Reichskanzler

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Reichskanzler war von 1871 bis 1945 die Amtsbezeichnung des Regierungschefs des Deutschen Reiches. In dieser Rolle stand er dem Kabinett – von 1871 bis 1918 der sogenannten Reichsleitung, von 1919 bis 1945 der Reichsregierung – vor. Von November 1918 bis August 1919 führten die Regierungschefs den Titel Vorsitzender des Rates der Volksbeauftragten bzw. Reichsministerpräsident.

Diese Amtsbezeichnung entstammt der deutschen Kanzlertradition des Mittelalters und der Frühen Neuzeit.

Der Reichskanzlertitel wurde darüber hinaus zuweilen auch in anderen Monarchien Europas wichtigen Ministern verliehen, so etwa wurde dieser in Österreich-Ungarn von 1867 bis 1871 vom k. u. k. Außenminister Friedrich Ferdinand von Beust und in Russland vom Fürsten Gortschakow geführt. Im Deutschen Reich nach 1871 entwickelte sich daraus eine fortlaufende Tradition, die bis heute im Titel des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland nachwirkt. In Österreich wurde der Kanzlertitel in der Ersten Republik 1919 wieder aufgegriffen und wird seit Ende des Zweiten Weltkriegs in der Zweiten Republik fortgeführt.

Norddeutscher Bund und deutsches Kaiserreich[Bearbeiten]

Otto von Bismarck, 1890

Der Gründung des Deutschen Reiches 1871 war – ebenfalls schon unter Hegemonie des größten und bedeutsamsten deutschen Staates Preußen – 1867 die Bildung des Norddeutschen Bundes vorangegangen. Dieser hatte als Bundesinstitutionen einen aus Vertretern der Gliedstaaten gebildeten Bundesrat unter dem Vorsitz (Bundespräsidium) des Königs von Preußen, eine parlamentarische Bundesvertretung, die aber bezeichnenderweise Reichstag genannt wurde, und eine rudimentäre Bundesexekutive, an deren Spitze in Personalunion der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck als „Bundeskanzler“ stand. Rein formal gesehen führte der preußische Außenminister die Geschäfte des Bundesrats und war somit der Vorgesetzte des Kanzlers. Deshalb bekleidete Bismarck zugleich das Amt des Kanzlers, des preußischen Ministerpräsidenten und des Außenministers.

Die Wahl des „Kanzler“-Begriffs signalisierte die scheinbar geringere Wertigkeit dieses Bundesorgans gegenüber den Regierungen der Einzelstaaten, denn der neue „Kanzler“ des Bundes sollte – anders als die Regierungschefs der Bundesglieder – eben kein vollwertiger Ministerpräsident sein. Zudem symbolisierte der Kanzlertitel, wie in der preußischen Tradition etwa von Hardenbergs, auch eine starke monarchisch-bürokratische und damit letztlich antiparlamentarische Komponente. In beidem unterschied sich die 1867/71 geschaffene Exekutive des Bundes bzw. des Reiches ganz bewusst vom deutschen „Reichsministerium“ der Revolutionsjahre 1848/49, an dessen Spitze – von der deutschen Nationalversammlung gewählt – ein „Reichsministerpräsident“ gestanden hatte.

Diese Konstruktion des „Bundeskanzlers“ wurde 1871 auf die Leitung der Exekutive des nun unter Einschluss der süddeutschen Staaten gebildeten Kaiserreiches übertragen. Auch hier suggerierten die nunmehr verwendeten Termini des „Reichskanzlers“ (statt eines „Reichs-Ministerpräsidenten“) und der „Reichsleitung“ (statt eines „Reichs-Ministeriums“ oder einer „Reichsregierung“) eine (scheinbare) geringere Wertigkeit der Reichsexekutive gegenüber den Regierungen der Bundesstaaten. Weder der Reichskanzler noch die Chefs der ihm unterstellten Reichsressorts führten deshalb bis 1918 einen Ministertitel. Faktisch waren jedoch die meisten Angehörigen der Reichsleitungen dennoch Minister, da die Reichsämter in der Regel in Personalunion mit den entsprechenden preußischen Ministerien verwaltet wurden. Im Range eines (seinem Monarchen verantwortlichen) Ministers auf Reichsebene stand jedoch allein der Reichskanzler, während die Leiter der Reichsressorts keine eigenständigen Minister, sondern strikt weisungsabhängige „Staatssekretäre“ waren.

