Sestine

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Die Sestine ist eine aus sechs Strophen bestehende Gedichtform zu je sechs im Deutschen jambischen Verszeilen.

Besonderheiten: Die Reimwörter der ersten Strophe werden durch sämtliche Strophen in festgelegter Folge beibehalten - wenn man die Reimwörter einer Strophe mit 1-6 nummeriert, dann kommen sie in der darauffolgenden Strophe in dieser Reihenfolge vor: 6,1,5,2,4,3; die übernächste Strophe enthält diese Reimwörter dann in der Folge 3,6,4,1,2,5. An die sechs Strophen schließt sich eine dreizeilige Coda an, in der sämtliche Reimwörter in der ursprünglichen Reihenfolge der ersten Strophe noch einmal (zwei pro Zeile) wiederkehren. Es sind auch andere Reihenfolgen möglich. Übereinstimmend ist dabei, dass die Reimwörter in jederStrophe beibehalten werden.

In sestina steckt das Wort sei/sesta also sechs, die sechste, womit auf das strukturierende Prinzip dieser Gedichtform verwiesen ist. Die Besonderheit der Sestine als Gedichtform liegt darin, dass in sechs sechszeiligen Strophen sechs alternierende Reimworte auftauchen. Sie werden an das Ende des endecasillabo gesetzt und tauchen auch in der abschließenden dreizeiligen coda wieder auf. Drei der sechs Reimworte befinden sich am Ende des endecasillabo und die anderen drei stehen innerhalb der Verszeile.

Als Erfinder dieser Form gilt Arnaut Daniel, ein Trobador aus der Provence, der damit im Mittelalter und Frühhumanismus besonders in Italien, unter anderem in Dante Alighieri und Francesco Petrarca, Nachahmer fand. Diese Gedichtform hat ihren Ursprung wohl in der provenzalischen Dichtung. Guido Bezzola vermutet, dass sie auf Arnaut Daniel zurückzuführen ist.

Im 14. Jahrhundert bedient sich Petrarca in seiner Gedichtsammlung Rerum Vulgarium Fragmenta oder auch Rime, die über einen Zeitraum mehrerer Jahrzehnte zusammengestellt und immer wieder umgestellt wurde, der Gedichtform sestina.

Deutsche Vertreter[Bearbeiten]

Martin Opitz, Andreas Gryphius, Ludwig Uhland, Friedrich Rückert, Oskar Pastior. Andere Dichter: Luís de Camões, Ezra Pound, Rudyard Kipling, W. H. Auden, Joan Brossa, John Ashbery.

Beispiel:

Wenn durch die Lüfte wirbelnd treibt der Schnee,
Und lauten Fußtritts durch die Flur der Frost
Einhergeht auf der Spiegelbahn von Eis;
Dann ist es schön, geschirmt vorm Wintersturm,
Und unvertrieben von der holden Glut
Des eignen Herds, zu sitzen still daheim.
O dürft ich sitzen jetzt bei der daheim,
Die nicht zu neiden braucht den reinen Schnee,
Die mit der sonn'gen Augen sanfter Glut
Selbst Funken weiß zu locken aus dem Frost!
Beschwören sollte sie in mir den Sturm,
Und tauen sollte meines Busens Eis.
Erst muß am Blick des Frühlinges das Eis
(...)
Mit Blütenschnee schmückt sich der kahle Frost,
Das Eis wird Lichtkristall und Wohllaut Sturm,
Wo ich voll Glut zu dir mich denke heim.
Fr. Rückert: Sestine (aus den italienischen Gedichten)