Le Havre (Film)

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Filmdaten
Originaltitel Le Havre
Produktionsland Finnland, Frankreich, Deutschland
Originalsprache Französisch
Erscheinungsjahr 2011
Länge 93 Minuten
Altersfreigabe FSK 0[1]
JMK 6[2]
Stab
Regie Aki Kaurismäki
Drehbuch Aki Kaurismäki
Produktion Sputnik, Pyramide Productions, Pandora Film
Kamera Timo Salminen
Schnitt Timo Linnasalo
Besetzung
Hauptdarsteller André Wilms (Cannes 2011)

Le Havre ist ein Spielfilm des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki aus dem Jahr 2011. Die französischsprachige Tragikomödie spielt in der titelgebenden französischen Hafenstadt. Im Mittelpunkt steht dabei ein Schuhputzer (dargestellt von André Wilms), ein ehemaliger Literat, der sich eines Flüchtlingskindes aus Afrika annimmt. Der Film feierte am 17. Mai 2011 im Wettbewerb der 64. Filmfestspiele von Cannes Premiere. Der deutsche Kinostart war am 8. September 2011, der in Finnland einen Tag später.[3]

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Marcel Marx, ein früherer Literat und Möchtegern-Künstler, dessen Erfolg wohl „eher künstlerischer Art“ war, ist von Paris in die französische Hafenstadt Le Havre gezogen. Seinen Traum als Schriftsteller hat er aufgegeben; er verdient sich seinen Lebensunterhalt mehr schlecht als recht als Schuhputzer in der Nähe des Bahnhofs. Mit seinem Leben zufrieden glaubt er, der Gesellschaft auf diese Weise besser dienen zu können. Er lebt in einem kleinen Haus, wo ihm seine liebevolle Ehefrau Arletty und die Hündin Laïka zur Seite stehen.

Regelmäßig sucht Marcel in Le Havre seine Stammkneipe auf. Eines Tages trifft er in seiner Mittagspause zufällig auf Idrissa, der sich unter dem Pier im Wasser verschanzt hat. Der Junge aus Gabun ist in einem Container illegal nach Frankreich eingereist und vor den Behörden geflüchtet. Er wird von Marcel aufgenommen.

Unterdessen wird bei Arletty Krebs diagnostiziert. Sie hält ihr Wissen um die unheilbare Krankheit vor ihrem Ehemann geheim und bittet die Ärzte, es ihr gleich zu tun, da ihr Mann trotz seines fortgeschrittenen Alters nie erwachsen geworden sei und den Alltag von seiner Frau regeln lasse. Marcel hilft Idrissa trotz aller Widerstände dabei, nach London zu gelangen, wo ihn seine Mutter erwartet. Unterstützt wird er von einer solidarischen Nachbarschaft, die unter anderem aus dem ihm eigentlich nicht sehr wohlgesinnten Gemüsehändler, der Bäckerin Yvette, dem sich in der Stadt mittlerweile legal aufhaltenden Cheng sowie dem Sänger Roberto Piazza („Little Bob“) besteht. Ein Fischer erklärt sich bereit, Idrissa mit an Bord zu nehmen und ihn an einen Kollegen zu übergeben, der 3.000 Euro für die Fahrt verlangt. Marcel kann Bob überzeugen, für ihn ein Wohltätigkeitskonzert zu veranstalten, um die Schlepper für Idrissa bezahlen zu können. Dafür muss er zunächst Roberto mit seiner Partnerin versöhnen. Die Geheimhaltung von Idrissas Anwesenheit wird zunehmend schwieriger, da ein Nachbar bei der Polizei Anzeige erstattet hat. Doch der nach dem Jungen fahndende Kommissar Monet setzt sich für den Jungen ein. Er informiert Marcel über eine geplante Razzia, und als seine Kollegen das Boot, auf welchem Idrissa die Stadt verlassen soll, durchsuchen wollen, versperrt er die Luke, unter welcher sich der Junge versteckt hält.

