Ömer Seyfettin

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Ömer Seyfettin (* 1884 in Gönen (Provinz Balıkesir); † 6. März 1920 in Istanbul) war einer der wichtigsten Schriftsteller des spätosmanischen Reichs. Er gilt als Klassiker der türkischen Literatur und wurde vor allem durch seine Kurzgeschichten (Hikayeler) berühmt, welche sich dadurch auszeichnen, dass sie die türkische Volkssprache in ihrem Istanbuler Dialekt als Literatursprache verwenden.[1]

Leben[Bearbeiten]

Ömer Seyfettin wurde 1884 in Gönen in der Provinz Balıkesir in der Nähe des südlichen Ufers des Marmara-Meers geboren. Sein Vater Ahmed Sevki Bey war Major in der Armee und stammte ursprünglich aus einer kaukasisch-tscherkessischen Familie aus dem Stamms der Hatkoy. Er soll einen strengen und autoritären Charakter gehabt haben, was vielleicht auf seine Vertreibung nach dem Ende der Russisch-Kaukasischen Kriege 1864 zurückzuführen ist.[2] Seine Mutter Fatma Hanım stammte aus einer Istanbuler Intellektuellenfamilie, war sehr religiös und las ihm häufig aus dem Koran vor. Sie blieb auch im späteren Leben ein steter Referenzpunkt für den Schriftsteller.[3]

Durch den Beruf des Vaters musste die Familie häufig umziehen. Ab 1893 wurde Ömer nach Istanbul in die Obhut seines Onkels Kocamustafapaşa gegeben und erhielt dort den Großteil seiner Schulbildung an Militärschulen (darunter die berühmte Mekteb-i Harbiye-i Şahane). Ab 1906 unterrichtete er an der Izmir Jandarma Okulu (Militärschule von Izmir). In dieser Zeit lernte er Französisch und kam über seine Freunde Baha Tevfik und Necip Türkçü mit europäisch-westlichen Ideen in Kontakt. 1909 wurde er in die dritte Armee versetzt, welche in Selanik (Thessaloniki) stationiert war und vornehmlich christlich-nationalistische Guerilla-Einheiten auf dem Balkan bekämpfte. Zudem bildete seine Armeeeinheit eine Hauptstütze der zweiten konstitutionellen Ordnung.[4] Die Erfahrungen dieser Zeit spiegeln sich in vielen seiner Geschichten wider.

Seit 1910 begann er in Zeitschriften zu veröffentlichen und trat 1911 aus der Armee aus, um sich dem Schreiben zu widmen. Er wurde schnell Beiträger der Zeitschrift Genç Kalemler (Junge Stifte) in Selanik, welche zunächst unter dem Namen Hüsn-ü Şiir (Schönheit und Poesie) erschien. Sie war Teil der nach Lockerung der Zensur 1908 florierenden Presselandschaft. Obwohl prinzipiell der Literatur gewidmet, war sie ein Ort vielfältiger, hochpolitischer Debatten im Kontext der Krisenjahre des Imperiums.[5] Zu dem Netzwerk der Zeitschrift gehörten zentrale intellektuelle Figuren des türkischen Nationalismus, darunter Ziya Gökalp, Ali Canip Yöntem und Fuat Köprülü.[6]

1912/13 trat er während der Balkankriege nochmals in die Armee ein. Als Kriegsgefangener gegen Ende des Krieges inhaftiert, konnte er erst am 28. November 1913 nach Istanbul zurückkehren – Selanik war im Friedensvertrag von Bukarest Griechenland zugesprochen worden.[7] Anschließend unterrichtete er bis zu seinem Tod am Kabataş Mekteb-i Sultanisi (Kabataş-Gymnasium) in Istanbul Literatur. Die Jahre ab 1917 waren die produktivsten seines Lebens: er veröffentlichte zahlreiche Essays, Kurzgeschichten und Gedichte in Zeitschriften wie Türk Sözu (Die Stimme der Türken), Donanma (Die Flotte, offizielle Zeitschrift der Osmanischen Marine) und Vakit (Die Zeit). Besonders wichtig war in dieser Zeit eine Reihe von Kurzgeschichten einer Propagandakampagne unter dem Titel „Eski Kahramanlar“ (Alte Helden), die er auf Betreiben von General Enver Paşa (1881-1922) für Yeni Mecmua (Neue Zeitschrift) schrieb.[8] Er starb 36-jährig am 6. März 1920 nach kurzer, schwerer Krankheit.[9]

Werk[Bearbeiten]

Ömer Seyfettins Ruhm beruht in erster Linie auf seinen Kurzgeschichten – obwohl als literarische Form schon seit dem 19. Jahrhundert weit verbreitet, war er derjenige, der am meisten für die Verbreitung dieses Genres in der türkischen Literatur getan hat.[10] Sie zeichnen sich durch ihre Verwendung der türkische Volkssprache aus. Dies bedeutete gegenüber der osmanischen Staatssprache vor allem eine Vereinfachung: im Vokabular wurde auf persische und arabische Lehnwörter verzichtet, wie sie lange die osmanische Literatur gekennzeichnet hatten; in der Grammatik wurden arabische Plurale sowie persische Genetivverbindungen durch entsprechende türkisch-umgangssprachliche Elemente ersetzt.[11]

