Joxe Azurmendi

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Joxe Azurmendi

Joxe Azurmendi Otaegi (* 19. März 1941 in Zegama, Baskenland) ist ein in Euskara, d. h. der baskischen Sprache schreibender baskischer Schriftsteller, Philosoph, Essayist und Dichter. Er hat zahlreiche Artikel und Bücher zu Themen wie Ethik, Politik, Philosophie der Sprache, der Technik, baskische Literatur und allgemeine Philosophie veröffentlicht.

Joxe Azurmendi ist Direktor der Veröffentlichungsreihe Jakin irakurgaiak, in der unter seiner Leitung bisher über 40 Bücher herausgegeben wurden. Darüber hinaus hat er an der Übersetzung philosophischer Werke ins Baskische für den Verlag Klasikoak[1] mitgewirkt. Er war einer der Gründer der Baskischen Sommeruniversität, Udako Euskal Unibertsitatea. Derzeit hat er den Lehrstuhl für Moderne Philosophie inne und unterrichtet an der baskischen Universität Euskal Herriko Unibertsitatea. Im Jahr 2010 wurde er von der Akademie der Baskischen Sprache, Euskaltzaindia, zum akademischen Ehrenmitglied ernannt. Joxe Azurmendi ist für viele einer der genialsten und bewandertsten Denker des Baskenlandes.

Biografie[Bearbeiten]

Joxe Azurmendi studierte Philosophie und Theologie an der Baskischen Universität, sowie in Rom und Münster.[2]

Zu Beginn der 60er Jahre schloss er sich der kulturellen Bewegung um die Zeitschrift Jakin an. Er war Direkter der Zeitschrift, als sie zum ersten Mal von dem Franco-Regime verboten wurde. Seit der Wiederaufnahme ihres Erscheinens ist Azurmendi ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift. Die ersten Jahre der 70er widmete er der Verbreitung grundlegender Texte in baskischer Sprache zu Themen, die im Baskenland diskutiert wurden: Nation, Sozialismus, Internationalismus,[3] etc. In den 80er Jahren begann er an der Baskischen Universität zu lehren. 1984 stellte er seine Dissertation über Jose Maria Arizmendiarrieta, den Gründer der Genossenschaftsbewegung von Mondragón, vor. In ihr vertritt er, dass Arizmendiarrieta mit diesem Projekt beabsichtigte, das Individuum und die Gesellschaft im Rahmen einer Organisation zusammenzuführen, in der sich Sozialismus und französischer Personalismus vereinen.[4]

1992 veröffentlichte er Espainolak eta euskaldunak [Spanier und Basken], sein bekanntestes Werk. Es war eine Reaktion auf einen Text von Claudio Sánchez-Albornoz, in dem es heißt: „Die Basken sind die letzten, die sich in Spanien zivilisiert haben; im Vergleich zu allen anderen Völkern fehlen ihnen tausend Jahre Zivilisation... Es sind rüde, simple Menschen, die sich zudem für Söhne Gottes und Erben seines Himmelreiches halten. Dabei sind sie nichts anderes als nicht romanisierte Spanier.”[5] In seinem Werk widerlegte Azurmendi die Stereotype einiger spanischer Intellektueller über die Basken.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erreichte sein Werk den Höhepunkt. Er veröffentlichte die Trilogie Espainiaren arimaz [Die Spanische Seele] (2006, Elkar), Humboldt. Hizkuntza eta pentsamendua [Humboldt. Sprache und Denken] (2007, UEU) und Volksgeist. Herri gogoa (2008, Elkar). Diese Trilogie spiegelt die bedeutendsten Aspekte seines Denkens wider.

Sein Denken[Bearbeiten]

Das Werk von Azurmendi entsteht und entwickelt sich in einer Epoche der Krise sowohl auf kultureller oder politischer Ebene als auch im Hinblick auf die bestehenden Werte. Eine Krise, die er nicht als etwas Negatives, sondern als Chance für neue Möglichkeiten sieht. Deshalb kreist sein gesamtes Denken um die Verteidigung der Freiheit in allen Bereichen, vor allem aber der Gewissens- und Gedankenfreiheit.

