Rebound (Ökonomie)

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Mit Rebound (englisch für Abprall) wird in der Energieökonomie der Umstand bezeichnet, dass das Einsparpotenzial von Effizienzsteigerungen nicht oder nur teilweise verwirklicht wird. Führt die Effizienzsteigerung gar zu erhöhtem Verbrauch (das heißt zu einem Reboundeffekt von über 100 Prozent), spricht man von Backfire.

Beispiele[Bearbeiten]

Ein Beispiel für Rebound ist die Einführung von Wolframwendel-Glühlampen statt Kohlenfadenlampe im frühen 20. Jahrhundert. Diese verbrauchen für dieselbe Leuchtleistung nur ein Viertel so viel Energie. Als sie in Großbritannien eingeführt wurden, fürchteten viele Elektrizitätswerke einen Einbruch des Umsatzes. Andere hingegen erkannten, dass das so verbilligte Licht nun einen Massenmarkt erobern könnte, und senkten die Preise. Sie lagen richtig: Der Stromverbrauch stieg (nicht nur, aber auch) wegen der effizienteren Lampen stark an.[1]

Deutlich zeigt dies auch die Entwicklung bei Fernsehern: Hier sank die Leistung von etwa 25 Milliwatt (mW) pro Quadratzentimeter (cm²) Bildfläche (50Hz-Technik)[2][3] bzw. 45mW pro cm² Bildfläche (100Hz-Technik)[4][3] im Jahr 2000 für Röhrengeräte auf beispielsweise 17mW pro cm² Bildfläche[5][6] im Jahr 2014 für Flachbildgeräte. Das heißt, der Energieverbrauch im Betrieb hätte um ein Drittel bzw. mehr als die Hälfte pro Gerät gesenkt werden können. Im Gegensatz dazu stieg aber die Leistung der Geräte von etwa 60W bzw. 100W auf 145W und mehr. Dies ergibt sich durch die Möglichkeit zur Herstellung immer größerer Flachbild-Fernseher.

Direkte und indirekte Wirkungen[Bearbeiten]

Zum Rebound tragen mehrere Effekte bei:

  • Direkter Rebound: Eine Energiedienstleistung, die effizienter angeboten wird, wird dadurch billiger. Was billiger wird, wird stärker nachgefragt.
  • Indirekter Rebound: Wer dank Effizienzsteigerung Energie und damit Geld spart, gibt das Geld für anderes aus, das ebenfalls Energie verbraucht.
  • Allgemeiner Ausgleichs-Effekt: Die eingesparte Energie ist als zusätzliches Angebot auf dem Markt. Ein zusätzliches Angebot senkt den Preis, was die Nachfrage stimuliert. In anderen Worten: Was einer spart, verbraucht ein anderer.
  • Transformations-Effekt: Technische Effizienzsteigerungen verändern das Konsumverhalten, was sich auf Infrastrukturen, soziale Normen und so weiter auswirkt. Wird beispielsweise der Verkehr effizienter, verändern sich Siedlungsstrukturen, kleine Läden verschwinden und Einkaufszentren entstehen, was schließlich wieder zu einem bestimmten Verkehrsverhalten zwingt.
  • Mental Rebound: Verschiedentlich führen Einsparungen durch effizientere Technologien zur moralischen Selbstlegitimierung (Moral licensing) von zusätzlichem Konsum. Steigen Autofahrer auf ein gasbetriebenes Fahrzeug um, können diese mit gutem Gewissen mehr Gas geben oder auch weitere Strecken zurücklegen. Ein Teil der möglichen Einsparungen wird somit durch einen höheren Verbrauch kompensiert. Ebenso können Haushalte Energiesparlampen länger brennen lassen als konventionelle Glühbirnen und dennoch etwas für die Umwelt leisten.[7]

Theoriegeschichte[Bearbeiten]

Als erster hat William Stanley Jevons Rebound (noch nicht mit diesem Begriff) 1865 in seinem Werk The Coal Question beschrieben:

„It is wholly a confusion of ideas to suppose that the economic use of fuel is equivalent to a diminished consumption. The very contrary is the truth.“

„Anzunehmen, dass die wirtschaftliche Nutzung von Brennstoffen mit einem geringeren Verbrauch einhergeht, ist eine völlige Begriffsverwirrung. Das genaue Gegenteil ist der Fall.“

Jevons rechnete demnach sogar mit Backfire. Rebound ist seitdem unter dem Begriff Jevons’ Paradoxon bekannt. Nach Jevons geriet Rebound in Vergessenheit, bis um 1980 Leonard Brookes und Daniel Khazzoom wieder erste wissenschaftliche Arbeiten zum Thema verfassten.[8]

Praxis[Bearbeiten]

Obwohl niemand die Existenz von Rebound grundsätzlich abstreitet, wird Rebound in der wissenschaftlichen Literatur wie auch in der Energiepolitik kaum beachtet. So erwähnt das UN-Expertengremium für den Klimawandel IPCC Rebound mehrmals in seinem Bericht und erklärt den Begriff im Glossar; es berücksichtigt Reboundeffekte in seinen Szenarien aber nicht. Der Vorschlag von Umweltökonomen, statt der Ökoeffizienz die Suffizienz zu steigern[9], gilt als nicht durchsetzbar. Unabhängig davon ist auch die Suffizienz nicht frei von Reboundeffekten.[10]

Weil Reboundeffekte vielfältig und sehr indirekt wirken können, ist es nicht möglich, sie zu messen. Die Meinungen, wie groß der Rebound in der Regel ausfalle, gehen daher weit auseinander. Eine Studie des staatlichen britischen Energieforschungszentrums UKERC stellte 2007 fest, dass einigermaßen belastbare Zahlen nur zum direkten Rebound und lediglich zu Bereichen wie Verkehr und Haushalt in Industriestaaten existieren. Auf jeden Fall sei es „falsch, anzunehmen, Rebound-Effekte seien so gering, dass man sie vernachlässigen könnte.“[11] Veröffentlichungen von Anfang 2013 geben den Effekt mit 5 bis 30 % der zuvor eingesparten Energie an. Der größte Teil der Einsparungen bleibe bestehen, der Effekt werde überschätzt: Umweltschädliche Emissionen lassen sich durch effizientere Energienutzung einsparen. Wer das bestreitet, fährt ein Ablenkungsmanöver.[12]

Ausschließen lässt sich Rebound nur, wenn beim Angebot statt bei der Nachfrage angesetzt wird: Eine (künstliche oder natürliche) Angebotsverknappung lässt für Rebound keinen Raum. Die sonst für einen Rebound verantwortlichen Effekte mindern dann allerdings den Preisanstieg als Folge der Angebotsverknappung.

Finanzielle Anreize, die zu Effizienzgewinnen führen (sollen), können sich unterschiedlich auswirken: Werden energieeffiziente Produkte oder Leistungen durch Subventionen unterstützt, werden sie dadurch billiger. Daher ist bei solchen Subventionen viel stärker mit Reboundeffekten oder ggf. Backfire zu rechnen als beispielsweise im Fall von Energiesteuern, die in gleichem Maße zu Kostenunterschieden zwischen mehr oder weniger energieeffizienten Produkten bzw. ihrer Verwendung führen, denn Energiesteuern führen auch bei Produkten mit höherer Energieeffizienz zu einer gewissen Verteuerung.

Bei Produkten bzw. Leistungen, bei denen die Energiekosten einen größeren Teil des Gesamtpreises bestimmen, ist eher mit Rebound bzw. Backfire zu rechnen als bei geringem Kostenanteil, und auch die Preisabhängigkeit der Nachfrage spielt eine Rolle. Beispielsweise können effizientere Autos zu Überlandfahrten über größere Strecken mit höherer Fahrtgeschwindigkeit führen, während die Fahrtstrecken im Stadtverkehr weniger beeinflusst werden, weil dies zusätzlich im Auto verbrachte Zeit erfordern würde. Erst recht wird sich beispielsweise die Zahl der Zahnarztbesuche nicht durch eine energieeffizientere Praxisausstattung erhöhen.