Insgesamt sind von ihm bislang über 130 Erzählungen nachgewiesen, einige davon unvollendet. Da er häufig unter Pseudonymen schrieb, wird diese Zahl wohl noch ansteigen.[12] Thematisch orientieren sich die Erzählungen vor allem an volkstümlichen Themen und lassen sich in fünf Gruppen einteilen: autobiographische Schriften, Fabeln, historische Erzählungen, Kriegserzählungen und kontemporäre Alltagsthemen.[13] Durch seine Erzählungen und sonstigen Schriften ziehen sich als Leitmotive der soziale Wandel der spätosmanischen Gesellschaft und sein geradezu pädagogischer Impetus, mit dem er die Leserinnen und Leser von der politischen Notwendigkeit einer nationalen Einigung der Türken überzeugen wollte. Es ist ihnen zugeschrieben worden, dass sie „in sich fast eine Bibliothek des türkischen Nationalismus“ seien.[14]

Werkausgaben[Bearbeiten]

(in moderner türkischer Transkription)

  • Seyfettin, Ömer (2007ff): Bütün Eserleri [Sämtliche Werke]. 2. Aufl. 6 Bände. Hg. v. Hülya Argunşah. İstanbul: Dergâh Yayınları.

(in deutscher Übersetzung)

  • Frank, Carl (1920): Türkische Erzähler: übersetzt und mit Einführungen versehen. München: Roland Verlag.
  • Frese, Frank (Hg.) (1947): Türkei. Gauting bei München: Bavaria-Verlag (Stimmen der Völker. Meisternovellen der Weltliteratur, Heft 10).
  • Spies, Otto (1927): Türkische Erzähler der Gegenwart: eingeleitet und übersetzt. Berlin: Weltgeist-Bücher.
  • Spies, Otto (1942): Das Blutgeld, und andere türkische Novellen: ausgewählte Übersetzungen aus der modernen türkischen Literatur. Leipzig: F. Meiner.
  • Spies, Otto (1949): Das Geisterhaus türkische und ägyptische Novellen. Kevelaer: Butzon & Bercker.
  • Seyfettin, Ömer (2010): Der einsame Rebell, Darmstadt: Manzara Verlag. ISBN 978-3-939795-05-6
  • Seyfettin, Ömer (2008): Primo, der türkische Junge, (2008) Darmstadt: Manzara Verlag. ISBN 978-3-939795-02-5
  • Seyfettin, Ömer (2012): Falaka Die Prügelstrafe, (2012) Pfungstadt: Manzara Verlag. ISBN 978-3-939795-17-9
  • Seyfettin, Ömer (2012): Die hohen Absätze, (2012) Pfungstadt: Manzara Verlag. ISBN 978-3-939795-16-2
  • Seyfettin, Ömer (2013): Das Spukhaus, (2013) Pfungstadt: Manzara Verlag. ISBN 978-3-939795-21-6
  • Seyfettin, Ömer (2013): Frühling und Schmetterlinge, (2013) Pfungstadt: Manzara Verlag. ISBN 978-3-939795-43-8

Literatur[Bearbeiten]

  • Arai, Masami (1992): Turkish Nationalism in the Young Turk Era. Leiden u.a.: Brill.
  • Argunşah, Hülya (2007): Önsöz [Vorwort]. In: Ömer Seyfettin: Bütün Eserleri [Sämtliche Werke], Bd. 1. 2. Aufl. Hg. v. Hülya Argunşah. İstanbul: Dergâh Yayınları, S. 15–47.
  • Berktay, Halil (2008a): Kenan’ın fazilet ve insaniyetten kopuşu [Kenans Abschied von Tugend und Menschlichkeit]. In: Taraf, 18. September 2008.
  • Berktay, Halil (2008b): Bir İttihatçı ön-faşistinin insaniyet düşmanlığı [Der prä-faschistische Hass eines Unionisten auf die Menschlichkeit], in: Taraf, 20. September 2008.
  • Canip Yöntem, Ali (1935): Ömer Seyfeddin. Hayatı ve eserleri [Sein Leben und Werk]. Istanbul: Muallim Ahmet Halit Kitaphanesi.
  • Dikici, A. Ezgi (2008): Orientalism and the Male Subject of Turkish Nationalism in the Stories of Omer Seyfeddin. In: Middle Eastern Literatures 11 (1), 85–99.
  • Enginün, Inci (2007): Sunuş [Einführung]. In: Ömer Seyfettin: Bütün Eserleri [Sämtliche Werke], Bd. 1. 2. Aufl. Hg. v. Hülya Argunşah. İstanbul: Dergâh Yayınları, 5–14.
  • Karpat, Kemal H. (2002): Social Environment and Literature. The Reflection of the Young Turk Era (1908-1918) in the Literary Work of Omer Seyfeddin (1884—1920). In: ders. (Hg.): Studies on Ottoman social and political history. Selected articles and essays. Leiden/Boston: Brill, 822–846.
  • Köroğlu, Erol (2007): Ottoman propaganda and Turkish identity. Literature in Turkey during World War I. London/New York: Tauris Academic Studies.
  • Spies, Otto (1943): Die türkische Prosaliteratur der Gegenwart. In: Die Welt des Islams 25 (1/3), 1–120.

Literaturnachweise[Bearbeiten]

  1. Spies 1943: 17
  2. Argunşah 2007: 15
  3. Karpat 2002: 826
  4. Argunşah 2007: 15ff
  5. Arai 1993: 24f
  6. Ebd.: 40f; Argunşah 2007: 18
  7. Mazower 2005: 289
  8. Argunşah 2007: 17f
  9. Canip Yöntem 1936: 21f
  10. Köroğlu 2007: 153
  11. Spies 1943: 17
  12. Argunşah 2007: 35
  13. Enginün 2007: 11ff
  14. Berktay 2008a

Weblinks[Bearbeiten]