Reichstagswahl 1920

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Reichstagswahl 1920
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Gewinne und Verluste
im Vergleich zu 1919[3]
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+2,1
+1,6

Die Reichstagswahl vom 6. Juni 1920 war die zweite Wahl während der Weimarer Republik und die erste zu einem regulären deutschen Reichstag. Dabei verlor die Weimarer Koalition ihre Mehrheit. Die SPD musste sehr schwere Verluste hinnehmen, die linksliberale DDP verlor sogar mehr als die Hälfte ihres prozentualen Ergebnisses. Bei den Zahlen für die Zentrumspartei (Z) ist zu beachten, dass die BVP diesmal in Konkurrenz zu ihr antrat.

Der Verlust der Mehrheit für die die Republik tragenden Parteien der Weimarer Koalition war, wie sich zeigen sollte, von Dauer.

Hintergrund[Bearbeiten]

Plakat der KPD zu den Reichstagswahlen 1920

Obwohl die erste reguläre Reichstagswahl erst für Herbst 1920 vorgesehen war, da dann in den meisten Abstimmungsgebieten klar war, ob sie Teil des Deutschen Reiches blieben oder nicht, beugte sich die Regierung unter Hermann Müller dem Verlangen der Rechten nach dem Ende des Kapp-Putsches zur Abhaltung der Wahl zu einem früheren Zeitpunkt. Dies hatte zur Folge, dass die Wahlen in den bei Deutschland verbleibenden Abstimmungsgebieten nachgeholt werden mussten.

Der Kapp-Putsch und die Folgen - etwa der Ruhraufstand, aber auch der Vertrag von Versailles und die Steuerreform - hatten erheblichen Einfluss auf den Ausgang der Wahl. Im Linken Lager bewirkten diese Ereignisse eine Radikalisierung. Auf der Linken hat man die staatstragenden Parteien kritisiert, weil sie die Kräfte der Reaktion erstarken ließen. Im Bürgertum führten die inneren Unruhen zur Sehnsucht nach autoritären Strukturen und einer Hinwendung zu den rechten Parteien. Die Rechte hat der Weimarer Koalition vorgeworfen, die nationale Ehre und die Besitzinteressen verletzt zu haben.

Ergebnis[Bearbeiten]

Zunächst einmal ist eine gegenüber der Wahl zur Nationalversammlung um 4 % niedrigere Wahlbeteiligung zu konstatieren. Die republikanischen Parteien haben dabei eine schwere Niederlage erlitten. Am stärksten waren die Verluste bei der MSPD und der DDP. Die gemäßigten Sozialdemokraten haben statt 37,9 % nur noch 21,6 % der Stimmen erhalten. Die DDP sank von 18,5 % auf 8,3 % ab. Geringer waren die Verluste bei der Zentrumspartei.

Von den Verlusten profitierten die rechten und linken Parteien. Die Deutsche Volkspartei konnte ihren Anteil von 4,4 % auf 13,9 % steigern. Die DNVP legte von 13,3 % auf 15,1 % zu. Auf der linken Seite des politischen Spektrums hat sich die USPD von 7,6 % auf 17,9 % verbessert. Hinzu kamen noch 2,1 % für die KPD, die erstmals kandidierte. Insgesamt kamen die republikfeindlichen oder zumindest -kritischen Parteien von DVP, DNVP, USPD und KPD auf 49 % der Stimmen. Nur ein Jahr nach der Revolution von 1918 stand damit ein Großteil der Bevölkerung dem neuen Staat zumindest distanziert gegenüber.

Die Rekonstruktion der Wählerwanderung zeigt, dass die MSPD vor allem Stimmen an die USPD verloren hatte. Besonders stark waren die Verluste der MSPD und die Gewinne der USPD in den Großstädten. Verluste erlitt die MSPD aber auch auf dem Land. In Ostpreußen, wo die Wahlen 1921 nachgeholt wurden, wählten die Landarbeiter, die 1919 für die SPD gestimmt hatten, nunmehr verstärkt die DNVP. Im bürgerlichen Lager wechselten zahlreiche Wähler der DDP zur DVP. Anton Erkelenz brachte das Wahlverhalten auf eine plastische Formel. Im Jahr 1919 hätte die Mitgliedskarte der DDP als „Lebensversicherungspolice bei der befürchteten Bartholomäusnacht“ gegolten; im Jahr 1920 dagegen hätte eine Mitgliedskarte der DVP als „Versicherungsschein gegen Aufteilung des Vermögens“ gedient.

Der Ausgang der Wahl bedeutete, dass die Weimarer Koalition als die eigentliche Trägerin der Republik ihre Mehrheit verloren hatte. Bei den folgenden Wahlen sollte sich zeigen, dass dies eine dauerhafte Entwicklung war. Politisch gewonnen hatten die Kräfte, die den Klassenkompromiss von 1919 nicht mitgetragen hatten.

