Woltersdorff-Theater
Das Woltersdorff-Theater war ein bedeutendes Operettentheater an der Berliner Chausseestraße 30 in der Nähe des Stettiner Bahnhofs im heutigen Ortsteil Mitte. Das Theater wurde 1848 fertiggestellt und erhielt im Laufe seiner Existenz mehrfach neue Besitzer oder Betreiber und neue Namen. Von 1925 bis 1939 war es ein Kino[1] und nach dessen Abriss wurde an dieser Stelle im Zweiten Weltkrieg ein Luftschutzbunker errichtet. Seit den 2010er Jahren wird hier ein Hotel neu gebaut.
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Vorgeschichte [Bearbeiten]
Das Theater wurde 1848 als Carli Callenbachs Sommertheater im Gartenlokal der Gebrüder Hennig in der Chausseestraße 26[2] gegründet. Es soll das erste Sommertheater Berlins gewesen sein. Die aufgeführten Possen, Schwänke und Singspiele mussten kurz und leicht verständlich sein, um von den Besuchern, überwiegend Arbeiter aus den umliegenden Fabriken, akzeptiert zu werden.[3] 1859 übernahm es der Komiker Eduard Meysel, der es als Meysels Sommer-Theater in der begonnenen Tradition weiterführte. Mit großem Erfolg lief dort 1860 die Operette Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach.
Arthur Woltersdorff wird Besitzer [Bearbeiten]
Der Königsberger Impresario Arthur Woltersdorff, der schon die Leitung der Krolloper innehatte und die Vereinigten Theater in Königsberg in Preußen betrieb, kaufte das Gebäude 1865 und baute es aus, nun an der Chausseestraße 27.[4] Der damaligen Gewohnheit entsprechend, wurde es nun nach ihm benannt. Star des Hauses war die Soubrette Ernestine Wegner. 1865 wurde Die schöne Galathée von Franz von Suppé uraufgeführt. 1875–77 übernahm der Schauspieler und Theaterunternehmer Emil Thomas das Haus, nachdem sich Woltersdorff wiederum nach Königsberg zurückgezogen hatte. Nachdem weitere Pächter die Einrichtung mit Verlust betrieben hatten, sollte das Gebäude 1883 abgerissen werden.[3]
Neues Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater [Bearbeiten]
Das zuvor in der Schumannstraße gegründete Friedrich-Wilhelmstädtische Theater (Namenswahl mit Bezug auf die Lage in der Friedrich-Wilhelm-Stadt) musste 1883 für die Neugründung des Deutschen Theaters die gepachtete Immobilie verlassen. So erwies es sich als Glücksfall, dass das Gebäude in der Chausseestraße leer stand. Der Regisseur Julius Fritzsche kaufte es, ließ es unter Hinzuziehung benachbarter Bauten weiter vergrößern und umbauen, sodass für damalige Verhältnisse eines der schönsten Theater Berlins hier entstand, nach Berliner Adressverzeichnis an der Chausseestraße 25. Die Neueröffnung unter dem Namen Neues Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater erfolgte am 3. Oktober 1883 mit der Uraufführung der Operette Eine Nacht in Venedig von Johann Strauß. Fritzsche war es gelungen, den Komponisten als Dirigenten einzuladen. Doch das Stück geriet bei den Besuchern wegen seiner Texte in die Kritik. Trotzdem etablierte sich das Musiktheater hier bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfolgreich.[3] Bereits im ersten Jahr wurden über einhundert Vorstellungen des Orpheus in der Unterwelt gegeben, dazu häufig Operetten von Franz von Suppé aufgeführt. Im folgenden Jahr war die deutsche Erstaufführung von Karl Millöckers Gasparone zu sehen. Bis in die 1890er Jahre wurden viele Wiener Operetten in Hunderten von Vorstellungen gespielt.
