Pogrom von Kielce

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt den zweiten Pogrom von Kielce im Jahr 1946. Der erste dortige Pogrom wird unter Pogrom von Kielce (1918) behandelt.

Mit dem Ausdruck Pogrom von Kielce werden die am 4. Juli 1946 in der polnischen Stadt Kielce erfolgten Ausschreitungen bezeichnet, in deren Folge über 40 polnische Juden ermordet[1][2] und weitere achtzig – darunter auch Überlebende des Holocaust – verletzt wurden. Unter den Opfern befanden sich auch zwei nichtjüdische Polen, die den Angegriffenen zur Hilfe geeilt waren.

Der Pogrom von Kielce gilt als der bekannteste Übergriff auf jüdische Personen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und hatte eine jüdische Emigrationswelle aus Polen zur Folge. Die Rolle der staatlichen Stellen bei diesem Pogrom ist bis zum heutigen Tage nicht geklärt.

Inhaltsverzeichnis

Der Pogrom [Bearbeiten]

Haus an der Planty Nr. 7, 2006

Am Ende des Zweiten Weltkriegs lebten in Kielce keine Juden mehr. Die jüdischen Einwohner der Stadt waren entweder von den Deutschen in Konzentrationslager verschleppt worden oder geflohen. Nach dem Einmarsch der Roten Armee kehrten nach und nach etwa zweihundert jüdische Einwohner nach Kielce zurück. Die meisten von ihnen lebten nach ihrer Rückkehr in einem einzigen Gebäude.

Am 4. Juli 1946 kam es zu anti-jüdischen Protesten vor dem Haus. Auslöser dafür waren Gerüchte über eine angeblich von Juden begangene Kindesentführung, die auf jahrhundertelang propagierte Ritualmordlegenden des christlichen Antijudaismus Bezug nahmen. Angehörige der Miliz betraten unter Waffengewalt das Gebäude. Als die Bewohner auf die Straße flüchteten, wurden sie vom polnischen Mob angegriffen. Den Ressentiments lag unter anderem die gefühlte finanzielle Besserstellung der jüdischen Displaced Persons in der Folge des Harrison-Reports zu Grunde.

Die Mehrheit der etwa 300.000 polnischen Juden, die die deutsche Besatzungszeit überlebt hatten,[3] verstand das Pogrom als unmissverständliches Zeichen, dass es für sie in Polen keine sichere Zukunft gab.

Nachgeschichte [Bearbeiten]

Gedenktafel

In den nachfolgenden Monaten verließen im Rahmen der Fluchthilfe-Bewegung Beriha mehrere zehntausend Juden das Land. Die Überlebenden des Pogroms flohen zum Teil nach Westdeutschland in die Amerikanische Besatzungszone, wo sie als so genannte Displaced Persons (DPs) vorübergehend Aufnahme in DP-Lagern fanden. Die Zahl jüdischer Displaced Persons stieg in der Amerikanischen Besatzungszone von 36.000 im Januar 1946 auf 141.000 im Oktober 1946; im Sommer 1947 lebten mehr als 180.000 Juden (darunter etwa 80 % aus Polen) in rund 70 Lagern.[4]

Bei der deutschen Bevölkerung, die unter Nahrungsmangel und Kälte litt, rief die bevorzugte Versorgung und Unterbringung der „ostjüdischen Gruppen“ Missgunst und Vorurteile hervor. Die Ergebnisse einer Umfrage, die das Landeskirchenamt Kassel im Oktober 1946 in 25 Kirchenkreisen machte, zeugen von fehlender Wahrnehmung ostjüdischer Verfolgung und deutscher Verantwortlichkeit, von Stilisierung der eigenen Opferrolle und vielfach von ungebrochenen antisemitischen Vorurteilen.[5]

Aufarbeitung [Bearbeiten]

Neun Personen wurden für ihre Teilnahme am Pogrom zum Tode verurteilt und exekutiert, drei zu Gefängnisstrafen verurteilt.[2]

