Rudolf Steiner

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Rudolf Steiner um 1905

Rudolf Joseph Lorenz Steiner (* 27. Februar[1] 1861 in Kraljevec, Kaisertum Österreich, heute Kroatien[2]; † 30. März 1925 in Dornach, Schweiz) war ein österreichischer Esoteriker und Philosoph. Er begründete die Anthroposophie, eine esoterische Weltanschauung, die an die Theosophie, das Rosenkreuzertum, die Gnosis[3] sowie die idealistische Philosophie anschließt[4] und zu den neumystischen Einheitskonzeptionen der Zeit um 1900 gezählt wird.[5] Auf Grundlage dieser Lehre gab Steiner einflussreiche Anregungen für verschiedene Lebensbereiche, etwa Pädagogik (Waldorfpädagogik), Kunst (Eurythmie, anthroposophische Architektur), Medizin (anthroposophische Medizin), Religion (die Christengemeinschaft) oder Landwirtschaft (biologisch-dynamische Landwirtschaft).

Leben und Werk[Bearbeiten]

Kindheit und Jugend[Bearbeiten]

Das Geburtshaus von Rudolf Steiner in Donji Kraljevec

Rudolf Steiner entstammte einfachen Verhältnissen. Seine Eltern, der Bahnbeamte Johann Steiner (1829–1910) und Franziska Steiner, geborene Blie (1834–1918), kamen aus dem niederösterreichischen Waldviertel. Er hatte zwei jüngere Geschwister: Leopoldine (1864–1927), die als Näherin bis zu deren Tod bei den Eltern wohnte, und Gustav (1866–1941), der gehörlos geboren wurde und zeitlebens auf fremde Hilfe angewiesen war. Der Vater war zuvor als Förster und Jäger in Diensten des Horner Reichsgrafen Hoyos (eines Sohns von Graf Johann Ernst Hoyos-Sprinzenstein) tätig; als dieser ihm 1860 seine Zustimmung zur Hochzeit verweigerte, quittierte er den Dienst und fand eine Anstellung als Bahntelegrafist bei der Südbahngesellschaft. Kurz hintereinander arbeitete er an drei Orten: am zweiten wurde Rudolf geboren, am dritten, in Mödling, lebte die Familie nur ein halbes Jahr. Anfang 1863 wurde er Stationsvorsteher in Pottschach, 1869 kam er nach Neudörfl, 1879 nach Inzersdorf, 1882 nach Brunn am Gebirge.

Bereits im Grundschulalter begann der junge Steiner, sich neben dem wenig fordernden Unterricht an einer Dorfschule mit Hilfe von Lehrbüchern selbst Wissen anzueignen. Besonders interessierte ihn die Geometrie. Mit 16 Jahren las er nach eigenen Angaben bereits Kants Kritik der reinen Vernunft.

Der 21-jährige Student Rudolf Steiner, um 1882

Nach dem Besuch der Realschule Wiener Neustadt konnte Steiner dank eines Stipendiums von 1879 bis 1883 an der Technischen Hochschule in Wien studieren. Seine Studienfächer waren Mathematik und Naturwissenschaften mit dem Ziel des Lehramts an Realschulen. Daneben besuchte er aber auch Lehrveranstaltungen in Philosophie, Literatur und Geschichte, teils auch an der Wiener Universität, wo er ohne gymnasiale Matura in Latein[6] allerdings nur einen Gaststatus hatte. Dieses Studium musste Steiner 1883 aus finanziellen Gründen ohne Abschlussexamen abbrechen. Erst 1891 wurde er an der Universität Rostock mit einer Arbeit über Die Grundfrage der Erkenntnistheorie (später erweitert als Buch unter dem Titel Wahrheit und Wissenschaft erschienen) bei Heinrich von Stein zum Dr. phil. promoviert.

Der frühe Steiner[Bearbeiten]

Von 1882 bis 1897 war Steiner Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgang von Goethes. Er besorgte in dieser Zeit zwei Ausgaben, erst im Rahmen der Deutschen Nationallitteratur Joseph Kürschners, dann (ab 1890) als Mitarbeiter des gerade gegründeten Goethe- und Schiller-Archivs in Weimar unter Leitung von Bernhard Suphan im Rahmen der sogenannten Sophien-Ausgabe – nach der Begründerin des Archivs, Großherzogin Sophie von Sachsen-Weimar-Eisenach –, heute bekannt als die Weimarer Ausgabe.[7] In Kürschners Nationalliteratur, wo Steiner dank der Empfehlung durch seinen Wiener Germanistik-Professor Karl Julius Schröer als Mitarbeiter verpflichtet wurde, bestand seine Aufgabe vor allem darin, erläuternde Kommentare und philosophische Einleitungen beizusteuern, während es sich bei der Weimarer Ausgabe fast nur um philologische Kleinarbeit handelte. Die ersten von Steiner herausgegebenen Goethe-Bände wurden allgemein mit Wohlwollen aufgenommen und in manchen Rezensionen sogar außerordentlich gelobt. Sie trugen erheblich dazu bei, das naturwissenschaftliche Werk Goethes, der bislang fast ausschließlich als Dichter wahrgenommen worden war, bekannt zu machen. Schon früh und bald mit zunehmender Schärfe wurde allerdings bemängelt, dass Steiner in seinen Einleitungen nicht Goethes Weltanschauung darstelle, sondern seine eigene. Auf besonders scharfe und teils vernichtende Kritik stieß Steiners philologische Arbeit im Rahmen der Weimarer Ausgabe, wo ihm zahlreiche handwerkliche Fehler und Nachlässigkeiten angelastet wurden. Steiner selbst, der anfangs mit großem Engagement an die Herausgebertätigkeit herangegangen war, betrachtete die Arbeit im Weimarer Archiv zunehmend als drückende Last und schrieb später, dass er auf das dort Geleistete „nie besonders stolz gewesen“ sei.[8]

Daneben gab Steiner auch die Werke des Philosophen Arthur Schopenhauer und des Dichters Jean Paul heraus. Für mehrere Lexika verfasste er Beiträge zu naturwissenschaftlichen Themen. Zeitweilig war er auch Redakteur der in Wien erscheinenden Deutschen Wochenschrift. Seinen Lebensunterhalt musste er jedoch bis 1890 überwiegend als Erzieher und Hauslehrer der vier Söhne eines jüdischen Kaufmanns bestreiten. Erst mit der Berufung an das Weimarer Archiv fand er als Goetheforscher ein bescheidenes Auskommen.

Zu den zahlreichen Kontakten, die Steiner in seiner Wiener Zeit (1879–1890) pflegte, gehören der Esoteriker Friedrich Eckstein, der ihn mit der Theosophie Helena Petrovna Blavatskys bekannt machte, und die Frauenrechtlerin Rosa Mayreder, seine wichtigste Gesprächspartnerin bei der Ausgestaltung seiner Freiheitsphilosophie. In der Weimarer Zeit knüpfte er Kontakte zu Herman Grimm, Otto Erich Hartleben, Ernst Haeckel und Elisabeth Förster-Nietzsche. Ab 1892 wohnte er bei der gerade verwitweten Anna Eunike (1853–1911) und ihren fünf Kindern, die 1899 seine erste Ehefrau wurde.

Rudolf Steiner um 1891/92, Radierung von Otto Fröhlich

In dieser Zeit entstanden einige philosophische Werke:

  • zunächst die erkenntnistheoretischen Schriften Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (1886) und
  • Wahrheit und Wissenschaft (1892),
  • 1894 die daran anknüpfende Philosophie der Freiheit; Steiner publizierte sie 1918 in überarbeiteter Fassung erneut[9] und bezeichnete sie auch im Alter noch als sein Hauptwerk.

Seine Erkenntnistheorie, die er in der Auseinandersetzung mit Goethes naturwissenschaftlichen Schriften entwickelt hatte, nahm in Anlehnung an den Deutschen Idealismus und namentlich an Johann Gottlieb Fichte ihren Ausgangspunkt im erkennenden Subjekt. Entscheidend war dabei für Steiner die Erfahrung des eigenen Denkens: Die „Beobachtung“ des Denkens sei die „allerwichtigste“ Wahrnehmungsleistung des Menschen. Denn nur das, was er selbst denke, könne er vollkommen durchschauen. Damit sei „ein fester Punkt gewonnen, von dem aus man mit begründeter Hoffnung nach der Erklärung der übrigen Welterscheinungen suchen kann“.[10]

Jede Art des Seins, die weder durch Wahrnehmung noch durch Denken erfahrbar sei, wies Steiner als „unberechtigte Hypothesen“ zurück. Mit dieser positivistischen Abweisung jeglicher transzendenten „Realität“, deren Existenz und zugleich prinzipielle Nicht-Erkennbarkeit andere Philosophen voraussetzten, stellte sich Steiner in Gegensatz zu der von Kant geprägten Universitäts-Philosophie seiner Zeit. Für den jungen Goethe-Forscher gab es nur eine Welt und somit keine prinzipiellen Grenzen des Erkennens. In diesem Sinn bezeichnete Steiner seine Weltanschauung auch als „Monismus“. In einem Brief bekannte er:

„Ich kämpfe, seitdem ich schriftstellerisch tätig bin, gegen allen Dualismus und sehe es als Aufgabe der Philosophie an, durch eine streng positivistische Analyse unseres Erkenntnisvermögens den Monismus wissenschaftlich zu rechtfertigen, also den Nachweis zu führen, daß die in der Naturwissenschaft gewonnenen Ergebnisse wirkliche Wahrheiten sind. Deshalb mußte ich mich ebenso gegen den Kantianismus mit seinen zweierlei Wahrheiten wie gegen das moderne ‚Ignorabimus‘ wenden.“

Steiner[11]

Steiners Monismus war jedoch nicht mit dem materialistischen Monismus identisch, den 1899 Ernst Haeckel fünf Jahre später in seinem Buch Die Welträtsel popularisierte. Allerdings bekannte sich Steiner auch nach dem Erscheinen der Welträtsel zu Haeckel, obwohl dieser radikal – und sehr modern – die Konsequenzen aus seiner monistischen Weltsicht zog. So heißt es in den Welträtseln

„Der Monismus […] lehrt uns die ausnahmslose Geltung der ewigen, ehernen, großen Gesetze im ganzen Universum. Damit zertrümmert derselbe aber zugleich die drei großen Zentral-Dogmen der bisherigen dualistischen Philosophie, den persönlichen Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die Freiheit des Willens.“[12]

Steiners Verhältnis zu Haeckel war bei aller ostentativen Parteinahme durchaus zwiespältig. Als Haeckels Die Welträtsel erschien, begleitet von heftigen Angriffen auf den Autor vor allem von Seiten der Kirchen, stellte sich Steiner in einer Aufsatzserie (Haeckel und seine Gegner, 1899) rückhaltlos auf Haeckels Seite. Auch später, in seiner theosophischen Phase, bezeichnete er Haeckels kämpferisches Eintreten für die Evolutionstheorie als „die bedeutendste Tat des deutschen Geisteslebens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“.[13] Die Problematik dieser Haltung war Steiner selbst durchaus bewusst. So formulierte er eine mögliche Kritik aus der Sicht eines Haeckel-Anhängers: „Wie kann man einmal so für Haeckel eintreten und dann wieder allem ins Gesicht schlagen, was als gesunder ‹Monismus› aus Haeckels Forschungen folgt? Man könnte begreifen, dass der Verfasser dieser ‹Geheimwissenschaft› mit ‹Feuer und Schwert› gegen Haeckel zu Felde ziehe; dass er ihn verteidigt hat, ja dass er ihm sogar ‹Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert› gewidmet hat, das ist wohl das Ungeheuerlichste, was sich denken läßt. Haeckel hätte sich für diese Widmung wohl ‹mit nicht mißzuverstehender Ablehnung› bedankt, wenn er gewußt hätte, dass der Widmer einmal solches Zeug schreiben werde, wie es diese ‹Geheimwissenschaft› mit ihrem mehr als plumpen Dualismus enthält.“[14] Die Berufung Steiners auf Haeckel gilt als wichtiges Deutungsproblem für das Verständnis von Steiners intellektueller Entwicklung. So heißt es etwa in einer Rezension der Wiederauflage von Karl Ballmers Aufsatz Ernst Haeckel und Rudolf Steiner: „Derselbe Rudolf Steiner, der eine neue Christologie und damit auch ein neues Verhältnis zum Vatergrund alles Seins verkündete, die Lehre vom Leben des Menschen nach dem Tode so ausführlich zur Darstellung brachte und eine ‚Philosophie der Freiheit‘ schrieb, stellt sich auf die Seite des Leugners von Gott, Unsterblichkeit und Freiheit! Wer kann das begreifen?“[15] Übereinstimmend auch Gerhard Wehr:„Wie reimt sich all das zusammen? – Keine Frage, seinen Schülern und wohlwollenden Interpreten hat es Steiner mit der Deutung der Haeckel-Episode nicht eben leicht gemacht.“[16]

Seine monistische Erkenntnistheorie betrachtete Steiner aber nur als „Vorspiel“, als „philosophischen Unterbau“ einer radikal individualistischen Freiheitsphilosophie, mit welcher er eng an Friedrich Nietzsche und Max Stirner anschloss. In der Philosophie der Freiheit werden diese Denker zwar nicht erwähnt,[17] doch schon im folgenden Jahr erschien Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit (1895), worin Steiner den „Einklang“ mit den Anschauungen Nietzsches betonte und bedauerte, dass dieser seine Lehren auf Schopenhauer statt auf Stirner gegründet hatte. „Welchen Weg hätte Nietzsche genommen, wenn nicht Schopenhauer, sondern Max Stirner sein Erzieher geworden wäre!“ (Rudolf Steiner[18]) [19] Den Ausspruch Nietzsches: „Nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Wohlan, das war Freiheit des Geistes, damit war der Wahrheit selbst der Glaube gekündigt“ kommentierte Steiner mit den Worten:

„Daß diese Sätze die Empfindungen einer vornehmen, einer Herrennatur zum Ausdruck bringen, die sich die Erlaubnis, frei, nach ihren eigenen Gesetzen zu leben, durch keine Rücksicht auf ewige Wahrheiten und Vorschriften der Moral verkümmern lassen will, fühlen diejenigen Menschen nicht, die, ihrer Art nach, zur Unterwürfigkeit geeignet sind. Eine Persönlichkeit, wie die Nietzsches ist, verträgt auch jene Tyrannen nicht, die in der Form abstrakter Sittengebote auftreten.“[20]

Diejenigen Zeitgenossen, die Nietzsche wegen seiner Aufkündigung moralischer Bindungen einen „gefährlichen Geist“ genannt hatten, bezeichnete Steiner abfällig als „kleinlich denkende Menschen“.[20] Dagegen hob er Nietzsches „Übermenschen“ hervor, der in Steiners Deutung mit dem „Eigner“ Max Stirners identisch ist: „Dieser auf sich selbst gestellte, nur aus sich heraus schaffende Eigner ist Nietzsches Übermensch.“[21] Der Übermensch ist für Steiner also der „von allen Normen befreite Mensch, der nicht mehr Ebenbild Gottes, Gott wohlgefälliges Wesen, guter Bürger u.s.w., sondern er selber und nichts weiter sein will – der reine und absolute Egoist.“[22] Der Menschentyp, der heute „gewollt, gezüchtet, erreicht [werde, sei] das Haustier, das Herdentier, das kranke Tier Mensch, – der Christ …“. Der „höherwertige Typus“ dagegen sei frei und nichts als er selbst.

Steiner bewunderte den autoritäts- und wahrheitskritischen Gestus radikaler Denker wie Nietzsche und Stirner. Bei Stirner gefiel ihm die Überhöhung des Individuums. Stirners Satz: „Alle Wahrheiten unter mir sind mir lieb; eine Wahrheit über mir, eine Wahrheit, nach der ich mich richten müßte, kenne ich nicht“, kommentierte er mit den Worten: „Ein Eroberer ohne gleichen ist Max Stirner, denn er steht nicht mehr im Solde der Wahrheit; sie steht in dem seinen.“[23] Bei Nietzsche konnte Steiner an die Idee des „freien Geistes“ anknüpfen, der sich über Gott und Wahrheitsglauben emporschwingt: „Der ‚freie Geist‘ kommt zum Bewußtsein seines Schaffens der Wahrheit. Er betrachtet die Wahrheit nicht mehr als etwas, dem er sich unterordnet; er betrachtet sie als sein Geschöpf.“[24]

Titelbild der zweiten Auflage 1895 von Friedrich Nietzsche – Ein Kämpfer gegen seine Zeit, die aufgrund des großen Erfolges noch im Erscheinungsjahr herauskam.

Diese Kampfansage an jede vorgegebene Wahrheit und Autorität verband Steiner mit Stirner und Nietzsche. Im Sinne der „Egoität“ (Steiner) begrüßte er Nietzsches Wort vom „Tod Gottes“ und der Stellung des Menschen „jenseits von Gut und Böse“. Er proklamierte: „An Gottes Stelle den freien Menschen!!!“[25] An anderer Stelle zitierte Steiner zustimmend ein Zitat des Stirner-Biographen John Henry Mackay, in dem es hieß[26]

Ich glaubte nie an einen Gott da droben,
Den Lügner oder Toren nur uns geben.
Ich sterbe – und ich wüßte nichts zu loben
Vielleicht nur Eins – daß wir nur einmal leben!

