Reifen (Spielzeug)

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Ganymed, antikes Griechenland, um 500 v. Chr. mit einem Reifen
Reifentreiben in der Zopfzeit, Kupferstich von Daniel Chodowiecki, 1774
Kind beim Reifentreiben, 1853.
Mathias Artaria: Nationaltheater Mannheim, Ausschnitt.
Frau mit "Hula Hoop"-Reifen, 1958

Der Reifen, selten auch Reif genannt, ist ein Spielzeug, das in vielen Kulturen der Welt der Förderung der Geschicklichkeit dient. Er war früher fast ausschließlich aus Holz per Hand gefertigt und ist seit den 1950er Jahren besonders in seiner Form aus Kunststoffrohr als Hula-Hoop-Reifen bekannt.

Geschichte[Bearbeiten]

Bereits im Corpus Hippocraticum wird in der Schrift Über die Lebensführung (um 400 v. Chr.) der Reifenlauf empfohlen.[1] Menschen mit schwacher Konstitution sollten diese Übung zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit nutzen. Artemidoros, ein Wahrsager aus dem 2. Jahrhundert, meint in seinem Traumdeutungswerk: Einen Reifen treiben bedeutet, man werde Anstrengungen unterworfen, aus denen dem Träumenden ein Nutzen entstehen wird.

Bei den Indianern Nordamerikas und den Inuit diente der Reifen zum spielerischen Erlernen der überlebensnotwendigen Jagdtechniken. Jemand trieb einen Reifen vor sich her und andere warfen mit langen Stangen durch die Öffnung. Oder ein mit Riemen umflochtener Reifen wurde an einer Reihe junger Bogenschützen vorbeigerollt und anhand der Pfeilkennzeichnung konnte man anschließend den Sieger feststellen.

Im 19. Jahrhundert war der Umgang mit den leichten Holzreifen für Jungen und Mädchen gang und gäbe. Regelrechte Wettläufe wurden veranstaltet, und obwohl die etwas steife und strenge Kleidung der Oberschicht so gar nicht dazu zu passen schien, vertrieb sich auch der junge Adel seine Zeit damit.

Eine Wiedergeburt erlebte der Reifen als Spielzeug Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre, als er in Form des Hula-Hoop-Reifens in die Kinderzimmer zurückkehrte.

Reifentreiben[Bearbeiten]

Das Reifentreiben sieht zwar für den Zuschauer einfach aus, doch es erfordert sehr viel Übung und Geschick, den Reifen aufrecht zu halten und vorwärts zu bewegen. Zum Treiben benutzte man einen kleinen Stock (oder Stange), an dem oftmals zur Zierde eine kleine Holzkugel befestigt war. Doch auch ohne Stock, allein unter Benutzung der Handfläche, kann man ihn vorwärts bewegen, nachdem man ihn zuvor senkrecht gehalten und ihm dann einen leichten Vorwärtsschlag an der oberen Krümmung erteilt hat. Die Kurventechnik stellt nochmals besondere Anforderungen an die Beine-Hand-Augen-Koordination. In diesem Zusammenhang wird der Reifen im norddeutschen Sprachgebrauch auch Tunnband,[2] Trünnelband, Trudelreifen oder Tüdelband genannt (Plattdeutsch). Die Gebrüder Wolf besangen dieses Spiel in dem Couplet An de Eck steit’n Jung mit’n Tüdelband.[3]. In Bremen ist der Ausdruck Tombandlaufen überliefert und weist darauf hin, dass das Material eines solchen Reifens neben Holz (besonders Weidenholz, siehe Bandreißer) früher oft das Eisen von Tonnenbändern, also ausgedienten Halteringen von Holzfässern und -bottichen war. In dieser Funktion wurden sie durch Fahrradfelgen ohne Speichen und Nabe abgelöst.

Hula Hoop[Bearbeiten]

Die schon lange zuvor bekannte Geschicklichkeitsübung, einen leichten Reifen um die Hüfte kreisen zu lassen, wurde zu einem weltweit verbreiteten Modespiel, als 1958 der kalifornische Spielzeughersteller Wham-O Corp. ab Juli 1958, gestützt auf eine nationale Marketingkampagne in weniger als vier Monaten 25 Millionen Kunststoffreifen unter dem Namen „Hula Hoop“ (Hula für hawaiischer Tanz und Hoop engl. (Fass-)Reifen) auf dem amerikanischen Markt absetzte.[4] Noch im gleichen Jahr schwappte die Welle nach Deutschland, wo diese Reifen von der Firma geobra Brandstätter erstmals gefertigt wurden. Kinder und Erwachsene erfanden Kunststücke mit dem Kunststoffgerät. Dauerhulahoopen war eine der einfachsten wettbewerbsmäßig ausgetragenen Disziplinen, der sich auch Jugendliche und Erwachsene unterwarfen. In Varietés und Zirkussen sah man Artisten mit Dutzenden von Reifen um Hals und Bauch jonglieren. Orthopäden behandelten vermehrt Bandscheibenbeschwerden, insbesondere älterer Hula-Hooper. Der Titel der deutschen Filmkomödie Hula-Hopp, Conny (1959) mit Cornelia Froboess und Rex Gildo war eine schnelle Reaktion auf diese Mode.

Andere Techniken[Bearbeiten]

Staffelwettläufe über mehrere hundert Meter (hin und zurück), wobei derselbe Reifen als Staffelstab gilt, lassen sich auch bei Festen durchführen. Dem Ideenreichtum sind keine Grenzen gesetzt. Sprünge durch den Reifen oder das Werfen von Gegenständen durch die Mitte sind nur einige Spiele, die Kindern sofort einfallen. Als Anregung kann die Rhythmische Sportgymnastik dienen. Dort setzen die Wettkämpferinnen den Reifen zum Teil in spektakulärer Art und Weise ein (z. B.: schleudern mit dem Fuß und fangen mit dem Hals etc.).

Der Hula Hoop Reifen kann auch für ein sportliches Workout genutzt werden. Das Training mit einem Fitness Hoop unterstützt das Herz-Kreislauf-System, stärkt die Rumpfmuskulatur, regt den Fettstoffwechsel an und verbessert die Koordinationsfähigkeit. Es gibt diverse Übungen, die mit Elementen aus Aerobic, Pilates, Yoga, Tanz und Bodyworkout kombiniert werden können. Die verschiedenen Hoop-Techniken sind mit ein wenig Übung leicht zu erlernen. Der Körper speichert das Bewegungsprogramm und kann es mit einer kleinen Pause leichter wieder abrufen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Spiele der Welt II, Bearbeitung Eugen Oker, Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1985, ISBN 3-596-23075-6
  • Walter Seiler: Alte Kinderspiele in der Schweiz. Eine Sammlung volkskundlicher Bewegungsspiele; Sonderdruck der Schweizerischen Lehrerzeitung, Ausgabe "Schulpraxis", Monatsschrift des Bernischen Lehrervereins BLV, Nr. 25, 21. Juni 1979, Bern

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Reifen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wiktionary: Reifen – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Corpus Hippocraticum De diaeta 63-92.
  2. Alfred Cammann: Die Welt der niederdeutschen Kinderspiele, 1970, S. 38, 93, 205, 306
  3. http://www.plattmaster.de/andeeck.htm
  4. (siehe auch den eigenen, ausführlicheren Artikel in der englischen Wikipedia: en:Wham-O)