Vibrato

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Das Vibrato ist in der Musik die periodisch wiederkehrende, geringfügige Veränderung der Frequenz eines gehaltenen Tons. Im Gegensatz zu einem nicht vibrierenden Ton wird ein Ton mit angemessenem Vibrato als lebendig wahrgenommen. Daher findet das Vibrato unter anderem in der klassischen Musik breite Verwendung.

In der Stimme kann das Vibrato unwillkürlich entstehen, ohne gelernt oder gelehrt zu werden. Oft wird es jedoch bewusst als Stilmittel eingesetzt. Auf Saiten- und einigen Blasinstrumenten wird es durch bestimmte Spieltechniken erzeugt. Es wird angenommen, dass das instrumentale Vibrato eine Imitation des Sängervibratos ist.

Abgrenzung zwischen ähnlichen Phänomenen[Bearbeiten]

In der musikalischen Praxis werden meisten verschiedene Formen der periodischen Tonveränderung kombiniert (Vibrato, Tremolo, Bebung, Schwebung und Veränderung der Klangfarbe). Die Abgrenzung des Vibratos von diesen einander verwandten Phänomenen ist daher schwierig und wird nicht einheitlich vorgenommen. Häufig wird daher der Begriff Vibrato, von der strengen Definition abweichend, für eine Kombination dieser Phänomene verwendet.

Die Hörbeispiele zeigen, dass Vibrato, Tremolo und Schwebung sehr ähnlich wahrgenommen werden.

  • Beispiel für ein echtes Vibrato (Modulation der Frequenz), Periodenfrequenz 6 Hz
  • Beispiel für ein Tremolo („Vibrato“) durch Modulation der Amplitude, Periodenfrequenz 6 Hz
  • Beispiel für ein Tremolo („Vibrato“) durch Schwebung bei zwei gleichzeitigen Tönen (500 Hz und 506 Hz)

Gesangsvibrato[Bearbeiten]

Das Vibrato der Singstimme besteht aus der periodischen Veränderung von Frequenz, Amplitude und Formantenspektrum. Bei unausgebildeten Stimmen fehlt es häufig. Wird die Stimme aber im Sinn der „klassischen“ Gesangstradition ausgebildet, stellt es sich meist während der Gesangsausbildung ein, ohne gesondert gelehrt oder geübt zu werden.

Im Liedgesang der Klassik war das Vibrato ein Ornament, ein musikalisches Gestaltungsmittel, das bewusst und sparsam eingesetzt wurde. Heutigentags herrscht das Dauervibrato vor, da es größeres Volumen und Lautstärke suggeriert und sich die Stimme in zunehmend größeren Hallen und gegen zunehmend größere Orchesterbesetzungen durchsetzen muss.

Zu starke Frequenzschwankungen oder eine zu schnelle oder zu langsame Periodenfrequenz werden häufig als unästhetisch empfunden. Beim Gesang wird oft auch der Begriff Wobble abwertend für zu starkes und zu langsames, der Begriff Caprino oder Tremolo für zu schnelles, meckerndes Vibrato benutzt.

Die Entstehung des Vibratos beim Gesang ist noch immer nicht geklärt. Einerseits wird es als physiologischer Tremor antagonistisch wirkender Kehlkopfmuskeln (Kehlkopfvibrato) aufgefasst. Andererseits wird angenommen, dass die Luftsäule durch einen Tremor des Zwerchfells periodisch komprimiert wird (Zwerchfellvibrato).

Fischer (1993) nimmt an, dass Kehlkopfvibrato und Zwerchfellvibrato parallele Funktionen sind. Das Zwerchfellvibrato habe eine langsame Frequenz (unter 4 Hz), das Kehlkopfvibrato eine schnelle Frequenz (8 Hz). Durch die Koppelung beider Systeme entstehe ein sogenanntes „komplexes Vibrato“, das sich bei einer Frequenz zwischen 4,5 und 8 Hz einschwingt, was in unserer (heutigen westlichen) Musikkultur als angenehm empfunden würde. Der Affekt des Sängers bewirke dann die Verlangsamung oder Beschleunigung des Vibratos durch Dominanz der Kehlkopf- oder der Zwerchfellfunktion.

Ein Dauervibrato, wie bei vielen Opernsängern besonders am Ende ihrer Laufbahn zu hören, ist Zeichen für einen Defekt der Stimme, der durch ständige Überforderung beim „Überschreien“ des großen Orchesterapparates entsteht. Nicht anders als bei der Orgel dient das Vibrato dazu, die Stimme von der Begleitung abzusetzen, was allerdings durch das Dauervibrato der Orchesterinstrumente konterkariert wird.