Solche Wendungen illustrieren Steiners Ablehnung eines Glaubens an das Jenseits, an die Wiedergeburt und die Idee eines allmächtigen Gottes. Die Vorstellung eines Ausgeliefertseins des Menschen an eine ihm fremde Schicksalsmacht wies er zurück.

„Es ist allein des Menschen würdig, daß er selbst die Wahrheit suche, daß ihn weder Erfahrung noch Offenbarung leite. Wenn das einmal durchgreifend erkannt sein wird, dann haben die Offenbarungsreligionen abgewirtschaftet. Der Mensch wird dann gar nicht mehr wollen, daß sich Gott ihm offenbare oder Segen spende. Er wird durch eigenes Denken erkennen, durch eigene Kraft sein Glück begründen wollen. Ob irgendeine höhere Macht unsere Geschicke zum Guten oder Bösen lenkt, das geht uns nichts an; wir haben uns selbst die Bahn vorzuzeichnen, die wir zu wandeln haben. Die erhabenste Gottesidee bleibt doch immer die, welche annimmt, daß Gott sich nach Schöpfung des Menschen ganz von der Welt zurückgezogen und den letzteren ganz sich selbst überlassen habe.“[27]

Der von Steiner verehrte Stirner hatte in seinem Hauptwerk Der Einzige und sein Eigentum geschrieben: „Das Jenseits ausser Uns ist […] weggefegt, und das grosse Unternehmen der Aufklärer vollbracht; allein das Jenseits in Uns ist ein neuer Himmel geworden und ruft Uns zu neuen Himmelstürmen auf.“[28] Auch für den damals Stirners Grundposition[29] nahestehenden Steiner hatte das Menschenleben nur den Zweck und die Bestimmung, die der Mensch ihm selbst verleihe: „Meine Sendung in der Welt ist keine vorherbestimmte, sondern sie ist jeweilig die, die ich mir erwähle.“[30] Damit ist die Philosophie der Freiheit ein Bekenntnis zum Individualismus und Monismus. Der Monismus leugnet eine geistige Welt jenseits der dem menschlichen Erkennen zugänglichen Wirklichkeit. Reale und geistige Welt fallen nicht dualistisch auseinander, sondern sie sind eins. Eduard von Hartmann urteilte, diese Position führe mit unausweichlicher Konsequenz zum Solipsismus, absoluten Illusionismus und Agnostizismus.[31]

Im Sinne Stirners und Nietzsches proklamiert Steiner: „Der Mensch hat nicht den Willen eines außer ihm liegenden Wesens in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen; er verwirklicht nicht die Ratschlüsse und Intentionen eines andern Wesens, sondern seine eigenen.“ Hinter handelnden Menschen sieht dieser Monismus dabei nicht Zwecke einer ihm fremden Weltlenkung, sondern nur eigene, menschliche Zwecke. Gegenüber der Autoritäts- und Jenseitsgläubigkeit positioniert Steiner im Sinne des Idealismus das „lebendige Denken“ des „Ichs“ und den „freien Geist“.

Steiners philosophisches Magnum Opus Die Philosophie der Freiheit wurde in einigen Kulturzeitschriften, auch von Arthur Drews und Bruno Wille, positiv besprochen.[32] Doch gelang es Steiner nicht, in der akademischen Philosophie Fuß zu fassen. Ein Habilitationsversuch im Jahre 1894 scheiterte. Auch seine Promotion hatte er nur knapp mit der Bewertung „rite“ (ausreichend) bestanden.[33] Eduard von Hartmann, dem Steiner seine Dissertation „in warmer Verehrung zugeeignet“ hatte, kam zu einem vernichtenden Urteil über dieses Werk.[34] Ernst Haeckel, der aus dem Umfeld Steiners um Vermittlung einer Stelle an der Universität Jena gebeten worden war, versagte jegliche Unterstützung. Kurze Zeit arbeitete Steiner unter Elisabeth Förster-Nietzsche am Nachlass Nietzsches und war als Herausgeber der Werke im Gespräch. Im Rahmen dieser Tätigkeit erstellte er die erste Nietzsche-Bibliographie und das erste Verzeichnis von Nietzsches Bibliothek überhaupt. Letzteres wurde zur Grundlage aller später publizierten Kataloge. Dabei konnte Steiner auch die noch unveröffentlichte Autobiographie Nietzsches, Ecce Homo, einsehen und durfte dem geistig umnachteten Denker bei einem Besuch am 22. Januar 1896 persönlich gegenübertreten. Nach einem Eklat um die Frage der Herausgeberschaft brach Steiner mit Förster-Nietzsche und machte 1900 als erster auf die zweifelhaften Machenschaften des Nietzsche-Archivs im Rahmen von dessen Nietzsche-Ausgabe aufmerksam.[35] Steiner hatte sich nicht nur in einem Nietzsche-Buch, sondern auch in zahlreichen Zeitschriftenaufsätzen und Rezensionen als einer der ersten Vorkämpfer des damals noch nicht akzeptierten Nietzsche positioniert.

Titelbild des Magazin für Litteratur aus dem Jahre 1898

Einen Teil seines Lebensunterhalts bestritt Steiner weiterhin mit Herausgebertätigkeiten, etwa indem er von 1897 bis 1900 zusammen mit Otto Erich Hartleben das Magazin für Litteratur in Berlin herausgab. In dieser Zeit erschienen zahlreiche Aufsätze von Steiner zu künstlerischen, philosophischen und politischen Themen. Seine seit etwa 1894 bestehende Bekanntschaft mit dem deutschen Dichter John Henry Mackay wurde zu einer engen Freundschaft. Steiner identifizierte sich zeitweilig so sehr mit dem von Mackay vertretenen individualistischen Anarchismus, dass er in der von ihm redigierten Zeitschrift ein durchaus riskantes öffentliches Bekenntnis zu ihm abgab:

„Ich habe es bisher immer vermieden, selbst das Wort ‚individualistischer‘ oder ‚theoretischer Anarchismus‘ auf meine Weltanschauung anzuwenden. Denn ich halte sehr wenig von solchen Bezeichnungen. […] Wenn ich aber in dem Sinne, in dem solche Dinge entschieden werden können, sagen sollte, ob das Wort ‚individualistischer Anarchist‘ auf mich anwendbar ist, so müßte ich mit einem bedingungslosen ‚Ja‘ antworten.“[36]

Dies und eine Kampagne für Alfred Dreyfus[37] führte zu Leserprotesten und erwies sich als der Auflagenhöhe des Magazins abträglich.[38] Hartleben legte im März 1900 seine Mitherausgabe des Magazins wegen „inferioren Klatsches“ – gemeint war die Auseinandersetzung mit dem Nietzsche-Archiv, die Steiner in der Publikation führte – nieder.[39] Im September 1900 trat auch Steiner von seiner Redaktionsaufgabe zurück.

Der Publizist befand sich zu dieser Zeit in ernsthaften finanziellen Nöten. Aus seinem Umfeld wurde bereits für Steiners Wiener Zeit berichtet, er habe in einer „elenden Wohnung [gelebt und sei] oft geradezu am Verhungern“ gewesen. So schlecht sei es ihm auch bis in die Weimarer, ja auch Berliner Zeit gegangen. Zudem ist eine Zerrüttung des Lebenswandels überliefert. Steiner zechte nächtelang mit seinen Dichter-Freunden, teilweise sei er erst am nächsten Nachmittag nach Hause gekommen. Rosa Mayreder, die Vertraute aus der Wiener Zeit, meinte sogar, er sei „Alkoholiker gewesen, wenn auch nicht in jenem Übermaß, wie man es bei Mystikern oft findet. [Erst ab der Jahrhundertwende habe Steiner sich] ganz fest in die Hand genommen und sei der geworden, als den ihn die Welt heute kennt“.[40] Auch 1903 hieß es noch aus seinem direkten Umfeld, man vermöge „gar nicht zu beurteilen, wie es in der Seele eines Menschen wie Steiner aussieht, wenn die täglich fressende Sorge ihm naht, wenn er Stunde um Stunde denken muss, wo soll ich mich jetzt demütigen, nur um mir ein paar Mark zu pumpen, zu verdienen“.[41] Während sich Steiner in den Weimarer Jahren in gutbürgerlichen Zirkeln bewegt hatte, wandte er sich in den ersten Berliner Jahren proletarisch geprägten Außenseiterkreisen zu. Seine Kontakte reflektierten das Motto, welches er 1899 für sein Magazin gewählt hatte: „Vielseitigkeit und Vorurteilslosigkeit“. So hielt er von 1899 bis 1904 Kurse an der sozialistisch geprägten Berliner Arbeiter-Bildungsschule. Der Schriftsteller Max Halbe beschreibt den damaligen Steiner als „herumzigeunernden Intellektuellen“.[42] Wolfgang G. Vögele charakterisiert Steiners damaligen Umgang wie folgt: „Zu seinem Bekanntenkreis zählten die führenden Monisten des Giordano Bruno-Bundes (Wilhelm Bölsche, Bruno Wille), Vorkämpferinnen für freie Erotik und offene Ehe (Ellen Key, Margarete Beutler), bekennende Homosexuelle (Magnus Hirschfeld), Anarchisten (neben Mackay etwa Benjamin Tucker) oder als Terroristen steckbrieflich Verfolgte (Siegfried Nacht[43]). Biblisch gesprochen, saß er mit ‚Sündern und Zöllnern‘ zu Tische“.[44] Dazu gehörte auch der Kreis um Otto Erich Hartleben, der sich mit antibürgerlicher Provokationsgeste „Der Verbrechertisch“ nannte.

Der sozialistische Kunstkritiker John Schikowski schrieb am 31. März 1925 in einem Nachruf für den sozialdemokratischen Vorwärts, auf eine gemeinsame Zeit mit Steiner in Berlin zurückblickend:

„Der Weltanschauung nach war er Haeckelianer, Materialist und Atheist, politisch nannte er sich Anarchist und wir Sozialdemokraten galten ihm als Bourgeois. Was ihn übrigens nicht hinderte, im Rahmen sozialdemokratischer Bildungsorganisationen Vorträge über literarische Themen zu halten. In seiner Lebensführung war er durchaus Libertin, voller Lust am irdischen Dasein und recht hemmungslos im ausgiebigen Genuss dieses Daseins. Es liegt mir fern, mit den oft etwas bedenklichen Abenteuern, deren Held ‚Rudi Steiner‘ war, sein Moralkonto zu belasten. So mancher Heilige hat durch die schmutzigsten Stationen des Erdenwegs hindurchpilgern müssen, ehe er zur Reinheit gelangte.“

John Schikowski[45]

Auf die Zeit als Bohemien blickte Steiner selbst nur ungern zurück. 1904 rechtfertigte er sich in einem Brief an seine Frau mit den Worten:

„Ich erkenne über mich keinen Richter, denn ich weiss, was ich tue. Ich habe mich nie für etwas anderes interessiert, als was geistiger Art ist. Und wenn es in der Zeit, da ich zuerst in Berlin war, anders schien, so ist das doch auch ein Irrtum. Ich wollte damals die Literatur der jungen Leute ehrlich kennenlernen. Ich hätte deshalb mich allerdings nicht auf den Dreck dieser jungen Leute einlassen sollen. Aber das war ein ehrlicher Irrtum. Und ich habe es mit recht dreckigem Klatsch büßen müssen.“[46]

In der Theosophischen Gesellschaft[Bearbeiten]

Rudolf Steiner mit Annie Besant, Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft

Als bekannter Nietzsche-Kenner war Steiner nach Nietzsches Tod im Jahre 1900 als Vortragsredner über den radikalen Denker gefragt. Im September 1900 hielt er auch in der Theosophischen Bibliothek des Grafen Cay von Brockdorff in Berlin je einen Vortrag über Nietzsche und über „Goethes geheime Offenbarung“. Diese Vorträge wurden gut aufgenommen, und Steiner konnte gleich anschließend mit einer Vortragsreihe über Die Mystik beginnen (26 Vorträge bis April 1901). Es schlossen sich im nächsten Jahr Vorträge über Das Christentum als mystische Tatsache an, und bald waren die Theosophen, denen Steiner bis dahin ablehnend gegenübergestanden hatte, sein wichtigstes Publikum. Als 1902 eine Deutsche Sektion der Theosophischen Gesellschaft gegründet wurde, konnten sich die deutschen Theosophen nicht auf einen Vorsitzenden einigen. Steiner war der Kompromisskandidat, den man zum Generalsekretär wählte, weil man sich auf kein „älteres Mitglied als Kandidaten für dieses Amt einigen konnte“.[47]

Die Theosophische Gesellschaft (TG) war eine esoterische, teils als obskur geltende Vereinigung, in der sich global Menschen zusammenschlossen, die auf der Suche nach einem neuen spirituellen Weltbild waren. Die Lehren der 1891 verstorbenen Mitbegründerin Helena Petrovna Blavatsky spielten dabei eine tragende Rolle. Die Deutsch-Ukrainerin hatte einen stark durch östliche Philosophien beeinflussten Okkultismus vertreten und gilt heute als die bedeutendste Wegbereiterin der „modernen“ Esoterik gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Schon zu Lebzeiten waren ihr aber auch – vor allem im Zusammenhang mit Briefen fraglicher Herkunft, die von indischen Meistern stammen sollten – betrügerische Machenschaften vorgeworfen worden.[48] Ihre Nachfolgerin in der Leitung der TG, Annie Besant, war vor allem dem Hinduismus zugewandt.

Steiner hatte in seinen Berliner Vorträgen, bevor er auch nur Mitglied der TG geworden war, in zwei Punkten dargelegt, worin er seiner Meinung nach von Blavatskys theosophischer Lehre abwich. Er sprach dem menschlichen „Wesenskern“, dem Ich, eine zentrale Bedeutung auf dem spirituellen Entwicklungsweg zu. Zum andern betonte Steiner die Einmaligkeit und Einzigartigkeit der Person Jesu Christi, der von den älteren Theosophen nur als ein hochentwickelter Mensch (ein sogenannter „Meister“) neben anderen angesehen wurde. Diese Ansichten publizierte Steiner – als schriftliche Fassungen seiner Vorträge in der Theosophischen Bibliothek – in den Büchern Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens (1901) und Das Christentum als mystische Tatsache (1902). Diese Eigenständigkeit stand im Einklang mit dem ursprünglichen Grundprinzip der 1875 gegründeten Gesellschaft: „Keine Religion höher als die Wahrheit!“

Steiner erhob gegenüber dem in der TG tonangebenden Orientalismus den Anspruch, „Theosophie“ eigenständig aus dem abendländischen Geistesleben heraus zu entwickeln. Schon 1903 bekannte er sich aber auch zur Lehre von Reinkarnation und Karma, die er seinerseits als „vom Standpunkte der modernen Naturwissenschaft notwendige Vorstellungen“ bezeichnete und entsprechend abzuleiten suchte.[49] Das brachte ihm schon früh den Vorwurf ein, Eklektiker zu sein.[50]

Entsprechend seinem inneren Schritt vom Denk-Erleben zum Geist-Erleben und seiner neuen Zuhörerschaft hatte sich auch Steiners Terminologie gegenüber seinen früheren Schriften stark verändert, etwa wenn er nun von höheren Welten und Mysterien sprach. Das Eintreten für die theosophische Bewegung führte zum Bruch mit zahlreichen früheren Freunden. Bruno Wille etwa warnte Steiner, der Begriff Theosophie sei „arg diskreditiert durch buddhistische Scholastik, occultistischen Aberglauben und spiritistischen Schwindel.“[51]

Innerhalb der Theosophischen (und später der Anthroposophischen) Gesellschaft trat Steiner vor allem als Vortragsredner in Erscheinung. In den gut zwei Jahrzehnten bis zu seinem Tod hielt er rund 6000 Vorträge, hauptsächlich in den immer zahlreicher werdenden Ortsgruppen („Zweigen“) in Deutschland und später auch in anderen europäischen Ländern. Neben diesen nur für Mitglieder zugänglichen Vorträgen wurden regelmäßig auch öffentliche Vorträge organisiert. Eine schriftliche Publikation der Vorträge war ursprünglich nicht vorgesehen; da aber bald unautorisierte Mitschriften kursierten, beauftragte man Stenografen mit der Aufzeichnung der Vorträge. So entstanden etwa 4500 stenografische Mitschriften,[52] die teils schon zu Steiners Lebzeiten, überwiegend aber erst nach seinem Tod in Buchform publiziert wurden und heute auch im Internet frei verfügbar sind. Sie machen den größten Teil von Steiners heute schriftlich vorhandenem Werk aus und sind insofern nicht unproblematisch, als sie – von wenigen Ausnahmen abgesehen – von Steiner selbst nie durchgesehen wurden.

1904 erschien das Buch Theosophie (mit dem Untertitel Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung), in dem er die jetzt von ihm vertretene Lehre erstmals ausführlich darlegte. Anknüpfend an Johann Gottlieb Fichte sprach er darin von einem „geistigen Auge“, das es ermögliche, neben der gewohnten physischen Welt noch eine seelische und eine geistige Welt wahrzunehmen und zu erforschen. Während traditionelle Esoteriker die okkulten Erkenntnisse als über ein Lehrer-Schüler-Verhältnis vermittelte „Einweihung“ ansahen, wollte Steiner zu einer selbstbestimmten Erkenntnisleistung anleiten. Diese Anleitungen vertiefte er in der Aufsatzserie Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (1904/05).

