Sozialleistungsquote

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Die Sozialleistungsquote (in Österreich: Sozialquote) ist eine Kennzahl, die angibt, welchen Anteil am Bruttoinlandsprodukt ein Staat für soziale Zwecke ausgibt.

Die Sozialleistungsquote ist der am häufigsten verwendete Indikator der Wohlfahrtsstaatforschung.[1] Ein hohe Sozialleistungsquote deutet auf einen Sozialstaat eine niedrige auf einen kapitalistisch orientierten Staat hin. Die Quote ist als alleiniger Indikator für den Umfang staatlicher Umverteilung nur bedingt geeignet, da sie sehr sensibel auf eine Veränderung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) reagiert.[2]

Sozialausgaben[Bearbeiten]

Sozialleistungen sind

  • Leistungen, die „von öffentlichen und nicht-öffentlichen Stellen für Ehe und Familie, Gesundheit, Beschäftigung, Alter und Hinterbliebene, Folgen politischer Ereignisse, Wohnen, Sparen und als Allgemeine Lebenshilfen aufgewandt werden.“[3],
  • „Waren, Dienste, Maßnahmen und Einkommensleistungen, einschließlich der Vergünstigungen in Form von Steuer- und gesetzlich vorgeschriebenen Preisermäßigungen, die von besonderen gesetzlichen Einrichtungen, von Gebietskörperschaften und von Betrieben bei bestimmten sozialen Tatbeständen (Funktionen) zum Zwecke der Vorbeugung, Wiederherstellung oder Wiedereingliederung gesetzlich, satzungsgemäß, tarifvertraglich oder freiwillig zugewendet werden.“[4]

Aus den folgenden Ausgaben von Staat, öffentlichen und halböffentlichen Institutionen werden die Sozialleistungen berechnet:

Ermittlung zur Sozialleistungsquote[Bearbeiten]

Die Sozialleistungsquote wird ermittelt, indem die Sozialleistungen dem BIP gegenübergestellt werden.

\mbox{Sozialleistungsquote} = \frac{\mbox{Sozialleistungen }}{\mbox{Bruttoinlandsprodukt}}

Sozialleistungsquote in Deutschland[Bearbeiten]

Entwicklung[Bearbeiten]

1913 betrug die Sozialleistungsquote in Deutschland 3,1 %, 1938 lag sie bei 6,0 %;[5] der Staat hielt sich mit Sozialleistungen weitgehend zurück.

In der Bundesrepublik Deutschland lag die Sozialleistungsquote 1950 bei 19 %. Während noch im Jahre 1960 lediglich 18,3 % des BIP auf Sozialleistungen entfielen, beliefen sich 1975 die Sozialleistungen bereits auf 30,7 % des BIP und hatten damit für lange Zeit ihren Höchststand erreicht. Im Wendejahr 1990 lagen sie – wegen der enormen Steigerung des BIP um 9,1 % - mit 24,1 % nur leicht über dem Niveau der 1970er Jahre, um dann kontinuierlich anzusteigen. 1997 lagen sie wieder bei 29,1 %, um 2003 auf den absoluten Höchststand von 30,8 % zu klettern. Sozialkürzungen, Arbeitsmarktreformen und der wirtschaftliche Aufschwung sorgten dafür, dass 2008 die Sozialleistungsquote bei 28,0 % des BIP lag.[6]

Vergleich alte und neue Bundesländer[Bearbeiten]

Die alten Bundesländer haben eine deutlich geringere Sozialleistungsquote als die neuen Bundesländer. Die alten Länder liegen im Jahr 2003 mit 30,3 Prozent wieder ungefähr auf der Höhe der Jahre vor der Wiedervereinigung (vgl. oben). Die neuen Länder lagen 2002 bei 48,7 Prozent. Ihre Sozialleistungsquote lag 1991 bei 49 Prozent, stieg zuerst 1992 auf 55,5 Prozent, fiel bis 1997 auf 46 Prozent und stieg seitdem bis 2003 wieder auf 49,4 Prozent an. [7]

EU-Vergleich[Bearbeiten]

Sozialschutzleistungen in Europa.PNG

Die Sozialleistungsquote in verschiedenen Ländern zu vergleichen ist angesichts unterschiedlicher Sozial- und Gesellschaftssysteme problematisch. Insbesondere unterliegen die Sozialleistungen in verschiedenen Ländern unterschiedlicher Besteuerung. Während etwa das Arbeitslosengeld in Deutschland steuerfrei gezahlt wird, unterliegen die entsprechenden Leistungen in den skandinavischen Ländern oder den Niederlanden der normalen Besteuerung. Hierdurch ergeben sich erhebliche Unterschiede in der Brutto- und der Nettosozialquote.[8] Die nachfolgende Tabelle zeigt die Bruttoquoten:

Folgen[Bearbeiten]

Sozialleistungen sind Ausgaben, die kaum auf konjunkturelle Entwicklungen reagieren (wie Renten) oder sich sogar antizyklisch verhalten (Arbeitslosengeld). Eine Rezession führt daher zu Remanenzen, weil Sozialleistungen sogar steigen, so dass ihr prozentualer Anteil am BIP zunimmt. Das kann dazu führen, dass Staaten mit einem vergleichsweise hohen Anteil von Transferleistungen (Sozialstaat) Haushaltsdefizite bekommen oder vergrößern und damit mehr Schulden machen müssen, weil das rückläufige BIP weniger Steuereinnahmen generiert. Sozialleistungen fließen im Rahmen des Konsums zwar wieder in das BIP ein, sie generieren jedoch tendenziell ein zu geringes Nachfrageniveau, um zur Steigerung des BIP nennenswert beizutragen. Wenn die Quote – wie in der Bundesrepublik – fast ein Drittel des BIP ausmache, würden die Grenzen der Leistungsfähigkeit auch fortgeschrittener Industriegesellschaften sichtbar.[9]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Carsten G. Ullrich, Soziologie des Wohlfahrtsstaates, 2005, S. 90
  2. Christian Pfarr, Einkommen, Mobilität und individuelle Präferenzen für Umverteilung, 2013, S. 19
  3. Detlev Zöllner, Soziale Sicherung, 1997, S. 4
  4. Deutscher Bundestag, BT-Drucksache 7/4953 vom 1. April 1976, Sozialbericht 1976, S. 183
  5. Karl Teppe, Zur Sozialpolitik des Dritten Reiches am Beispiel der Sozialversicherung, in: Archiv für Sozialgeschichte 17 (1977), S. 195
  6. Úniversität Duisburg Essen, Sozialpolitik aktuell, Entwicklung der Sozialleistungssysteme 1960-2012
  7. Entwicklung der Sozialleistungsquote in Deutschland von 1975 – 2003 (PDF; 134 kB) nach Zahlen des Bundesministerium für Arbeit und Soziales
  8. Andreas Kemmerling: Die Messung des Sozialstaates. Beschäftigungspolitische Unterschiede zwischen Brutto- und Nettosozialleistungsquote (PDF; 621 kB), discussion paper März 2001 (abgerufen am 14. Juli 2013)
  9. Harold L. Wilensky, The Welfare State and Equality, Structural and Ideological Roots of Public Expenditure, 1975, S. 30 f.

Weblinks[Bearbeiten]