Marcels bettlägerige Frau erholt sich derweil im Krankenhaus wie durch ein Wunder von ihrem schweren Leiden.

Soundtracks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nr. Titel Interpret
1. Apotheosis Einojuhani Rautavaara
2. Matelot The Renegades
3. Musettina Erkki Friman
4. Bolero Antero Jakoila
5. Pour un seul amour Damia
6. Chansons Gitanes Damia
7. Jambaar Hasse Walli & Asamaan
8. La Nostalgique Alain Chapelain
9. Chanson du pavé Alain Chapelain
10. Petite prélude et fugue en mi mineur
(BWV 555, Johann Sebastian Bach)
Damien Calais
11. Statesboro Blues Blind Willie McTell
12. Sheila ‘n’ Willy Little Bob
13. Maailmanpyörä Aaro Kurkela
14. Cuesta Abajo Carlos Gardel
15. Libero Little Bob

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit Le Havre fand Aki Kaurismäki nach Das Leben der Bohème (1992) wieder zum französischsprachigen Film zurück. In diesem hatte ebenfalls der französische Schauspieler André Wilms die Figur des Marcel Marx verkörpert, die nach dem französischen Filmregisseur Marcel Carné und dem deutschen Philosophen und Ökonomen Karl Marx benannt wurde. Für den Namen der Ehefrau der Hauptfigur stand die französische Schauspielerin Arletty Pate.[4]

Die Idee, das Thema von illegalen Flüchtlingen in der Europäischen Union aufzugreifen, war Kaurismäki angeblich schon vor einigen Jahren gekommen. Er wusste jedoch nicht, wo er die Geschichte, die in fast jedem europäischen Land hätte spielen können, drehen sollte. Für die Filmvorbereitungen reiste er die europäische Küste entlang, von Genua über Südfrankreich, Spanien, Portugal und den Golf von Biskaya bis in die Niederlande, und entdeckte schließlich Le Havre, „die Stadt des Blues und Souls und Rock’n Roll“, so Kaurismäki, als Schauplatz für seinen Film.[5] Zur Vorbereitung auf den Film studierte er die Werke von Marcel Carné. Er habe aber nicht sehr viel aus den Filmen übernehmen können, ansonsten wäre ihm Le Havre in ein ernstes Melodram abgeglitten. Als Darsteller wählte Kaurismäki neben den ihm schon bekannten Wilms und seiner finnischen Landsmännin Kati Outinen den Franzosen Jean-Pierre Darroussin sowie den lokalen Sänger Roberto Piazza alias „Little Bob“ aus.[5] Die Dreharbeiten waren vom 23. März bis 12. Mai 2010 in Le Havre angesetzt.[6] Die Kosten waren mit 3,85 Millionen Euro veranschlagt, darunter 750.000 Euro von der Finnischen Filmstiftung, der Suomen elokuvasäätiö. Es handelte sich um den größten Zuschuss für einen finnischen Film im Jahr 2010.[7]

Als Grundfarbe seines Films wählte Kaurismäki wie bei seinen vorangegangenen Werken Blau und Grau und er fügte gelbe und rote Farbtupfer hinzu. Bei der roten Farbe ließ er sich von den Filmen Yasujirō Ozus inspirieren.[8] Der finnische Regisseur werde laut eigenem Bekunden „alt“, weshalb er sich nicht mehr absurden Filmen widme, sondern bestimmte Themen wie Arbeitslosigkeit aufgreife, die er dann in Form eines Märchens verarbeite. Er sei, so Kaurismäki selbst, Pessimist und zu sensibel, um traurige Filme zu inszenieren. Le Havre sei mit seinen zwei Happy Ends kein realistischer Film.[9]