Aus der Akasha-Chronik, erst posthum 1939 in Buchform erschienen

In der parallel begonnenen Aufsatzserie Aus der Akasha-Chronik (1904–1908) griff Steiner nun vermehrt Themen aus der Lehre Blavatskys und anderer ihr nahestehender Okkultisten auf, darunter die Lehre von den „Wurzelrassen“. Er beschrieb diese „Akasha-Chronik“ als eine der „geistigen“ Wahrnehmung zugängliche „Schrift“. Trotz einzelner Abweichungen und eigenständigen Schwerpunktsetzungen hatte sich Steiner aber anscheinend den Grundrahmen der theosophischen Weltsicht zu eigen gemacht.[53]

Eine ausführliche Zusammenfassung seiner esoterischen Lehre gab er 1910 unter dem Titel Die Geheimwissenschaft im Umriss heraus – ein Titel, der sich an Blavatskys Hauptwerk Die Geheimlehre (The Secret Doctrine, 1888) anlehnt. In dieser Publikation tritt (wie schon in Theosophie) die von Blavatsky entlehnte Terminologie wieder weitgehend zurück und stattdessen werden abendländische Themen wie die christliche Hierarchienlehre aufgegriffen. Dieses Buch wurde noch zu Lebzeiten Steiners vierzehn mal neu aufgelegt; wenige Wochen vor seinem Tod (1925) schrieb er noch das Vorwort zur 16. Auflage.[54] Auch von der Theosophie gab es in dieser Zeit neun Neuauflagen, während die Aufsätze Aus der Akasha-Chronik erst postum 1939 erstmals als Buch nachgedruckt wurden.

Als Grundlage seiner „geisteswissenschaftlichen“ Darstellungen unterschied Steiner mehrere Erkenntnisstufen. Neben der gewöhnlichen Erkenntnis gebe es demnach die „imaginative“, die „inspirative“ und die „intuitive“ Erkenntnis. Durch strenge Schulung lassen sich dieser Lehre zufolge immer höhere Erkenntnisstufen erreichen, die einen erkenntnismäßigen Zugang zur übersinnlichen Welt ermöglichen. Diese „Geisteswissenschaft“ soll laut Steiner Menschen dazu befähigen, die physische Welt in ihrem Zusammenhang mit der „geistigen“ Welt zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus die Welt zu gestalten. Von diesem Standpunkt aus verknüpfte Steiner seine frühen Ansätze zu einer „Philosophie der Denk-Erfahrung“ mit so unterschiedlichen religiösen Vorstellungen und Traditionen wie Karma, Reinkarnation, Okkultismus und Rosenkreuzertum.

Über die Jahre kam es zu einer zunehmenden Entfremdung zwischen der Weltorganisation der TG und den deutschen Sektionen und Logen. Steiner war ein wesentlicher Protagonist in dieser Auseinandersetzung. Eine ernste Krise entstand, als einige Vertreter der TG – allen voran Charles Webster Leadbeater – den sechzehnjährigen Jiddu Krishnamurti im Jahre 1911 als kommenden Weltlehrer, Maitreya, propagierten und das in manchen Kreisen als eine „Reinkarnation Christi“ aufgefasst wurde. Steiner lehnte den zunehmenden Kult um Krishnamurti und den in diesem Zusammenhang gegründeten Order of the Star in the East ab. Der Vorstand der deutschen Sektion bat die Mitglieder des „Ordens“, entweder aus dem Orden oder aus der deutschen Sektion auszutreten und forderte in einem Telegramm den Rücktritt Annie Besants als internationale Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft Adyar. Diese löste am 7. März 1913 die von Steiner geleitete deutsche Sektion formell auf. An ihre Stelle trat eine erneuerte deutsche Sektion unter Leitung von Wilhelm Hübbe-Schleiden.[55] Der bereits am 28. Dezember 1912 in Köln gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft traten die meisten der 2500 ehemaligen Mitglieder bei und innerhalb Jahresfrist kamen über 1000 weitere Mitglieder dazu. In der neuen Organisation hatte Steiner nicht mehr selbst die Leitung inne – den Vorstand bildeten Marie von Sivers, Michael Bauer und Carl Unger –, er war aber der wichtigste Vortragsredner und Ehrenpräsident.

Der späte Steiner[Bearbeiten]

Nach dem Bruch mit der Theosophischen Gesellschaft veränderte Steiner auch den terminologischen Rahmen seiner Lehre. Dabei war „Anthroposophie“ jedoch im Wesentlichen nur eine andere Bezeichnung für das, was er bis zum Ausschluss aus der Theosophischen Gesellschaft als „Theosophie“ vertreten hatte. Seine Bücher Theosophie (1904) und Geheimwissenschaft im Umriß (1910) blieben insofern auch die Standardwerke der Anthroposophie. In Neuauflagen von Steiners bisherigen Werken wurde die Bezeichnung „Theosophie“ weitgehend durch „Anthroposophie“ oder „Geisteswissenschaft“ ersetzt. Die Wahl dieser Bezeichnungen erläuterte Steiner folgendermaßen:

„Während nun dasjenige, was der Mensch durch seine Sinne und durch den an die Sinnesbeobachtung sich haltenden Verstand über die Welt wissen kann, ‚Anthropologie‘ genannt werden kann, so soll dasjenige, was der innere Mensch, der Geistesmensch wissen kann, ‚Anthroposophie‘ genannt werden. Anthroposophie ist also Wissen des Geistesmenschen; und es erstreckt sich dieses Wissen nicht bloß über den Menschen, sondern es ist ein Wissen von allem, was in der geistigen Welt der Geistesmensch so wahrnehmen kann, wie der Sinnesmensch in der Welt das Sinnliche wahrnimmt. Weil dieser andere Mensch, dieser innere Mensch, der Geistesmensch ist, so kann man dasjenige, was er als Wissen erlangt, auch ‚Geisteswissenschaft‘ nennen. Und der Name ‚Geisteswissenschaft‘ ist noch weniger neu als der Name Anthroposophie.“[56]

Das erste Goetheanum
Das zweite Goetheanum in Dornach (1928 bis heute)

Der späte Steiner wandte sich verstärkt Kunst und Architektur zu. In den Jahren 1910 bis 1913 wurden in München seine vier „Mysteriendramen“ uraufgeführt. Von 1913 bis 1922 entstand unter seiner künstlerischen Leitung in Dornach bei Basel das Goetheanum als Zentrum der Anthroposophischen Gesellschaft und Sitz der geplanten Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Nachdem der Holzbau in der Silvesternacht 1922/23 abgebrannt war (die zeitgenössische Presse vermutete Brandstiftung seitens militanter Steiner-Gegner), entwarf Steiner ein zweites, größeres Goetheanum aus Beton, das 1928, also erst nach seinem Tod, fertiggestellt wurde. Der expressive Baustil des aus Stahlbeton gefertigten neuen Goetheanums im Gegensatz zu seinem impressionistisch geprägten Vorgänger zeigt, dass Steiners Architekturstil binnen weniger Jahre einen radikalen Wandel erfuhr. Dieser Stil sollte – unter anderem unter dem Stichwort Organische Architektur – eine weit verzweigte Wirkung auf die moderne Architektur entfalten (eine Beschäftigung mit Steiner lässt sich etwa zeigen für Le Corbusier, Henry van de Velde, Frank Lloyd Wright, Erich Mendelsohn, Hans Scharoun, Frank O. Gehry sowie Hinrich Baller).[57]

Steiner, der bereits vor und während des Ersten Weltkriegs gelegentlich im Austausch mit führenden Politikern gestanden hatte, wirkte besonders nach Kriegsende auch auf politischer Ebene. So publizierte er 1919 einen „Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt“, den auch Hermann Bahr, Hermann Hesse und Bruno Walter unterzeichnet hatten. In dieser Zeit trat er für klassische Anliegen eher konservativer und nationaler Kreise ein. Vor allem die Kriegsschuldfrage war ihm ein politisches Anliegen. So wirkte er 1919 an der Herausgabe einer politischen Broschüre unter dem Titel Die ‚Schuld‘ am Kriege mit, um die öffentliche Meinung im Vorfeld der Friedensverhandlungen in Versailles zu beeinflussen. Bei dem Dokument handelte es sich um die bereits 1914 niedergelegten Erinnerungen von Generalstabschef Helmuth von Moltke, in denen dieser das Versagen des Kaisers vor Kriegsausbruch beschrieben hatte.[58] In seinem Einleitungstext sprach Steiner das Problem an, dass bei Kriegsausbruch in Deutschland allein militärische Erwägungen eine Rolle spielten und von daher der Erste Weltkrieg als „Notwendigkeit“ erschien.[59] Im Kampf gegen den Kriegsschuldvorwurf an Deutschland finanzierte Steiner eine verschwörungstheoretische Schrift, in der Freimaurern, Juden und Theosophen die Schuld am Ersten Weltkrieg angelastet wurde. Diese Schrift des Okkultisten Karl Heise, die mit einer Einleitung Steiners versehen war, wurde später von den Nationalsozialisten rezipiert.[60]

Die Zeit in der Anthroposophischen Gesellschaft erwies sich für Steiner als ausgesprochen produktiv. Er trat in den unterschiedlichsten Lebensbereichen mit eigenen Ideen hervor und wirkte in einer enormen thematischen Breite als Impulsgeber und Erneuerer. So betätigte er sich unter anderem als Reformpädagoge (Waldorfpädagogik), Sozialreformer (Soziale Dreigliederung) und auf dem Gebiet der Kunst (Architektur, Bewegungskunst, Sprachgestaltung). Er begründete mit der Ärztin Ita Wegman die anthroposophische Medizin und lieferte die weltanschauliche Grundlage für eine Religionsgemeinschaft (Die Christengemeinschaft). In seinem letzten Lebensjahr gab er noch die Anregung zur Begründung der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Viele von Steiners Ideen sind bis heute wirkungsmächtig. So erleben etwa Waldorfschulen und -kindergärten, biologisch-dynamischer Landbau (Demeter) und anthroposophische Medizin stetig wachsenden Zuspruch.

Steiners Grabmal im Park des Goetheanums in Dornach

Rudolf Steiner und seine zweite Frau Marie von Sivers (Heirat 1914, dann Marie Steiner-von Sivers, keine Kinder) wohnten von 1903 bis 1923 in Berlin-Schöneberg, Motzstraße 30, wo eine Gedenktafel an sie erinnert. Allerdings war Steiner als Vortragsredner und als Vorsitzender der Theosophischen bzw. Anthroposophischen Gesellschaft viel auf Reisen. Nach dem Ende des Krieges 1918 hielt er sich nur noch selten in Berlin auf.

Am 30. März 1925 starb Steiner nach mehrmonatiger schwerer Krankheit in Dornach. Über die Todesursache und über die Art der vorangegangenen Erkrankung gibt es keine gesicherten Erkenntnisse. Einige Anthroposophen behaupteten einen Vergiftungsanschlag.[61] Steiners Grab befindet sich im Gedenkhain des Goetheanums, wo neben seiner Urne und einem Gedenkstein für ihn auch die Urne des Dichters und Schriftstellers Christian Morgenstern beigesetzt ist, der eine besondere geistige Zusammengehörigkeit zu Steiner empfand.

Das Problem der Zäsur in Steiners Werk[Bearbeiten]

Steiner selbst wollte das theosophisch und anthroposophisch geprägte Spätwerk als konsequente Weiterentwicklung seiner frühen philosophischen Ansätze verstanden wissen.[62] Alle Widersprüche bezeichnete er an verschiedenen Stellen als „scheinbar“ oder „vordergründig“. In seinen unter dem Titel Mein Lebensgang veröffentlichten autobiographischen Notizen, die allerdings nicht immer zuverlässig sind,[63] zeichnete Steiner das Bild einer folgerichtigen geistigen Entwicklung. Demgegenüber sehen viele Beobachter bei ihm um 1900 eine tiefe geistige Zäsur, die sich unter anderem an seiner veränderten Haltung gegenüber dem Christentum zeigen lässt. Ein Zeitgenosse sprach rückblickend von einer „halsbrecherischen Kurve seines Geisteslebens“.[64] Der Biograph Gerhard Wehr spricht von „Krise und Wandlung“ im Leben Steiners.[65] Steiner habe um die Jahrhundertwende eine „innere Wendung [vollzogen,] deren Interpretation dem Biographen manche Schwierigkeiten bereitet“.[66] Ein weiteres Beispiel für von Steiner im Nachhinein übertünchten Disparitäten sind Schilderungen Steiners zu seinem Verhältnis zu Nietzsche, die David Marc Hoffmann in Zur Geschichte des Nietzsche-Archivs, 1991 und Rudolf Steiner und das Nietzsche-Archiv, 1993 als falsch nachgewiesen hat.[67][68]

Ankündigung von vier Vorträgen über Anthroposophie, Zürich 1917

Der frühe Steiner war als Individualist, Positivist und Freidenker hervorgetreten, der sich nicht scheute, sich auch auf skandalumwobene Philosophen wie Stirner, Nietzsche und Haeckel zu berufen. Sein Freidenkertum[69] gipfelte in einer Verächtlichmachung von Religion und Glauben. Dem Christentum maß er geradezu pathologische Züge bei.[70] Der Glaube an Gott und Christus erschien Steiner als Zeichen krankhafter Schwäche, der er ein „gesundes menschliches Denken“ gegenüberstellte: „Krank ist an der Scholastik die Vermischung dieser Empfindung mit den Vorstellungen, die in die mittelalterliche Entwicklung des Christentums eingezogen sind. Diese Entwicklung findet den Quell alles Geistigen, also auch der Begriffe und Ideen in dem unerkennbaren, weil außerweltlichen Gott. Es hat den Glauben an etwas nötig, das nicht von dieser Welt ist. Ein gesundes menschliches Denken hält sich aber an diese Welt. Es kümmert sich um keine andere.“[71] An anderer Stelle hatte er geschrieben, der Mensch der Zukunft werde „nicht mehr glauben, daß Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat, ihn von sündiger Schmach zu befreien, er wird aber einsehen, daß unzählige Himmel da sind, um ihn zuletzt hervorzubringen und sein Dasein genießen zu lassen“.[72] Solche Sätze erscheinen wie ein Nachhall von Nietzsches Kritik am christlichen Glauben, wie dieser sie unter anderem in Der Antichrist – Fluch auf das Christenthum niedergeschrieben hatte. Dort hieß es etwa: „Das Christentum war bisher das größte Unglück der Menschheit“ oder: „Das Christentum hat die Partei alles Schwachen, Niedrigen, Mißratenen genommen, es hat ein Ideal aus dem Widerspruch gegen die Erhaltungs-Instinkte des starken Lebens gemacht.“ Dieser Angriff Nietzsches auf das Fundament christlicher Glaubensinhalte hatte den jungen Steiner tief beeindruckt. Einer Briefpartnerin schrieb er: „Ist Ihnen Nietzsches Antichrist vor Augen gekommen? Eines der bedeutsamsten Bücher, die seit Jahrhunderten geschrieben worden sind? Ich habe meine eigenen Empfindungen in jedem Satze wiedergefunden. Ich kann vorläufig kein Wort für den Grad der Befriedigung finden, die dieses Werk in mir hervorgerufen hat […]“.[73] Im Magazin für Litteratur veröffentlichte Steiner noch 1898 den bekenntnishaften Satz: „Wir wollen Kämpfer sein für unser Evangelium, auf daß im kommenden Jahrhundert ein neues Geschlecht entstehe, das zu leben weiß, befriedigt, heiter und stolz, ohne Christentum, ohne Ausblick auf das Jenseits.“[74] Nur zwei Jahre später trat ein gewandelter Steiner vor Theosophen auf und sprach über die „mystische Tatsache des Christentums“.

Die tiefe geistige Zäsur in seinem Leben, die um die Jahrhundertwende stattgefunden hatte, brachte Steiner rückblickend besonders mit Stirner und Mackay in Verbindung: „Das Schicksal hatte nun mein Erlebnis mit J. H. Mackay und mit Stirner so gewendet, daß ich auch da untertauchen mußte in eine Gedankenwelt, die mir zur geistigen Prüfung wurde. Mein ethischer Individualismus war als reines Innen-Erlebnis des Menschen empfunden. Mir lag ganz fern, als ich ihn ausbildete, ihn zur Grundlage einer politischen Anschauung zu machen. Damals nun, um 1898 herum, sollte meine Seele mit dem rein ethischen Individualismus in eine Art Abgrund gerissen werden.“[75]

Steiners geistige Wende war radikal. Hatte er Stirner anfangs als „den freiesten Denker“ bezeichnet, „den die neuzeitliche Menschheit hervorgebracht hat“, wurde er für ihn zu einem „furchtbar deutlich sprechenden Symbolum der untergehenden [bürgerlichen] Weltanschauung“.[76] Auch Nietzsches Antichrist wurde nun als Inbegriff des Satanischen betrachtet. Seine Kapitel hätten einen „oftmals so teuflischen Inhalt“, meinte Steiner und schrieb sie Ahriman zu,[77] dem bösen Gott des Parsismus, der in seiner Interpretation der Menschenseele den Zugang zur seelisch-geistigen Welt versperren möchte, um ihr Bewusstsein mit materialistischen Versuchungen an die physische Leiblichkeit zu ketten.