Der Reichskanzler war zwischen 1871 und 1918 allein dem Deutschen Kaiser – und nicht etwa dem Reichstag – verantwortlich. Der Kaiser als Staatsoberhaupt des Deutschen Reiches berief und entließ den Reichskanzler. Der Kanzler hatte ohne (preußisches) Mandat auch kein Recht, vor dem Reichstag zu erscheinen. Der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck wurde 1871 der erste Reichskanzler, und seither wurde es Tradition, das Amt des Reichskanzlers mit dem des preußischen Ministerpräsidenten zu koppeln. Ausnahmen bildeten lediglich die preußische Ministerpräsidentschaft Albrecht von Roons von Januar bis November 1873 und die schlecht funktionierende Amtszeit Botho Wendt zu Eulenburgs von März 1892 bis Oktober 1894 unter Reichskanzler Leo von Caprivi; der Grund hierfür war die vom Norddeutschen Bund geerbte Unterstellung des Kanzlers unter die preußische Regierung.

Weimarer Republik[Bearbeiten]

Mit der Novemberrevolution von 1918 wurde nicht nur das deutsche Kaisertum gestürzt, sondern auch die Institutionen des Reichskanzlers und der Reichsleitung kurzfristig durch einen revolutionären „Rat der Volksbeauftragten“ abgelöst. Im Februar 1919 wurde erneut ein Kabinett auf Reichsebene gebildet, und zwar aufgrund des Gesetzes über die vorläufige Reichsgewalt. Es sah die Bildung eines Reichsministeriums vor, womit die Regierung insgesamt gemeint war. Der Vorsitzende dieser Reichsregierung erhielt dann den Titel eines Reichsministerpräsidenten (auch Präsident des Reichsministeriums). Doch während die Bezeichnungen der „Reichsregierung“ und ihrer Ressortchefs als „Reichsminister“ seither im Deutschen Reich bis 1945 fortwährend in Gebrauch blieben, konnte sich der Titel eines „Reichsministerpräsidenten“ im öffentlichen Sprachgebrauch nicht durchsetzen. Bereits im August 1919 kehrte der Chef der deutschen Reichsregierung zum unterdessen unverrückbar eingebürgerten Titel eines „Reichskanzlers“ zurück, obwohl der eigentliche inhaltliche Grund für diese Bezeichnung – dessen ursprünglich den Länderregierungschefs formal nachgeordnete Stellung – mit der Reichsverfassung von 1919 nicht mehr gegeben war.

Auch in der Weimarer Republik (1919–1933) wurde der Reichskanzler vom deutschen Staatsoberhaupt – nunmehr dem Reichspräsidenten – ernannt und entlassen, doch war er zugleich dem Reichstag gegenüber verantwortlich. Der Reichskanzler konnte aufgrund dieser Konstruktion allerdings auch ohne parlamentarische Mehrheit regieren, sofern es nicht ausdrücklich zu einem förmlichen Misstrauensvotum kam. Zudem konnte der Reichspräsident gemäß Artikel 48 der Weimarer Verfassung sogenannte Notverordnungen erlassen.

