Türkiye Komünist Partisi (1920)

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Kommunistische Partei der Türkei
(TKP)
Partei­vorsitzender zuletzt Nabi Yağcı
Gründung 10. September 1920 durch Mustafa Suphi
Auflösung 7. Oktober 1987
(: Türkiye Birleşik Komünist Partisi)
Aus­richtung Realsozialismus
Parteimarsch der Türkischen Kommunistischen Partei

Die Kommunistische Partei der Türkei (türkisch Türkiye Komünist Partisi TKP) hat zwischen 1920 und 1987 existiert. Sie war in der Türkei fast immer illegal und hat als moskau-orientierte Partei vorwiegend aus dem Ausland operiert. Sie wurde von Mustafa Suphi bis zu dessen Tod im Jahr 1921 und danach von İsmail Bilen, 1921 bis Mai 1973 und Nabi Yağcı (Parteiname: Haydar Kutlu) bis 1987 geleitet.

Gründung und Vorgänger[Bearbeiten]

Die Grundsteine der TKP (Kommunistische Partei der Türkei) unter der Führung Mustafa Suphis wurde mit dem 1. Parteikongress der TKP in Baku (damals UdSSR, jetzt Aserbaidschan) am 10. September 1920 gelegt.[1] Der Kongress beschloss, die Parteizentrale nach Anatolien zu verlegen und sich am Befreiungskrieg zu beteiligen.[1] Auf dem Weg dorthin wurde die gesamte Führung der TKP (15 Mitglieder des Zentralkomitees) unter der Führung von Mustafa Suphi in Trabzon am 29. Januar 1921 von Kemalisten umgebracht.[1]

Als Vorgänger der TKP können die Sozialistische Arbeiter- und Bauernpartei (tr: Türkiye İşçi ve Çiftçi Sosyalist Fırkası), gegründet in Istanbul am 22. September 1919 von Şefik Hüsnü, eine Gruppe türkischer Kriegsgefangener in der Sowjetunion, die unter Mustafa Suphi im April/Mai 1920 eine "Rote Armee" aufbauten und der von ehemaligen Kriegsgefangenen in Anatolien unter der Führung von Şerif Manatov und 14 Abgeordneten gegründete "Verein einer grünen Armee" angesehen werden.[2] In Ankara wurde am 14. Juli 1920 eine illegale Kommunistische Partei der Türkei gegründet, die Praxis lag jedoch in den Händen von Bandenführern wie Çerkez Ethem. Als legale Partei nahm sie den Namen "Partei der Volksherrschaft" (tr: Halk İştirkiyun Fırkası) an.[2] Die verschiedenen Strömungen wurden durch Mustafa Suphi zusammen gebracht. Nach dem 1. Kongress in Baku wurde Mustafa Suphi der Vorsitzende und Ethem Nejat der Generalsekretär der Partei.[2]

Die Kommunistische Partei schwankte zwischen Reformen und Revolution.[1] Der kurdisch-islamische Scheich-Said-Aufstand im Jahre 1925 und das Takrir-i Sükûn Kanunu (Gesetz zur Sicherung der öffentlichen Ruhe) gab der Inönü-Regierung den Vorwand, alle demokratischen Rechte von politischen und gewerkschaftlichen Organisationen aufzuheben. Die im Parlament verabschiedeten Gesetze zur "Unterdrückung reaktionärer Elemente" wurden auch auf die Linke angewandt. Schließlich musste auch die TKP in die Illegalität gehen.[1]

Geschichtliche Entwicklung[Bearbeiten]

Im August 1922 fand der zweite Kongress der TKP in der Türkei statt.[3] Im Oktober 2002 wurde die Partei verboten und mehr als 200 Mitglieder und Funktionäre wurden verhaftet.[3] Im Januar 1925 fand der 3. Kongress in Istanbul statt. Şefik Hüsnü wurde der Generalsekretär.[3]

1925, 1927 und 1929 kam es zu Massenverhaftungen.[3] 1946 gründete Şefik Hüsnü eine legale Partei mit dem Namen Sozialistische Arbeiter- und Bauernpartei der Türkei (Türkiye Sosyalist Emekçi ve Köylü Partisi). Gleichzeitig gründete Esat Adil Müstecaplioglu die Sozialistische Partei der Türkei (Türkiye Sosyalist Partisi). Beide Parteien wurden im Dezember 1946 verboten und 43 Funktionäre wurden inhaftiert.

Lage nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Als Folge des kalten Kriegs kam es 1951 und 1952 (in der Türkei bekannt als 1951 komünist tevkifatı) erneut zu Massenverhaftungen. Mehr als 184 Personen wurden angeklagt und 131 von ihnen wurden zu Haftstrafen verurteilt.[3] Ein Teil der von den Verhaftungen verschonten Mitglieder der TKP organisierte die Vaterlandspartei (Vatan-Partisi). 1957 wurden viele Mitglieder und Anhänger dieser Partei verhaftet.[1]

Die Türkische Verfassung von 1961 ermöglichte die Gründung von legalen sozialistischen Parteien. Daraufhin gründeten Gewerkschaftsmitglieder im Februar 1961 die Türkische Arbeiterpartei (Türkiye İşçi Partisi TIP).[3] Zusammen mit der Sozialistischen Arbeiterpartei der Türkei (Türkiye Sosyalist İşçi Partisi TSİP) stritten sie um das Erbe der TKP. Eine Vereinigung beider Parteien scheiterte an der Frage des Generalsekretärs.[2]