Rudolf Steiner um 1900

Der Biograph Gerhard Wehr kommentiert: „Es gibt mancherlei Hinweise auf ein Wandlungsgeschehen, das Steiner in den ersten Berliner Jahren zu bestehen hatte. Er selbst hat diesen als eine ‚intensivste geistige Prüfung‘ empfundenen Lebensabschnitt mit einer ‚Höllenfahrt‘ verglichen, der er nicht ausweichen durfte. Und so sehr Steiner großen Wert auf die Feststellung einer inneren Kontinuität legte, diese tiefgreifende Wandlung hat er nie geleugnet.“[78] In dieser Zeit hatte Steiner, der frühere Kritiker von Offenbarungsreligionen, nach eigenen Angaben eine Art christliches Erweckungserlebnis, das er mit dem „geistigen Gestanden-Haben vor dem Mysterium von Golgatha in innerster, ernstester Erkenntnis-Feier“ umschrieb.[79] In seinen Erinnerungen schrieb Steiner: „Ich fand das Christentum, das ich suchen musste, nirgends in den Bekenntnissen vorhanden. Ich musste mich, nachdem die Prüfungszeit mich harten Seelenkämpfen ausgesetzt hatte, selber in das Christentum versenken, und zwar in der Welt, in der das Geistige darüber spricht.“[80] Wehr urteilt, an diese Aussage anknüpfend:

„So untraditionell, um nicht zu sagen, individualistisch diese Kennzeichnung des Steinerschen Wegs zu Christus auf den ersten Blick erscheinen mag, das Motiv als solches ist im Grunde doch urchristlicher Herkunft. Es verweist auf den Apostel Paulus, der eigenem Zeugnis zufolge sein Christsein nicht der apostolischen Überlieferung verdankt, sondern einer unmittelbaren Christus-Offenbarung. Und nimmt man andere Zeugnisse Steiners hinzu, zum Beispiel auch seine Deutung eigener philosophischer Arbeiten, dann liegt es nahe, bei ihm von einem neuzeitlichen Damaskus-Erlebnis zu sprechen.“

Gerhard Wehr[81][82]

Von Zeitgenossen wurde die Wandlung, auf Steiners persönliche Lebensumstände anspielend, vielfach unter Verweis auf rein weltliche Motive gedeutet. Das zeigt eine ganze Serie von Nachrufen, in denen – in ähnlichem Tenor – auf die materielle Verbesserung von Steiners Lage nach seiner Hinwendung zur Theosophie Bezug genommen wurde. So schrieb John Schikowski in seinem Nachruf im Vorwärts: „Steiners Wandlung erfolgte um die Wende des Jahrhunderts. Mit dem Studium des Paracelsus und der Schriften der ‚Christlichen Wissenschaft‘ begann sie. Der frühere Haeckelianer wurde eine Art Gesundbeter und als solcher fand der Anarchist Eingang in höchste und allerhöchste Kreise.“[83] Auch andere Kommentatoren verwiesen auf Steiners Aufstieg in eine neue Geltung, mit der die Hinwendung zur Theosophie einhergegangen war. Der Musik-Kritiker Richard Specht, in dessen Elternhaus Steiner als Hauslehrer gewirkt hatte, schrieb im Neuen Wiener Journal:

„Eine Zeit der Not begann: Das ‚Magazin für Litteratur‘, das er – nicht lange – mit Otto Erich Hartleben herausgab, konnte nicht einträglich gestaltet werden und er hat allzu lang arg gehungert. Ich bin heute noch davon überzeugt, dass diese Hungerzeit, verbunden mit seiner ohnehin eigenwilligen Art, zu Halluzinationen geführt hat, die ihm als ‚geistige Erfahrungen‘ galten und die ihn zur Theosophie gebracht haben. […] Als Steiner wieder nach Wien kam, waren wir freudig erstaunt: er fuhr im Auto in kostbarem Pelz vor […] und war sorgenlos: die theosophische, später die anthroposophische Gesellschaft hatte ihn zu gewinnen gewusst und hatten wohl daran getan – in kürzester Zeit war er der Meister und Kopf der Bewegung geworden und seine Anhänger zählten und zählen in die Hunderttausende.“

Richard Specht[84]

Der Schriftsteller Max Osborn schrieb in seinem Nachruf in der Vossischen Zeitung:

„Der Anthroposophenmeister, der uns soeben verlassen hat, war nicht immer ein schwärmerischer Mystiker, der mit Behagen die Verehrung einer gläubigen Gemeinde entgegennahm. Als ich ihn in den neunziger Jahren in Weimar kennen lernte […], war er uns Jüngeren besonders teuer durch die schöne Respektlosigkeit, mit der er sich über alles äußerte, was an der Ilm heilig war […]. Als ich ihm nach längerer Zeit wieder auf der Straße begegnete, in schwarzem Paletot, mit schwarzem Schlapphut, in schwarzem Anzug, mit schwarzen Handschuhen […] sah er aus wie ein verzückter Dorfschullehrer. Ich wunderte mich nicht, als ich hörte, dass er adligen Damen in Vortragskursen von übersinnlichen Dingen erzähle. Das war der Beginn seines Aufstiegs in die neue Geltung.“

Max Osborn[85]

Eine mehrheitlich akzeptierte Deutung für die „Zäsur“ in Steiners Werk gibt es in der Literatur nicht. Anthroposophen nehmen, in Anlehnung an Steiners retrospektive Selbstauslegung, eine innere Kohärenz der persönlichen Entwicklung an.

Steiner im Urteil seiner Zeitgenossen[Bearbeiten]

Aus den frühen 1890er Jahren in Weimar liegen einige Erinnerungen der bald darauf sehr erfolgreichen emanzipatorischen Schriftstellerin Gabriele Reuter vor, zu deren Freundeskreis Steiner gehörte. Sie schrieb:

„Individualisten von reinstem Wasser waren wir sämtlich. […] Friedrich Nietzsche [war] unser Gott geworden. […] Jeder von uns war Herr der Welt und der Mittelpunkt ihres Seins, und die Souveränität des Einzigen [im Sinne Stirners] wurde mit den groteskesten Gründen und den gewagtesten Schlussfolgerungen bestätigt. Vorzüglich Rudolf Steiner […] war groß darin, barocke, unerhörte Prämissen aufzustellen und sie dann mit einem erstaunlichen Aufwand von Logik, Wissen, kühnen Einfällen und Paradoxen zu verteidigen. Was konnte er amüsant sein, wenn er so in Eifer geriet, der damalige Freidenker mit dem geistdurchgrabenen, schmalen Mönchskopf, der hohen, strahlenden Stirn […]. [Unter vier Augen dagegen] wurde er ernsthaft, und ich verdanke diesem hervorragenden Geiste und seinem unglaublich ausgebreiteten Wissen eine Fülle von Gedanken und Anregungen auf philosophischem Gebiet. Besonders lehrte er mich Goethe in einer ganz neuen Weise kennen. Von dem naturwissenschaftlichen Propheten im Dichter hatte ich bisher noch nichts gewusst. Ein Gedanke Steiners ist mir viel nachgegangen: die Forderung von moralischer und religiöser Phantasie […].“

Gabriele Reuter[86]

Der Schriftsteller Stefan Zweig lernte den 40-jährigen Steiner kurz vor dessen Hinwendung zur Theosophie in dem Berliner Literatenkreis Die Kommenden kennen und berichtete später darüber:

„Hier, in Rudolf Steiner, […] begegnete ich nach Theodor Herzl zum ersten mal wieder einem Mann, dem vom Schicksal die Mission zugeteilt werden sollte, Millionen Menschen Wegweiser zu werden. Persönlich wirkte er nicht so führerhaft wie Herzl, aber mehr verführerisch. In seinen dunklen Augen wohnte eine hypnotische Kraft, und ich hörte ihm besser und kritischer zu, wenn ich nicht auf ihn blickte, denn sein asketisch-hageres, von geistiger Leidenschaft gezeichnetes Antlitz war wohl angetan, nicht nur auf Frauen überzeugend zu wirken. Rudolf Steiner war in jener Zeit noch nicht seiner eigenen Lehre nahegekommen, sondern selber noch ein Suchender und Lernender; gelegentlich trug er uns Kommentare zur Farbenlehre Goethes vor, dessen Bild in seiner Darstellung faustischer, paracelsischer wurde. Es war aufregend ihm zuzuhören, denn seine Bildung war stupend und vor allem gegenüber der unseren, die sich allein auf Literatur beschränkte, großartig vielseitig; von seinen Vorträgen und manchem guten privaten Gespräch kehrte ich immer zugleich begeistert und etwas niedergedrückt nach Hause zurück. […] einem Mann solcher magnetischer Kraft gerade auf jener frühen Stufe zu begegnen, wo er noch freundschaftlich undogmatisch sich Jüngeren mitteilte, war für mich ein unschätzbarer Gewinn.“

Stefan Zweig[87]

Nach seiner Hinwendung zur Theosophie wuchs Steiners Bekanntheit kontinuierlich. Bei seinen Vorträgen füllte er zuletzt ganze Konzertsäle. Seine Vortragsreisen wurden zum Teil von einer Berliner Konzertagentur organisiert (z. B. die sogenannten „Wolf-Sachs“-Tourneen in den Jahren 1921 und 1922, auf dem Höhepunkt seiner Popularität).[88] Die Besucherströme zu den Vortragssälen mussten teils polizeilich geregelt werden. Die Neue Freie Presse berichtete von „minutenlangen Beifallsklatschen und Trampeln“ in restlos ausverkauften Sälen. Es sei dies Ausdruck einer Massensuggestion, die Steiner ausgeübt habe.[89] Der Vortragsredner Steiner traf auf vorbehaltlose Begeisterung und entschiedene, teilweise sogar militante Ablehnung. Die Journalisten traten Steiner überwiegend reserviert, meist distanziert, ironisch bis spöttisch oder gar hämisch gegenüber. Besonders seit 1919 erschien Steiner in zeitgenössischen Zeitungsberichten oft als eine Art Scharlatan oder Blender.

Aufruf zur Volksversammlung mit Vortrag von Rudolf Steiner aus dem Jahre 1919

Einen besonders hämischen Kommentar zu einem Vortrag Steiners schrieb kein Geringerer als Kurt Tucholsky in der legendären linksbürgerlichen Wochenschrift Weltbühne:

„Rudolf Steiner, der Jesus Christus des kleinen Mannes, ist in Paris gewesen und hat einen Vortrag gehalten. […] Ich habe so etwas von einem unüberzeugten Menschen überhaupt noch nicht gesehen. Die ganze Dauer des Vortrages hindurch ging mir das nicht aus dem Kopf: Aber der glaubt sich ja kein Wort von dem, was er da spricht! (Und da tut er auch recht daran.) […] Wenns mulmig wurde, rettete sich Steiner in diese unendlichen Kopula, über die schon Schopenhauer so wettern konnte: das Fühlen, das Denken, das Wollen – das ‚Seelisch-Geistige‘, das Sein. Je größer der Begriff, desto kleiner bekanntlich sein Inhalt – und er hantierte mit Riesenbegriffen. Man sagt, Herr Steiner sei Autodidakt. Als man dem sehr witzigen Professor Bonhoeffer in Berlin das einmal von einem Kollegen berichtete, sagte er: ‚Dann hat er einen sehr schlechten Lehrer gehabt -!‘ Und der Dreigegliederte redete und redete. Und [der bekannte Journalist Jules] Sauerwein übersetzte und übersetzte. Aber es half ihnen nichts. Dieses wolkige Zeug ist nun gar nichts für die raisonablen Franzosen. […] Die Zuhörer schliefen reihenweise ein; dass sie nicht an Langeweile zugrunde gingen, lag wohl an den wohltätigen Folgen weißer Magie. Immer wenn übersetzt wurde, dachte ich über diesen Menschen nach. Was für eine Zeit -! Ein Kerl etwa wie ein armer Schauspieler […], Alles aus zweiter Hand, ärmlich, schlecht stilisiert … Und das hat Anhänger -! […] Der Redner eilte zum Schluss und schwoll mächtig an. Wenns auf der Operettenbühne laut wird, weiß man: Das Finale naht. Auch hier nahte es mit gar mächtigem Getön und einer falsch psalmodierenden Predigerstimme, die keinen Komödianten lehren konnte. Man war versucht zu rufen: Danke – ich kaufe nichts.“

Kurt Tucholsky[90]

Viele Kommentatoren erklärten sich Steiners Wirkung auf sein Publikum mit dessen rhetorischem Talent, das ihm kaum ein Zuhörer absprach. Der norwegische Sozialökonom und Historiker Wilhelm Keilhau urteilte:

„Ich denke, wer sich eine unmittelbare Meinung über die Ursachen des Einflusses bilden will, den Rudolf Steiner ausübte, muss mit ihm in persönlichem Kontakt gewesen sein. Er wirkte nämlich am stärksten in seinen Vorträgen und Gesprächen, und sowohl am Rednerpult als auch im rein persönlichen Umgang konnte von ihm eine geistige Energie ausstrahlen, die einen ergriff und fesselte. Doch dies war nicht immer der Fall. Wenn er indisponiert und müde war, machte er keinen besonderen Eindruck. Er verfiel dann in Binsenweisheiten und Wiederholungen. Er verstand es auch nicht immer, seine Zuhörer einzuschätzen. Wenn er fühlte, dass er sie nicht sogleich in den Griff bekam, wurde er in seiner Ausdrucksform offenkundig nervös und gezwungen. Ich habe Vorträge von ihm gehört, die ihr Ziel gänzlich verfehlten, weil er keinen Zugang fand zu der Stimmung und Denkweise der Zuhörer und selber darunter litt. Anders, wenn er in Hochform war. Da war er ein großer Redner. Ich bezweifle, dass es in diesem Jahrhundert einen größeren gibt. Ich kenne keinen Redner, der es in Atemtechnik und Stimmführung mit ihm aufnehmen könnte.“

Wilhelm Keilhau[91]

Zwar fiel das zeitgenössische Urteil vielfach negativ und hämisch aus, wer sich aber für das zeitgenössische Kulturleben interessierte, kam an Steiner nicht vorbei. Das zeigen zahlreiche Urteile bedeutender Zeitgenossen, die Steiner zwar als rätselhaft oder halbseiden apostrophierten, aber auch seine Wirkung zur Kenntnis nahmen. Selbst von Albert Einstein wird berichtet, dass er Vorträge Steiners besuchte, deren Inhalte er jedoch rundheraus ablehnte: „Der Mann [=Steiner] hat offenbar keine Ahnung von der Existenz einer nichteuklidischen Geometrie“ soll Einstein gesagt haben sowie: „Bedenken Sie doch diesen Unsinn: Übersinnliche Erfahrung. Wenn schon nicht Augen und Ohren, aber irgendeinen Sinn muss ich doch gebrauchen, um irgend etwas zu erfahren“.[92]

Auch Franz Kafka bemühte sich darum, das Phänomen Steiner zu verstehen, konnte sich aber kein abschließendes Urteil über ihn bilden.[93] Kafka suchte Steiner sogar einmal persönlich auf, um ihn um Lebenshilfe zu bitten, doch erfüllte das Gespräch seine Erwartungen nicht.[94]

Einladung zu einem Sondervortrag Rudolf Steiners aufgrund der großen Nachfrage, Stuttgart 1919

Einige Schriftsteller und Dichter bemühten sich um einen Zugang zu oder jedenfalls um eine Einschätzung von Steiner. So besuchte etwa Hugo Ball einen Vortrag Steiners, um seine Wirkung zu ergründen. Er schrieb in einem Brief: „Vorgestern sprach Rudolf Steiner in den ‚Vier Jahreszeiten‘ über das Wesen der Anthroposophie, unter unglaublichem Andrang. Aber es war eine Enttäuschung. Ich glaubte an eine gewisse persönliche Magie und horchte sehr angestrengt seiner Seele nach. Seine sprachliche Energie ist aber gar nicht ‚leibfrei‘ (um seinen eigenen Terminus zu gebrauchen). Es blieb mir rätselhaft, worin seine Erfolge bestehen mögen.“[95] Hermann Hesse fühlte sich bemüßigt, die Verwendung anthroposophischer Quellen für seine Werke zurückzuweisen, da diese verschiedentlich bei ihm vermutet worden waren:

„Anthroposophische, Steinersche Quellen habe ich nie benützt, sie sind für mich ungenießbar, die Welt und Literatur ist reich an echten, sauberen, guten und authentischen Quellen, es bedarf für den, der Mut und Geduld hat, selber zu suchen, der ‚okkulten‘ und dabei meist elend getrübten Quellen nicht. Ich kenne sehr liebe Leute, die Steinerverehrer sind, aber für mich hat dieser krampfhafte Magier und überanstrengte Willensmensch nie einen Moment etwas vom Begnadeten gehabt, im Gegenteil.“[96]

Bei aller Ablehnung, die Steiner erfuhr, hatte er auch unter bedeutenden Zeitgenossen Sympathisanten und Bewunderer. Albert Schweitzer etwa berichtete von einem besonderen Gefühl geistiger Zusammengehörigkeit, das ihn seit einer ersten persönlichen Begegnung mit Steiner verband.[97] Christian Morgenstern wurde ein begeisterter Anhänger Steiners, als er 1909 einige seiner Vorträge hörte.[98] Er widmete ihm seinen letzten, posthum erschienen Gedichtband Wir fanden einen Pfad (1914) und erwog sogar, Steiner für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen.[99] In einem Brief an Friedrich Kayssler schrieb er: „Es gibt in der ganzen heutigen Kulturwelt keinen größeren geistigen Genuss, als diesem Manne zuzuhören, als sich von diesem unvergleichlichen Lehrer Vortrag halten zu lassen“. Selma Lagerlöf urteilte:

„Der Mann ist ein ganz merkwürdiges Phänomen, das man versuchen sollte, ernst zu nehmen. Er verkündigt einige Lehren, an die ich lange geglaubt habe, unter anderem, dass es in unserer Zeit nicht angeht, eine Religion voll unbewiesener Wunder anzubieten: sondern die Religion muss eine Wissenschaft sein, die bewiesen werden kann, es gilt nicht mehr zu glauben, sondern zu wissen. Weiter, dass man sich selber durch ein festes, bewusstes, systematisches Denken Kenntnis von der Geisteswelt erwerben kann. Man soll nicht dasitzen wie ein träumender Mystiker, sondern durch Anstrengungen seines ganzen Denkvermögens dahin gelangen, die Welt, die uns sonst verborgen ist, zu sehen. Das ist wahr und richtig, und dazu ist alles bei ihm vertrauenswürdig und klug ohne Charlatanerie. In einigen Jahren wird seine Lehre von den Kanzeln verkündet werden.“

Selma Lagerlöf[100]

Alles in allem gab es wenig Zeitgenossen, die Steiner indifferent gegenüberstanden. Er hatte eine starke und ungemein polarisierende Wirkung. Seine Zuhörerschaft teilte sich zumeist in Anhänger und Gegner. Die vielfältigen Impulse für verschiedenste Lebensbereiche, die Steiner ausübte, wurden daher in der Regel außerhalb des anthroposophischen Kontextes wenig rezipiert.

