Jean-Pierre Léaud

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Dies ist eine alte Version dieser Seite, zuletzt bearbeitet am 20. Oktober 2019 um 21:12 Uhr durch Jameskrug (Diskussion | Beiträge) (→‎Filmografie: Link auf Out 1: Noli me tangere). Sie kann sich erheblich von der aktuellen Version unterscheiden.
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Jean-Pierre Léaud im Jahr 2000

Jean-Pierre Léaud (* 28. Mai 1944 in Paris) ist ein französischer Filmschauspieler. Berühmt wurde er durch die Verkörperung der Hauptfigur im Antoine-Doinel-Zyklus von Regisseur François Truffaut.

Leben

Léaud ist einer der wichtigsten Protagonisten der Nouvelle Vague des französischen Kinos der 1960er Jahre. Er wurde als Kind von François Truffaut entdeckt und gefördert. Der Sohn einer Schauspielerin und eines Drehbuchautors konnte sich beim Casting für die Hauptrolle in Truffauts erstem abendfüllenden Spielfilm durchsetzen. Léaud wurde als Antoine Doinel in den Filmen Sie küßten und sie schlugen ihn (Les quatre cents coups; 1959), Geraubte Küsse (Baisers volés; 1968), Tisch und Bett (Domicile conjugal; 1970) und Liebe auf der Flucht (L'amour en fuite; 1979) international bekannt. Begehrt er in seinem Debüt als Kind gegen eine ignorante Umgebung auf, so gerät er in Geraubte Küsse in Liebeswirren mit Freundin Christine Darbon, gespielt von Truffauts Entdeckung Claude Jade. Seitdem eine Chronik des Paares Antoine und Christine, erleben die beiden das Eheleben in Tisch und Bett. Im letzten Film des Zyklus, Liebe auf der Flucht, lassen sich Antoine und Christine scheiden, bleiben aber Freunde. Die beiden Figuren Antoine und Christine gleichen sich in ihrer Naivität; während Christine mit der Zeit reifer wird, bleibt Antoine auch im Erwachsenenalter kindisch. Zartheit mit Neigung zur Exzentrik und Poesie zeichnen seinen Antoine aus, der zu einer Symbiose aus Truffaut, Doinel und Léaud selbst wird. Der Zyklus, der sich über 20 Jahre erstreckt, ist einmalig in der Geschichte des Films. Auch privat war Truffaut mit seinen Helden verbandelt: Claude Jade wollte er heiraten, nannte sie später "meine dritte Tochter" und blieb ihr freundschaftlich verbunden und Jean-Pierre Léaud wohnte sogar eine Zeit bei seinem nicht nur filmischen Ziehvater.

Léaud spielte in Jean-Luc Godards Masculin – Feminin oder: Die Kinder von Marx und Coca-Cola (Masculin féminin: 15 faits précis; 1966) und erhielt einen Silbernen Bären als Bester Hauptdarsteller bei der Berlinale 1966. Der Film Der Start (Le Départ; 1967) von Jerzy Skolimowski mit Léaud in der Hauptrolle gewann einen Goldenen Bären als Bester Film bei den Berliner Filmfestspielen von 1967.

In der Phase der Zusammenarbeit mit Godard in weiteren Filmen (Die Chinesin, Made in U.S.A., Die fröhliche Wissenschaft) wurden Léauds Figuren kälter und hatten entgegen seinen Truffaut-Filmen humorlose Distanziertheit. Léaud wurde auch zu einem Spielball in einem jahrelangen Zerwürfnis der einstigen Freunde Truffaut und Godard, was der Film Godard trifft Truffaut 2011 thematisierte. Auch Léaud neigte zu Ausbrüchen, etwa bei der Arbeit zu Marcel Cravennes L'éducation sentimentale.

Mit Truffaut arbeitete Léaud neben den Doinels auch in den Filmen Zwei Mädchen aus Wales und die Liebe zum Kontinent (1972) und Die amerikanische Nacht (1973), wobei der Alphonse in letzterem ein Double Doinels war und sich in Rückblenden im letzten Doinel-Abenteuer Liebe auf der Flucht wiederfindet: So schneidet Truffaut in einen Streit der Figuren Alphonse (Léaud) und Liliane (Dani) Zwischenschnitte auf Christine (Claude Jade), die den Streit schlichtet, so dass auch Alphonse ein Teil der fiktiven Biographie Doinels wird. Neben seinen Meistern arbeitet Léaud mit weiteren Größen: Bernardo Bertolucci engagierte ihn 1972 für das Erotikdrama Der letzte Tango in Paris als Maria Schneiders Regisseursfreund Tom. Avantgardistisch arbeitete er in den Autorenfilmen von Jacques Rivette und Jean Eustache. Eustaches Die Mama und die Hure zählt neben Geraubte Küsse zu seinen wichtigsten Filmen. Weitere wichtige Regisseur sind Pier Paolo Pasolini für Der Schweinestall und Glauber Rocha für Der Leone have sept cabeças, eine Abrechnung mit dem europäischen Kolonialismus.

1975 drehte Léaud einen Film in Deutschland. Die Gangstersatire Umarmungen und andere Sachen wurde unter der Regie von Jochen Richter in einem Bergdorf in Bayern gedreht. Co-Produzent dieses Films war Bernd Eichinger. Doch reine Kommerzfilme wie dieser blieben die Ausnahme in Léauds Schaffen.

Nach Truffauts Tod 1984 wollte sich 1986 der Politiker Daniel Cohn-Bendit mit einer erneuten Fortsetzung der Antoine-Doinel-Reihe als Filmemacher etablieren und kontaktierte Claude Jade, die Léauds Partnerin in den letzten drei Filmen der Reihe war. Das Projekt kam jedoch nicht zustande.

1990 feierte Léaud ein Comeback in I hired a Contract Killer von Aki Kaurismäki. Seitdem ist er gelegentlich Hauptdarsteller in Filmen junger Regisseure, so 2001 in dem französisch-kanadischen Film Der Pornograph (Le Pornographe) von Bertrand Bonello. Nach längerer Leinwandabstinenz spielte Léaud eine kleine Rolle in einem Film von Aki Kaurismäki, Le Havre, der 2011 in Cannes uraufgeführt wurde.

2016 spielte er unter der Regie von Albert Serra in La mort de Louis XIV den sterbenden König Ludwig XIV.

Im Jahr 2000 erhielt er einen Ehren-César. 2016 wurde ihm die Goldene Palme der Internationalen Filmfestspiele von Cannes als Ehrenpreis für sein Lebenswerk zuerkannt.[1]

Filmografie

Auszeichnungen

Weblinks

Commons: Jean-Pierre Léaud – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. The honory Palme d'or awarded to Jean-Pierre Léaud bei festival-cannes.com, 10. Mai 2016 (abgerufen am 10. Mai 2016).