Thérèse philosophe

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Illustration von François-Rolland Elluin für Thérèse philosophe, 1785.

Thérèse philosophe, ou mémoires pour servir à l’histoire du Père Dirrag et de Mademoiselle Éradice (französisch; „Thérèse, die Philosophin, oder Denkwürdigkeiten zur Geschichte des Paters Dirrag und der Mademoiselle Eradice“), kurz: Thérèse philosophe, ist ein 1748 erschienener französischer Roman und gilt als eines der bedeutendsten libertinen Werke des 18. Jahrhunderts. Als Verfasser wird Jean-Baptiste de Boyer, Marquis d'Argens vermutet.

Handlung[Bearbeiten]

Die Geschichte der Thérèse ist die der Abkehr von der Autorität der christlichen Kirche, hin zur Position der radikalen atheistischen Aufklärung eines Julien Offray de La Mettrie. In der Handlung des Romans wechseln sexuelle Aktivitäten der Hauptfiguren mit Diskussionen über philosophische Fragen ab, die sie zu höherer Erkenntnis führen. Der Text spiegelt damit – bei aller Vereinfachung – eine zentrale aufklärerische These wider: In der Natur gibt es nichts moralisch Böses, und eine vernünftige Sittlichkeit beruht nicht auf der Verleugnung der natürlichen Regungen, sondern dem Versuch, sie zu verstehen.

Illustration von Antoine Borel für Thérèse philosophe, Pater Dirrag missbraucht Eradice.

Die blasphemische Schlüsselszene zu Beginn der Erzählung, durch die Thérèse zur Abwendung von der Religion geführt wird, entspringt einem europaweit bekannt gewordenen Skandal der 1730er Jahre. Dem Jesuitenpater Jean-Baptiste Girard wurde vorgeworfen, die Bürgertochter Marie-Catherine Cadière im Beichtstuhl zum Geschlechtsverkehr verführt zu haben. (Die im Titel erscheinenden Namen des „Paters Dirrag“ und der „Mademoiselle Eradice“ sind Anagramme der Nachnamen „Girard“ und „Cadière“.) Durch eine Türöffnung beobachtet Thérèse, wie der Jesuit sein ohnehin zu religiöser Trance neigendes Beichtkind unter dem Vorwand der Buße durch Geißelung in einen Zustand der Ekstase versetzt und ihm dann eine spirituelle Durchdringung ankündigt. Über den Geschlechtsverkehr a tergo täuscht er Eradice, indem er ihr einredet, was sie erlebe, geschehe durch die Berührung mit einer Reliquie, nämlich dem Rest einer Kordel des Heiligen Franziskus.

Literaturgeschichtliche Einordnung und Rezeption[Bearbeiten]

Der Roman, der in der Ich-Perspektive erzählt ist, vereinigt die literarischen Traditionen der Hetärengespräche Lukians oder Kurtisanengespräche Aretinos und des Entwicklungs- bzw. Erziehungsromans, wie er später namentlich von Rousseau gepflegt wurde. Thérèse Philosophe gilt dank seiner expliziten Beschreibungen sexueller Akte als einer der bedeutendsten und meistverkauften pornografischen Texte der Aufklärungszeit und wird in zahlreichen späteren libertinen oder pornografischen Texten erwähnt. Im 19. Jahrhundert verschwanden diese Texte in den „Giftschränken“ der Bibliotheken (so etwa im Enfer der Bibliothèque nationale de France) und stießen erst im 20. Jahrhundert auf ein erneuertes literarisches und historisches Interesse. Die Erforschung der vorrevolutionären Pornografie findet vor allem im Rahmen der Neuen Kulturgeschichte statt. Zu nennen sind hier insbesondere Robert Darnton, der auf das emanzipatorische Potential der Texte hinweist, bei denen die moralischen Grenzüberschreitungen oft in Gesellschafts- und Religionskritik eingebettet sind, sowie Jean-Marie Goulemot, der diese Texte als wesentliche Elemente für eine Mentalitätsgeschichte des 18. Jahrhunderts auffasst.

Literatur[Bearbeiten]

  • Robert Darnton: Denkende Wollust oder Die sexuelle Aufklärung der Aufklärung. Eichborn, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-8218-4138-9. – Essay zur pornografischen Literatur der Aufklärungszeit. Enthält auch die deutsche Übersetzung der Romane Thérèse philosophe und Histoire de Dom B….
  • Michael Farin und Hans-Ulrich Seifert (Hrsg.): Thérèse philosophe. Eine erotische Beichte. Mit einem Aufsatz von August Kurtzel, einer Erzählung von Carl Felix von Schlichtegroll sowie Auszügen aus den Prozeßakten und Notaten der Herausgeber. Schneekluth, München 1990, ISBN 3-7951-1169-2.
  • Jean Marie Goulemot. Gefährliche Bücher: erotische Literatur, Pornographie, Leser und Zensur im 18. Jahrhundert. Dt. Erstausgabe, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1993. – Originaltitel: Ces livres qu'on ne lit que d'une main.