Herrschaft des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannt wurde, endete alsbald faktisch auch die parlamentarische Regierungsform; Hitler richtete sehr schnell eine Parteidiktatur ein und wurde zum Alleinherrscher ohne jede Verantwortlichkeit. Nach dem Tode des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg ließ Hitler Anfang August 1934 per Gesetz[1] die Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers zu seinen Gunsten zusammenlegen und das Volk darüber abstimmen. Als neues Staatsoberhaupt führte er seinen Titel „Führer und Reichskanzler“ bis zu seinem Suizid am 30. April 1945.

Hitler besaß verfassungsrechtlich nicht das Recht, auf einfachem testamentarischen Wege seine Nachfolge zu bestimmen, doch hatte er auf diese Weise am 29. April 1945 seinen engen Gefolgsmann Joseph Goebbels zu seinem Nachfolger als Reichskanzler bestimmt. Dies zeigte keine politische Wirkung, da das Reich damals bereits zu großen Teilen von den Alliierten besetzt war und Goebbels schon einen Tag nach Hitler, am 1. Mai 1945, ebenfalls Selbstmord beging. Der von Hitler auf dieselbe zweifelhafte Weise zum neuen Reichspräsidenten bestimmte Großadmiral Karl Dönitz beauftragte daraufhin am 2. Mai 1945 Reichsfinanzminister Graf Schwerin von Krosigk mit der Leitung der Geschäftsführenden Reichsregierung, wobei dieser den Titel des Reichskanzlers nicht mehr führte. Diese letzte nationalsozialistische Reichsexekutive, die weder über Legitimität noch über reale Macht verfügte, wurde am 23. Mai 1945 von den Alliierten verhaftet und Schwerin von Krosigk am 5. Juni 1945 auch formell abgesetzt.

Nachwirkungen[Bearbeiten]

Deutsche Demokratische Republik[Bearbeiten]

In der DDR war der Amtstitel des Regierungschefs zunächst – in Anlehnung an die kurze demokratische Weimarer Tradition von 1919 – „Ministerpräsident“, wobei dieser Titel allerdings sehr bald durch den eines „Vorsitzenden des Ministerrats“ verdrängt wurde, der sich an sowjetische Traditionen einer Räterepublik anlehnte. Im November 1989 kam aber der ursprüngliche Titel wieder in Gebrauch.

Bundesrepublik Deutschland[Bearbeiten]

Die Amtsbezeichnung des Regierungschefs der Bundesrepublik Deutschland ist seit 1949 – in bewusster Anlehnung an die Tradition sowie der staatsrechtlichen Kontinuität und völkerrechtlichen Identität des deutschen Staates zum Norddeutschen Bund und Deutschen Reich – „Bundeskanzler“.

Liste der Regierungschefs des Norddeutschen Bundes und des Deutschen Reiches[Bearbeiten]

Norddeutscher Bund[Bearbeiten]

Name (Lebensdaten) Amtsantritt Ende der Amtszeit Partei Kabinett Ursache für das Ende der Amtszeit Bild
Bundeskanzler
Graf Otto von Bismarck (1815–1898) 1. Juli 1867 3. Mai 1871 parteilos (konservativ) Bildung des Deutschen Reichs Bundesarchiv Bild 146-2005-0057, Otto von Bismarck.jpg

Deutsches Kaiserreich[Bearbeiten]