Kritik[Bearbeiten]

Das Werk Rudolf Steiners wurde schon zu seinen Lebzeiten sehr kontrovers diskutiert. Streitfragen dabei waren vor allem die proklamierte Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie, die von Vertretern der universitären Wissenschaft nicht akzeptiert wurde, und die gnostischen Ansätze seiner Christologie, die von den Amtskirchen scharf verurteilt wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden auch Äußerungen Steiners zur Rassenfrage und zum Judentum kritisiert.[101]

Der Religionswissenschaftler Hartmut Zinser wirft Steiner vor, Glaubensfragen mit Wissenschaftlichkeit zu verbinden. Um dies zu erreichen, würden die Kriterien dessen, was als wissenschaftlich angesehen wird, eigenmächtig verschoben. Dies zeige sich etwa, wenn von „Geistes- oder Geheimwissenschaft“ und „hellseherischer Forschung“ die Rede sei. Alles, was mit den Erkenntnissen und Methoden der Wissenschaften nicht zu vereinbaren sei, werde deshalb als „höheres Wissen“ ausgegeben. Zinser meint: „Damit werden die von R. Steiner angenommenen ‚überweltlichen Welten‘ zu Glaubensaussagen, wie sie aus manchen (nicht allen) Religionen bekannt sind. Allerdings leugnet er den Glaubenscharakter dieser Aussagen und gibt sie als objektive, dem ‚okkulten Sehvermögen‘, dem ‚hellseherischen Bewusstsein‘, der ‚Geistesschau‘ (Geh S. 25) in ‚Meditation‘ und ‚Kontemplation‘ (Geh S. 18) und durch ‚Imagination, Inspiration und Intuition‘ (Geh S. 24) zugängliche Tatsachen aus.“ Steiner unterliege hier einem der erkenntnistheoretischen Grundfehler des modernen Okkultismus, da nicht zwischen Wahrnehmung und Deutung unterschieden werde.[102]

Die Kulturwissenschaftlerin Jana Husmann-Kastein kritisiert an Steiner die Verwendung von rassen- und geschlechtsspezifischen Stereotypen, wie sie allerdings zu seiner Zeit durchaus üblich waren. Steiner benutze eine Rassensystematik, die sich auf die Hautfarben beziehe und diesen bestimmte Eigenschaften zuschreibe. So werde etwa die „weiße Rasse“ explizit mit dem „Denkleben“, die „schwarze Rasse“ mit dem „Triebleben“ und die „gelbe Rasse“ mit dem „Gefühlsleben“ assoziiert. Weiterhin würden geschlechtsspezifische Muster bedient, etwa wenn Steiner den Außereuropäern eine „weibliche Passivität“ zuschreibt. Sie kommt zu dem Urteil, Steiner entwickele „zwar keine geschlossene Rassentheorie für die gegenwärtige Menschheit, aber mehrere rassentheoretische Modelle. Die Differenzierungssystematiken an sich beinhalten Essentialisierungen und Diskriminierungen und verbinden sich mit einem ‚kosmologischen Determinismus‘. Dabei schreiben sich farb- und geschlechtssymbolische Codierungen des Abendlandes deutlich ein.“[103]

Jan Badewien, Beauftragter der Evangelische Landeskirche in Baden für weltanschauliche Fragen, stellte 2002 die Behauptung auf: „Steiner verwendet antijüdische Stereotype, wie sie aus anderer antijüdischer Polemik bekannt sind, begründet sie aber anthroposophisch. […] Steiners Antijudaismus ist strukturell bedingt – wie auch sein Rassismus. Es geht nicht um physische Vernichtung, aber um Elimination der kulturellen und religiösen Identität. Solche Lehren gab es aus unterschiedlichen Richtungen zu seiner Zeit – sie haben den Antisemitismus in Nazi-Deutschland ideologisch mit vorbereitet.“[104]

Nach einer Untersuchung im Auftrag der Anthroposophischen Gesellschaft finden sich in dem insgesamt 89000 Textseiten umfassenden Schriften Steiners zwölf Textstellen, die nach heutigem Recht etwa in den Niederlanden strafbar wären; 50 weitere Passagen sind demnach aus heutiger Sicht rassistisch interpretierbar. Abschließend stellt die Kommission indes fest, dass das Menschenbild Rudolf Steiners „auf der Grundlage der Gleichwertigkeit aller menschlichen Individualitäten und nicht auf einer vermeintlichen Überlegenheit der einen Rasse gegenüber einer anderen“ stehe. [105]

Wolfgang Benz, (ehemaliger) Leiter des Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung, betont, dass sich Steiner ausdrücklich „vom rassistisch-völkischen Antisemitismus seiner Zeit" distanziert hat und resümiert: Sein "Plädoyer für die Assimilation unterscheidet ihn vom Anhänger des Rasseantisemitismus.“ [106]

Werke[Bearbeiten]

Rudolf Steiners Werk gliedert sich in 42 Bände mit Schriften, über 5000 Vorträge sowie seine architektonischen und künstlerischen Arbeiten. Rund 4500 Vorträge wurden als Stenogramme aufgezeichnet; von den übrigen existieren unterschiedlich gute Mitschriften oder Notizen.[107] Etwa 700 Vorträge sind noch nicht veröffentlicht, wurden aber mitgeschrieben, wenn auch teilweise bruchstückhaft.[108] Steiners Vorträge erschienen zunächst im Privatdruck und in Zeitschriften, ab 1908 im Philosophisch-Anthroposophischen Verlag, Berlin. In diesem erschienen bis 1953 knapp 500 Publikationen, der Großteil von Steiners Werk.[109] 1943 gründete Marie Steiner als Alleinerbin der Autorenrechte den sogenannten Nachlassverein. Dieser hat 1955 im eigenen Rudolf Steiner Verlag mit der Publikation einer auf 350 Bände veranschlagten Gesamtausgabe (GA) begonnen. Seit 1961 werden einzelne Bände auch als Taschenbücher herausgegeben: zuerst im Verlag Freies Geistesleben, ab 1972 im Rudolf Steiner Verlag, mit heute rund 140 Titeln. Seit dem Jahr 2004, acht Jahre nach Ablauf der Urheberrechte,[110] gibt zudem der Archiati Verlag eigene Publikationen aus dem Werk heraus, bis heute rund 100 Hefte (Stand August 2014), Taschenbücher und Bände.

Im Vortragswerk sind verschiedene Sparten zu unterscheiden, die sich an ganz unterschiedliche Hörer wendeten:

  • Die Vorträge für Mitglieder der Theosophischen und Anthroposophischen Gesellschaft (GA 88–346): Sie waren ursprünglich von Steiner nicht zur Veröffentlichung gedacht. Weil dennoch immer mehr teils fragwürdige Mitschriften kursierten, beauftragte er seine Gattin, diese Vorträge professionell stenographieren zu lassen und mit dem Vermerk zu veröffentlichen, dass diese Texte nur verstehen könne, wer mit den Grundlagen der Anthroposophie vertraut sei. Im Jahr 1915 betraute Steiner die Berufsstenografin Helene Finckh mit dem Mitstenografieren und Übertragen seiner Vorträge. So entstanden bis 1924 in enger Zusammenarbeit mit Marie Steiner etwa 2500 Mitschriften.[111][112]
  • Öffentliche Vorträge (GA 51–84): Hier vertrat Steiner seine Anthroposophie voraussetzungslos. Diese Texte demonstrieren, wie er seine Anthroposophie an das „mitteleuropäische“ Geistesleben anknüpfen wollte.
  • Arbeitervorträge“ (GA 347–354): Vorträge vor den Arbeitern am Bau des ersten Goetheanums. Steiner beantwortete zumeist konkrete Fragen der Arbeiter. Insgesamt hielt er auf diese Weise 144 Vorträge, von denen 115 erhalten sind.

Das künstlerische Werk umfasst Bände, Kunstmappen und Einzelblätter mit Reproduktionen seiner zahlreichen Skizzen und Bilder. Insbesondere wurden in neun Bänden seine rund 1500 Skizzen zur Eurythmie (die sogenannten „Eurythmieformen“) und in 30 Bänden seine 1100 „Wandtafelzeichnungen“ dokumentiert.

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften (GA 1), 1883–1897 (Online-Fassung)
  • Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung, mit besonderer Rücksicht auf Schiller (GA 2), 1886 (Online-Fassung)
  • Die Grundfrage der Erkenntnistheorie mit besonderer Rücksicht auf Fichte's Wissenschaftslehre : Prolegomena zur Verständigung des philosophierenden Bewusstseins mit sich selbst, Rostock, Univ., Diss., 1890 (Digitalisat)
  • Wahrheit und Wissenschaft. Vorspiel einer „Philosophie der Freiheit“ (GA 3), 1892 (Online-Fassung)
  • Die Philosophie der Freiheit. Grundzüge einer modernen Weltanschauung – Seelische Beobachtungsresultate nach naturwissenschaftlicher Methode (GA 4), 1894 (Online-Fassung)
  • Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit (GA 5), 1895 (Online-Fassung)
  • Goethes Weltanschauung (GA 6), 1897 (Online-Fassung)
  • Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur modernen Weltanschauung (GA 7), 1901 (Online-Fassung)
  • Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums (GA 8), 1902 (Online-Fassung; sowie die 24 Vorträge, die diesem Werk zugrunde liegen PDF)
  • Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung (GA 9), 1904 (Online-Fassung)
  • Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? (GA 10), 1904 (Online-Fassung)
  • Aus der Akasha-Chronik (GA 11), 1904–1908
  • Die Stufen der höheren Erkenntnis (GA 12), 1905–1908 (Online-Fassung)
  • Die Geheimwissenschaft im Umriss (GA 13), 1909 (Online-Fassung)
  • Vier Mysteriendramen (GA 14), 1910–1913
  • Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit. Geisteswissenschaftliche Ergebnisse über die Menschheits-Entwickelung (GA 15), 1911 (Online-Fassung)
  • Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen. In acht Meditationen (GA 16), 1912 (Online-Fassung)
  • Die Schwelle der geistigen Welt. Aphoristische Ausführungen (GA 17), 1913 (Online-Fassung)
  • Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriss dargestellt (GA 18), 1914 (Online-Fassung)
  • Vom Menschenrätsel. Ausgesprochenes und Unausgesprochenes im Denken, Schauen und Sinnen einer Reihe deutscher und österreichischer Persönlichkeiten (GA 20), 1916 (Online-Fassung)
  • Von Seelenrätseln. Anthropologie und Anthroposophie. Max Dessoir über Anthroposophie. Franz Brentano: Ein Nachruf. Skizzenhafte Erweiterungen (GA 21), 1917 (Online-Fassung)
  • Goethes Geistesart in ihrer Offenbarung durch seinen „Faust“ und durch das Märchen von der Schlange und der Lilie (GA 22), 1918 (Online-Fassung)
  • Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft (GA 23), 1919 (Online-Fassung)
  • Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915–1921 (GA 24), 1961 (in dieser Zusammenstellung)
  • Philosophie, Kosmologie und Religion (GA 25), 1922 (Online-Fassung)
  • Anthroposophische Leitsätze. Der Erkenntnisweg der Anthroposophie – Das Michael-Mysterium (GA 26), 1924/25 (Online-Fassung)
  • Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen (GA 27; mit Ita Wegman), 1925 (Online-Fassung)
  • Mein Lebensgang (GA 28), 1925 (PDF (Version vom 16. Januar 2006 im Internet Archive)) (Online-Fassung)

Kritische Ausgabe[Bearbeiten]

Ab 2013 erscheint im Stuttgarter Wissenschaftsverlag frommann-holzboog eine kritische Ausgabe der Schriften (SKA), herausgegeben von Christian Clement, angelegt auf acht Bände.[113]

Ausstellungen[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

Diese Liste bietet eine knappe Auswahl vorwiegend neuerer Bücher zu Person und Werk. Weitere bibliografische Hinweise sind etwa bei Lindenberg oder Zander zu finden.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Rudolf Steiner – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Rudolf Steiner – Quellen und Volltexte