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der französischen Presse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kaurismäkis Film wurde von der französischen Fachkritik im erweiterten Favoritenkreis für die Goldene Palme, den Hauptpreis der Filmfestspiele von Cannes, gesehen.[10] Laut Thomas Sotinel (Le Monde) erzählt Kaurismäki dieselbe Geschichte wie Philippe Lioret in Welcome (2009), er füge auch Fernsehbilder von der gewaltsamen Zerstörung des „Dschungels von Calais“, einem Zeltlager von Flüchtlingen am Ärmelkanal, durch die französische Polizei am 22. September 2009 bei. Diese Wirklichkeit mache der Finne aber zu einer „nostalgischen und verzauberten Welt“, was an der Architektur der Hafenstadt, den alten Automobilen (unter anderem der von Kommissar Monet verwendete Renault 16) und den panoramahaft-methodischen Einzelbildern liege. Die Grenzpolizisten seien direkte Nachfahren der Keystone Cops, während der Handlungsfaden von Arlettys Krankheit an die Hollywood-Melodramen der 1920er Jahre erinnere.[11] Philippe Azoury (Libération) behauptete ebenfalls, dass Le Havre ein „Märchen“ sei. Er zog Vergleiche zu Werken von Robert Guédiguian, Charles Chaplin, Yasujirō Ozu, Jacques Tati und Jim Jarmusch. Die Farben verliehen der Stadt ein Gefühl der Unruhe, während Hauptdarsteller André Wilms all jene Dinge wiederhole, die man von Chaplin kenne. Visuell sei Le Havre einer der besten Filme Kaurismäkis, er biete jedoch wenig Hintergrund und sei zu artifiziell. „Die Frage nach der Wirklichkeit (einem realen Ort, einem kniffligen politischen Thema) funktioniert hier nicht wie das Kaninchen aus dem Hut des Magiers, der nur an seinen Tricks interessiert ist“, so Azoury.[12]

In der deutschsprachigen Presse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dem Welt-Rezensenten Matthias Heine erscheint der Regisseur mit dem Alter immer optimistischer: „Bei ihm macht Armut nicht hässlich und gemein wie etwa bei Brecht, sondern gut und schön – zumindest innerlich schön“.[13] Von einer „Solidargemeinschaft, die unmittelbar und selbstlos Humanität praktiziert“, war in der Frankfurter Rundschau die Rede.[14] Die ausführenden Organe des Staats werden als „ruppige Vollzugsbeamte“,[15] „herzlos agierende Büttel der Staatsmacht“[16] oder als „Übermacht […] deren auffallendstes Kennzeichen fehlende Mitmenschlichkeit ist“[14] bezeichnet.

Vielfach drehten sich die Kritiken um das Verhältnis zwischen Realität und stilisiertem Kaurismäki-Universum. Wilfried Hippen (taz) entdeckte etwas Neues im Werk des Finnen: „Realität bricht in seine so sorgfältig stilisierte Kunstwelt ein.“ Die Flüchtlinge seien keine typischen Kaurismäki-Figuren, sondern „naturalistisch in Szene gesetzte Menschen“.[16] Im Spiegel nannte Martin Wolf sie „Boten aus der Wirklichkeit“, die in die Welt der „Melancholiker mit Hang zu sanftem Sarkasmus und harten Getränken“ eindringen. Die beiden Welten passten deshalb zusammen, weil eigentlich alle Kaurismäki-Figuren schon immer auf der Flucht gewesen seien, vor dem eigenen Leben, vor der Tristesse oder dem finnischen Winter.[15] Zwar seien alle seine Filme Märchen, bemerkte Christoph Egger in der NZZ, dieses aber sei nicht mehr grimmig-realistisch, sondern ein elysisches mit guten Menschen.[17] „Nur in konsequent unwirklichem Ambiente“ sei eine Welt möglich, in der „es Menschlichkeit gibt, Anstand, Solidarität“, meinte Christiane Peitz vom Tagesspiegel. Le Havre beschwöre einen Hafen der Brüderlichkeit. „Wem das zu simpel ist, der verkennt die Verzweiflung, die hinter der Erkenntnis steckt, dass diese Geschichte von der Rettung eines afrikanischen Flüchtlings gar nicht von dieser Welt sein kann.“[18]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Le Havre wurde bei den Filmfestspielen von Cannes mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet.[19] Beim Münchner Filmfest erhielt er 2011 als bester ausländischer Film den ARRI-Preis.[20] Außerdem gewann der Film 2011 als bester Spielfilm den Goldenen Hugo des Chicago International Film Festival und den renommierten französischen Louis-Delluc-Preis.

Bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises erhielt Le Havre 2011 vier Nominierungen (Bester europäischer Film, Regie, Darsteller – André Wilms, Drehbuch). Gleichzeitig war der Film Finnlands Oscar-Kandidat 2012 für den besten fremdsprachigen Film, er kam aber nicht in die engere Auswahl. Bei der César-Verleihung 2012 folgten Nominierungen in den Kategorien Bester Film, Beste Regie und Bestes Szenenbild. Im selben Jahr gewann Le Havre bei der Verleihung des finnischen Filmpreises Jussi sechs Preise, darunter jene für den besten Film und die beste Regie.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Freigabebescheinigung für Le Havre. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, August 2011 (PDF; Prüf­nummer: 128 843 K).
  2. Alterskennzeichnung für Le Havre. Jugendmedien­kommission.
  3. Release dates in der Internet Movie Database (englisch; aufgerufen am 22. Mai 2011)
  4. Anke Westphal: Viel zu reden, viel zu lachen. In: Berliner Zeitung, 18. Mai 2011, S. 27
  5. a b Interview mit Christina Masson in der offiziellen Cannes-Pressemappe (PDF-Datei; 3,94 MB), S. 9–10 (englisch; aufgerufen am 22. Mai 2011)
  6. Synopsis des prochains tournages dans la cit bei paris-normandie.fr, 17. Februar 2010 (aufgerufen am 22. Mai 2011)
  7. Nyhetsarkivet: Kaurismäki får 750 000 euro till sin nya film bei svenska.yle.fi, 16. Februar 2010 (schwedisch; aufgerufen am 22. Mai 2011)
  8. Dokumentation zu Le Havre bei arte.tv, 18. Mai 2011, 2:35 min ff. (aufgerufen am 22. Mai 2011)
  9. Dokumentation zu Le Havre bei arte.tv, 18. Mai 2011, 4:05 min ff. (aufgerufen am 22. Mai 2011)
  10. vgl. Übersicht der französischen Fachpresse bei lefilmfrancais.com (französisch; aufgerufen am 22. Mai 2011)
  11. Thomas Sotinel: Le Havre: Le marxisme selon Kaurismäki. In: Le Monde, 19. Mai 2011, S. 26
  12. Philippe Azoury: «Le Havre», palette du Festival. In: Libération, 18. Mai 2011, Nr. 9334, S. 2
  13. Matthias Heine: Karl Valentin als Todesengel. In: Die Welt, 8. September 2011, S. 21
  14. a b Anke Westphal: Die Macht der kleinen Leute. In: Frankfurter Rundschau, 6. September 2011, S. 34
  15. a b Martin Wolf: Wunder geschehen. In: Der Spiegel, 5. September 2011, S. 143
  16. a b Wilfried Hippen: Die Hilfe der Boheme. In: die tageszeitung, 8. September 2011, S. 25
  17. Christoph Egger: Die guten Menschen von Le Havre. In: Neue Zürcher Zeitung, 29. September 2011, S. 51
  18. Christiane Peitz: Das Wunder von nebenan. In: Der Tagesspiegel, 8. September 2011, S. 28
  19. John Hopewell: 'Le Havre' win top Fipresci crits' award bei variety.com, 21. Mai 2011 (aufgerufen am 22. Mai 2011)
  20. http://www.filmfest-muenchen.de/de/aktuelles/news/2011/7/arri-cinevision.aspx