Name (Lebensdaten) Amtsantritt Ende der Amtszeit Partei Kabinett Ursache für das Ende der Amtszeit Bild
Reichskanzler
Fürst Otto von Bismarck (1815–1898) 4. Mai 1871 20. März 1890 parteilos (konservativ) (I.) Rücktritt Bundesarchiv Bild 146-2005-0057, Otto von Bismarck.jpg
Graf Leo von Caprivi (1831–1899) 20. März 1890 26. Oktober 1894 parteilos (I.) Vom Kaiser entlassen Bundesarchiv Bild 183-R09316, Leo Graf von Caprivi.jpg
Fürst Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst (1819–1901) 29. Oktober 1894 17. Oktober 1900 parteilos (I.) Rücktritt Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst.png
Fürst Bernhard von Bülow (1849–1929) 17. Oktober 1900 14. Juli 1909 parteilos (I.) Rücktritt Bundesarchiv Bild 146-2004-0098A, Bernhard von Bülow (cropped).jpg
Theobald von Bethmann Hollweg (1856–1921) 14. Juli 1909 13. Juli 1917 parteilos (ordoliberal) (I.) Rücktritt Theobald von Bethmann-Hollweg Portrait.jpg
Georg Michaelis (1857–1936) 14. Juli 1917 1. November 1917 parteilos (I.) Rücktritt Bundesarchiv Bild 183-2004-0720-500, Georg Michaelis (cropped).jpg
Graf Georg von Hertling (1843–1919) 1. November 1917 30. September 1918 Zentrum (I.) Vom Kaiser entlassen Georg von Hertling (cropped).jpeg
Prinz Max von Baden (1867–1929) 3. Oktober 1918 9. November 1918 parteilos (liberal) (I.) Übergabe der Kanzlerschaft an Friedrich Ebert Bundesarchiv Bild 183-R04103, Prinz Max von Baden (cropped).jpg

Weimarer Republik[Bearbeiten]

