Sternwarte Dorpat

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die Sternwarte in Tartu (Dorpat)

58.37888888888926.72Koordinaten: 58° 22′ 44″ N, 26° 43′ 12″ O

Karte: Estland
marker
Sternwarte Dorpat
Magnify-clip.png
Estland

Die Sternwarte Dorpat ist eine historische astronomische Forschungseinrichtung in Tartu, Estland.

Sie wurde 1811 an der deutschen Universität Dorpat (heute Tartu) errichtet und war die Wirkungsstätte bedeutender Astronomen. Hervorzuheben sind Friedrich Wilhelm Struve, sein Sohn Otto Wilhelm Struve und der durch seine Mondatlanten bekannte Johann Heinrich Mädler.

Die Sternwarte befindet sich am Fuß des ehemaligen Domberges. Ihre geografische Breite beträgt 58° 22 47,2 Nord, die Länge 26° 43′ 17,7″ östlich von Greenwich. Nur 250 km nordöstlich – in einer für Russland geringen Distanz – liegt die 1839 gegründete russische Hauptsternwarte von Pulkowo.

Schon bald wurde die Dorpater Sternwarte international bekannt, u. a. durch den von Josef Fraunhofer konzipierten großen Refraktor – das erste farbenreine Fernrohr mit einem Objektiv von fast 25 cm Öffnung.

Geschichte[Bearbeiten]

1811 wurde an der deutschsprachigen Kaiserlichen Universität von Dorpat, damals noch unter der Herrschaft des zaristischen Russlands, eine Sternwarte in Betrieb genommen. Ihre Gründung geht auf den Mathematikprofessor Wilhelm Andreas Pfaff (1774–1835) zurück, der allerdings 1809 nach Nürnberg wechselte. Erster Sternwartedirektor wurde Johann Sigismund Huth (1763–1818).

Nach Huths Tod im Jahre 1818 wurde Friedrich Georg Wilhelm Struve zum Professor für Astronomie an der Universität Dorpat ernannt, der hier studiert und promoviert hatte. 1820 übernahm er das Amt des Sternwartedirektors. Unter seiner Leitung wurde Dorpat bald zu einer der führenden astronomischen Einrichtungen. 1824 wurde ein sehr leistungsfähiger Refraktor aus der Werkstatt von Josef Fraunhofer in Betrieb genommen, der mit 24,4 cm Öffnung auch eines der größten farbreinen Fernrohre dieser Zeit war. In den folgenden Jahren führte Struve umfangreiche Untersuchungen an Doppelsternen durch, die er in zwei Bänden veröffentlichte. Auch an Spezialaufgaben der russischen Landesvermessung wirkte er verantwortlich mit, u. a. plante er den nach ihm benannten, fast 3.000 km langen Struve-Bogen. 1839 wechselte Wilhelm Struve an die neu errichtete Sternwarte Pulkowo bei St. Petersburg.

1840 übernahm Johann Heinrich von Mädler die Leitung. Er führte Struves Arbeiten fort, nahm exakte Positionsbestimmungen von Sternen (Astrometrie) vor und fertigte detaillierte Zeichnungen des Mondes an, die Mädler bleibenden Ruhm verschafften. 1865 trat er aus gesundheitlichen Gründen zurück.

Seine Nachfolger waren Thomas Clausen (von 1865 bis 1872) und Peter Carl Ludwig Schwarz (1872–1894).

Von 1873 bis 1876 arbeitete der Mathematiker und Geodät Heinrich Bruns in Dorpat, in den Jahren 1880 bis 1894 Ludwig von Struve (ein Enkel von Friedrich Georg Wilhelm Struve).

Im Laufe der Zeit verlor Dorpat an Bedeutung, da andere Observatorien über größere Instrumente verfügten. Spätere Leiter der Sternwarte waren Grigori Lewitsky (1894–1908), Konstantin Pokrovsky (1908–1918) und Taavet Rootsmäe (1919–1948).

1917 wurde Estland unabhängig und Dorpat in Tartu umbenannt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Institute der Universität neu organisiert und man beschloss die Errichtung einer neuen Sternwarte, des Tartu Observatoorium. Nach Fertigstellung im Jahr 1964 zogen die Wissenschaftler um. Seit 1963 gibt es in der Sternwarte Dorpat einen Astronomieklub.[1]

Von 2009 bis 2011 wurde die Sternwarte Dorpat restauriert.[1] Sie beherbergt heute ein Museum mit einem Besucherzentrum.

Ausstattung[Bearbeiten]

Die Sternwarte im Winter

Bei ihrer Eröffnung verfügte die Sternwarte Dorpat über ein Spiegelteleskop aus der Fertigung von Wilhelm Herschel und einen Achromaten von Trotztop mit 1,5 m Brennweite.

1814 erhielt man ein Meridianfernrohr von George Dollond, 1822 folgte ein Meridianfernrohr von Reichenbach.

Der große Fraunhofer-Refraktor von 1824 besaß eine Öffnung von 24,4 cm und eine Brennweite von 4,33 m. Es handelte sich um das größte Objektiv, das Fraunhofer je angefertigt hat – mit ihm begann die Entwicklungsschiene der sogenannten Riesenteleskope. Der Refraktor wurde 1993 restauriert.

1873 erwarb man ein Heliometer und 1897 ein Zenitteleskop der Hamburger Firma Repsold.

1911 wurde ein 20-cm-Refraktor von Carl Zeiss mit 3 m Brennweite in Betrieb genommen. Im gleichen Jahr installierte man zur Durchführung der Astrofotografie einen Astrografen von Petzval mit 15 cm Öffnung und 78 cm Brennweite.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b http://www.ajaloomuuseum.ut.ee/777124

Weblinks[Bearbeiten]