Wieder neue Namen und Besitzer [Bearbeiten]
Die Glanzzeit der Operettenaufführungen war inzwischen jedoch überschritten. 1896 eröffnete der Publizist Raphael Löwenfeld, der 1894 die Schiller-Theater-Gesellschaft gegründet hatte, das Theater als Schillertheater Nord (neben dem Schillertheater Ost im Wallner-Theater). Das Theater verstand sich nun als „Volksbühne von hohem Niveau“ mit Schwerpunkt auf klassischen Schauspielen.[5] Die beiden Schiller-Theater wurden vom selben Ensemble bespielt, im Abonnement wurden pro Jahr 22 Vorstellungen für 22 Mark angeboten.[6] Damit konnten sowohl ein Bildungsauftrag erfüllt, als auch ein Gewinn erwirtschaftet werden, der wiederum ins Unternehmen investiert wurde, was den Schauspielern vorteilhafte Anstellungsbedingungen ermöglichte.[7] 1902 wurde die Kulturstätte zum Friedrich-Wilhelmstädtischen Schauspielhaus,[8][9] das unter diesem Namen bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs Theaterstücke zur Aufführung brachte. Ab 1914 hieß es dann wiederum Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater.[10] Der Komponist Eduard Künneke dirigierte zeitweilig hier seine eigenen Werke. Trotz der Weltwirtschaftskrise 1923 gab es weitere Operetten- und Theatervorstellungen.[3][11] Ab 1925 erhielt es den Namen Dramatisches Theater und gehörte möglicherweise als Filiale zu der entsprechenden Einrichtung in Charlottenburg.[12]
Umbau, Abriss und Anlage eines Bunkers [Bearbeiten]
Nach 1926 wurde es zu einem Kino mit Namen Metro-Palast-Theater G.m.b.H (Lichtspiele) umfunktioniert, im Vorderhaus bot ein Café Metro seine Dienste an.[13] Die Kultureinrichtung musste 1939 mit dem benachbarten Wohnhaus Chausseestraße 31 abgerissen werden. Im Zweiten Weltkrieg wurde 1942/1943 an dieser Stelle ein Luftschutzbunker angelegt,[14][15] in dem vor allem Schwangere und Mütter mit Kleinkindern Schutz suchen konnten. Der Bunker wurde 1953 teilweise gesprengt und die Fläche soweit eingeebnet, dass das Bauwerk nicht zu sehen war.[16] Ab dem Jahr 2012 wurden alle Bauwerksreste beseitigt und die türkische AYG Group errichtet hier ein Hotel nach Plänen der Architekten nps tchoban voss.[17][18]
Einzelnachweise [Bearbeiten]
- ↑ Heinz Flesch: Den Kinos auf der Spur. In: Berlinische Monatsschrift, Heft 12, 1996, S. 32–37; abgerufen am 25. Juli 2012
- ↑ Ruth Freydank: Der Fall Berliner Theatermuseum, Pro Business, Berlin 2011, Teil I, S. 88. ISBN 978-3-86805-901-4
- ↑ a b c d Heinz Classmann: Das Theater an der Chausseestraße. In: Berliner Zeitung am Abend vom 14. Mai 1983
- ↑ Nic Leonhardt: Piktorial-Dramaturgie, Visuelle Kultur und Theater im 19. Jahrhundert,transcript, Bielefeld 2007, S. 343. ISBN 978-3-89942-596-3
- ↑ Raphael Löwenfeld, in: Otto Stolberg-Wernigerode: Neue deutsche Biographie, Bd.: 15, Locherer - Maltza(h)n, Berlin, 1987, S. 90, aufgerufen am 25. Juli 2012
- ↑ Hans Aschenbrenner: Erstmals Vorhang auf im Charlottenburger Schiller-Theater, in: Berlinische Monatsschrift, Heft 1, 1997, S. 50, aufgerufen am 25. Juli 2012..
- ↑ Lexikon: Charlottenburg-Wilmersdorf auf berlin.de, aufgerufen am 25. Juli 2012
- ↑ Berliner Adressbuch 1910: Chausseestr. 30: Friedrich-Wilhelmstädtisches Schauspielhaus
- ↑ siehe auch den Sitzplan, ebenfalls 1910
- ↑ Berliner Adressbuch 1919: siehe Chausseestraße 30
- ↑ Berliner adressbuch 1923: immer noch Friedrich-Wilhelmstädtisches Theater, siehe Chausseestraße 30
- ↑ Berliner Adressbuch 1926: Chausseestraße 30 mit dem Namen Dramatisches Theater (Charlottenburg).
- ↑ Berliner Adressbuch 1938: Chausseestraße 30 mit dem Namen Metro-Palast-Theater G.m.b.H (Lichtspiele)
- ↑ Berliner Adressbuch 1940: Chausseestraße 30/31: Neubau
- ↑ Berliner Adressbuch 1943: Chausseestraße 30/31: Baustellen
- ↑ Dietmar Arnold, Reiner Janick: Sirenen und gepackte Koffer (Bunkeralltag in Berlin), Ch. Links Verlag, Berlin 2003, S. 38–39
- ↑ Chausseestraße 30/31 Titanic 2012 auf facebook.com
- ↑ Zusammenfassung von Bauaktivitäten auf deutsches-architekturforum.de, abgerufen am 25. Juli 2012
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52.53350913.379739Koordinaten: 52° 32′ 1″ N, 13° 22′ 47″ O