Name (Lebensdaten) Amtsantritt Ende der Amtszeit Partei Kabinett Ursache für das Ende der Amtszeit Bild
Reichskanzler
Friedrich Ebert (1871–1925) 9. November 1918 10. November 1918 SPD Novemberrevolution Bundesarchiv Bild 102-00015, Friedrich Ebert (cropped).jpg
Vorsitzende des Rates der Volksbeauftragten
Friedrich Ebert (1871–1925) 10. November 1918 11. Februar 1919 SPD Wahl zum Reichspräsidenten Bundesarchiv Bild 102-00015, Friedrich Ebert (cropped).jpg
Hugo Haase (1863–1919) 10. November 1918 29. Dezember 1918 USPD Rücktritt Haase 1905 (cropped).jpg
Philipp Scheidemann (1865–1939) 29. Dezember 1918 7. Februar 1919 SPD Bundesarchiv Bild 146-1979-122-29A, Philipp Scheidemann.jpg
Reichsministerpräsident
Philipp Scheidemann (1865–1939) 13. Februar 1919 20. Juni 1919 SPD (I.) Rücktritt wegen Uneinigkeit über den Versailler Vertrag Bundesarchiv Bild 146-1979-122-29A, Philipp Scheidemann.jpg
Gustav Bauer (1870–1944) 21. Juni 1919 14. August 1919 SPD (I.) Bundesarchiv Bild 183-J0113-0500-001, Gustav Bauer.jpg
Reichskanzler
Gustav Bauer (1870–1944) 14. August 1919 26. März 1920 SPD (I.) Vertrauensverlust nach dem Kapp-Putsch Bundesarchiv Bild 183-J0113-0500-001, Gustav Bauer.jpg
Hermann Müller (1876–1931) 27. März 1920 8. Juni 1920 SPD I. Zentrumspartei übernimmt Mehrheit nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages durch Müller. Bundesarchiv Bild 146-1979-122-28A, Hermann Müller (cropped).jpg
Konstantin Fehrenbach (1852–1926) 25. Juni 1920 4. Mai 1921 Zentrum (I.) Uneinigkeit der Parteien im Streit um die Annahme des Londoner Ultimatums für Reparationszahlungen Bundesarchiv Bild 183-R18733, Konstantin Fehrenbach.jpg
Joseph Wirth (1879–1956) 10. Mai 1921 22. Oktober 1921 Zentrum I. Neue Regierungsbildung als Protest gegen die Zwangsabtrennung Oberschlesiens an Polen. Bundesarchiv Bild 146III-105, Joseph Wirth.jpg
Joseph Wirth (1879–1956) 26. Oktober 1921 14. November 1922 Zentrum II. Ermordung Walther Rathenaus durch Rechte und Scheitern einer Koalition der demokratischen Kräfte dagegen. Bundesarchiv Bild 146III-105, Joseph Wirth.jpg
Wilhelm Cuno (1876–1933) 22. November 1922 12. August 1923 parteilos (konservativ) (I.) Der Streikaufruf Cunos gegen die Reparationszahlungen treibt Deutschland in den Ruin, die SPD stellt ein Misstrauensvotum. Bundesarchiv Bild 183-2002-0625-505, Dr. Wilhelm Cuno (cropped).jpg
Gustav Stresemann (1878–1929) 13. August 1923 3. Oktober 1923 DVP I. Ende des 1. Stresemann-Kabinetts nach Umsturzversuchen deutscher Kommunisten, die von Sachsen und Thüringen aus operieren: „Deutscher Oktober[2] Bundesarchiv Bild 146-1989-040-27, Gustav Stresemann.jpg
Gustav Stresemann (1878–1929) 6. Oktober 1923 23. November 1923 DVP II. Umsturzversuche rechter Kräfte im Hitlerputsch (9. November 1923) und Kabinettskrise danach Bundesarchiv Bild 146-1989-040-27, Gustav Stresemann.jpg
Wilhelm Marx (1863–1946) 30. November 1923 26. Mai 1924 Zentrum I. Ende Kabinett Marx I Reichskanzler Wilhelm Marx (cropped).jpg
Wilhelm Marx (1863–1946) 3. Juni 1924 15. Januar 1925 Zentrum II. Ende Kabinett Marx II Reichskanzler Wilhelm Marx (cropped).jpg
Hans Luther (1879–1962) 15. Januar 1925 5. Dezember 1925 parteilos (nationalliberal) I. Auseinanderbrechen der Koalition nach Anerkennung der im Versailler Vertrag festgelegten Westgrenze im Locarno-Pakt Bundesarchiv Bild 146-1969-008A-07, Hans Luther (cropped).jpg
Hans Luther (1879–1962) 20. Januar 1926 12. Mai 1926 parteilos (nationalliberal) II. Rücktritt des zweiten Kabinetts Luther nach einem Misstrauensvotum des Reichstags wegen der Einführung einer modifizierten kaiserlichen Flagge Bundesarchiv Bild 146-1969-008A-07, Hans Luther (cropped).jpg
Otto Geßler (1875–1955) — kommissarisch 12. Mai 1926 17. Mai 1926 DDP Vorwurf der Nähe zu rechtsgerichteten Kreisen und Großindustrie / Aufdeckung eines frühen geheimen Aufrüstprogramms gegen den Versailler Vertrag in der Lohmann-Affäre Bundesarchiv Bild 146-1968-100-04A, Otto Karl Geßler (cropped).jpg
Wilhelm Marx (1863–1946) 17. Mai 1926 17. Dezember 1926 Zentrum III. Ende Kabinett Marx III Reichskanzler Wilhelm Marx (cropped).jpg
Wilhelm Marx (1863–1946) 19. Januar 1927 12. Juni 1928 Zentrum IV. Ende Kabinett Marx IV Reichskanzler Wilhelm Marx (cropped).jpg
Hermann Müller (1876–1931) 28. Juni 1928 27. März 1930 SPD II. Scheitern der Koalition an Reformwünschen der arbeitgeberfreundlichen DVP zur 1927 eingeführten Arbeitslosenversicherung. Weigerung der SPD, auf eine viertelprozentige Erhöhung der Beiträge zur Versicherung zu verzichten. Bundesarchiv Bild 146-1979-122-28A, Hermann Müller (cropped).jpg
Heinrich Brüning (1885–1970) 30. März 1930 7. Oktober 1931 Zentrum I. Bekämpfung der Wirtschaftskrise durch Deflationspolitik (Politik des Sparens). Bundesarchiv Bild 119-2600, Heinrich Brüning.jpg
Heinrich Brüning (1885–1970) 9. Oktober 1931 30. Mai 1932 Zentrum II. Verschlimmerung der wirtschaftlichen und innenpolitischen Situation trotz Hoover-Moratorium und erfolgreichen Verhandlungen bei der Konferenz von Lausanne Bundesarchiv Bild 119-2600, Heinrich Brüning.jpg
Franz von Papen (1879–1969) 1. Juni 1932 17. November 1932 Zentrum (ab 3. Juni 1932 parteilos) (I.) Kabinett der Barone. Durchführung des Preußenschlags (Absetzung der SPD-geführten Regierung in Preußen). Versuchter Staatsstreich scheitert am Widerstand der Reichswehr unter Schleicher. Bundesarchiv Bild 183-1988-0113-500, Franz v. Papen (cropped).jpg
Kurt von Schleicher (1882–1934) 3. Dezember 1932 28. Januar 1933 parteilos (I.) Schleicher versucht als „sozialer General“ eine Annäherung an die gemäßigten Kräfte (Soziales Bündnis) und die Spaltung der NSDAP. Vorhaben misslingt, Unterstützer wenden sich ab, Hindenburg ernennt unter Druck Hitler zum Reichskanzler. Bundesarchiv Bild 183-B0527-0001-020, Kurt von Schleicher (cropped).jpg