Folglich geht es in seinem Werk nicht darum, dieser Krise zu entfliehen; vielmehr stellt Azurmendi Überlegungen an, wie man in einer solchen Situation leben kann. Dabei bedient er sich einer relativistischen Betrachtungsweise[6] und kämpft, nachdem die Modernität die Menschen jeder soliden Grundlage beraubt hat, gegen die letzten Überreste des Dogmatismus, zu dem eine Krisengesellschaft neigt. In diesem Sinne zeigt er sich zum Beispiel kritisch gegenüber dem modernen Staat, dem er vorwirft, die neue Kirche zu sein, die das Bewusstsein kontrolliert.[7] Er kritisiert die Instrumentalisierung der Moral, oder anders gesagt, dass die Politiker, anstatt die Probleme in ihrem jeweiligen Zuständigkeitsbereich zu lösen, sich auf das Gebiet der Moral flüchten, um ihre Verantwortung unter dem Deckmäntelchen vermeintlicher absoluter Prinzipien zu verbergen.

Von großer Bedeutung ist sein Beitrag zur Infragestellung der kanonischen Sichtweise, die bezüglich bestimmter Themen herausgebildet wurde. Besonders hervorzuheben ist hier, dank seiner deutschen Bildung und Studien, die Interpretation Azurmendis der deutschen Aufklärung. Mit ihr widerlegt er den anscheinenden Gegensatz zwischen der französischen Aufklärung und der deutschen Romantik, und eröffnet eine neue Perspektive auf die verschiedenen, sich aus diesem Gegensatz ableitenden Aspekte.[8] Anders als einige spanische und französische Intellektuelle (Alain Finkielkraut)[9] vertritt er, dass der Nationalismus in Frankreich entstand (Montesquieu, Voltaire, Rousseau, Ernest Renan) und anschließend von den deutschen Aufklärern und Romantikern neu interpretiert wurde. Damit stellt er die Art und Weise infrage, in der Autoren wie Goethe, Schiller, Herder oder Humboldt ein metaphysischer Nationalismus zugeschrieben wird.

Einen nicht unbedeutenden Teil seines Werkes widmete Azurmendi darüber hinaus baskischen Denkern, die er aus der Vergessenheit holte, neu interpretierte und von verschiedenen Stereotypen befreite. Hier seien u.a. seine Arbeiten zu Jon Mirande, Orixe und Unamuno[10][11] genannt.

Joxe Azurmendi ist ein Autor, der aus der baskischen Kultur heraus und für diese denkt. In Bereichen wie z. B. der Sprache wurde er von den baskischen Autoren der Nachkriegszeit beeinflusst.[12] Zu diesem Gebiet hat er auch Forschungen über Autoren wie Heidegger, Wittgenstein, George Steiner oder Humboldt durchgeführt. Die Tatsache, dass er sein umfangreiches Werk in baskischer Sprache verfasst hat, steht in vollständiger Kohärenz zu seinem Denken.

Sein Denken erschien zuerst in seinen Gedichten:[13]

„Der Mensch ist armselig,

wenn, um zu beginnen, Mensch zu sein,
er eine Erklärung der Menschenrechte benötigt.
Der Mensch ist wirklich armselig,
wenn die Offenbarung Gottes,
um Wahrheit zu sein, eine Kirche verlangt
als Bewacherin.
Was bist du denn! Wir wissen nicht einmal
uns gegenseitig
Auge in Auge anzusehen.
Kreatur der sterbenden
Natur,
Mensch.
Du! rufe ich dich.
Denn ich bin nicht ein Begriff,
kein Mensch bin ich.
Keine Definition hat mir
die Existenz gegeben.
Ich bin nur ich,
rundherum ausgeschnitten.“
– Der armselige Prometeus (1968)[14]

„Aber das Freisein

ist eine furchbar schwierige Sache
für das unglückliche Volk,
das keinen Marx hatte
oder kein 1789.
Wovon wird es bezahlen?
-----
Aber wir wollen frei sein.
Was kann ich dafür?
Und wenn sie uns jetzt auch
wie einen gefälschten Blankoscheck
einen Baum von Gernika erfinden,
so als ob der Wille zur Freiheit Sünde wäre,
so als ob wir Titel benötigten,
wir wollen nur einfach frei sein.
Wir wollen. Das ist alles.
Der letzte Betrug an uns ist nämlich:
Sie haben uns glauben lassen, vorher von draussen,
jetzt auch von drinnen, dass wir
den Willen zur Freiheit rechtfertigen müssen.“
– Verspätetes Manifest (1968)[15]

Sein Werk[Bearbeiten]

Die Datenbank der Baskischen Wissenschaftsgemeinschaft Inguma[16] führt über 160 Veröffentlichungen von Azurmendi.