Essays

  • Felix Hau, Für eine Wiederentdeckung des frühen Rudolf Steiner. Ein Ketzerbrief, Info3, September 1998 (Version vom 6. Januar 2009 im Internet Archive)
  • Hartmut Zinser, Rudolf Steiners „Geheim- und Geisteswissenschaft“ als moderne Esoterik, Vortragsmanuskript. Tagung: Anthroposophie – kritische Reflexionen. Veranstaltet vom Kulturwissenschaftlichen Seminar, in Kooperation mit dem Graduiertenkolleg „Geschlecht als Wissenskategorie“, Humboldt-Universität zu Berlin (PDF; 180 kB), 21. Juli 2006.
  • Jan Badewien, Faszination Akasha-Chronik. Eine kritische Einführung in die Geisteswelt der Anthroposophie, Vortragsmanuskript. Tagung: Anthroposophie – kritische Reflexionen, Humboldt-Universität zu Berlin (PDF; 211 kB), 21. Juli 2006.
  • Ralf Sonnenberg, Judentum, Zionismus und Antisemitismus aus der Sicht Rudolf Steiners, haGalil 7. Juli 2004.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. In den offiziellen Dokumenten wurde wie damals üblich das Taufdatum angegeben, der 27. Februar. In einer handschriftlichen Aufzeichnung Steiners steht: „Meine Geburt fällt auf den 25. Februar 1861. Zwei Tage später wurde ich getauft.“ (erstmals dokumentiert in Beiträge zur Rudolf-Steiner-Gesamtaufgabe, Heft 49/50). Gemäß im Jahr 2009 aufgetauchten neuen Dokumenten ist der 27. Februar der Geburtstag und auch als solcher in den Taufschein eingetragen. Das meint jedenfalls Günter Aschoff (vgl. Rudolf Steiners Geburtstag am 27. Februar 1861 – Neue Dokumente. In: Das Goetheanum. Nr. 9/2009, S. 3 ff. (PDF)). Laut Aschoff sei Steiner zeitweise selbst fälschlicherweise davon ausgegangen, dass er am 25. Februar geboren worden sei. Endgültig geklärt ist die Geburtstagsfrage damit nicht – Aschoff schließt vorsichtig mit der Aussage: „All dies und ebenso das, was Rudolf Steiner in Vorträgen gesagt und selbst veröffentlicht hat, weist auf den 27. Februar 1861 als sein Geburtsdatum hin“.
  2. Kraljevec (ungarisch: Murakirály) zählte damals zum Kaisertum Österreich (Komitat Zala, Königreich Kroatien und Slawonien, Königreich Ungarn)
  3. Der Theologe Richard Geisen spricht als Ergebnis eines detaillierten Vergleichs mit der antiken Gnosis von einem „anthroposophischem Gnostizismus“ bzw. von „Steiners gnostischem Gesamtsystem“. Siehe Richard Geisen: Anthroposophie und Gnostizismus. Darstellung, Vergleich und theologische Kritik. 1992, S. 522. Steiner dagegen hatte sich gegen den Vergleich, der auch schon zu Lebzeiten häufig gezogen wurde, verwahrt: „Anthroposophie will durchaus keine Erneuerung dessen, was man als Gnosis bezeichnet, sein. Die Gnosis ist die letzte Phase der alten atavistischen Wissenschaft, während die Anthroposophie die erste Phase einer vollbewußten Wissenschaft darstellt. Es ist eine Verleumdung, wenn man beide zusammenwirft.“ (GA 342, S. 191)
  4. Gerhard Wehr: Rudolf Steiner, 2005, S. 23.
  5. Uwe Spörl: Gottlose Mystik der deutschen Literatur um die Jahrhundertwende. 1997, S. 116 ff.
  6. Heiner Ullrich: Rudolf Steiner. Leben und Lehre. Beck, München 2010, ISBN 978-3-406-61205-3, Seite 15 und 17
  7. Mehr dazu in der biographischen Skizze von Jutta Hecker mit dem Titel Rudolf Steiner oder der Gang durch die geistige Welt, S. 67–81 in: Jutta Hecker: Wunder des Worts - Leben im Banne Goethes. Berlin 1989, ISBN 3-373-00322-9.
  8. Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Göttingen 2007, S. 454–469
  9. Vgl. hierzu den 1994 erschienenen Sonderband 4a der Gesamtausgabe (Dokumente zur Philosophie der Freiheit), der in einem vollständigen Faksimile die Korrekturen und Zusätze von Steiners Hand zeigt.
  10. Steiner: Philosophie der Freiheit. 3. Kapitel
  11. E. Froböse, W. Teichert (Hrsg.): Briefe II (1881–1891). 1955, S. 127. Zitiert nach Gerhard Wehr: Rudolf Steiner. 1993, S. 112.
  12. Haeckel: Welträtsel. 1899. Zitiert nach Fauth, Bubenheimer: Hochschullehre und Religion. 2000, S. 78, Online-Fassung
  13. Steiner: Autobiographische Skizze, 1907
  14. Rudolf Steiner: Die Geheimwissenschaft im Umriss. Vorwort zur ersten Auflage, 1910. Online-Fassung
  15. Online-Fassung (Version vom 28. September 2007 im Internet Archive)
  16. Wehr: Rudolf Steiner, 1993, S. 120
  17. Steiner hatte allerdings bei Erscheinen der Erstauflage, am 5. Dezember 1893, an Mackay geschrieben, dass er bei einer Neuauflage „die Übereinstimmung meiner Ansichten mit den Stirnerschen ausführlich zeigen“ wollte. GA 39, S. 139. Dies war aber bei Veröffentlichung einer überarbeiteten Fassung im Jahre 1918 nicht der Fall.
  18. Steiner: Friedrich Nietzsche S. 96–100. Online-Fassung
  19. Steiners Frage, warum Nietzsche sich Schopenhauer statt Stirner zum „Erzieher“ wählte, thematisiert Bernd A. Laska: Nietzsches initiale Krise. In: Germanic Notes and Reviews, Bd. 33, Nr. 2, fall/Herbst 2002, S. 109–133 (Online-Fassung). Zu Steiners Nietzsche-Interpretationen siehe das gleichnamige Kapitel in David Marc Hoffmann, Zur Geschichte des Nietzsche-Archivs, 1991, S. 424–523.
  20. a b Friedrich Nietzsche, S. 3. Online-Fassung
  21. Rudolf Steiner: Friedrich Nietzsche. S. 99. (Online-Fassung)
  22. Rudolf Steiner: Der Individualismus in der Philosophie. 1988, S. 99 ff. Online-Fassung. Siehe auch David Marc Hoffmann: Rudolf Steiner und das Nietzsche-Archiv. 1993, S. 25 f. Er bezeichnet dieses Zitat als den Höhepunkt von Steiners Würdigungen Nietzsches.
  23. Rudolf Steiner: Keine Kälte, sondern Seligkeit der Befreiung: In: Magazin für Litteratur. Jahrgang 6, Nr. 27, 9. Juli 1898; heute in GA 32, S. 219–223, 2/1971. Online-Fassung
  24. Rudolf Steiner: Friedrich Nietzsche. 1895, S. 28. Online-Fassung (PDF; 729 kB)
  25. Felix Hau: Für eine Wiederentdeckung des frühen Rudolf Steiner. info3, September 1998. Online-Fassung (Version vom 28. Juni 2009 im Internet Archive)
  26. Sylvain Coiplet: Anarchismus und soziale Dreigliederung – Ein Vergleich, Institut für Soziale Dreigliederung 4/2000. Online-Fassung
  27. Rudolf Steiner: Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, Band VI: Goethes Erkenntnis-Art, S. 124. (Online-Fassung)
  28. Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. Reclam, Stuttgart 1972, S. 170. Dazu auch Deutschlandradio Kultur: Zeitreisen – Mir geht nichts über mich oder: Wie viel Moral ist verzichtbar?, 25. Oktober 2006
  29. Steiner bezeichnete diese in den 1890er Jahren, in Anlehnung an seinen Freund John Henry Mackay, als Individual-Anarchismus, 1925, in seiner Autobiographie Mein Lebensgang als ethischen Individualismus. Andere Autoren haben Stirner als Egoisten, Nihilisten, Existenzialisten oder Solipsisten bezeichnet
  30. Steiner, Philosophie der Freiheit, S. 178 (GAA10)
  31. In einem Kommentar zu Steiners 'Philosophie der Freiheit' hatte Hartmann geschrieben: „In diesem Buche ist weder Humes in sich absoluter Phänomenalismus mit dem auf Gott gestützten Phänomenalismus Berkeleys versöhnt, noch überhaupt dieser immanente oder subjektive Phänomenalismus mit dem transzendenten Panlogismus Hegels, noch auch der Hegelsche Panlogismus mit dem Goetheschen Individualismus. Zwischen je zweien dieser Bestandteile gähnt eine unüberbrückte Kluft. Vor allem aber ist übersehen, daß der Phänomenalismus mit unausweichlicher Konsequenz zum Solipsismus, absoluten Illusionismus und Agnostizismus führt, und nichts getan, um diesem Rutsch in den Abgrund der Unphilosophie vorzubeugen, weil die Gefahr gar nicht erkannt ist.“ Zitiert nach Karen Swassjan, Das Welterkennen als Selbsterkennen eines Menschen – Zum Weltbild des jungen Rudolf Steiner, 1994, S. 24. PDF
  32. Abgedruckt in: Rudolf Steiner: Dokumente zur „Philosophie der Freiheit“, GA 4a, S. 421–500. Auch die Vorkämpferin für die Befreiung der Frau Rosa Mayreder schrieb ihm anerkennend: „Es scheint mir, dass Sie dasjenige, was der Geist des Menschen jahrtausendelang in geheimnisvollen, phantastischen, abstrusen Bildern und Zeremonien auszudrücken strebte, zum ersten mal in das Gebiet der Vernunft erhoben und ihm klare begriffliche Formulierungen gegeben haben.“ Zitiert nach Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner. 1992, S. 152.
  33. Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. 2007, S. 504.
  34. Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner – eine Biographie. 1997, S. 238.
  35. Die Art und Bedeutung der Mitarbeit Steiners konnte nicht vollständig geklärt werden. Steiner selbst betonte später, er habe nie in einem offiziellen Verhältnis zum Archiv gestanden. Adalbert Oehler, ein Vetter Förster-Nietzsches, schrieb dagegen in seinen Erinnerungen: „Am 20. April 1895 trat Dr. Rudolph Steiner – später als Führer der Anthroposophen berühmt geworden, damals im Goethe-Archiv zu Weimar beschäftigt und als außerordentlicher Nietzsche-Kenner bekannt – auf kurze Zeit in das Archiv ein. Er sollte, damit [der Nietzsche-Herausgeber Dr. Fritz] Kögel für die Bearbeitung der beiden genannten Bände der Gesamtausgabe freie Hand behielt, andere Arbeiten im Archiv erledigen. Dr. Kögel, der Dr. Steiner gut kannte, wollte sich mit ihm über verschiedene Nietzsche-Fragen aussprechen und war mit dem Eintritt einverstanden.“ Fest steht, dass Steiner im Frühjahr 1895 ein Verzeichnis der Literatur über Nietzsche zusammenstellte. Dieser Prospekt Neue Nietzsche-Literatur wurde gemeinsam mit dem ersten Band der Nietzsche-Biographie von Förster-Nietzsche ausgeliefert. Siehe David Marc Hoffmann: Rudolf Steiner und das Nietzsche-Archiv – Briefe und Dokumente 1984–1900, 1993, S. 20 f. Bei diesem Literaturverzeichnis aus der Feder Steiners handelt es sich um die erste Nietzsche-Bibliographie überhaupt. Sie ordnete auf sieben Seiten 168 Publikationen den Werken Nietzsches zu. Bei einem weiteren Arbeitsaufenthalt in Naumburg im Januar 1896 erstellte Steiner zudem ein Verzeichnis von Nietzsches Bibliothek. Auf 227 Seiten gliederte er 1077 Bände und Broschüren alphabetisch in 19 Sachgruppen auf (Hoffmann, S. 29 f.). Während Steiners Archivbesuchen ergaben sich angeregte philosophische Diskussionen mit Koegel und Förster-Nietzsche. Daraufhin äußerte Förster-Nietzsche den Wunsch, Steiner möge ihr seine „Anschauungen und Ergebnisse in Privatstunden entwickeln“ (Hoffmann, S. 39 f.). Aufgrund dieses Unterrichts war Förster-Nietzsche der Auffassung, Steiner sei aufgrund seines philosophischen Hintergrundes besser geeignet als Koegel, die letzten Bände der Nietzsche-Ausgabe, darunter den geplanten Band über Nietzsches letztes Werk Umwerthung aller Werthe, zu edieren (Hoffmann, S. 42 f.). Förster-Nietzsche versuchte Kögel mit einer Intrige zugunsten Steiners aus dem Archiv zu drängen, was zu einem Eklat führte. Steiner widersetzte sich daraufhin dem noch zwei weitere Jahre von Förster-Nietzsche verfolgten Ansinnen, er möge in das Archiv eintreten. Steiner kritisierte die „Machenschaften“ des Archivs in zahlreichen Artikeln und Leserbriefen. So entstand zwischen Februar und Juli 1900 ein literarischer Streit, der 19 Zeitschriftenbeiträge umfasste und in persönlichen Angriffen bis an die Grenze der Ehrverletzung ging. Zu Steiners Tätigkeit im Nietzsche Archiv siehe auch Gerhard Wehr: Rudolf Steiner. 1993, S. 115 ff.
  36. GA 39, S. 370 f. Zitiert nach Walter Kugler: Rudolf Steiner und die Anthroposophie. 1978, S. 170 ff.
  37. Ralf Sonnenberg: „Fehler der Weltgeschichte“: Judentum, Zionismus und Antisemitismus aus der Sicht Rudolf Steiners. hagalil.com 7. Juli 2004.
  38. Wolfgang G. Vögele (Hrsg.): Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 74.
  39. Vögele: Der andere Rudolf Steiner. 2005, S. 76.
  40. Diese Mitteilung Mayreders gibt Friedrich Eckstein in einem Gespräch mit Edmund Schwab wieder. Das komplette Zitat Ecksteins lautet: „Steiner war in jenen [Wiener] Jahren in ziemlich bedrängten Verhältnissen, oft geradezu am Verhungern, so dass er meine Einladungen immer gern annahm. So schlecht ging es ihm bis in die Weimarer, ja auch Berliner Zeit. Rosa Mayreder, die […] ihm ihre Arbeiten vor der Veröffentlichung einzuschicken pflegte, erzählte mir dass sie ihn in Weimar oder Berlin aufsuchte, da er ihr auf wiederholte Schreiben hin ein großes Manuskript, daß sie ihm wieder einmal gesendet hatte, nicht zu haben antwortete. Dabei habe sie das vermißte Manuskript gefunden. Er sei damals Alkoholiker gewesen, wenn auch nicht in jenem Übermaß, wie man es bei Mystikern oft findet. Erst ab der Jahrhundertwende habe Rudolf Steiner sich ganz fest in die Hand genommen und sei der geworden, als den ihn die Welt heute kennt.“ Zitiert nach Fred Poeppig: Rudolf Steiner – Der große Unbekannte. Leben und Werk, 1960, S. 85. Siehe auch Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 74 f. Übereinstimmend berichtet auch Otto Hartleben von exzessivem Alkoholgenuss und einem unsteten Lebenswandel. In einem Brief an eine Freundin schreibt er: „S[teiner] hatte seine Schlüssel vergessen, ist mit W… noch ins Café gegangen, ist Sonntag betrunken ‚heimgekommen‘, hat Dein Telegramm nicht mal liegen sehn (Sonntag Nachmittag 3 Uhr ist er ‚heimgekommen‘!). Ein Augenzeuge berichtete Ähnliches: Otto Erich Hartleben und Rudolf Steiner betreten tief in der Nacht ein Berliner Nachtcafé, in dem eine Zigeunerkapelle fiedelt. Beide hatten wacker gezecht und waren in eifriger Diskussion über ein literarisches Thema.“ Zitiert nach Vögele, S. 86 f. Auf diesen übermäßigen Spirituosenkonsum der jungen Jahre war, nach Steiners wachsender Popularität, auch in der zeitgenössischen Presse immer wieder angespielt worden. Kurt Tucholsky etwa hatte in einem Pressebericht geschrieben: „Und nur eines kann ich nicht verstehen, wenn ich die Figur dieses Menschen betrachte, der mit Hartleben herumgesoffen hat, und von dem man sagt, er habe in diesen fröhlichen Kneipnächten die Figur des ‚Serenissimus‘ erfunden: Christian Morgenstern liebte ihn.“ Laut Vögele: Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 293 ff.
  41. Moritz Zitter an Rosa Mayreder, 8. März 1903, Rudolf Steiner Archiv Dornach, zitiert nach Vögele: Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 75.
  42. „Der zukünftige Begründer der anthroposophischen Bewegung und vergötterte Prophet war zu jener Zeit noch ein wenig beachteter zigeunernder Intellektueller, dem wahrlich niemand seine kommende Erleuchtung und Erhöhung, mit einem Wort sein Damaskus vorausgesagt hatte. Er war vorher am neugegründeten Nietzsche-Archiv in Weimar tätig gewesen und hatte eine auf der Grenzscheide von Zarathustra und Haeckel sich bewegende, noch überwiegend naturwissenschaftlich gedachte ‚Philosophie der Freiheit‘ geschrieben, die uns Damalige immerhin aufhorchen machte. Ihr verdankte er es wohl, dass Neumann-Hofer, der Herausgeber des ‚Magazins für Litteratur‘, ihm dessen Redaktion übertragen hatte. Es war ein Glück für Steiner, dass dies so kam, und hat ihn vielleicht vor dem Untergang bewahrt. Denn seine unregelmäßige Lebensführung hätte ihn wahrscheinlich sehr bald in jeder anderen ähnlichen Stellung unmöglich gemacht. Neumann-Hofer war ein nachsichtiger Chef, von großzügigem Wesen und nichts weniger als ein Philister. Er liess Steiner seine Schwächen und Entgleisungen hingehen, wohl auch aus einem ihm auch sonst eigenen Fingerspitzengefühl für das Wesentliche und Besondere dieses reichlich verbummelten aber hochbegabten Mannes.“ Max Halbe, Jahrhundertwende. Geschichte meines Lebens 1893–1914, 1935, S. 179–184, zitiert nach Vögele: Der andere Rudolf Steiner. 2005, S. 91 f.
