Sexualkundeunterricht

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Der Sexualkundeunterricht, in Österreich Aufklärungsunterricht, ist die schulische Auseinandersetzung mit Sexualität. Sie wird meist im Rahmen des Biologieunterrichts oder Projektunterricht zur sexuellen Aufklärung gelehrt, und gehört zu den Hauptanliegen der Sexualpädagogik.

Lehrinhalte und Geschichte[Bearbeiten]

Im Sexualkundeunterricht werden den Schülern Informationen über biologische Grundlagen (Anatomie der Geschlechtsorgane, Wissen über den Geschlechtsverkehr) und die gesellschaftliche Rolle der Sexualität (den Themenkomplex Pubertät, Partnerfindung und Sexualethik) dargeboten. Speziell auf Jugendliche zugeschnitten werden die Möglichkeiten der Empfängnisverhütung erläutert, Wissen über Geschlechtskrankheiten und den Schutz dagegen vermittelt, und die Problematik von Sexueller Gewalt, Missbrauch und Belästigung erörtert.

In den 1980er Jahren kam mit der AIDS-Prävention das Gebiet der sexuellen Infektionen in den Fokus der Öffentlichkeit und schlug sich auch in den Lehrplänen nieder.

Sexualkundeunterricht im Fächerkanon[Bearbeiten]

Deutschland[Bearbeiten]

Das Schulbuch Sexualkunde-Atlas wurde am 17. Juni 1969 als bundeseinheitliches Unterrichtsmittel für das neue Fach „Sexualkunde“ an Schulen vorgestellt. Es entstand auf Veranlassung des Bundesgesundheitsministeriums, das Käte Strobel leitete. Während die evangelische Kirche die liberalere Sexualkundeerziehung befürwortet, übten katholische und konservative Kreise heftige Kritik am staatlichen Aufklärungsbestreben.[1] Am 1. Juli lag der Sexualkunde-Atlas[2] in den Buchhandlungen zum Erwerb fürs neue Schuljahr.[3]

Verstöße wegen Fernbleibens von Schulkindern vom Schulunterricht werden in Deutschland mit Geldstrafen gegenüber den Eltern und bei wiederholten Verstößen mit Gefängnisstrafen von einigen Wochen belegt.[4] Immer wieder geschieht es, dass Eltern versuchen, ihre Kinder von der Teilnahme am schulischen Sexualkundeunterricht „aus religiösen Gründen“ befreien zu lassen. Am 19. Januar 2004 erging hierzu von Seiten des Hamburger Verwaltungsgerichts ein vielbeachtetes Urteil, mit dem ein Antrag zur Befreiung zweier muslimischer Schülerinnen vom Sexualkundeunterricht abgewiesen wurde: „Nach Ansicht der Richter verletzt die Teilnahmepflicht an Aufklärungsstunden im Biologieunterricht weder die Religionsfreiheit der Mädchen noch das Erziehungsrecht ihrer Eltern, wie das Gericht mitteilte. Bei einer reinen Wissensvermittlung werde die weltanschauliche Neutralität gewahrt, argumentierte das Gericht. Zudem habe der Staat ein berechtigtes Interesse, der Entwicklung von ‚Parallelgesellschaften‘ entgegenzuwirken. Eine Befreiung von der Sexualkunde aus weltanschaulichen Gründen würde aber nach Ansicht der Richter das ‚Gefühl einer Andersartigkeit‘ gerade fördern.“[5] Das Urteil wurde unter anderem von Sprechern der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) und der Islamischen Gemeinden Norddeutschlands begrüßt.

