned obsolescence. In: IEEE Spectrum. 24. September 2014, abgerufen am 10. Oktober 2014.
  5.  Markus Krajewski: Fehler-Planungen. In: Technikgeschichte. 81, Nr. 1, 2014, S. 95.
  6.  R. C. Koo, L. J. Parascandola und J. Shurgan: Pressure Effects of the Fill Gas on the Filament Life of an Incandescent Lamp. In: Journal of the Illuminating Engineering Society. 3, Nr. 4, 1974, doi:10.1080/00994480.1974.10732267.
  7. Lebensdauer. Osram, abgerufen am 17. Oktober 2014.
  8.  Markus Krajewski: Fehler-Planungen. 2014, S. 97,106.
  9. Datenblatt der OSRAM SIG 1541 LL (PDF; 127 kB)
  10. Krypton-Allgebrauchsglühlampe: 60 W, 730 lm (12 lm/W), 1000 h
  11.  Markus Krajewski: Fehler-Planungen. 2014, S. 106.
  12. a b c Dokumentarfilm von Cosima Dannoritzer, Kaufen für die Müllhalde, 75 Minuten, 2010. Online bei Vimeo
  13. Produkte für die Wegwerfgesellschaft, Verbraucherzentrale Sachsen, 3. Mai 2012
  14. Hardware mit Verfallsdatum, Focus, 2. Januar 2013
  15. a b c d Stefan Schridde und Christian Kreiß: Geplante Obsoleszenz: Entstehungsursachen, Konkrete Beispiele, Schadensfolgen, Handlungsprogramm. Gutachten im Auftrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen. Online: (PDF; 2,5 MB). Seite 13.
  16. Rechts- und Eigentumsform (1938–1945), darin Geschäftsbericht der ELIN Aktiengesellschaft 1939. Bestimmt für die einundvierzigste ordentliche Generalversammlung am 24. Juli 1940, Wien 1940, Selbstverlag der Gesellschaft; Web-Seite abgefragt am 2. Oktober 2011