Vibrato bei Musikinstrumenten[Bearbeiten]

Beim Spiel historischer Flöten (Blockflöte und Traversflöte) gibt es verschiedene Methoden:

  1. Zwerchfellvibrato
  2. Kehlvibrato („Meckern“)
  3. Schlagen mit dem Finger an den Rand eines bestimmten Loches, das nicht gedeckt werden darf (vgl. Flattement).

Bei Saiteninstrumenten entsteht das Vibrato durch Hin- und Herbewegen des Fingers auf einer Saite. Hierdurch werden periodische Schwankungen der Tonhöhe erzeugt: Der Ton ist nicht ganz „geradlinig“ oder klar. Das durchgehende Vibrato im Sinfonie- und Streichorchester kam in den 1920er Jahren auf, zum Ärger von Komponisten wie Strawinsky oder Schönberg; diese äußerten sich hierzu betont negativ. Seit den 1990er Jahren treten vermehrt Dirigenten in Erscheinung, die zur Rückbesinnung auf historische Spielpraktiken drängen.[1]

Bei der Orgel gibt es die sogenannten Schwebungsregister. In diesem Fall klingen bei jedem Ton zwei Stimmen, die sich in der Tonhöhe geringfügig unterscheiden; das Vibrato wird also durch Schwebung hervorgerufen. Ein Beispiel ist die Prinzipalschwebung, bei italienischen Orgeln des 16. Jahrhunderts u. a. auch als Voce Umana („Menschenstimme“), später auch als Vox humana bezeichnet. Offensichtlich galt den italienischen Orgelbauern des 16. Jahrhunderts das Vibrato als eine charakteristische Eigenschaft der menschlichen Stimme. Sehr viel häufiger findet sich bei der Orgel allerdings der sogenannte Tremulant, der den Wind in leichte Druckschwankungen versetzt und so für ein Tremulieren des Pfeifenklanges sorgt. Bei vielen Orgeln ist die Schwankungsfrequenz des Tremulanten einstellbar.

Das Schwebungssystem wurde im 19. Jahrhundert auf Harmonika-Instrumente übertragen, bei denen pro angespieltem Ton zwei Durchschlagzungen mit geringfügigem Frequenzunterschied zum Klingen gebracht werden (siehe Tremoloharmonika).

Ein stärkerer Vibratoeffekt kann bei der E-Gitarre durch den eigens dafür vorgesehenen Tremolo oder das Ziehen der Saite erzeugt werden.

Instrumente deren Tongebung im Wesentlichen auf dem Ausklingen eines einmal erzeugten kurzen Klanges beruht, wie Schlaginstrumenten, Harfe etc. verfügen über kein Vibrato, bzw. benötigen zusätzliche Hilfsmittel, wie dem „Motor“ beim Vibraphon. Ein Sonderfall ist in dieser Hinsicht das Klavier, bei dem die Töne „mehrchörig“ (also mit zwei oder drei Saiten; nur die tiefsten Basstöne sind einsaitig) ausgelegt sind, was nicht nur den Klang verstärkt, sondern durch minimale Stimmungsdifferenzen auch mit Schwebungen belebt.

Vibrato bei elektronischen Musikinstrumenten[Bearbeiten]

Bei Effektgeräten oder elektronischen Musikinstrumenten werden die Begriffe Vibrato und Tremolo für unterschiedliche Effekte verwendet:

Die Wirkung des Effekts hängt hierbei von der Stärke und Frequenz der Schwankungen ab sowie vom Charakter der Schwankung (Kurvenform des Modulationssignals):

  • Langsame, sinusförmige Schwankungen mit geringer Frequenz klingen eher weich.
  • Schnelle, rechteckförmige Schwankungen mit hoher Frequenz klingen eher hart.

Literatur[Bearbeiten]

  • Greta Moens-Haenen: Das Vibrato in der Musik des Barock. Ein Handbuch zur Aufführungspraxis für Vokalisten und Instrumentalisten. Akademische Druck- und Verlags-Anstalt, Graz 1988, ISBN 3-201-01398-6.
  • Peter-Michael Fischer: Die Stimme des Sängers. Analyse ihrer Funktion und Leistung – Geschichte und Methodik der Stimmbildung. Metzler, Stuttgart u. a. 1993, ISBN 3-476-00882-7.
  • Mario Sicca: Das Vibrato als natürliche Bereicherung des Klanges. In: Nova giulianiad. 1, 2, 1984, ISSN 0254-9565, S. 86 ff.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. DIE ZEIT: Ein Gespräch mit Sir Roger Norrington über die Vorzüge des Alters, seinen Kampf gegen das Vibrato und die Egomanie der Pulthelden

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Vibrato – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen