Tuwinische Sprache

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Tuwinische Sprache
(Тыва дыл)

Gesprochen in

Russland
Sprecher 200.000
Linguistische
Klassifikation
Offizieller Status
Amtssprache von Republik Tuwa
Sprachcodes
ISO 639-1:

-

ISO 639-2:

tyv

ISO 639-3:

tyv

Die tuwinische Sprache (tuwin. Тыва дыл Tyva dyl) ist eine Turksprache, die von ca. 206.000 Tuwinern in Tuwa gesprochen wird.

Tuwinisch ist Amtssprache in der Republik Tuwa und wird seit 1940 mit kyrillischen Buchstaben geschrieben. Ca. 27.000 Sprecher gibt es auch im Westen der Mongolei und in der Volksrepublik China.

Verwendung[Bearbeiten]

In der Republik Tuwa ist das Tuwinische die vorherrschende Alltagssprache. Begünstigt wird die Bewahrung der Sprache durch die relative Unzugänglichkeit der Region. Neben mündlicher Überlieferung gibt es eine moderne tuwinische Literatur, es erscheinen Bücher und Zeitungen. Es gibt Fernsehsendungen, Internetseiten und Popmusik in tuwinischer Sprache.

Eigenschaften[Bearbeiten]

Beim Tuwinischen unterscheidet man vier Dialektgruppen: Mittel-, West-, Nordost- und Südosttuwinisch. Mitteltuwinisch beinhaltet die Dialekte Ovyur und Bii-Khem und bildet darüber hinaus die Grundlage für die tuwinische Schriftsprache. Westtuwinisch unterlag sehr dem Einfluss des Altaischen, wohingegen der Dialekt im Südosten des Tuwinischen Sprachraums starkem mongolischen Einfluss unterlag. Nordosttuwinisch macht Gebrauch von nasalen Vokalen und hat in seinem Lexikon viele jagd- und rentierzuchtbezogene Ausdrücke.

Lautsystem[Bearbeiten]

Konsonanten[Bearbeiten]

Das Tuwinische besitzt 19 konsonantische Phoneme, hinzu kommen /f/ und /ʦ/, die allerdings nur in Entlehnungen aus dem Russischen auftreten. Je nach Region besitzt die Sprache entweder keine Stimmbeteiligungs- oder keine Aspirationskorrelation, wobei Ersteres bei der Mehrheit der Sprecher der Fall ist.

Konsonantensystem des Tuwinischen
Labial Alveolar Palatal Velar
Plosive p t ʧ k ɡ
Nasale m n ŋ
Frikative s z ʃ ʒ x
Taps/Flaps ɾ
Laterale Approximanten l
Approximanten ʋ j

Vokale[Bearbeiten]

Zu den lautlichen Besonderheiten des Tuwinischen gegenüber den anderen Turksprachen gehört, dass das Tuwinische zwischen kurzen, langen und tiefen Vokalen unterscheidet. Der tiefe Ton wirkt sich unterschiedlich auf die Vokale aus:

  • ein tiefer Vokal ist um die Hälfte länger als ein kurzer Vokal
  • Vokale in einsilbigen Wörtern steigen in ihrer Tonhöhe nach etwa der Hälfte ihrer Dauer von der tiefen zur normalen Stimmlage an
  • mehrsilbige Wörter erfahren weder Längung der Vokale noch ein Ansteigen der Tonhöhe.

Harrison (2001) hat belegt, dass es sich bei den tiefen Vokalen nicht um pharyngalisierte Vokale handelt, wie vorher angenommen wurde.

Vokalsystem des Tuwinischen
Kurz Lang Tief
geschl. offen geschl. offen geschl. offen
Vorne Ungerundet i e ì è
Gerundet y ø øː ò
Hinten Ungerundet ɯ a ɯː à ɯ̀
Gerundet u o ù ò

Grammatik[Bearbeiten]

Turwinisch ist wie auch das verwandte Türkisch eine agglutinierende Sprache. Tuwinische Substantive sind deklinierbar in sieben Fällen: Nominativ, Genetiv, Dativ, Akkusativ, Ablativ, Lokativ und Allativ. Die grundlegenden Funktionen der Fälle sind anhand der folgenden Tabelle einsichtlich:

Teve [teve] Nominativ ‚Kamel‘ (Kein Suffix)
Teve + /-NIŋ/ [teveniŋ] Genitiv ‚des Kamels‘ (Das Symbol [ŋ] wird wie das ‚ng‘ im deutschen Wort ‚lang‘ ausgesprochen)
Teve + /-NI/ [teveni] Akkusativ ‚das Kamel‘ (Direktes Objekt, wie in „Ich sah das Kamel“)
Teve + /-KA/ [tevege] Dativ ‚dem Kamel‘
Teve + /-DAn/ [teveden] Ablativ ‚vom Kamel‘ oder ‚als ein/das Kamel‘ (im Sinne von „größer als ein Kamel“)
Teve + /-DA/ [tevede] Lokativ ‚beim Kamel‘ oder ‚im Kamel‘ (wird manchmal auch verwendet, um Besitz anzuzeigen)
Teve + /-Je/ [teveʒe] Allativ ‚zum Kamel‘ (das Symbol [ʒ] wird wie das ‚g‘ im Wort ‚Etage‘ ausgesprochen)
Teve + /-DIvA/ [tevedive] Allativ ‚zum Kamel‘ (veraltete oder mundartliche Ausdrucksweise des Allativs)

Die Syntax folgt der sogenannten SOV-Stellung. Beispiel: [teve sigen tʃipken] (Kamel Heu essen-PRÄTERITUM) „Das Kamel aß das Heu“

Alphabete[Bearbeiten]

Bis 1930 wurde für die Schreibung des Tuwinischen das traditionelle mongolische Alphabet verwendet, danach wurde das einheitliche türkische Alphabet verwendet, das aber bereits 1940 wieder zugunsten eines modifizierten kyrillischen Alphabetes abgelöst wurde. Dieses wurde um drei Zusatzzeichen erweitert, um rein tuwinische Laute bezeichnen zu können.

Kyrillische Zusatzzeichen des Tuwinischen[Bearbeiten]

  • Ң ң ([ŋ], wie deutsch „ng“)
  • Ө ө ([ø], wie deutsch „ö“)
  • Ү ү ([y], wie deutsch „ü“)

Im Alphabet werden sie jeweils direkt hinter dem Buchstaben eingeordnet, von dem sie abgeleitet sind: auf Н folgt Ң, auf О folgt Ө, und auf У folgt Ү.

Literatur[Bearbeiten]

  • Harrison, K. David. (2001): Topics in the Phonology and Morphology of Tuvan, Doctoral Dissertation, Yale University. (OCLC catalog #51541112)
  • Ölmez, Mehmet: Tuwinischer Wortschatz mit alttürkischen und mongolischen Parallelen, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-447-05499-7

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikipedia auf Tuwinisch