Standardsprache

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Dieser Artikel behandelt eine standardisierte Einzelsprache in ihrer Gesamtheit. Für die standardisierte Varietät einer Einzelsprache im Unterschied zu Dialekten, regionalen Umgangssprachen, Fachsprachen usw. siehe Standardvarietät.

Eine Standardsprache ist eine standardisierte Sprache, also eine Sprache mit all ihren Varietäten, die über mindestens eine Standardvarietät verfügt.

Definition[Bearbeiten]

Sprachliche Standardisierung umfasst unter anderem die Allgemeinverbindlichkeit einer sprachlichen Norm, deren Kodifizierung in Grammatiken und Wörterbüchern, die Verwendbarkeit der Sprache für alle wichtigen Lebensbereiche (Polyvalenz) sowie die dafür erforderliche stilistische Differenzierung. Diese Merkmale beziehen sich jeweils nur auf die Ausbildung eines bestimmten Standards und lassen z. B. die zu der Sprache gehörenden Dialekte unverändert; Näheres siehe unter Standardvarietät.

Welche Nichtstandardvarietäten, d. h. insbesondere welche Dialekte, einer bestimmten Standardsprache zugeordnet werden, wird nicht immer anhand sprachlicher Merkmale dieser Varietäten bestimmt. In der Soziolinguistik wird auch auf das Konzept der Überdachung zurückgegriffen (vgl. Dachsprache): Demnach gehört ein Dialekt dann zu einer bestimmten Standardsprache, wenn die Sprecher des Dialekts in offiziellen Situationen in diese Standardvarietät wechseln. Das gilt aber nur bei nahe verwandten Sprachen, wie beispielsweise der niederländischen und der hochdeutschen Standardsprache.

So werden (wurden) etwa auf beiden Seiten der deutsch-niederländischen/belgischen Staatsgrenzen die gleichen niedersächsischen bzw. niederfränkischen Dialekte gesprochen, aber unterschiedliche Dach- bzw. Schriftsprachen. In früheren Lexikonausgaben wurden die niedersächsischen, -fränkischen und friesischen Dialekte des Dialektkontinuums den niederdeutschen Mundarten zugeordnet und die Niederländer, Flamen und Westfriesen deshalb (auch) als Niederdeutsche mit eigener (niederdeutscher bzw. niederländischer) Schriftsprache bezeichnet.[1]

So werden etwa auf beiden Seiten der deutsch-französischen Staatsgrenze die gleichen oberdeutschen Dialekte gesprochen, aber (offiziell) unterschiedliche Dach- bzw. Schriftsprachen verwendet. In diesem Fall sind die Dialekte allein nach sprachlichen Kriterien dem Deutschen und die Dach-/Standardsprache dem Französischen zuzuordnen, da sich Dialekt- und Dachsprache als Fremdsprachen (westgermanisch zum Romanischen) gegenüberstehen – anders als beim Niederländischen zum (Hoch-)Deutschen (Kontinental-westgermanische Dialekte).

Anders als noch vor einem halben Jahrhundert, wo der Dialekt nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten (noch) die Hauptumgangssprache war, wird heute die Zahl der Dialektsprecher von Jahr zu Jahr zunehmend weniger. Die nachgeborenen muttersprachlichen Dialektsprecher erlernen früh die staatliche Standardsprache und benutzen in Schule und Beruf zumeist das „Hochländische” („Hochdeutsch”) bzw. das „Niederländische”.

Dieser Situation entsprechend, aber auch aus politischen Gründen, werden daher jene Dialekte, deren Sprecher bei Behörden oder gegenüber Fremden ins Standarddeutsche (Hochländische) wechseln, als deutsche Dialekte und jene Dialekte, deren Sprecher in diesen Situationen das Standardniederländische benutzen, als niederländische Dialekte bezeichnet.

Auch Standardsprachen sind oftmals, wie die Dialekte, plurizentrische Sprachen. So finden sich Varietäten des Standarddeutschen im gesamten nieder-, mittel- und oberdeutschen Sprachraum. Dagegen stehen die monozentrischen Sprachen.

