Widerstandsgruppe der Brotfabrik Germania

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Die Widerstandsgruppe der Brotfabrik Germania war zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus ein sozialdemokratisch orientiertes Widerstandsnetz um die gleichnamige Brotfabrik in Duisburg-Hamborn. Sie entstand 1934 und wurde 1935 zerschlagen.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Sozialdemokrat August Kordahs hatte 1933 die heruntergewirtschaftete Fabrik gekauft und verkaufte unter der Bezeichnung „Kordahs Brot“ Backwaren auch durch Auslieferungsfahrer. Er stellte in dem Betrieb zahlreiche arbeitslose Sozialdemokraten und freie Gewerkschafter an. Diese Fahrten erschienen dem dort beschäftigten früheren SPD-Parteisekretär Hermann Runge als gute Tarnung zum Aufbau eines illegalen Netzwerkes. Der Besitzer der Fabrik gab sein Einverständnis. Außer Runge beteiligten sich zu Beginn im Sommer 1934 die sozialdemokratisch orientierte Lehrerin Johanna Niederhellmann und der Gewerkschafter Sebastian Dani an der Konzeption. Dani hatte bereits Erfahrungen mit der Verteilung illegaler Schriften als Auslieferungsfahrer gesammelt.

In der Folge verteilten die Fahrer illegales Material, organisierten geheime Treffen und hielten den Kontakt mit dem zuständigen SoPaDe-Grenzsekretär Gustav Ferl aufrecht. An dem Netzwerk beteiligt waren Mitglieder der verbotenen SAJ und des Reichsbanners. Die Fahrer hatten etwa 100 regelmäßige Abnehmer und Weiterverbreiter des illegalen Materials. In den verteilten Schriften wurde offen oder verdeckt zum Sturz des Regimes aufgerufen. Außerdem sammelten Runge und der frühere Parteisekretär Ernst Gnoss aus Essen Informationen für die Deutschland-Berichte der Sopade.

Mit dem wirtschaftlichen Erfolg der Fabrik wurden mehr Fahrzeuge angeschafft und der Aktionsradius der illegalen Gruppe weitete sich aus. Das Gebiet umfasste den Niederrhein bis Bonn und Aachen. Es reichte bis ins Bergische Land, nach Ostwestfalen und nach Lüdenscheid im Sauerland.

Die einzelnen Mitglieder des Netzwerkes kannten meist nur den jeweiligen Kontaktmann. Die Organisation flog Anfang 1935 dennoch auf. Dies geschah zufällig nach Verhören nach einer illegalen Maifeier in Essen-Werden.[1] Es wurden 200 Personen von der Gestapo verhaftet. Nach anderen Berichten, etwa dem der SoPaDe aus dem Jahr 1936, waren es sogar 1000 Personen, von denen 600 vor dem Oberlandesgericht Hamm angeklagt wurden. Hermann Runge und Johanna Niederhellmann und andere wurden gefoltert. In der Untersuchungshaft starben vier Beteiligte der Widerstandsaktionen, angeblich durch Selbstmord. Tatsächlich starben die vier Bergleute aus Moers an den Folgen der Folter. An der Untersuchung beteiligt waren die Spezialisten des KPD-Dezernats der Gestapo Düsseldorf. In den Verhörprotokollen der Gestapo wurde die Folter verschleiert.[2] Die achtzehn Hauptbeschuldigten wurden vom Volksgerichtshof im sogenannten Brotfabrikprozess 1936 zu hohen Haftstrafen verurteilt.

In der ehemaligen Brotfabrik befindet sich heute ein Spielwarengroßhandel.

Im Gebäude des ehemaligen Bahnhofs Hamborn läuft seit dem 17. Oktober 2013 unter Schirmherrschaft des Duisburger Oberbürgermeisters Sören Link eine Ausstellung zur Widerstandsgruppe.[3]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Stefan Goch: Überlebenskämpfe sozialdemokratischer Arbeiterbewegungskultur. Einige Beispiele aus Gelsenkirchen. In: Bernd Faulenbach/Günter Högl (Hrsg.): Eine Partei in ihrer Region. Zur Geschichte der SPD im Westlichen Westfalen. Essen 1988, S. 132.
  2. Thomas Gebauer: Das KPD-Dezernat der Gestapo Düsseldorf. Hamburg 2011, S. 130.
  3. Großer Bahnhof im alten Bahnhof in der WAZ vom 19. Oktober 2013, Lokalteil Duisburg-Nord

Literatur[Bearbeiten]

  • Nein zu Hitler! Sozialdemokraten und Freie Gewerkschaften in Verfolgung, Widerstand und Exil 1933–1945. Katalog zur Ausstellung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn 2008, Tafel 19.
  • Jürgen Dzudzek: Brotfabrik Germania in Duisburg-Hamborn: Ein Zentrum des Widerstandes gegen die nationalsozialistische Terrorherrschaft im Rhein-Ruhrgebiet: ein Beispiel für das Wirken von Gewerkschaftern im Widerstand. Duisburg 1986.
  • Bruno Fischer: Ruhrgebiet 1933–1945: Der historische Reiseführer. Berlin 2009, S. 12f.

Weblinks[Bearbeiten]