1979 (Roman)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

1979 ist der Titel eines 2001 erschienenen Romans des schweizerischen Schriftstellers Christian Kracht, der 1995 mit dem Erscheinen von Faserland den Boom der sogenannten Popliteratur ausgelöst hatte.

Synopsis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Handlung spielt, wie der Titel vermuten lässt, im Jahr 1979. Der Ich-Erzähler reist mit seinem Ex-Freund Christopher nach Teheran, das zu diesem Zeitpunkt im Zeichen der islamischen Revolution von Chomeini steht. Als Christopher nach einem Drogenexzess stirbt, wird der Erzähler von einem mysteriösen Rumänen ermutigt, den heiligen Berg Kailash in Tibet zu umrunden. Dort wird er von der chinesischen Armee aufgegriffen und in einem Straflager in der Wüste Lop Nor interniert.

Analyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ich-Erzähler bleibt angesichts der politischen Ereignisse für den Leser auffallend unberührt; einige gesellschaftliche und soziale Geschehnisse im Rahmen der islamischen Revolution wie auch im kommunistischen Lager benennt er, wendet sich jedoch sogleich unbedeutenden Details zu, wie z. B. der Raumeinrichtung, Kunst, Essen, Musik. Hierdurch wird das Unpolitische betont (was eher eine Betonung oder Um-Wertung der Wahrnehmung des Politischen und Geschichtlichen ist), wie sie auf den ersten Blick weniger in das Jahr 1979 als in die Zeit der Jahrtausendwende passt.

Letztlich muss daher der Leser für den Ich-Erzähler die Erlebnisse reflektieren; dieser scheint dazu nicht in der Lage oder lehnt es ab, davon zu erzählen. Diese Erzählposition ist es auch, mit der „1979“ potentielle Fallen wie eine allzu simple Karikatur des Dandy im Tumult der Geschichte zu vermeiden sucht. Der Ich-Erzähler schreitet keineswegs souverän durch dieses apokalyptisch übersteigerte Szenario. Huber (2007) weist darauf hin, dass der Ästhet (sensu Kracht) insgesamt „durch seine ästhetizistische Sicht auf die Welt zur Individuation gezwungen [ist]. Eine Kontaktaufnahme zu seinen Mitmenschen kann keine unmittelbare Kontaktaufnahme sein, denn als Ästhet ist er gewohnt, Gefühle durch einen ästhetischen Code zu sublimieren.“[1]

Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman wurde bislang in das Niederländische, Estnische, Bulgarische, Litauische, Lettische, Russische, Italienische, Hebräische, Spanische, Dänische, Rumänische und Französische (in Anspielung auf Samuel Becketts „Fin de Partie“ als „Fin de Party“) übersetzt.

Literaturwissenschaftliche Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Roman und Autor sind Gegenstand verhältnismäßig zahlreicher wissenschaftlicher (Qualifikations-)Arbeiten. Zunehmend häufig wird hierbei davon ausgegangen, dass der Roman im Rahmen eines postmodernen Literaturverständnisses gelesen werden sollte, bzw. aus einem solchen heraus verfasst wurde. Anhaltspunkte hierfür liefern beispielhaft die Arbeiten von Drügh[2], Roenneke[3], von der Heide[4], Schneider[5], Vilas-Boas[6] und Weyand[7].

Theater und Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2004 läuft eine Bühnenversion von 1979 an verschiedenen deutschsprachigen Theaterhäusern unter der Regie von Matthias Hartmann; am Schauspielhaus Zürich, am Schauspielhaus Bochum, am Niedersächsischen Staatstheater in Hannover und am Burgtheater Wien.

Trivia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Original-Hardcover-Ausgabe des Romans wurde u.a. von Peter Saville gestaltet, einem Graphik-Designer aus Manchester, bekannt für die Gestaltung von Plattencovern u.a. von Joy Division, Suede, Orchestral Manoeuvres in the Dark, Pulp oder New Order, insbesondere von deren 12″-Cover von Blue Monday.
  • Der Roman ist dem 1993 verstorbenen Popjournalisten Olaf Dante Marx gewidmet.
  • Die dtv-Taschenbuchausgabe ziert eine Reproduktion eines Gemäldes[8] des norwegischen (selbsternannten Kitsch-)Malers Odd Nerdrum.
  • Eine Hörbuchversion, gelesen vom Autor, auf 3 CDs, ist ebenfalls erhältlich. Sie trägt ein Zitat aus Jean Baudrillards Der symbolische Tausch und der Tod auf dem Cover.
  • Die oben genannte Originalausgabe ist darüber hinaus in der Bauer Bodoni gesetzt, einer manierierten Schrift der Romantik mit aufreizenden Strichstärken-Kontrasten. Das Buch weicht dadurch erheblich und auch für den Laien auffallend vom Garamond-Mainstream der meisten gegenwärtigen Buchveröffentlichungen ab.

Belege[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. T. Huber (2007): Ästhetizismus in Fin de Siècle und Popliteratur: Hugo von Hofmannsthals lyrische Dramen und Christian Krachts Romane. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Erlangung des akademischen Grades eines Magister Artium der Universität Hamburg, S. 82f.
  2. Drügh, H. (2007) ‘... und ich war glücklich darüber, endlich seriously abzunehmen’: Christian Krachts Roman 1979 als Ende der Popliteratur? Wirkendes Wort Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre: 1.
  3. Roenneke, S. (2007) Camp und Prosa. Camp in der Literatur am Beispiel der Prosaauszüge der Autoren Irving Rosenthal, Kirby Doyle und Hubert Selby sowie dem Roman 1979 von Christian Kracht. Master’s thesis, Ruhr-Universität Bochum.
  4. von der Heide, T. (2007) "Ein buddhistischer Bildungsroman – Christian Krachts 1979 als Abschied vom Pop", Master’s thesis, Universität Köln, Institut für Deutsche Sprache und Literatur.
  5. Schneider, M. (2006) "Zerstörung des Selbst, Erwartung des Anderen: Opferfiguren in den imaginären Orientreisen Der Sandmann von Bodo Kirchhoff und 1979 von Christian Kracht," in Wenn die Rosenhimmel tanzen. Orientalische Motivik in der deutschsprachigen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Institute of Germanic & Romance Studies, University of London.
  6. Vilas-Boas, Gonçalo (2007) "Krachts 1979 : ein Roman der Entmythisierungen". In: Mythisierungen, Entmythisierungen, Remythisierungen. Zur Darstellung von Zeitgeschichte in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. München: Iudicium, 2007, pp. 82-96.
  7. Björn Weyand: Die unendliche Zirkulation: Christian Krachts Roman "1979" (2001) und die politische Ökonomie der Zeichen in der Popmoderne. In: Poetik der Marke. Konsumkultur und literarische Verfahren 1900-2000. de Gruyter, Berlin 2013, ISBN 978-3-11-030117-5.
  8. Das Gemälde (Memento vom 28. Oktober 2007 im Internet Archive) auf nerdrum.com

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Interessantes

Rezensionen