  43. Siehe Werner Portmann, Die wilden Schafe, Max und Siegfried Nacht. Zwei radikale, jüdische Existenzen, 2007 (Online-Fassung).
  44. Vögele: Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 75 f.
  45. Zitiert nach Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 106 f.
  46. Brief an Anna Steiner, Berlin, 14. Februar 1904, in: GA 39, S. 435. Zitiert nach Vögele: Der andere Rudolf Steiner. 2005, S. 76.
  47. Norbert Klatt: Theosophie und Anthroposophie. Neue Aspekte zu ihrer Geschichte, Göttingen 1993, S. 75.
  48. Gerhard Wehr: Helena Petrovna Blavatsky. Dornach 2005, S. 122ff und 129 ff.
  49. Rudolf Steiner: Reinkarnation und Karma. Aufsatz in der Zeitschrift Luzifer. 1903, heute in GA 34. Online-Fassung
  50. Steiner sagte selbst: „Es gibt manche, welche in ihr [der Geheimwissenschaft] nur eine Erscheinung sehen, welche darauf aus ist, Surrogate zu setzen an die Stelle bewährter Kräfte, oder welche in ihr nur einen Hang zum Synkretismus und Eklektizismus finden.“. Zitiert nach: Steiner: Wie kann die seelische Not der Gegenwart überwunden werden? Vortrag Zürich, 10. Oktober 1916, GA 168, Dornach 1984, S. 91–120. Online-Fassung. Zuletzt wurde der Eklektizismusvorwurf von dem Historiker Helmut Zander erhoben. Laut Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. 2007. Die Süddeutsche Zeitung kommentiert: „Helmut Zanders Untersuchung birgt für die Anthroposophen eine große Chance. Seine Belege für Steiners Eklektizismus sind derart schlagend, dass ein generelles Verleugnen seiner Befunde Indiz für eine geradezu gruselige Engstirnigkeit wäre. Wenn man aber zugibt, dass Steiner nicht vom Weltgeist diktiert bekam, sondern sich von zeitgenössischen Quellen inspirieren ließ, dann könnte man sein ganzes Werk kritisch befragen.“ (Rudolf Steiners „Eingebungen“) Hat er abgeschrieben? Bis heute behandeln Anthroposophen Steiners Lehre wie eine ewige Wahrheit. Wer's glaubt, wird selig, sagt jetzt ein Historiker. SZ 18. Juli 2007
  51. Steiner selbst bemerkte: Seit der Zeit, „als ich anthroposophische Vorträge hielt, [wollten] viele Leute, die früher mit mir verkehrt haben, nicht mehr mit mir verkehren“ (aus: GA 350, S. 115). Schon 1902, als Steiner im Rahmen des monistischen Giordano-Bruno-Bundes erstmals öffentlich für die Theosophie eingetreten war (Vortragstitel: Monismus und Theosophie), schrieb ihm Bruno Wille, der Vorsitzende dieses Bundes: „Was ich daraus als Ihre Ansicht entnahm, ist mir insofern sehr sympathisch, als Sie die rein physische Weltbetrachtung verlassen und die geistige Seite, insbesondere die religiösen Werte des Welterlebnisses betonen. Indessen schaffen Sie sich Missverständnisse und fordern parteiische Vorurteile heraus, wenn Sie für die sogenannten Theosophen eintreten. Dieser Name hat sich arg diskreditiert durch buddhistische Scholastik, okkultistischen Aberglauben und spiritistischen Schwindel. Wie sehr Sie missverstanden werden, sehe ich bereits jetzt an dem, was ich von Lesern [der Zeitschrift Der Freidenker] über Ihre Haltung vernehme.“ Bruno Wille an Steiner, Brief vom 8. November 1902, zitiert nach Lindenberg: Rudolf Steiner – eine Chronik. 1988, S. 204.
  52. Rudolf Steiner Archiv: Quellenlage (Version vom 15. Juli 2011 im Internet Archive)
  53. „Diese Begegnung mit der Theosophie wird für Rudolf Steiner zur entscheidenden Wende seines Lebens. In der theosophischen Lehre findet er einen Rahmen, in welchen er seine Wahrnehmungen in der Geisteswelt einbringen und sie deuten kann. Die Theosophie liefert Steiner eine ausgebaute Geographie der Geisteswelt, eine geistige Welt, die bevölkert ist von geistigen Wesen aller Art, die seine Ahnungen und Wahrnehmungen plausibel deuten kann. Steiner übernimmt denn auch innert kürzester Zeit die theosophische Weltsicht, er scheint sie förmlich aufzusaugen.“ Georg Otto Schmid: Anthroposophie. relinfo.ch, 1999.
  54. Christoph Lindenberg: Rudolf Steiner – eine Chronik, 1988, S. 621.
  55. Norbert Klatt: Theosophie und Anthroposophie. Neue Aspekte zu ihrer Geschichte. Göttingen 1993, S. 124.
  56. Rudolf Steiner: Die Aufgabe der Geisteswissenschaft und deren Bau in Dornach. Autoreferat eines Vortrags, 1916, in GA 35, S. 176 f.
  57. Johann Fäth: Rudolf Steiner Design – Spiritueller Funktionalismus Kunst, Diss. Univ. Konstanz, 2004. Online-Fassung, S. 19 ff.; Belege in FN 36; siehe auch FN 88, S. 261 f.) Ansonsten Walter Kugler, Simon Baur (Herausg.), Rudolf Steiner in Kunst und Architektur, Dumont 2007.
  58. Die Veröffentlichung wurde 1919 wegen Formfehlern unterbunden. Später veröffentlicht in: Generaloberst Helmuth von Moltke: Erinnerungen, Briefe, Dokumente 1877–1916. Ein Bild vom Kriegsausbruch …. Hrsg. von Eliza von Moltke, Stuttgart 1922. Siehe auch Annika Mombauer: Helmuth von Moltke and the Origins of the First World War, 2001, ISBN 0-521-79101-4 (Exzerpt als PDF), hier S. 8. Bei Mombauer heißt es: „Moltke’s published Erinnerungen replaced a pamphlet entitled ‚The War-Guilt‘ – Die ‚Schuld‘ am Kriege – written by Moltke in November 1914, which Eliza von Moltke had edited and intended to publish in 1919 with an introduction by Rudolf Steiner.“ Aus anthroposophischer Sicht mit expliziter Kritik an Mombauer vgl. Andreas Bracher und Thomas Meyer (Hrsg.), Helmuth von Moltke 1848–1916. Dokumente zu seinem Leben und Wirken, Bd. 1, wo auch Steiners angebliche „Post-Mortem-Erlebnisse der Moltke-Individualität“ und „Einblicke in Moltkes karmische Vergangenheit im 9. Jahrhundert“ behandelt werden. Ansonsten siehe auch Thomas Meyer, Moltke, Steiner – und welche deutsche «Schuld»? Der Europäer Jg. 5/Nr. 7/Mai 2001 (PDF); Thomas Meyer, Rudolf Steiner und die Politik, Der Europäer, 07/1997, S. 3 f. (Online-Fassung). Zur Kritik an dem anthroposophischen Verleger Meyer vgl. aber auch: Anthroposophische ‚Holocaust-Geisterbahn‘, Akdh.net. Dort heißt es: „Meyer verlegte in seinem Perseus-Verlag in Basel unter anderem Bücher über angeblich reinkarnierte Menschen aus der Zeit der NS-Herrschaft, ‚Mitteilungen‘ aus dem Jenseits von Helmuth v. Moltke (1848–1916), dem deutschen Generalstabschef des Ersten Weltkrieges, sowie eine angebliche Einkreisung und Bedrohung Deutschlands durch westliche Logen und die katholische Kirche.“ Ferner: Anthroposophen verharmlosen den Holocaust, Hagalil.com.
  59. Das vollständige Zitat Steiners lautet: „Wer beurteilen will, was da geschehen ist, der muß sachgemäß, ohne Voreingenommenheit die Frage sich vorlegen: wodurch ist es gekommen, daß Ende Juli 1914 in Deutschland keine andere Macht da war, über das Schicksal des deutschen Volkes zu entscheiden, als allein die militärische? War es einmal so, dann war der Krieg für Deutschland eine Notwendigkeit. Dann war er eine europäische Notwendigkeit. Der Generalstabchef, der ›allein dastand‹, konnte ihn nicht vermeiden.“ Siehe den Abdruck der Einleitung bei Walter Kugler: Rudolf Steiner und die Anthroposophie, 1978, S. 187 ff. (das Zitat S. 189). S. auch Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Göttingen 2007, S. 1266
  60. Karl Heise, Entente-Freimaurerei und Weltkrieg, Basel 1918; Nachdruck Wobbenbüll 1982, ISBN 3-922314-24-4. Siehe Franz Wegener, Heinrich Himmler – Deutscher Spiritismus, französischer Okkultismus und der Reichsführer-SS, 2004, ISBN 3-931300-15-3, S. 112: „Die Ähnlichkeiten der Ideen Steiners mit denen von Heise sind dabei nicht zufällig. Lindenberg verweist darauf, dass Heises verschwörungstheoretische Schrift, die der von Himmler gelesenen Schrift über das ‚Okkulte Logentum‘ vorausging und mit ihr inhaltlich fast identisch ist, ‚Die Entente-Freimaurerei und der Weltkrieg‘, angeregt wurde von Steiners Vorträgen 1916/17 und sogar von Steiner mit 3600 sfr, der ‚Summe der Drucklegung‘ - wie Steiner schrieb – finanziert wurde.“ Das Vorwort Steiners war zwar nicht namentlich gezeichnet, die Autorenschaft sei aber eindeutig. So schreibt Helmut Zander: „Die schon lange bekannte Autorschaft Steiners ist heute eindeutig identifiziert“ (GA 265,59). Helmut Zander, Anthroposophie in Deutschland, Band 2, 2007, S. 991. Zu Heises Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner auch Helmut Zander, Sozialdarwinistische Rassentheorien aus dem okkulten Untergrund des Kaiserreichs, in: Uwe Puschner, Walter Schmitz, Justus H. Ulbricht, Handbuch zur Völkischen Bewegung 1871–1918, 1999, S. 235. Ferner: Uwe Werner, Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945), 1999, S. 13, 70, 245 f. Arfst Wagner: Dokumente und Briefe zur Geschichte der anthroposophischen Bewegung und Gesellschaft in der Zeit des Nationalsozialismus. Band IV, Rendsburg, Juni 1992. Heise selbst hatte später angegeben, sein Werk mit einem Autorenvermerk der Einleitung versehen und an Adolf Hitler geschickt zu haben: „An den Reichskanzler Adolf Hitler hatte ich mein Buch geschickt, und so viel ich mich erinnere, habe ich, was ich nachträglich stets getan habe, in diesem an Hitler gesandten Buch unter das Vorwort den Namen ‚Dr. Rudolf Steiner‘ geschrieben.“ (zitiert nach Manfred Spalinger: Karl Heises „Entente-Freimaurerei und Weltkrieg“ – Versuch einer Beurteilung, in: Beiträge zur Dreigliederung, Anthroposophie und Kunst. Heft 40/41, 1991 (Online-Fassung)). Dies erwähnt auch der Anthroposoph Lorenzo Ravagli: „Allerdings sandte Heise seine Entente-Freimaurerei an den Reichskanzler Adolf Hitler, aber dies deswegen, weil er hoffte, sie werde ihn zu einem Verständnis des wahren Okkultismus und damit auf einen anderen Weg bringen.“ Lorenzo Ravagli, Unter Hammer und Hakenkreuz: der völkisch-nationalsozialistische Kampf gegen die Anthroposophie, Stuttgart 2004, ISBN 3-7725-1915-6, S. 372.
  61. Günter Röschert: Die Todeskrankheit Rudolf Steiners. In: Jahrbuch für anthroposophische Kritik 1998. Trithemius, München 1998, S. 204–208, ISBN 3-929606-08-9
  62. So schrieb er in der Vorrede zur dritten Auflage seiner Theosophie (1910): „Wer noch auf einem anderen Wege die hier dargestellten Wahrheiten suchen will, der findet einen solchen in meiner ‚Philosophie der Freiheit‘. In verschiedener Art streben diese beiden Bücher nach dem gleichen Ziele.“
  63. S. etwa die kritischen Aussagen zum Quellenwert der Erinnerungen bei Gerhard Wehr, Rudolf Steiner, 1993, S. 119; Für Beispiele, in denen Tagebuchnotizen nachweislich falsch sind, s. z. B. David Marc Hoffmann, Rudolf Steiner und das Nietzsche-Archiv, S. 32 ff.; Wolfgang G. Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 50
  64. So schrieb der Literaturkritiker und Schriftsteller Willy Haas 1963 in einer Erinnerung an Begegnungen mit Steiner: „Rudolf Steiner begann mich erst zu interessieren, als ich von der halsbrecherischen Kurve seines Geisteslebens erfuhr, die er sich geleistet hatte. […]. Er, der den Kampf gegen den Materialismus der Zeit als seine Hauptaufgabe ansah, zitierte mit Bewunderung Ernst Haeckel. […] Schon um 1900 begann seine Missionarstätigkeit aufgrund angeblicher oder echter übersinnlicher Erfahrungen. […] Caliban [Pseudonym des Autors Willy Haas] wird es nie verstehen, wie ein Mann, der gestern noch mittelmäßige Theaterkritiken schrieb, heute als erleuchteter Übermensch mit einer esoterisch-gnostischen Geheimlehre auftreten kann.“ Willy Haas: Er scharte Anhänger um sich und seine Schule. In: Die Welt, 8. Juli 1963, zitiert nach Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 176 ff.
  65. Gerhard Wehr: Rudolf Steiner, 1993, S. 128.
  66. Gerhard Wehr: Der innere Weg. 1994 (2. Auflage), S. 33.
  67. Siehe Rudolf Steiner und das Nietzsche-Archiv, S. 32 ff.
  68. Lorenzo Ravagli kommentiert in einem Aufsatz für das Jahrbuch für anthroposophische Kritik, 1997: „Hoffmann zeigt in seinem Buch nicht nur Steiners Wandlungen, wenn nicht gar ‚Brüche‘, er weist auch seine Irrtümer und Erinnerungstäuschungen nach (S. 181–187). Von Hoffmann wird detailliert chronologisch und dokumentarisch rekonstruiert, daß die Behauptung in Steiners Mein Lebensgang, er sei durch den Besuch beim kranken Nietzsche in Naumburg zu seinem Buch Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit inspiriert worden, nicht stimmen kann, weil Steiners einzige Nietzschebegegnung am 22. Januar 1896 stattfand, sein Nietzschebuch aber im Frühjahr 1895 erschienen ist.“ Laut Online-Fassung. Rosa Mayreder bezeichnete die Erinnerungen bereits im Jahre 1925 als „schönfärberisch“: „Nach dem Erscheinen des von mir handelnden Abschnittes seiner Autobiographie wurde mir das ‚Goetheanum‘ allwöchentlich mit den Fortsetzungen dieser Autobiographie zugesendet; der Eindruck des Unaufrichtigen, Schönfärberischen, Zurechtgemachten ließ mich daran so kühl wie seine ganze Persönlichkeit.“ Rosa Mayreder, Tagebücher 1873–1937, 1988, zitiert nach Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 50. Auch Gerhard Wehr weist am Beispiel von Steiners Beziehung zu Haeckel auf Widersprüche zwischen den Erinnerungen und den historischen Begebenheiten hin: „Diese aus der Retrospektive geübte Verteidigung steht – wie so manches in Mein Lebensgang Gesagte – in einem bemerkenswerten Gegensatz zu dem zwei Jahrzehnte früher Ausgesprochenen.“ Wehr, Rudolf Steiner, 1993, S. 119.
  69. So erinnert sich etwa die Schriftstellerin Gabriele Reuter an Steiner als „Freidenker“, s. Gabriele Reuter, Begegnungen mit Friedrich Nietzsche, Feuilleton aus einer ungenannten Zeitung, undatiertes Typoskript des Rudolf Steiner Archivs. Zitiert nach Wolfgang G. Vögele, Der andere Rudolf Steiner. 2005, S. 71 f.
  70. So Gerhard Wehr, Rudolf Steiner, 1993, S. 132.
  71. Rudolf Steiner: Goethes Naturwissenschaftliche Schriften, 1. A. 1926. Online-Fassung, hier: Band XVII, Goethe gegen den Atomismus, S. 326. Online-Fassung
  72. Rudolf Steiner: Methodische Grundlagen der Anthroposophie. Gesammelte Aufsätze zur Philosophie, Naturwissenschaft, Ästhetik und Seelenkunde 1887–1901, 1961, S. 559. Zitiert nach Gerhard Wehr, Rudolf Steiner, 1993, S. 133.
  73. Brief Rudolf Steiners an Pauline Specht, Weihnachten 1894, in: Rudolf Steiner: Briefe II. S. 181. Zitiert nach David Marc Hoffmann, Rudolf Steiner und das Nietzsche-Archiv – Briefe und Dokumente 1894–1900, 1993, S. 16; s. auch Gerhard Wehr, Rudolf Steiner, 1993, S. 131.
  74. Rudolf Steiner: Veröffentlichungen aus dem literarischen Frühwerk. Bd. 5, 1958, S. 44. Zitiert nach Gerhard Wehr, Rudolf Steiner, 1993, S. 134.
  75. Rudolf Steiner: Stirner reicht im 20. Jahrhundert nicht aus, GA 28, S. 273–278. Online-Fassung
  76. Rudolf Steiner: Bürgerliche Egoistik Stirners als Untergang. GA 192, S. 61–80, 1919. (Online-Fassung)
  77. Vortrag vom 20. Juli 1924, in: Esoterische Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Band VI, S. 73. Zum Sachverhalt siehe auch Gerhard Wehr, Rudolf Steiner, 1993, S. 131, und David Marc Hoffman, Zur Geschichte des Nietzsche-Archivs, 1991, S. 492–496.
  78. Gerhard Wehr, Rudolf Steiner, 1993, S. 136 f.
  79. „Vor dieser Jahrhundertwende stand die geschilderte Prüfung der Seele. Auf das geistige Gestanden-Haben vor dem Mysterium von Golgatha in innerster, ernstester Erkenntnis-Feier kam es bei meiner Seelen-Entwicklung an.“ Rudolf Steiner: Mein Lebensgang, S. 184. (PDF (Version vom 16. Januar 2006 im Internet Archive))
  80. Rudolf Steiner: Mein Lebensgang. S. 270 f. (Online-Fassung)
