Volksgeist

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Der Begriff Volksgeist schreibt der Gemeinschaft eines Volks eine gemeinsame Seele zu. Er ist ein ähnlicher Allgemeinbegriff wie Zeitgeist oder Weltgeist und gehört damit in die Geisteswelt des 19. Jahrhunderts.

Als einer der ersten verwendete der Jurist Friedrich Carl von Savigny zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Begriff, mit dem er das vom Volk entwickelte Rechtsempfinden bezeichnet (siehe Historische Rechtsschule). Savigny stützte sich unter anderem auf Montesquieus und Voltaires Konzeptionen des esprit. Voltaire sprach von einem esprit des nations („Geist der Nationen“) als Charaktereigenschaft von Nationen (Essai sur les mœurs et l’esprit des nations, 1756) und Montesquieu hielt einen esprit général („allgemeinen Geist“) für die Grundlage des gesellschaftlichen Zusammenlebens, die ein Herrscher nicht ignorieren dürfe (Vom Geist der Gesetze, 1748). Savigny wiederum versuchte, das Recht auf ein gemeinschaftliches kultur- und geschichtsabhängiges Bewusstsein zurückzuführen, das er Volksgeist nannte.

Durch Hegels Vorstellung eines überpersönlichen „objektiven Geistes“ bekam der Volksgeist ein philosophisches Fundament. Wilhelm Wundt, Moritz Lazarus und Heymann Steinthal begründeten um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Wissenschaft der Völkerpsychologie, die einem je verschiedenen Volksgeist als Charakteristikum der „Völker“ nachging. Der Ansatz war bald veraltet, aber hatte einigen Einfluss auf Psychologie und Ethnologie.

Die idealistischen Begriffe vom Volksgeist wurden in der Folge zum Spiritualismus überhöht. Eine positive Bedeutung haben die Begriffe Volksgeist oder Volksseele in der Esoterik, etwa bei Rudolf Steiner, der 1910 in Oslo in elf Vorträgen "Die Mission einzelner Volksseelen" zur Darstellung gebracht hat. Er meint, daß jedem Volk ein Erzengel zugewiesen ist, dessen moralische Dignität sich in der Verfassung des Volkes offenbare.

Der Begriff Volksgeist kam andererseits den nationalistischen Strömungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts gelegen. Die rassistischen Vereinfachungen im Nationalsozialismus versuchten den „Volksgeist“ auch als biologische Eigenschaft zu fassen.

Peter Sloterdijk hat den Volksgeist 1998 als eine medieninszenierte "Erregungsgemeinschaft" diagnostiziert und eine dunkle Seite wahrgenommen. Doch spricht auch für Sloterdijk durch die Dichter "ein guter, wenn auch schwacher Grund für unser Zusammensein in nationaler Kohärenz".

Bis heute wird der Ausdruck Volksgeist im rechtsphilosophischen, im esoterischen und im nationalistischen Sinne gebraucht.

Literatur[Bearbeiten]

  • George W. Stocking (Hrsg.): Volksgeist as Method and Ethic. Essays on Boasian Ethnography and the German Anthropological Tradition, Madison: Univ. of Wisconsin Press 1996. ISBN 978-0-299-14550-7
  • Andreas Großmann: „Volksgeist – Grund einer praktischen Welt oder metaphysische Spukgestalt? Anmerkungen zur Problemgeschichte eines nicht nur Hegelschen Theorems“, in: A. Großmann, C. Jamme (Hrsg.): Metaphysik der praktischen Welt. Perspektiven im Anschluß an Hegel und Heidegger, Amsterdam: Rodopi 2000, S. 60ff. ISBN 90-420-0699-4
  • Peter Sloterdijk: Der starke Grund zusammen zu sein. Erinnerungen an die Erfindung des Volkes. Frankfurt. 1998.
  • Rudolf Steiner. Die Mission einzelner Volksseelen im Zusammenhange der germanisch-nordischen Mythologie. Dornach/Schweiz. 1974 u.a.