Primelephas

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Primelephas
Zeitliches Auftreten
Tortonium (Oberes Miozän) bis Zancleum (Pliozän)
7,246 bis 3,6 Mio. Jahre
Fundorte
  • Zentral- und Ostafrika
Systematik
Säugetiere (Mammalia)
Höhere Säugetiere (Eutheria)
Afrotheria
Rüsseltiere (Proboscidea)
Elefanten (Elephantidae)
Primelephas
Wissenschaftlicher Name
Primelephas
Maglio, 1970
Art
  • Primelephas korotorensis Coppens, 1965

Primelephas ist eine ausgestorbene Gattung der ursprünglichsten Vertreter in der Entwicklungsreihe der Echten Elefanten (Elephantinae) aus dem Obermiozän und dem älteren Pliozän von Afrika. Zu den Echten Elefanten gehören neben den ebenfalls fossilen Mammuts auch die heutigen (rezenten) Elefanten. Der Name „Primelephas“ bedeutet etwa „Erster Elefant“. Bekannt ist heute nur eine Art namens Primelephas korotorensis, die weitgehend über Zahnfunde nachgewiesen wurde.

Merkmale[Bearbeiten]

Primelephas ähnelte im Aussehen bereits sehr den heutigen Elefanten, jedoch trug er möglicherweise zusätzlich noch kleine, deutlich reduzierte Stoßzähne im Unterkiefer. Bekannt ist der Rüsseltiervertreter weitgehend nur über Zahnfunde und Unterkieferfragmente, Funde des Oberschädels sind äußerst selten. Der Unterkiefer war kräftig sowie nicht verlängert und besaß eine nur kurze Symphyse, die nicht so lang ausgezogen war wie noch bei seinem älteren Verwandten Stegotetrabelodon. Die nur vereinzelt nachgewiesenen, deutlich verkleinerten Unterkieferstoßzähne ragten nur wenig aus dem Kieferknochen selbst heraus. Die Backenzähne von Primelephas wiesen bereits die für die Echten Elefanten (Elephantinae) typische Lamellenstruktur auf, waren aber extrem niederkronig (brachyodont), ihre Höhe erreichte nur die Hälfte oder drei Viertel ihrer Weite. Vor allem diese geringe Kronenhöhe der Backenzähne unterscheidet Primelephas von allen anderen Gattungen der Echten Elefanten, die jeweils hochkronige (hypsodonta) Zähne besitzen. Der letzte Molar wurde zwischen 21 und 27 cm lang und besaß typischerweise sieben bis neun dieser lamellenartigen Schmelzfalten, die vorderen Molaren waren entsprechend kürzer und wiesen nur fünf oder sechs Schmelzfalten auf. Im Gegensatz zu den heutigen Elefanten bildeten diese Zahnlamellen aber keine geschlossene Kauoberfläche, sondern wurden durch tiefe, bis zur Zahnbasis reichende, V-förmig gestaltete Spalten getrennt, die nur teilweise mit Zahnzement gefüllt waren. Dadurch wiesen die einzelnen Lamellen selbst einen eher trapezförmige Form auf, im Unterschied zur rechteckigen jener der heutigen Elefanten. Der Zahnschmelz, der die jeweiligen Zahnlamellen umgab, war etwa 3 bis 6,5 mm breit, was im Vergleich zu heutigen Rüsseltieren recht dick ist und den urtümlichen Charakter dieser Elefantenform unterstreicht.[1][2]

Fossilfundstellen[Bearbeiten]

Funde von Primelephas sind aus weiten Teilen von Zentral- und Ostafrika bekannt und datieren in das Obere Miozän und Untere Pliozän von vor etwa 7,5 bis 4 Millionen Jahren. Umfangreich sind die Funde von Durjab aus dem nördlichen Tschad, die wenigstens drei Unterkiefer und einzelne Oberkieferfragmente und isolierte Zähne umfassen.[2] Ebenfalls mehrere Mandibelfragmente stammen aus dem unteren Schichtglied der Narwata-Formation der bedeutenden Fossilfundstelle von Lothagam in Kenia.[1] Sehr zahlreiches, aber weitgehend nur isolierte Zähne umfassendes Material wurde aus der Adu-Asa-Formation im mittleren Tal des Awash im Afar-Tal von Äthiopien berichtet, woher auch die bedeutenden Fossilreste von Ardipithecus aus der Ahnenreihe des Menschen stammen.[3][4] Darüber hinaus sind viele weitere, meist isolierte Backenzähne aus Tansania und Uganda belegt.[2]

Paläobiologie[Bearbeiten]

Einige der Unterkieferreste aus Lothagam in Kenia, die zur Aufstellung der Gattung Primelephas dienten, besaßen keine ausgebildeten Stoßzähne, was als möglicher Geschlechtsdimorphismus mit fehlenden Unterkieferstoßzähnen bei weiblichen Tieren gedeutet wurde. Auch die Interpretation als Reste nicht ganz ausgewachsener Individuen zogen die Bearbeitet in Betracht, der fragmentierte Zustand des Fundmaterials ließ dazu keine genaueren Aussagen zu.[1] Die zahlreichen Neufunde aus dem nördlichen Tschad wiesen dem gegenüber interessanterweise keinerlei Hinweise von Stoßzähnen im Unterkiefer auf.[2]