In der Volksrepublik Polen waren Publikationen über das Verbrechen von 1946 nicht zugelassen. Die Gewerkschaft Solidarność forderte nach 1980 eine Dokumentation und eine Debatte über die antisemitisch motivierten Mordtaten der ersten Nachkriegsjahre. Erst mit der politischen Wende von 1989/90 setzte diese Debatte ein. Zum 50. Jahrestag 1996 gedachte Staatspräsident Aleksander Kwaśniewski der Opfer; allerdings fuhr er nicht nach Kielce, weil es im Stadtrat Widerstand gegen eine Gedenkfeier gegeben hatte.[6] Dies tat erst sein Nachfolger Lech Kaczyński, 2006 sprach er am Ort des Verbrechens von einer „Schande für Polen“.[7]

Das Institut für Nationales Gedenken (IPN), dessen staatsanwaltliche Abteilung 2000 neue Ermittlungen aufgenommen hatte, stellte diese nach vier Jahren ein, weil weder die Hintergründe des Massenmordes hätten aufgeklärt, noch lebende Täter ermittelt werden können.[8]

Die Ereignisse wurden im Film Von Hölle zu Hölle (1996) thematisiert, einer deutsch-weißrussischen Koproduktion, an der Artur Brauner als Produzent und einer der Drehbuchautoren beteiligt war.[9]

Literatur [Bearbeiten]

(in der Reihenfolge des Erscheinens)

  • Bożena Szaynok: The pogrom of Jews in Kielce, July 4, 1946. In: Yad Vashem studies. ISSN 0084-3296. 22 (1992), S. 199-235.
  • Klaus-Peter Friedrich: Das Pogrom von Kielce am 4. Juli 1946. Anmerkungen zu einigen polnischen Neuerscheinungen. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung. ISSN 0948-8294. 45 (1996), S. 411-421.
  • Arnon Rubin: The Kielce pogrom, spontaneity, provocation or part of a country-wide scheme? (= Facts and Fictions about the Rescue of the Polish Jewry During the Holocaust, Band 6) Tel Aviv University Press, Tel Aviv 2003. ISBN 965-555-144-X.
  • Łukasz Kamiński, Jan Żaryn (Hg.): Reflections on the Kielce pogrom. Institute of National Remembrance, Warschau 2006. ISBN 978-83-604-6423-6.
  • Jan Tomasz Gross: Fear. Anti-semitism in Poland after Auschwitz. An essay in historical interpretation. Random House, New York 2006. ISBN 0-375-50924-0.
  • Werner Röhr: Massaker an Überlebenden. Zum antijüdischen Pogrom in der polnischen Stadt Kielce am 4. Juli 1946. In: Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung. ISSN 1434-5781. 29 (2007), S. 1-32.

Weblinks [Bearbeiten]

Einzelnachweise [Bearbeiten]

  1. Bozena Szaynok: The Kielce Pogrom. Jewish Virtual Library. Abgerufen am 10. Mai 2012.
  2. a b The Kielce Pogrom 1946... by Anita J. Prazmowska (eng)
  3. Jürgen Matthäus: Keine Opfer, keine Täter - Deutsche Reaktionen auf die Zuwanderung von polnischen Juden nach dem Kielce-Pogrom... in: Alfred B. Gottwaldt u. a. (Hrsg.): NS-Gewaltherrschaft. Berlin 2005, ISBN 3-89468-278-7, S. 359.
  4. Jürgen Matthäus: Keine Opfer, keine Täter... in: ISBN 3-89468-278-7, S. 360.
  5. Jürgen Matthäus: Keine Opfer, keine Täter... in: ISBN 3-89468-278-7, S. 367.
  6. http://www.nytimes.com/1996/07/06/world/kielce-journal-50-years-after-pogrom-city-shrinks-at-memory.html
  7. Poland Marks 60th Anniversary of Massacre.
  8. Reflections on the Kielce pogrom. Instytut Pamięci Narodowej 2006, ISBN 83-60464-23-5
  9. Siehe unter anderem: kinofenster: Daten und Inhaltsangabe und Eintrag auf www.cine-holocaust.de

Koordinaten fehlen! Hilf mit.