Andere Termini[Bearbeiten]

Im Sinne von Standardsprache – das heute der akzeptierteste, da eindeutigste und unverwechselbarste Terminus ist – wird in der Sprachwissenschaft auch eine Reihe anderer Ausdrücke benutzt. Während Standardsprache selbst auf englisch »standard language« zurückgeht, sind die traditionellen deutschen Ausdrücke Schriftsprache (was allerdings auch im Sinne von geschriebener Sprache benutzt wird; vgl. auch Schriftdeutsch) sowie Hochsprache (vgl. auch Hochdeutsch). Nach dem Vorbild von französisch »langue littéraire« (und vor allem in der DDR wegen russisch »literaturnyj jazyk«) ist auch Literatursprache in Gebrauch (das jedoch mit der Sprache der Literatur verwechselt werden kann).

Gerade weil der Terminus Standardsprache sehr klar definiert ist, wird in Bezug auf historische Sprachen bisweilen ein Ausdruck wie Schriftsprache oder Literatursprache bevorzugt, da die vom Prager Linguistenkreis aufgestellten Merkmale der Standardisierung sich auf das 20. Jahrhundert beziehen und auf frühere Epochen schlecht übertragbar sind.

Standardsprachen mit großem Abstand zur Alltagssprache[Bearbeiten]

Manche (meist als Schrift- oder Literatursprache bezeichnete) Sprachen werden zwar geschrieben und gelesen, aber nicht oder nur sehr selten zur mündlichen Kommunikation gebraucht. Dies beruht auf einer Art Diglossie, bei der zwei sehr unterschiedliche Varietäten einer Sprache oder gar völlig verschiedene Sprachen verschiedene sprachliche Funktionen übernehmen.

Solche Literatursprachen können sein:

Auswahl des Sprachmaterials zur Standardisierung[Bearbeiten]

In vielen Standardsprachen beruht die Standardvarietät auf einem einzigen Dialekt, oft dem der Hauptstadt (etwa beim Französischen dem von Paris oder beim Englischen dem von London). Die Frage, welcher Dialekt dem Standard zugrunde gelegt wird, wird nach italienischem Vorbild als questione della lingua bezeichnet.

Eine Standardsprache kann aber auch als „Kompromiss” verschiedener Dialekte geschaffen worden sein, so z. B. das Hochdeutsche des Mönchs Martin Luther, der für seine Bibelübersetzung aus mehreren mittel- und oberdeutschen Dialekten durch willkürliche Auswahl des Grundwortschatzes und durch eine an das Lateinische angelehnte bzw. diesem nachempfundene und an der höfischen Schreibweise Kursachsens angelehnte Grammatik eine Standardsprache geschaffen hat.

Geplante Sprachen[Bearbeiten]

(nicht zu verwechseln mit „Plansprachen”)

Zwar hat jede Standardsprache etwas Geplantes, aber einige zeichnen sich dadurch aus, dass sie erst in jüngerer Zeit unter Mitwirkung von Sprachwissenschaftlern ins Leben gerufen wurden:

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulrich Ammon: Explikation der Begriffe „Standardvarietät“ und „Standardsprache“ auf normtheoretischer Grundlage. In: Sprachlicher Substandard. Günter Holtus und Edgar Radtke (Hrsg.) Tübingen 1986, S. 1–63
  • Gerhard Augst (Hrsg.): Deutsche Sprache – Einheit und Vielfalt. Der Deutschunterricht 44.6. Seelze 1992
  • Csaba Földes: Die deutsche Sprache und ihre Architektur. Aspekte von Vielfalt, Variabilität und Regionalität: variationstheoretische Überlegungen. In: Studia Linguistica XXIV (Acta Universitatis Wratislaviensis; 2743), Wroclaw 2005. S. 37-59, siehe: http://www.foeldes.eu/sites/default/files/Variationstheorie.pdf
  • Alfred Lameli: Standard und Substandard. Regionalismen im diachronen Längsschnitt. Steiner, Stuttgart 2004. ISBN 3-515-08558-0

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Standardsprache – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Brockhaus, 5. Auflage