Essay[Bearbeiten]

  • Hizkuntza, etnia eta marxismoa (Sprache, Ethnie und Marxismus) (1971, Euskal Elkargoa)
  • Kolakowski (Kołakowski) (1972, EFA). In Zusammenarbeit mit Joseba Arregi
  • Kultura proletarioaz (Über die proletarischen Kultur) (1973, Jakin EFA)
  • Iraultza sobietarra eta literatura (Die sowjetische Revolution und die Literatur) (1975, Gero Mensajero)
  • Gizona Abere hutsa da (Der Mensch ist nichts als ein Tier) (1975, EFA)
  • Zer dugu Orixeren kontra? (Was spricht gegen Orixe?) (1976, EFA Jakin)
  • Zer dugu Orixeren alde? (Was spricht für Orixe?) (1977, EFA Jakin)
  • Artea eta gizartea (Kunst und Gesellschaft) (1978, Haranburu)
  • Errealismo sozialistaz (Sozialistischer Realismus) (1978, Haranburu)
  • Mirande eta kristautasuna (Mirande und das Christentum) (1978, GAK)
  • Arana Goiriren pentsamendu politikoa (Das politische Denken von Arana Goiri) (1979, Hordago Lur)
  • Nazionalismo Internazionalismo Euskadin (Nationalismus Internationalismus im Baskenland) (1979, Hordago Lur)
  • PSOE eta euskal abertzaletasuna (Die PSOE und der baskische Patriotismus) (1979, Hordago Lur)
  • El hombre cooperativo. Pensamiento de Arizmendiarrieta (Der kooperative Mensch. Das Denken Arizmendiarrietas) (1984, Lan Kide Aurrezkia)
  • Filosofía personalista y cooperación. Filosofía de Arizmendiarrieta (Personalistische Philosophie und Kooperation. Die Philosophie Arizmendiarrietas) (1984, EHU)
  • Schopenhauer, Nietzsche, Spengler, Miranderen pentsamenduan (Schopenhauer, Nietzsche, Spengler im Denken Mirandes) (1989, Susa)
  • Miranderen pentsamendua (Das Denken Mirandes) (1989, Susa)
  • Gizaberearen bakeak eta gerrak (Frieden und Kriege des Tiermenschen) (1991, Elkar)
  • Espainolak eta euskaldunak (Die Spanier und die Basken) (1992, Elkar)
  • Karlos Santamaria. Ideiak eta ekintzak (Karlos Santamaria. Sein Denken und Handeln) (1994, Gipuzkoako diputazioa (Unveröffentlicht))
  • La idea cooperativa: del servicio a la comunidad a su nueva creación (Die kooperative Idee: Vom Dienst an der Gesellschaft zu ihrer Neugestaltung) (1996, Gizabidea Fundazioa)
  • Demokratak eta biolentoak (Demokraten und Gewalttäter) (1997, Elkar)
  • Teknikaren meditazioa (Überlegungen zur Technik) (1998, Kutxa Fundazioa)
  • Oraingo gazte eroak (Die verrückte Jugend von heute) (1998, Enbolike)
  • El hecho catalán. El hecho portugués (Die katalanische Gegebenheit. Die portugiesische Gegebenheit) (1999, Hiru)
  • Euskal Herria krisian (Das Baskenland in der Krise) (1999, Elkar)
  • La violencia y la búsqueda de nuevos valores (Die Gewalt und die Suche nach neuen Werten) (2001, Hiru)
  • La presencia de Nietzsche en los pensadores vascos Ramiro de Maeztu y Jon Mirande (Die Präsenz Nietzsches in den baskischen Denkern Ramiro de Maeztu und Jon Mirande) (2002, Euskalerriaren Adiskideen Elkartea)
  • Etienne Salaberry. Bere pentsamenduaz (Etienne Salaberry. Sein Denken) (1903–2003) (2003, Egan)
  • Espainiaren arimaz (Die spanische Seele) (2006, Elkar)
  • Volksgeist. Herri gogoa (2008, Elkar)
  • Humboldt. Hizkuntza eta pentsamendua (Humboldt. Sprache und Denken) (2007, UEU)
  • Azken egunak Gandiagarekin (Die letzten Tage mit Gandiaga) (2009, Elkar)
  • Bakea gudan (Frieden im Krieg) (2012, Txalaparta)
  • Barkamena, kondena, tortura (Vergebung, Strafe, Folter) (2012, Elkar)
  • Karlos Santamariaren pentsamendua (Das Denken Karlos Santamarias) (2013, Jakin/EHU)

Poesie[Bearbeiten]

  • Hitz berdeak [Unreife Worte] (1971, EFA)
  • XX. mendeko poesia kaierak - Joxe Azurmendi (2000, Susa), [Hefte der Poesie des 20. Jahrhunderts – Joxe Azurmendi] Ausgabe von Koldo Izagirre.