Ergebnisse und regionale Verteilung[Bearbeiten]

Die einzelnen Wahlkreise mit den jeweils stärksten Parteien
4
84
102
39
64
21
65
71
9
84 102 39 64 21 65 71 
Von 459 Sitzen entfallen auf:

Bei 35,949 Millionen Stimmberechtigten wurden 28,463 Millionen gültige Stimmen abgegeben.[4] Die Wahlbeteiligung lag damit bei 79,2 %.

Hinsichtlich der regionalen Parteienpräferenz zeigte sich von Wahlkreis zu Wahlkreis ein heterogenes Bild. Sieben Parteien wurden in mindestens einem Wahlkreis stärkste Kraft. Die SPD erhielt in elf Wahlkreisen die meisten Stimmen, unter anderem in Norddeutschland und Niederschlesien, während die USPD ihre besten Ergebnisse in Mitteldeutschland erzielte. In mehrheitlich katholischen Gebieten wie dem Rheinland und Oberschlesien war das Zentrum am stärksten, in Bayern die Bayerische Volkspartei. Die Hochburgen der DNVP befanden sich in Pommern und Ostpreußen. Die DVP konnte zwei Wahlkreise gewinnen. Im Wahlkreis Osthannover vereinigte eine Regionalpartei die meisten Stimmen auf sich, nämlich die Deutsch-Hannoversche Partei (DHP).

Nach der Wahl setzte sich der Reichstag wie folgt zusammen:

Partei Stimmen (Änderung) Sitze im Reichstag (Änderung)
Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) 21,7 % −16,2 % 102 −61
Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) 17,9 % +10,3 % 84 +62
Deutschnationale Volkspartei (DNVP) 15,1 % +4,8 % 71 +27
Deutsche Volkspartei (DVP) 13,9 % +9,5 % 65 +46
Deutsche Zentrumspartei (Zentrum) 13,6 % −6,1 % 1 64 −27
Deutsche Demokratische Partei (DDP) 8,3 % −10,2 % 39 −36
Bayerische Volkspartei (BVP) 4,4 % 1 21 +21
Kommunistische Partei DeutschlandsSpartakusbund (KPD) 2,1 % 4 +4
Deutsch-Hannoversche Partei (DHP) 1,1 % +0,9 % 5 +4
Bayerischer Bauernbund 0,8 % −0,1 % 4 ±0
Sonstige 0,6 % +0,55 % 0 ±0
Total 99,5 %   459 +38

1) Die Stimmenzahl von 19,7 % als Vergleichszahl von der Wahl zur Deutschen Nationalversammlung 1919 gilt gemeinsam für das Zentrum und die BVP.

Regierungsbildung[Bearbeiten]

Nach der Wahl führten die unklaren politischen Verhältnisse zu langwierigen Verhandlungen über eine Regierungsbildung. Schließlich kam ein bürgerliches Minderheitskabinett aus DDP, DVP und Zentrum zu Stande, nachdem die DVP zugesichert hatte, auf dem Boden der Verfassung zu agieren. Die SPD lehnte eine Regierungsbeteiligung ab, weil sie nicht mehr gegenüber ihren Wählern die Verantwortung für unpopuläre Maßnahmen übernehmen wollte. Ein weiterer Aspekt war, dass die Partei nicht mit der DVP zusammenarbeiten wollte, hatte diese doch einen betont antisozialdemokratischen Wahlkampf geführt und großindustrielle Interessen vertreten. Reichspräsident Friedrich Ebert ernannte Konstantin Fehrenbach vom Zentrum zum Reichskanzler. Obwohl die SPD sich nicht an der Regierung beteiligte, war diese doch auf die Tolerierung durch die Sozialdemokraten angewiesen.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Heinrich August Winkler: Weimar 1918–1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. Durchgesehene Auflage. Beck, München 1998, ISBN 3-406-44037-1.
  • Ludger Grevelhörster: Kleine Geschichte der Weimarer Republik. 1918–1933. Ein problemgeschichtlicher Überblick. 4. Auflage, Sonderauflage. Aschendorff, Münster 2003, ISBN 3-402-05363-2 (Aschendorff-Paperbacks).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Das Deutsche Reich. Reichstagswahl 1920/22 Andreas Gonschior.
  2. davon 1920: DHP 1,1 %, Bayerischer Bauernbund 0,8 %.
  3. Das Deutsche Reich. Wahl zur Nationalversammlung 1919 Andreas Gonschior.
  4. Detlef Lehnert: Die Weimarer Republik. Reclam jun., Philipp, Verlag GmbH; 2. Auflage. 2009; ISBN 978-3-15-018646-6; S. 140.

Weblinks[Bearbeiten]