Ende der 60er Jahre standen sich zwei Linien in der türkischen Linken gegenüber: die parlamentarische Linie, vertreten durch die TİP, und die proletarisch-revolutionäre Linie, vertreten durch die MDD-Bewegung (National-Demokratische Revolution) von alten TKP-Mitgliedern.[4] 1967 begannen einige alte Kader der TKP die Wochenzeitung "Türk Solu" (Türkische Linke) herauszugeben, die sich als die Stimme aller nationalen und demokratischen Kräfte in der Türkei verstand.[4]

In den 70er Jahren gelang es der TKP mehr Einfluss unter der Linken der Türkei zu erreichen.[5] Sie intensivierte ihre Tätigkeiten auf der gewerkschaftlichen Ebene beträchtlich und gewann vor allem innerhalb der Konföderation der Revolutionären Arbeitergewerkschaften der Türkei (tr: Türkiye Devrimci İşçi Sendikaları Konfederasyonu, DİSK) stark an Einfluss.[6] Sie dürfte vor dem Putsch (1980) etwa 70 % der innerhalb des Gewerkschaftsdachverbandes zusammengeschlossenen Gewerkschaften kontrolliert haben.[6]

Die İGD (İlerici Gençler Derneği – Progressiver Jugendverein) und die İKD (İlerici Kadiınlar Derneği – Progressiver Frauenverein) waren zwei wichtige legale Vereinigungen, welche es der TKP ermöglichten, Jugendliche und Frauen auf einer legalen Plattform für die TKP zu organisieren.[6] Anfang des Jahres 1981 wurden Hunderte von Mitgliedern in allen Teilen der Türkei festgenommen und die meisten von ihnen wurden schwer gefoltert.[7] Am 30. November 1981 wurden 205 von ihnen am Militärgericht in Ankara angeklagt. Bis 1985 stieg die Zahl der Angeklagten auf 288. Mit Urteil vom 29. März 1985 wurden 208 von ihnen zu Haftstrafen bis zu 17 Jahren verurteilt.[7] Im Oktober 1987 bestätigte der Militärische Kassationshof 104 der Urteil. Für 75 von ihnen bestand die Gefahr der erneuten Inhaftierung zur Verbüßung der Reststrafen von bis zu 49 Monaten.[7]

Das Ende der TKP 1987[Bearbeiten]

Im Jahr 1987 hat sich die TKP mit der TİP vereinigt, mit dem Ziel, in der Türkei eine legale kommunistische Partei aufzubauen. Zu diesem Zweck wurde am 7. Oktober 1987 in Brüssel die Vereinigte Kommunistische Partei (Türkiye Birleşik Komünist Partisi, TBKP) als Fusion der TKP und der TİP gegründet. Damals wurden der ehemalige Generalsekretär der TİP, Nihat Sargın, zum Präsident und der ehemalige Generalsekretär der TKP, Nabi Yağcı (in der Partei als Haydar Kutlu bekannt), zum Generalsekretär gewählt.[6] Im November 1987 kehrten Dr. Nihat Sargın und Haydar Kutlu aus ihrem Exil in die Türkei zurück und wurden verhaftet.[6] Sie wurden am 4. Mai 1990 aus der Haft entlassen, nachdem sie mit einem Hungerstreik vom 6.-25. April 1990 die Regierung unter Turgut Özal dazu gebracht hatten, die Artikel 141 und 142 des Türkischen Strafgesetzbuches, die die Grundlage ihrer Inhaftierung bildeten, zu revidieren.[8][9]

Nachdem die TBKP im Jahre 1990 vom Verfassungsgericht verboten wurde, gründete Kutlu die SBP (Sosyalist Birlik Partisi – Sozialistische Einheitspartei) als Folgepartei der TBKP. Im Jahre 1993 wurde auch diese Partei verboten. Aufgrund dieses Verbots wurde unter Sadun Eren die BSP (Birleşik Sosyalist Parti – Vereinigte Sozialistische Partei) gegründet, welche sich im Jahre 1996 unter Mitwirkung von Devrimci Yol und Kurtuluş(Befreiung)[10] unter der Benennung ÖDP (Özgürlük ve Dayanışma Partisi – Partei der Freiheit und Solidarität) restrukturiert hat.[6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e f Die türkische Linke und ihre Perspektiven, Teil 1; Zugriff am 20. August 2011
  2. a b c d Die Sozialistische Bewegung in der Türkei, Hamburg November 1980; Herausgeber: Verein mit der Abkürzung HTIIB
  3. a b c d e f TKP / Türkiye Birleşik Komünist Partisi Archives; International Institute of Social History; Zugriff am 20. August 2011
  4. a b Die türkische Linke und ihre Perspektiven, Teil 2; Zugriff am 20. August 2011
  5. Die türkische Linke und ihre Perspektiven, Teil 3; Zugriff am 20. August 2011
  6. a b c d e f Die Kommunistische Partei der Türkei; Angaben der Schweizer Flüchtlingshilfe aus dem Jahre 1997; Zugriff am 20. August 2011
  7. a b c Amnesty International: Prolonged imprisonment for Prisoners of Conscience (PDF; 977 kB) 19. Oktober 1988, AI Index EUR 44/79/88
  8. Türkiye Sosyal Tarih Araştırma Vakfı (Stiftung zur Recherche der sozialen Geschichte der Türkei); Zugriff am 20. August 2011
  9. Urgent Action (Eilaktion) 140/90 von amnesty international, AI Index: EUR 44/77/90 vom 27. April 1990
  10. Diese Organisation wird von der Schweizer Flüchtlingshilfe unter http://ob.nubati.net/wiki/Kurtulu%C5%9F erklärt