Systematik[Bearbeiten]

Innere Systematik der Elephantoidea nach Cozzuol et al. 2012[5]
 Elephantoidea


 Stegodontidae


 Elephantidae 


 Stegotetrabelodon


     

 Stegodibelodon


 Elephantinae 

 Primelephas


     

 Loxodonta


     

 Elephas


     

 Mammuthus










Die typisch lamellierten Backenzähne verweisen die Gattung Primelephas zur Familie der Elephantidae, die neben den Stegodonten das stammesgeschichtlich jüngste Glied der Überfamilie Elephantoidea innerhalb der Rüsseltiere bildet. Innerhalb der Familie stellt die Gattung die Basalform der Unterfamilie Elephantinae dar, der auch die heute noch lebenden Elefanten und das ausgestorbene Mammuthus zuzurechnen sind. Als mögliche Vorgängerform gilt Stegotetrabelodon, allerdings lässt das bisher bekannte Fossilmaterial nur wenige Schlussfolgerungen zu.[1][6]

Die wissenschaftliche Erstbeschreibung von Primelephas erfolgte 1970 durch Vincent J. Maglio, basierend auf das Fossilmaterial von Lothagam. Er stellte mit P. gomphotheroides eine neue Art auf, schloss aber eine weitere Art, P. korotorensis mit ein. Diese war bereits 1965 von Yves Coppens als Stegodon korotorensis anhand eines Backenzahnfragmentes aus Koulà im nördlichen Tschad definiert worden.[1] Aufgrund neuen Fundmaterials erfolgte im Jahr 2008 eine Revision der Gattung, wodurch P. gomphotheroides mit P. korotorensis synonymisiert wurde, letztere ist heute die einzige anerkannte Art, Primelephas stellt somit eine monotypische Gattung dar.[2][7] Der Holotyp (Exemplarnummer KNM-LT 351) umfasst ein Unterkieferfragment mit Symphyse und jeweils ersten und zweiten Molar aus Lothagam.[1]

Das Obere Miozän und Untere Pliozän sowie die Entstehung der Gattung Primelephas fallen in die Zeit der dritten und letzten Radiation der Rüsseltiere, die in Afrika begann. Zu jener Zeit lebten zahlreiche, heute ausgestorbene frühe Formen der Elefanten, etwa Stegotetrabelodon und Stegodibelodon, aber auch die Vorfahren der heutigen Vertreter von Elephas sowie Loxodonta und des ausgestorbenen Mammuthus. Da das überwiegende bekannte Fossilmaterial der Rüsseltiere jener geologischen Epoche sehr stückhaft ist, bestehen möglicherweise noch einzelne Unterscheidungsschwierigkeiten zwischen den verschiedenen frühen Elefanten.[7]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f Vincent J. Maglio: Four new species of Elephantidae from the Plio-Pleistocene of northwestern Kenya. Breviora 341, 1970, S. 1–43
  2. a b c d e Hassane Taïsso Mackaye, Yves Coppens, Patrick Vignaud, Fabrice Lihoreau und Michel Brunet: De nouveaux restes de Primelephas dans le Mio-Pliocène du Nord du Tchad et révision du genre Primelephas. Comptes Rendus Palevol 7, 2008, S. 227–236
  3. Jon E. Kalb und D. J. Fröehlich: Interrelationships of Late Neogene Elephantoids: new evidence from the Middle Awash Valley, Afar, Ethiopia. Geobios 28 (6), 1995, S. 727–736
  4. Haruo Saegusa und Yohannes Haile-Selassie: Proboscidea. In: Yohannes Haile-Selassie und Giday WoldeGabriel (Hrsg.): Ardipithecus kadabba. Late Miocene Evidence from the Middle Awash, Ethiopia. University of California Press, Berkeley, 2009, S. 469–516
  5. Mario A. Cozzuol, Dimila Mothé und Leonardo S. Avilla: A critical appraisal of the phylogenetic proposals for the South American Gomphotheriidae (Proboscidea: Mammalia). Quaternary International 255, 2012, S. 36–41
  6. an van der Made: The evolution of the elephants and their relatives in the context of a changing climate and geography. In: Harald Meller (Hrsg.): Elefantenreich - Eine Fossilwelt in Europa. Halle/Saale, 2010, S. 340–360
  7. a b William J. Sanders und Yohannes Haile-Selassie: A New Assemblage of Mid-Pliocene Proboscideans from the Woranso-Mille Area, Afar Region, Ethiopia: Taxonomic, Evolutionary, and Paleoecological Considerations. Journal of Mammal Evolution 19, 2012, S. 105–128

Weblinks[Bearbeiten]