Neben dem deutschen Bundesverfassungsgericht und anderen Verfassungsgerichten von verschiedenen Nationalstaaten in Europa urteilte im September 2011 ebenso der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte, dass Schulkinder dem staatlichen Sexualkundeunterricht nicht aus religiösen Gründen fernbleiben dürfen.[6]

Österreich[Bearbeiten]

Die Sexualerziehung im Schulunterricht wurde in Österreich schon mit dem Grundsatzerlass Sexualerziehung in den Schulen vom 24. November 1970 (Rundschreiben Nr. 193/1970) verankert, und mit Rundschreibens Nr. 216/1990 vom 23. Oktober 1990 [7] bekräftigt. Die Willensbekundung zu Aufklärungsunterricht beruft sich auf den § 2 Aufgabe der österreichischen Schule des Schulorganisationsgesetzes (SchOG), der die „Bildungs- und Erziehungsziele, mit denen die Entwicklung der Anlagen der Jugend, ihre Kenntnisse und Fertigkeiten im Interesse der Gesamterziehung und der Persönlichkeitsentwicklung entsprechend gefördert werden können“[8], als Unterrichtsgegenstand fordert. Ausdrücklich formuliert wurde aber, dass „Sexualerziehung die primäre Aufgabe der Eltern/Erziehungsberechtigten [ist]“,[9] und der Unterricht nur „in steter Zusammenarbeit mit dem Elternhaus diese Bildungs- und Erziehungsarbeit durch Vermittlung entsprechender Wissensinhalte und Verhaltensweisen umfassend […] ergänzen“[9] kann. Daher erfolgt die Planung der schulischen Sexualpädagogik in enger Zusammenarbeit der Schulgemeinschaft (Lehrkörper, Eltern, Schülervertreter, § 62–64 SchUG), unter beratender Beziehung des Schularztes (§ 66 Abs. 3 SchUG).

Luxemburg[Bearbeiten]

Im Großherzogtum Luxemburg kam die Sexualerziehung erstmals im Schuljahr 1970/71 offiziell im Programm des Biologieunterrichts der Gymnasien vor, damals ab Sexta (8. Klasse), etwas später ab Septima (7. Klasse). Inzwischen hat sie sich verallgemeinert, sowohl im Sekundarunterricht als auch in der Grundschule.[10]

Kroatien[Bearbeiten]

Im Mai 2013 verbietet das höchste Gericht in Kroatien auf Druck der katholischen Kirche den Sexualkundeunterricht in den Schulen. Dieses Verbot erfolgt rund zwei Monate vor dem Beitritt Kroatiens in die EU.[11]

Materialien[Bearbeiten]

Die deutsche Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) und nichtstaatliche Organisationen wie die deutsche Pro Familia oder die Österreichische Gesellschaft für Familienplanung verfügen über etliche Materialien zur Sexualkunde. Zum Teil werden diese kostenlos an Multiplikatoren verteilt, online stehen Plattformen wie Loveline[12] der BZgA zur Verfügung.

Evaluiert wurde der österreichische Aufklärungsunterricht im Projekt Love Talks[13], das ab 1985 am Österreichischen Institut für Familienforschung (Uni Wien)[14] erarbeitet wurde, und heute auch in Deutschland, Italien und der Tschechischen Republik aktiv ist.

Weblinks[Bearbeiten]

Österreich:

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Deutsche Welle: Kalenderblatt vom 17. Juni 2009, abgefragt am 17. Juni 2009
  2. Deutsches Historisches Museum: Abbildung des Buchtitels
  3. Sexualkunde-Atlas im Kreuzfeuer. In: Die Zeit vom 18. Juli 1969, abgefragt am 17. Juni 2009
  4. Queer:Europa-Richter: Sexualkunde ist Pflicht!
  5. zit. n. Artikel auf 123recht.net
  6. Queer:Europa-Richter: Sexualkunde ist Pflicht!
  7. Sexualerziehung in den Schulen. Rundschreiben Nr. 216/1990 vom 23. Oktober 1990, GZ 36.145/28-I/10/90 (pdf)Vorlage:§§/Wartung/alt-URL
  8. Zitat Sexualerziehung in den Schulen. 1. Einleitung. S. 2 Sp. 1
  9. a b Zitat 'Sexualerziehung in den Schulen. 4.3 Zusammenarbeit mit den Eltern/Erziehungsberechtigten, S. 3 Sp. 2
  10. J.A. Massard (1988): Biologie und Sexualunterricht in Luxemburg. (PDF; 670 kB) Lëtzebuerger Almanach 1989, Luxemburg: 124-131.
  11. spiegel.de:Kroatien: Richter verbieten Sexualkundeunterricht
  12. www.loveline.de
  13. www.lovetalks.org
  14. www.oif.ac.at