Negative Rebound-Effekte können erreicht werden, indem sehr energieintensive Produkte mit Steuern belegt werden, wenn es energieärmere Alternativprodukte gibt. Hieraus ergeben sich Effekte, die die gewünschte Wirkung verstärken. Erstens verringert sich das Budget derjenigen Konsumenten, die das energieintensive Produkt konsumieren, wodurch ihr Konsum insgesamt abnimmt. Zweitens wird ein Teil der Konsumenten auf ein energieärmeres Produkt ausweichen. Voraussetzung für einen solchen Verstärkungseffekt ist allerdings, dass die Steuereinnahmen vom Staat nicht für den erneuten Konsum energieintensiver Güter verwendet werden. Diese Effekte sind ähnlich denen einer Pigou-Steuer.

Rebound außerhalb der Energieökonomie[Bearbeiten]

Reboundeffekte sind auch außerhalb der Energieökonomie anzutreffen.

Häufig beobachtet wird ein Zeit-Rebound: So führen schnellere Verkehrsverbindungen dazu, dass weitere Strecken zurückgelegt werden; zeitsparende Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen verändern die Standards (es wird mehr gewaschen usw.).[13]

In der Verkehrs- und der Arbeitspsychologie ist Rebound unter dem Begriff Risikokompensation bekannt: Wer sich mit Gurt, Airbag und ABS, mit dem Fahrradhelm oder infolge von Arbeitsschutzmaßnahmen sicherer fühlt, verhält sich tendenziell riskanter bzw. muss mit riskanteren Aktionen anderer rechnen.[14]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Zitiert nach Horace Herring: Is Energy Efficiency Environmentally Friendly?, Energy & Environment 11 (2000), Nr. 3, S. 313–325.
  2. Berechnung: Fernseher Quelle Universum Bestellnummer 6678694: 70cm Bilddiagonale, 4:3, circa 60 W: Die Fläche eines Rechteckes lässt sich über das Produkt der beiden Seiten berechnen: A=a*b. Die beiden Seitenlängen: Breite (a) und Länge (b) berechnen sich mit Hilfe der Bildschirmdiagonale (d) laut Satz des Pythagoras (a^2+b^2=d^2) sowie der Gleichung, die sich aus dem Seitenverhältnis ergibt (hier 4:3 also 3a=4b): a=4/3b: a^2+b^2=d^2, (4/3b)^2+b^2=70^2, (1.333b)^2+b^2=70^2, 1.777b^2+b^2=70^2, b^2=70^2/(1.777+1), b^2=4900/2.777, b^2=1764.494, b=42.006cm), (b=3/4a: a^2+b^2=d^2, a^2+(3/4a)^2=70^2, a^2+(0.75a)^2=70^2, a^2+0.5625a^2=70^2, a^2=70^2/(1+0.5625), a^2=4900/1.5625, a^2=3136, a=56cm), (A=a*b, A=56cm*42cm, A=2352cm²), (Leistung pro Quadratzentimeter sichtbare Bildfläche (P/A): 60W/2352cm²=25.510mW/cm²)
  3. a b Stiftung Warentest, Test: Fernsehgeräte "Klassiker halten mit", test-Heft 11/2000, Seite 28, ISSN 0040-3946