Zeit des Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Name (Lebensdaten) Amtsantritt Ende der Amtszeit Partei Kabinett Ursache für das Ende der Amtszeit Bild
Reichskanzler
Adolf Hitler (1889–1945) 30. Januar 1933 2. August 1934[3] NSDAP (I.) Tod von Hindenburgs und Zusammenlegung der Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten. Bundesarchiv Bild 183-S33882, Adolf Hitler (cropped).jpg
Führer und Reichskanzler
Adolf Hitler (1889–1945) 2. August 1934[4] 30. April 1945 NSDAP (I.) Selbsttötung Bundesarchiv Bild 183-S33882, Adolf Hitler (cropped).jpg
Reichskanzler
Joseph Goebbels (1897–1945) 30. April 1945 1. Mai 1945 NSDAP (I.) Selbsttötung Bundesarchiv Bild 146-1968-101-20A, Joseph Goebbels.jpg
Leitender Minister der Geschäftsführenden Reichsregierung[5]
Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk (1887–1977) 2. Mai 1945 5. Juni 1945 NSDAP (I.) Von den Hauptsiegermächten abgesetzt Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk.JPG

Statistisches[Bearbeiten]

Allgemeines und Amtszeit[Bearbeiten]

Die Punch-Karikatur Dropping the Pilot (im Deutschen meist übersetzt mit: „Der Lotse geht von Bord“) von Sir John Tenniel zum Rücktritt Bismarcks 1890 (an der Reling: Kaiser Wilhelm II.)

Nimmt man die Reichskanzler der NS-Zeit mit hinzu (Hitler, Goebbels und von Schwerin-Krosigk), nicht aber den nur geschäftsführenden Amtsträger Walter Scheel, so kommt man von Bismarck bis einschließlich Angela Merkel auf 24 Personen, die Reichskanzler (bzw. Reichsministerpräsident) waren, und acht Personen, die Bundeskanzler waren, zusammen 32.

Am längsten gedient hat Bismarck. Er war fast auf den Tag genau 19 Jahre lang Reichskanzler, dazu knapp vier Jahre Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes. In der Weimarer Zeit amtierte Wilhelm Marx drei Jahre und 74 Tage, rechnet man seine beiden Amtszeiten (vier Kabinette) zusammen, in der Bundesrepublik diente am längsten Helmut Kohl mit 16 Jahren.