  81. Gerhard Wehr, Rudolf Steiner, 1993, S. 137 f. Zur Diskussion um Steiners „Einweihung“ und den Zusammenhang zum Christentum siehe auch Felix Hau, Rudolf Steiner integral, Info3 Mai 2005. Hau bestreitet in einem inneranthroposophischen Diskurs jeden Zusammenhang einer „Einweihung“ mit dem Christentum, was jedoch eine Einzelmeinung ist. Biograph Vögele fasst das Erweckungserlebnis Steiners wie folgt: „Zur Prüfung gehörte weiter eine Auseinandersetzung mit dem Christentum. Das konfessionelle Christentum mit seiner Jenseitslehre und seinen sittlichen Geboten empfand Steiner als ebenso ‚philiströs‘ und unzeitgemäß wie die Institution der bürgerlichen Ehe. Andrerseits empfand er hinter dem Materialismus ‚dämonische Mächte‘, gegen die er zu kämpfen hatte. Die Lösung aller Zweifel ergab sich ihm in der Jahrhundertwende durch ein entscheidendes inneres Erlebnis, das er in seinen Memoiren nur mit sparsamen Worten andeutet: sein vielzitiertes ‚Gestanden-Haben vor dem Mysterium von Golgatha‘“.
  82. Steiner selbst hatte in Verbindung mit der mystischen Schau des Christus von einem Damaskus-Erlebnis gesprochen. Dieses werde aufgrund der seelischen Entwicklung noch im 20. Jahrhundert für zahlreiche Menschen möglich sein: „In unserem 20. Jahrhundert werden sich allmählich in einem Teil der Menschheit neue menschliche Seelenfähigkeiten entwickeln. Zum Beispiel wird es möglich sein, bevor das 20. Jahrhundert abgelaufen sein wird, den menschlichen Ätherleib wahrzunehmen. […] Gewisse besonders dazu veranlagte Menschen werden noch eine andere Erfahrung machen. Was Paulus vor Damaskus erlebte und was für ihn eine persönliche Erfahrung war, das wird für eine gewisse Anzahl von Menschen allgemeine Erfahrung werden. […] Die Menschen, welche im 20. Jahrhundert das Ereignis von Damaskus erlebt haben werden, werden das direkte Wissen vom Christus bekommen, sie werden nicht notwendig haben, sich auf Dokumente zu stützen, um den Christus zu erkennen, sondern sie werden das direkte Wissen haben, wie es heute nur der Initiierte besitzt. Alle Fähigkeiten, die heute mittels der Initiation erworben werden, werden in Zukunft allgemeine Fähigkeiten der Menschheit sein. Dieser Zustand der Seele, dieses Seelenerleben, wird im Okkultismus die ‚Wiederkunft Christi‘ genannt. Der Christus wird nicht wieder in einem physischen Leib verkörpert sein, sondern er wird in einem ätherischen Leib erscheinen, wie auf der Straße nach Damaskus.“ Rudolf Steiner, Das Ereignis der Christus-Erscheinung in der ätherischen Welt, GA 118, 18. April 1910, S. 156 f.
  83. Wolfgang G. Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 108.
  84. Richard Specht: Aus Rudolf Steiners Jugendzeit. In: Neues Wiener Journal, 26. April 1925; zitiert nach Wolfgang G. Vögele: Der andere Rudolf Steiner. 2005, S. 108.
  85. Vossische Zeitung, Berlin, 1. April 1925; zitiert nach Wolfgang G. Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 63 f.
  86. Gabriele Reuter: Begegnung mit Friedrich Nietzsche; aus dem Feuilleton einer ungenannten Zeitung zitiert nach Vögele, S. 71 f.
  87. Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, 1944, S. 119–122. Zitiert nach Vögele, S. 129–132.
  88. Wolfgang G. Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 303.
  89. Alfred Winterstein, Der Rattenfänger – Anlässlich der Tagung des Anthroposophenkongresses, Neue Freie Presse, Wien, Feuilleton, 20. Juni 1922, zitiert nach Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 271 f.
  90. Ignaz Wrobel (Pseudonym von Kurt Tucholsky), Rudolf Steiner in Paris, in: Die Weltbühne, Jg. 20, Nr. 27, 3. Juli 1924, II, S. 26–28
  91. Wilhelm Keilhau, in: Samtiden, 37. Jg., Oslo 1926, zitiert nach: Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 257.
  92. Augenzeugenberichte von Franz Halla, in: Mitteilungen aus der anthroposophischen Arbeit in Deutschland, Nr. 32, Juni 1955, S. 74f und von Rudolf Toepell in Brief an Herbert Hennig, 20. Mai 1955; Rudolf Steiner Archiv; zitiert nach Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 199f.
  93. Gustav Janouch, Gespräche mit Kafka, Erweiterte Ausgabe 1968, S. 191–193; zitiert nach Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 186.
  94. Franz Kafka: Tagebücher in der Fassung der Handschrift, 1990, S. 30–35, zitiert nach Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 186 ff., hier S. 191 f.
  95. Hugo Ball, Briefe 1911–1927, 1957, S. 143. Zitiert nach Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 261.
  96. Hermann Hesse, Brief an Otto Hartmann, 22. März 1935. Zitiert nach Vögele, Der andere Rudolf Steiner, 2005, S. 243.
  97. „Einer von uns beiden, ich weiß nicht mehr, welcher, kam darauf, vom geistigen Niedergang der Kultur als dem fundamentalen, unbeachteten Problem unserer Zeit zu sprechen. Da erfuhren wir, dass wir beide mit ihm beschäftigt waren. Keiner hatte es von dem anderen erwartet. Eine lebhafte Aussprache kam alsbald in Gang. Einer von dem anderen erfuhren wir, dass wir uns als Lebensaufgabe dasselbe vornahmen, sich um das Aufkommen der wahren, vom Humanitätsideal belebten und beherrschten Kultur zu bemühen, und die Menschen dazu anzuhalten, wahrhaft denkende Menschen zu werden. In diesem Bewusstsein der Zusammengehörigkeit verabschiedeten wir uns. […] das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit blieb. Ein jeder verfolgte das Wirken des andern. Rudolf Steiners hohen Gedankenflug der Geisteswissenschaft mitzumachen, war mir nicht verliehen. Ich weiß aber, dass er in diesem so manchen Menschen mit emporriss und neue Menschen aus ihnen machte. In seiner Jüngerschaft sind hervorragende Leistungen auf so manchem Gebiete vollbracht worden.“ Albert Schweitzer, Werke aus dem Nachlaß. Vorträge, Vorlesungen, Aufsätze, 2003, S. 229–231. Zitiert nach Vögele, S. 157.
  98. Michael Bauer: Christian Morgensterns Leben und Werk, 1933.
  99. Es liegt ein Briefentwurf dieses Inhalts von ihm vor, der allerdings nie abgeschickt wurde. In dem Entwurf heißt es: „Für den, welcher die [theosophisch-anthroposophische] Bewegung seit Jahren aus eigenster Erfahrung kennt, entspricht Dr. Rudolf Steiner in dreifacher Beziehung den Bedingungen der Nobelpreisstiftung: als Wissenschaftler, als Dichter und als Förderer des Friedens. Denn abgesehen davon, dass sein philosophisches Hauptwerk ‚Die Philosophie der Freiheit‘ als die wesentlichste Hervorbringung der neuen deutschen Philosophie erkannt werden muss, abgesehen von den zahlreichen Schriften über Goethe […], abgesehen endlich von seinem neuen, durchgreifend umgearbeiteten Werke ‚Die Rätsel der Philosophie‘ ist Rudolf Steiner als Verfasser der Bücher ‚Das Christentum als mystische Tatsache‘, ‚Theosophie‘, ‚Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten‘, ‚Geheimwissenschaft im Umriss‘ – um nur die umfangreichsten zu nennen – der erste geisteswissenschaftliche Gelehrte und Schriftsteller Europas, ja, man muss weitergehen: der ganzen gegenwärtigen Kultur. […] Es ist aber nicht die Absicht des Unterzeichneten, an dieser Stelle von Rudolf Steiner als von einem Phänomen der Wissenschaft oder der Dichtung zu sprechen, sondern nur: ihn in seiner dritten Eigenschaft als einen der größten Förderer des Weltfriedens zu kennzeichnen. In der Tat, wenn heute jemand für die brüderliche Annäherung der Menschen wirkt, so ist es dieser Mann, der allein durch seine Persönlichkeit Angehörige der verschiedensten Nationalitäten in edelstem geistigem Streben einigt. […] Die eigentliche, im höchsten Menschheitssinne schöpferische Tätigkeit Rudolf Steiners jedoch wird erst der Historiker enthüllen, der die Geschichte dieses erhabenen Lebens zu schreiben berufen sein wird. Dann wird mit tiefem Erstaunen wahrgenommen werden, was da in der Stille für den Menschen als solchen überhaupt geschieht und geschehen ist, und welchen unersetzlichen Rückhalt und Stützpunkt ihm die Lebensarbeit dieses Geistes gegeben hat, wahrend das Jahrhundert immer weiter in die furchtbare Wüste des Materialismus hineineilt. […] Ich weiß wohl, wieviel Geringschätzung, Verkennung dem Werke Rudolf Steiners ringsum begegnet. Aber auch die Friedensidee ist ja anfänglich verhöhnt und verachtet worden […].“ Zitiert nach Walter Kugler, Feindbild Steiner, 2001, S. 59 f.
  100. Zitiert nach Walter Kugler, Feindbild Steiner, 2001, S. 61.
  101. Seit etwa zwei Jahrzehnten wurden, vor allem in Deutschland, immer wieder Steiners Auffassungen über (Menschen-)Rassen exponiert, zuletzt, als das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im September 2007 – nach dem Hinweis eines Bürgers – einen Antrag auf Indizierung zweier Steinerscher Werke bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien einreichte. Die Werke seien geeignet, „Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren, [da sie] Rassen diskriminierende Aussagen“ enthielten. Bei den genannten Werken handelt es sich um zwei Vortragsmanuskripte aus den Jahren 1909 und 1910 mit den Titeln: Geisteswissenschaftlichen Menschenkunde und Die Mission einzelner Volksseelen – Im Zusammenhang mit der germanisch-nordischen Mythologie. Zwei Gutachter, Jana Husman-Kastein, Humboldt-Universität, und Andreas Lichte, Waldorflehrer, kommen zu dem Schluss, dass Steiners Werk „Thesen zur unterschiedlichen Wertigkeit von ‚Menschenrassen‘ enthalte“. Vgl. auch Marina Mai: Diese Waldorfs! Wer seine ‚Ich-Wesenheit‘ zu wenig entwickelt hat wird zum ‚Neger‘ – befand Rudolf Steiner. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) hatte im September 2007 entschieden, dass die Werke des Anthroposophen Rudolf Steiner nicht auf den Index gesetzt werden. Rudolf-Steiner-Bücher landen nicht auf Index (Die ursprüngliche Seite ist nicht mehr abrufbar.)[1] [2] Vorlage:Toter Link/www.tagesschau.de → Erläuterung, tagesschau.de, 6. September 2007, TAZ, 23. August 2007; Per Hinrichs: Die Lehre von Atlantis, Andrea Hennis, Rudolf Steiner auf den Index?, Focus.de, 29. August 2007,  Per Hinrichs: Die Lehre von Atlantis. In: Der Spiegel. Nr. 36, 2007, S. 161 (3. September 2007, online). Die Frage nach einem möglichen Antisemitismus oder Rassismus in Steiners Werk wurde im November 2007 intensiv in der Öffentlichkeit diskutiert, nachdem Strafanzeige gegen den Rudolf Steiner Verlag gestellt worden war, weil dieser ein Buch Steiners verbreitete, in dem das Judentum als „Fehler der Weltgeschichte“ bezeichnet wurde: „[Das Judentum] als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte“. Der Verlag kam der Forderung nach, den Band zurückzuziehen und die Passagen bei Neuauflagen mit Kommentaren zu versehen. Zur Diskussion siehe Hendrik Werner, Wie antisemitisch war Rudolf Steiner?, Die Welt, 29. November 2007; Sebastian Christ / Manuela Pfohl, Waldorf-Pädagogik – Auf Tuchfühlung mit dem rechten Rand, Der Stern, 16. November 2007. Der Sachverhalt selbst war nicht neu. Bereits 2004 wurde über diese Passagen ausführlich diskutiert. Der Historiker und Religionswissenschaftler Ralf Sonnenberg hatte damals resümiert: „Als Ausdruck der umfassenden Sinn- und Wertekrise in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg partizipierten Steiners esoterische Lehren an dem rassentheoretischen Diskurs jener Zeit, indem er diesem einzelne Elemente entnahm, welche er den theosophischen Ideen der Genese von Rassen und Kulturen anverwandelte. Im Gegenzug adaptierten völkische Theoretiker wie etwa die „AriosophenJörg Lanz von Liebenfels (1874–1954) und Guido von List (1848–1919) Versatzstücke theosophischer Rassentheorien, ohne jedoch deren Einbindung in den universalistischen und kosmopolitischen Horizont der Blavatskyschen Theosophie zu berücksichtigen. Steiners periphere Auseinandersetzungen mit dem zeitgenössischen Judentum bewegten sich im Spannungsfeld zwischen einem aufgeklärten, die Assimilation bedingungslos einfordernden Antijudaismus und der kirchenchristlichen Tradition soteriologisch untermauerter Judenfeindschaft, ohne dass dessen Anschauungen über jüdische Kultur und Religion bereits restlos in dieser ideengeschichtlichen Schnittmenge aufgingen. Es ist jedoch gewiss kein Zufall, dass Steiner wesentliche Anstöße bezüglich der Genese seines philosophisch-anthroposophischen Werkes den Schriften Kants, Fichtes, Hegels und Herders verdankte, die stellvertretend für die Mehrheit der christlichen Aufklärer an der Überzeugung von der Obsoletheit des Judentums festhielten und ein geschichtsevolutives Stufenmodell favorisierten. Im Subkontext transportierten seine Forderungen nach Assimilation der jüdischen Minderheit sowie seine stereotypen Miniaturen jüdischen Daseins Elemente eines ‚antisemitischen Codes‘ rechtsbürgerlicher sowie linksliberaler Kreise in den Jahrzehnten vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Als manifesten (Rassen-)Antisemiten könnte man Rudolf Steiner freilich nur dann apostrophieren, wenn sich herausstellte, dass seine wiederholten Distanzierungen vom judenfeindlichen, nationalistischen und rassistischen Diskurs damaliger Zeit nicht ernst gemeint waren und somit lediglich als Vorwand dienten, um unter der Hand eine politische Agitation zu betreiben, die auf eine gesellschaftliche Ausgrenzung bzw. Benachteiligung von Juden abzielte. Eine solche Deutung erscheint jedoch angesichts der Fülle an gegenteiligen Belegen und Zeugnissen als wenig überzeugend.“ Ralf Sonnenberg: Judentum, Zionismus und Antisemitismus aus der Sicht Rudolf Steiners auf hagalil.com, 7. Juli 2004.
  102. Hartmut Zinser: Rudolf Steiners „Geheim- und Geisteswissenschaft“ als moderne Esoterik. Vortragsmanuskript (PDF; 180 kB), 2006, S. 7 nach Theo S. 94.
  103. Jana Husmann-Kastein: Schwarz-Weiß-Konstruktionen im Rassebild Rudolf Steiners. Vortragsmanuskript (PDF; 411 kB). Tagung: Anthroposophie – kritische Reflexionen. Humboldt-Universität zu Berlin, 21. Juli 2006, S. 3–18.
  104. Jan Badewien: Thesenpapier von zur Veranstaltung: Antijudaismus bei Rudolf Steiner?, Universität Paderborn, 23. Januar 02.
  105. Anthroposophie und die Frage der Rassen. Autorisierte deutsche Ausgabe, Frankfurt/Main 1998
  106. Jahrbuch für Antisemitismusforschung, Campus Verlag, 2002, Vorwort
  107. Zu den editorischen Problemen siehe Rudolf-Steiner-Archiv: Wie «authentisch» sind die Nachschriften von Rudolf Steiners Vorträgen? (PDF; 140 kB)
  108. Quelle: Hans Schmidt, Das Vortragswerk Rudolf Steiners, ISBN 978-3-7235-0189-4, 1978 und Datenbankabfrage der www.steinerdatenbank.de. Nachschriften von über 300 dieser Vorträge sind als Foto-PDFs zu finden bei Rudolf Steiner im Klartext, www.steiner-klartext.net.
  109. Von 1908 bis 1913 hieß der Verlag »Philosophisch-Theosophischer Verlag«. Quellen: 100 Jahre Verlag am Goetheanum und steinerdatenbank.de.
  110. Im Jahr 2005 gab es bezgl. der Urheberrechte eine gerichtliche Auseinandersetzung zwischen dem Rudolf Steiner Verlag und dem Archiati Verlag in München. Im Urteil vom 16. Dezember 2005 bestätigen die Richter am Beispiel der sog. Klassenstunden, dass Texte von Steiner grundsätzlich urheberrechtsfrei sind, sie dürfen nur nicht direkt der Rudolf Steiner Gesamtausgabe entnommen werden. S. Urteil (PDF; 324 kB).
  111. Rudolf Steiner Forschungsedition (Version vom 13. Oktober 2010 im Internet Archive)
  112. Info über Helene Finck als Stenografin bei Forschungsstelle Kulturimpuls
  113. Verlagsmitteilung
  114. design-museum.de: Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags (19. Oktober 2012)
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Dieser Artikel wurde am 5. September 2005 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.