  4. Berechnung: Fernseher Loewe Cantus 3870 ZW: 138cm Bilddiagonale, 16:9, circa 94W: Die Fläche eines Rechteckes lässt sich über das Produkt der beiden Seiten berechnen: A=a*b. Die beiden Seitenlängen: Breite (a) und Länge (b) berechnen sich mit Hilfe der Bildschirmdiagonale (d) laut Satz des Pythagoras (a^2+b^2=d^2) sowie der Gleichung, die sich aus dem Seitenverhältnis ergibt (hier 16:9 also 9a=16b): (9a=16b): a=16/9b: a^2+b^2=d^2, (16/9b)^2+b^2=70^2, (1.778b)^2+b^2=70^2, 3.161b^2+b^2=70^2, b^2=70^2/(3.161+1), b^2=4900/4.161, b^2=1177.601, b=34.316cm), (b=9/16a: a^2+b^2=d^2, a^2+(9/16a)^2=70^2, a^2+(0.5625a)^2=70^2, a^2+0.3164a^2=70^2, a^2=70^2/(1+0.3164), a^2=4900/1.3164, a^2=3722.273 a=61.010cm), (A=a*b, A=61.010cm*34.316cm, A=2093.619cm²), (Leistung pro Quadratzentimeter sichtbare Bildfläche (P/A): 94/2093.619cm²=44.898mW/cm²)
  5. Berechnung: Fernseher Samsung UE55HU8590: 138cm Bilddiagonale, 16:9 (Bildschirmauflösung: 3.840 x 2.160), circa 145W: Die Fläche eines Rechteckes lässt sich über das Produkt der beiden Seiten berechnen: A=a*b. Die beiden Seitenlängen: Breite (a) und Länge (b) berechnen sich mit Hilfe der Bildschirmdiagonale (d) laut Satz des Pythagoras (a^2+b^2=d^2) sowie der Gleichung, die sich aus dem Seitenverhältnis ergibt (hier 16:9 also 9a=16b): a=16/9b: a^2+b^2=d^2, (16/9b)^2+b^2=138^2, (1.778b)^2+b^2=138^2, 3.161b^2+b^2=138^2, b^2=138^2/(3.161+1), b^2=19044/4.161, b^2=4576.784, b=67.652cm), (b=9/16a: a^2+b^2=d^2, a^2+(9/16a)^2=138^2, a^2+(0.5625a)^2=138^2, a^2+0.3164a^2=138^2, a^2=138^2/(1+0.3164), a^2=19044/1.3164, a^2=14466.727 a=120.278cm), (A=a*b, A=67.652cm*120.278cm, A=8137cm²), (Leistung pro Quadratzentimeter sichtbare Bildfläche (P/A): 145W/8137cm²=17.820mW/cm²)
  6. SAMSUNG (Copyright©): SAMSUNG: 55" Curved UHD TV HU8590. In: www.samsung.com. 2014, abgerufen am 9. November 2014.
  7. Siehe z.B.: Erik Poppe: Der Rebound Effekt. Herausforderung für die Umweltpolitik.(PDF; 1530 kB) Freie Universität Berlin 2013, S.39-41.
  8. Eine Übersicht über die Geschichte des Rebound-Begriffs findet sich in Blake Alcott: Historical Overview in the Jevons Paradox in the Literature, in: John M. Polimeni et al., The Jevons Paradox and the Myth of Resource Efficiency Improvements. London 2007.
  9. Rebound-Effekt bei finanzen-lexikon.de
  10. Vergleiche Blake Alcott, „The sufficiency strategy: Would rich-world frugality lower environmental impact?“, Ecological Economics 64 (2007), Nr. 4, Seiten 770–786
  11. Steve Sorrell: The Rebound Effect: an assessment of the evidence for economy-wide energy savings from improved energy efficience, 2007.
  12. Energiesparen: Der "Rebound-Effekt" wird überschätzt, Spektrum der Wissenschaft am 23. Januar 2013, im Original in Nature erschienen: Energy policy: The rebound effect is overplayed.
    Mehr Verbrauch wegen sparsamer Geräte, Wissenschaftsmagazin im Schweizer Radio DRS am 26. Januar 2013
  13. Siehe z. B.: Mathias Binswanger: Time-saving Innovations and their Impact on Energy Use: Some Lessons from a Household-production-function Approach. University of Applied Sciences of Northwestern Switzerland Discussion Paper No. 2002-W01, Solothurn 2002.
  14. Siehe z.B. Jochen Paulus: No risk, no fun?, Bild der Wissenschaft 07/2007, zitiert in wissenschaft.de (vom 19. Juni 2007).