Am kürzesten dauerte die Amtszeit von Joseph Goebbels (einen Tag, 30. April – 1. Mai 1945), der von Hitler testamentarisch eingesetzt worden war. Schwerin-Krosigk war 22 Tage, Schleicher 57 Tage im Amt. Im Kaiserreich vor dem Ersten Weltkrieg dauerte die kürzeste Kanzlerschaft vier Jahre (Leo von Caprivi), in der Bundesrepublik zwei Jahre und elf Monate (Kurt Georg Kiesinger).

Parteien[Bearbeiten]

Der erste Kanzler, der Mitglied einer Partei war, war 1917 der Zentrumspolitiker Graf Georg von Hertling. Danach gab es noch sechs parteilose Kanzler, darunter seinen direkten Nachfolger, Max von Baden, der als Liberaler angesehen wurde. In der Weimarer Zeit standen Cuno und Luther der DVP nahe, Papen war kurz vor dem Amtsantritt aus dem Zentrum ausgetreten und wurde von der DNVP gestützt, Schleicher wiederum war nie Parteimitglied; die NSDAP-Mitgliedschaft Schwerin von Krosigks wurde automatisch eingetragen.[6] Letzterer war der letzte Kanzler ohne eigenes Parteibuch (abgesehen von dem umstrittenen Fall Ludwig Erhard).

Die SPD hat sieben Kanzler gestellt, sowohl am Ende des Kaiserreichs, in der Weimarer Zeit (drei) sowie in der Bundesrepublik Deutschland (drei). Die CDU kommt auf fünf, darunter die einzige Kanzlerin. Zählt man das Zentrum als Vorläufer der CDU, bringen die CDU-Kanzler und die sechs Zentrumskanzler neun Kanzler auf die Waage. Danach kommt die NSDAP mit zwei Kanzlern und die Deutsche Volkspartei mit einem Kanzler. Andere Parteien haben keinen Kanzler gestellt.

Heinrich Brüning hatte in seinem ersten Kabinett Vertreter von insgesamt acht verschiedenen Parteien vereint (zu unterschiedlichen Zeiten, gleichzeitig waren es sieben). In der Bundesrepublik hält Konrad Adenauer mit seinem zweiten Kabinett den Rekord, mit insgesamt sechs Parteien (zu Amtsantritt fünf, am Ende vier; CDU und CSU als zwei Parteien gezählt).

Titel und andere Ämter[Bearbeiten]

General Kurt von Schleicher, 1932

Hertling war 1917 der erste Kanzler mit Promotion. Alle Bundeskanzler der CDU waren promoviert (Erhard auch Professor), alle SPD-Bundeskanzler hingegen nicht.

Gedient hat von den kaiserzeitlichen Kanzlern General Caprivi. Von den Weimarer Kanzlern war der wehrdienstuntaugliche Wirth Krankenpfleger im Weltkrieg gewesen, Brüning, Papen, Schleicher und Hitler waren Soldaten bzw. Offiziere (gewesen). Auch Erhard war Soldat (Unteroffizier) im Ersten Weltkrieg. Kiesinger entzog sich dem Waffendienst im Zweiten Weltkrieg durch Ministerialarbeit, Schmidt war Soldat (Oberleutnant der Wehrmacht, Major d.R. der Bundeswehr).

Bauer, Wirth, Stresemann und Marx übernahmen auch nach ihrer Kanzlerschaft noch Ministerämter. Umgekehrt ist es gängig, dass ein Kanzler zuvor Minister (bzw. Staatssekretär im Kaiserreich) gewesen ist: Bülow (Außenamt), Bethmann Hollweg (Inneres), Bauer (Arbeit), Müller (Außenamt), Wirth (Finanzen), Luther (Ernährung, Finanzen), Schleicher (Reichswehr), Erhard (Wirtschaft), Brandt (Außenamt), Schmidt (Verteidigung, Finanzen, Wirtschaft), Merkel (Frauen, Umwelt).

