Schnuckenack Reinhardt

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Schnuckenack Reinhardt 1972 in Mainz

Franz „Schnuckenack“ Reinhardt (* 17. Februar 1921 in Weinsheim bei Bad Kreuznach; † 16. April 2006 in Heidelberg) war ein Jazzmusiker (Geiger), Komponist und Interpret. Er galt als der „große Geigenvirtuose der Sinti-Musik.“ [1] Er war ein deutscher Sinto; seine Musik wurde zumeist unter den zeitgenössischen Bezeichnungen „Zigeunerjazz“ oder „Musik deutscher Zigeuner“ veröffentlicht und kategorisiert. So hat er „diese Musik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht“ und entscheidend dazu beigetragen, dass sie sich in Deutschland von einer im Kontext der Straßenmusik dargebotenen Tanz- und Unterhaltungsmusik zu „einer konzertanten Musikform wandelte“.[2]

Leben und Wirken[Bearbeiten]

Das neue Schnuckenack-Reinhardt-Quintett (1973 in Hamburg)
Schnuckenack Reinhardt 1973

Reinhardt, ein Vetter des (wallonisch-)belgischen Gitarristen Django Reinhardt, den er jedoch nie persönlich kennengelernt hat, studierte am Mainzer Peter-Cornelius-Konservatorium Musik. Sein Spitzname „Schnuckenack“ - der schnell zu seinem offiziellen Rufnamen wurde – rührt her vom Romani-Ausdruck schuker nak (dt. so viel wie „schöne Nase“). Während des Nationalsozialismus wurde er mit seiner Familie 1938, in der damaligen Terminologie als „Zigeuner“, nach Częstochowa verschleppt. Dort schlug sich die Familie fünf Jahre lang getarnt als deutsch-ungarische Musiker immer auf der Flucht vor Entdeckung durch. Mehrfach entging Reinhardt nur knapp der Erschießung durch die SS. Er blieb bis zum Einmarsch der Alliierten im Untergrund. Er kehrte dann nach Deutschland zurück, wo er zunächst mehrere Jahre für die 7. US-Armee Unterhaltungsmusik spielte.[3]

Dann kam unter Vermittlung des Musikagenten Siegfried Maeker der Kontakt zwischen Schnuckenack Reinhardt und dem Gitarristen Daweli Reinhardt zustande (die übrigens nicht miteinander verwandt sind).[4] Aus einer Gruppe von 10 bis 15 Sinti-Musikern wurde zunächst ein Quartett, dann 1967 das Schnuckenack-Reinhardt-Quintett formiert, dessen schlagzeuglose Besetzung mit zwei Rhythmusgitarren ein exaktes Abbild von Django Reinhardts Hot club de France darstellt und zum Muster zahlreicher weiterer Sinto-Jazz-Gruppen wurde. Mit dabei war auch Bobby Falta, der wesentlich zur Entstehung des Schnuckenack-Reinhardt-Quintetts beigetragen hat. 1967 und 1968 trat die Gruppe bei den Internationalen Waldeck-Festivals auf.[5] Nach Angaben der Plattenfirma Da Camera Song in Heidelberg hat sich das (alte) Schnuckenack-Reinhardt-Quintett im Mai 1972 aufgelöst. Im September 1972 wurde das Häns’che-Weiss-Quintett gegründet, bei dem neben Häns’che Weiss (Sologitarre) auch Titi Winterstein (Violine), Holzmanno Winterstein (Rhythmusgitarre), Ziroli Winterstein (Rhythmusgitarre) und Hojok Merstein (Kontrabass) mitspielten.

Danach gründete Schnuckenack Reinhardt Das neue Quintett mit den Musikern

  • Schnuckenack Reinhardt, Geige
  • Bobby Falta, Sologitarre
  • Schmeling Lehmann, Rhythmusgitarre
  • Ricardo Reinhardt, Rhythmusgitarre
  • Jani Lehmann, Kontrabass.

Auf Drängen Faltas orientierte sich dieses Quintett stärker am Jazz. In den folgenden Jahren wurde das Quintett umbesetzt und Schnuckenack Reinhardts Sohn Forello der Sologitarrist; auch wurde der folkloristische Teil des Repertoires wieder stärker betont. Bis 1991 wandelte sich die Formation zu einem aus Familienangehörigen bestehenden Sextett. In seinem Projekt Talal zeichnete Reinhardt die Völkerwanderung der Roma von Indien nach Europa nach.[2]

Reinhardt lebte ab 1982 bis zu seinem Tod in St. Leon-Rot. Über sein Leben entstand im Jahr 2000 Andreas Öhlers Dokumentarfilm Die Ballade von Schnuckenack Reinhardt.[6]

Der mit Reinhardt befreundete österreichische Künstler André Heller schrieb zusammen mit Ingfried Hoffmann das Lied „Mein Freund Schnuckenack“, in dem er Bezug auf die Biografie des Musikers mit einer bitteren Lebensbilanz nimmt.

Das Grab von Schnuckenack Reinhardt befindet sich auf dem Hauptfriedhof von Neustadt an der Weinstraße.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

Diskografie (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Musik deutscher Zigeuner - Schnuckenack-Reinhardt-Quintett, Vol. 1 (Da Camera Song, LP, Erstauflage Februar 1969, aufgenommen: 23./24./25. November 1968)
  • Musik deutscher Zigeuner - Schnuckenack-Reinhardt-Quintett, Vol. 2 (Da Camera Song, LP, Erstauflage November 1969, aufgenommen: 10./11. Juni 1969)
  • Musik deutscher Zigeuner - Schnuckenack-Reinhardt-Quintett, Vol. 3 (Da Camera Song, LP, Erstauflage September 1970, aufgenommen: 13./14. Mai 1970; Live-Aufnahmen aus Heidelberg,D und Ludwigsburg, D)
  • Musik deutscher Zigeuner - Schnuckenack-Reinhardt-Quintett, Vol. 4 (Da Camera Song, LP, Erstauflage April 1972, aufgenommen: 29./30. November 1971)
  • Musik deutscher Zigeuner - Schnuckenack Reinhardt- Das neue Quintett, (RBM-Musikproduktion, LP, Erstauflage ca. 1973)
  • Schnuckenack-Reinhardt-Quintet – 15. März 1973 (LP, 1973)
  • Schnuckenack-Reinhardt-Quintet – Swing Session (LP Intercord, 1975)
  • Schnuckenack Reinhardt – Starportrait (CD, 1989)
  • Musik deutscher Zigeuner, Vol. 1–8 (CDs, 1996)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Anita Awosusi: Die Musik der Sinti und Roma. Band 2: Der Sinti-Jazz. Heidelberg 1997, S. 109
  2. a b Ernst Wilhelm Holl Die Gitarre im Zigeunerjazz. (Diplomarbeit Dresden 1999). S. 19
  3. Vgl. Michael Dregni Gypsy Jazz: In Search of Django Reinhardt and the Soul of Gypsy Swing Oxford: Oxford University Press 2008, S. 90ff.
  4. Vgl. Daweli Reinhardt und Joachim Hennig Hundert Jahre Musik der Reinhardts - Daweli erzählt sein Leben Verlag Dietmar Fölbach, Koblenz 2003
  5. David Robb Protest song in East and West Germany since the 1960s Camden House 2007, S. 116
  6. Filmempfehlung (Lernen aus der Geschichte)