Artikel in Zeitschriften[Bearbeiten]

  • Artikel in der Zeitschrift Jakin[17]
  • Artikel in der Zeitschrift Anaitasuna[18]
  • Artikel in der Zeitschrift RIEV[19]

Auszeichnungen[Bearbeiten]

  • 1976: Andima Ibiñagabeitia, Literaturpreis, für das Werk Espainolak eta euskaldunak[20]
  • 1978: Irun Hiria, Literaturpreis, für das Werk Mirande eta kristautasuna [Mirande und das Christentum].
  • 1998: Irun Hiria, Literaturpreis, für das Werk Teknikaren meditazioa [Überlegungen zur Technik].
  • 2005: Juan San Martin Preis, für das Werk Humboldt: Hizkuntza eta pentsamendua [Humboldt: Sprache und Denken].[21]
  • 2010: Baskischer Literaturpreis Euskadi Literatura Saria in der Kategorie Essays, für Azken egunak Gandiagarekin [Die letzten Tage mit Gandiaga].[22]
  • 2012: Eusko Ikaskuntza Preis der Gesellschaft für Baskische Studien.[23]
  • 2012: Auszeichnung Dabilen Elea[24]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Klasikoak, Sammlung von Übersetzungen der Klassiker der Gedanken (Webseite der Universität Baskenland)
  2. Vorwort von Gandiaga in Azurmendi: Hitz berdeak. EFA, Oñati 1971.
  3. Azurmendi: Arana Goiri-ren pentsamendu politikoa. Hordago Lur, Donostia 1979, S. 1.
  4. Andoni Olariaga: Joxe Azurmendi. Askatasunaren pentsalaria in Alaitz Aizpuru: Euskal Herriko pentsamenduaren gida. UEU, Bilbao 2012, ISBN 978-84-8438-435-9, S. 149.
  5. Azurmendi: Espainolak eta euskaldunak. Elkar, Donostia 1992, ISBN 84-7917-205-3, S. 17.
  6. Interview mit Azurmendi in: Hegats (45), S. 209.
  7. Azurmendi: Barkamena, kondena, tortura. Elkar, Donostia 2012, ISBN 978-84-9027-007-3.
  8. Azurmendi: Volksgeist. Herri gogoa. Elkar, Donostia 2008, ISBN 978-84-9783-404-9, S. 129.
  9. Azurmendi: Euskal Herria krisian. Elkar, Donostia 1999, ISBN 84-8331-572-6, S. 119.
  10. Azurmendi: Unamunoren atarian. In: Alaitz Aizpuru: Euskal Herriko pentsamenduaren gida. UEU, Bilbao 2012, ISBN 978-84-8438-435-9, S. 29.
  11. Azurmendi: Bakea gudan. Txalaparta, Tafalla 2012, ISBN 978-84-15313-19-9.
  12. Azurmendi: Kierkegaard-en egunkari ezkutua. In: J.L. Ormaetxea: Txillardegi lagun giroan. UEU, Bilbao 2000, ISBN 84-8438-007-6.
  13. Alaitz Aizpuru: Suak erreko ez balu (I). In: hAUSnART 3 (2013), S. 102–121.
  14. Azurmendi: Hitz berdeak. EFA, Oñati 1971.
  15. Azurmendi: XX. Mendeko poesia kaierak. Susa, Zarautz 2000.
  16. Joxe Azurmendi (>160), webseite der UEU
  17. Jakingunea.
  18. Anaitasuna auf der Website Euskaltzaindia.
  19. RIEV 48.
  20. Anaitasuna 328.
  21. Website von UEU
  22. Website von Baskische Regierung.
  23. Website von Eusko Ikaskuntza
  24. Website von Basque Language Publishers Association

Weblinks[Bearbeiten]