Ehemalige Ministerpräsidenten eines deutschen Landes waren Hohenlohe-Schillingsfürst (Bayern), Hertling (Bayern), Kiesinger (Baden-Württemberg), Brandt (West-Berlin), Kohl (Rheinland-Pfalz), Schröder (Niedersachsen). Bürgermeister großer Städte waren Luther (Essen) und Adenauer (Köln).

Seit 1917 hat die Mehrheit der Kanzler parlamentarische Erfahrung gehabt. Nie Mitglied des Reichstags waren Baden, Cuno, Luther, Schleicher und Schwerin von Krosigk. Hitler wurde erst während seiner Kanzlerschaft Reichstagsabgeordneter. Bei Amtsantritt keine Parlamentarier, wohl aber zuvor, waren Hertling (1875–1890, 1896–1912) und Kiesinger (1949–1959; auch danach: 1969–1980). Kein Reichskanzler ist später Bundestagsabgeordneter geworden, kein Bundeskanzler ist Reichstagsabgeordneter gewesen.

Alle Bundeskanzler haben nach dem Ende der Amtszeit das Abgeordnetenmandat weiter ausgeübt, mit Ausnahme von Gerhard Schröder. Willy Brandt war nach seinem Rücktritt 1974 noch bis zu seinem Tod 1992 Bundestagsabgeordneter. Insgesamt war er 31 Jahre lang Parlamentarier gewesen (1949–1957, 1961, 1969–1992), vergleichbar lang wie Helmut Schmidt (1953–1962, 1965–1987). Danach folgt Erhard mit ununterbrochenen 28 Jahren von 1949 bis zu seinem Tod 1977. Der Weimarer Kanzler Scheidemann war von 1903 bis 1933 Reichstagsabgeordneter, Fehrenbach von 1903 bis zu seinem Tod 1926. Schröder war nur insgesamt 13 Jahre lang Bundestagsabgeordneter (1980–1986, 1998–2005).

Ehemalige Fraktionsvorsitzende waren Scheidemann, Stresemann, Müller, Brüning, Schmidt, Kohl und Merkel; der frühere Reichstagspräsident Fehrenbach war es nach seiner Kanzlerschaft.

Alter[Bearbeiten]

Bei Amtsantritt am jüngsten war Bundeskanzlerin Merkel mit 51 Jahren, Helmut Kohl war seinerzeit ein Jahr älter. Unter den Reichskanzlern war der jüngste Wirth mit 42 Jahren.

2012 war Helmut Schmidt im 30. Jahr seit seiner Abwahl. Das höchste Lebensalter eines ehemaligen Kanzlers erreichte Konrad Adenauer mit 91 Jahren, ehe ihn Schmidt im Dezember 2009 einholte und bislang das höchste Lebensalter eines vormaligen Kanzlers erreicht hat. Der älteste Bundeskanzler bei Amtsantritt war Adenauer mit 73 Jahren. Er hält auch den Altersrekord als amtierender Kanzler, er trat erst mit 87 Jahren ab.

Im Jahr 1901 unter Bernhard von Bülow waren alle drei vorherigen Kanzler bereits verstorben (1898, 1899 und 1901).

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Gesetz über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs vom 1. August 1934
  2. Deutsches Historisches Museum: Der „deutsche Oktober“ 1923
  3. Vgl. dazu Nachricht von dem Ableben des Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg vom 2. August 1934 (RGBl. 1934 I 745).
  4. Jugendlexikon Nationalsozialismus. Rowohlt Verlag, 1982, S. 72; vgl. Erlaß des Reichskanzlers zum Vollzug des Gesetzes über das Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs vom 1. August 1934 vom 2. August 1934, auf: documentArchiv.de (Hrsg.)
  5. auch: Leiter der Geschäftsführenden Reichsregierung unter Führung des Reichsaußen- und Reichsfinanzministers
  6. Biographie: Johann Ludwig Graf Schwerin von Krosigk, 1887–1977, Eintrag im LeMO, abgerufen am 4. April 2014.