4,2-Kilojahr-Ereignis

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Das 4,2-Kilojahr-Ereignis dürfte wegen seiner Auswirkungen auf die damals bestehenden Kulturen einer der deutlichsten Klimaeinschnitte des Holozäns gewesen sein.[1]

Es setzte gegen 2250 v. Chr. ein und dauerte das gesamte 22. Jahrhundert v. Chr. Der Zusammenbruch des Alten Reichs in Ägypten sowie des Akkadischen Reichs in Mesopotamien sind mit aller Wahrscheinlichkeit von ihm ausgelöst worden.[2] Die Indus-Kultur reagierte auf die langanhaltende Dürre mit einer Verlagerung ihrer Siedlungen nach Südosten.[3]

Zur Bezeichnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Bezeichnung 4,2-Kilojahr-Ereignis, englisch 4.2 kiloyear event oder auch Holocene event 3, leitet sich ab von 4,2 Kilojahren, gleichbedeutend mit 4,2 · 1000 Jahren oder 4200 Jahren vor heute bzw. 2200 v. Chr.

Nachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rekonstruierte Temperaturaufzeichnungen im Zentrum Grönlands, gewonnen aus dem Eisbohrkern Gisp 2. Im Vergleich zum 8,2-Kilojahr-Ereignis ist das 4,2-Kilojahr-Ereignis nur sehr undeutlich ausgeprägt.

Ein Zeitabschnitt extremer Dürre, der vor 4200 Jahren erfolgte, kann deutlich für Nordafrika,[4] den Nahen Osten,[5] das Rote Meer,[6] die Arabische Halbinsel,[7] den Indischen Subkontinent[3] und für das Innere Nordamerikas [8] nachgewiesen werden. Zum selben Zeitpunkt stießen die Gletscher im Westen Kanadas erneut vor.[9] Weitere Indizien finden sich in italienischen Höhlenablagerungen,[10] in der Eiskappe des Kilimanjaro[11] und im Gletschereis der Anden.[12] Diese Dürreperiode, die in Mesopotamien erst um 2150 v. Chr. richtig zur Entfaltung kam und mit einer Abkühlung im Nordatlantikraum korrelierbar ist, ist auch als Bond-Ereignis 3 bekannt.[1]

Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Altes Reich in Ägypten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um 2150 v. Chr. erlebte das Alte Reich eine Reihe außergewöhnlich niedriger Nilfluten, die zu einem Zusammenbruch der zentralen Regierungsgewalt führten. [13] Hungersnöte, soziale Wirren und gesellschaftliche Auflösungserscheinungen waren die Folge. Großprojekte wie der Pyramidenbau kamen zum Erliegen. Erst nach 40 Jahren konnte in einigen Gauen die alte Ordnung wiederhergestellt werden. Nach einem Wandel im Selbstverständnis des Pharaonentums gelang schließlich die Wiedervereinigung, die von fähigen Provinzbeamten, Rechtsprechung, Bewässerungsprojekten und einer Reform in der Verwaltung getragen wurde.

Mesopotamien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dürre in Mesopotamien steht möglicherweise mit kühleren Oberflächentemperaturen im Nordatlantik in ursächlichem Zusammenhang (Bond-Ereignis 3). Moderne Messungen zeigen, dass deutliche (mehr als 50 %) Verringerungen des Jahresniederschlags in Mesopotamien immer dann erfolgen, wenn die Oberflächentemperaturen im subpolaren Nordwestatlantik anomale Abkühlungen erfahren. [14] Der aus dem östlichen Mittelmeerraum stammende Niederschlag im Einzugsgebiet von Euphrat und Tigris erfolgt im Winter und wird durch die Höhenlage Ostanatoliens bedingt.

Das Reich von Akkade, das unter Sargon von Akkad um 2300 v. Chr. geschaffen worden war – nach Ägypten, dessen Vereinigung bereits um 3080 v. Chr. erfolgt war, der zweite flächendeckende Territorialstaat der Geschichte – erfuhr aufgrund der extrem langanhaltenden Trockenheit seinen unaufhaltsamen Niedergang. [15] Archäologisch kann nachgewiesen werden, dass um 2170 v. Chr. die landwirtschaftlich genutzten Ebenen Nordmesopotamiens aufgegeben wurden und als Folge ein Flüchtlingsstrom nach Süden einsetzte.[16] Um diesen Zustrom von Nomaden zu unterbinden, wurde in Zentralmesopotamien eine 180 Kilometer lange Mauer, der Amurriterdamm, errichtet. Das von ständigen Attacken demoralisierte akkadische Heer wurde 2150 v. Chr. von den aus dem Zagros kommenden Gutäern letztendlich besiegt, welche dann 2115 v. Chr. die Hauptstadt Akkad einnahmen und zerstörten.

Gegen Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. lässt sich im gesamten Nahen Osten ein deutlicher Wandel in der Landwirtschaft beobachten.[17] Erst gegen 1900 v. Chr., gut 200 Jahre nach dem Zusammenbruch des Akkadischen Reichs, wurden die nördlichen Ebenen von kleineren, sesshaften Gruppen wiederbesiedelt. [16]

Arabische Halbinsel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Persischen Golf kann das 4,2-Kilojahr-Ereignis an einem drastischen Wandel im Siedlungsbau, im Keramikstil und in den Grabanlagen erkannt werden. Die Dürre des 22. Jahrhunderts v. Chr. bedeutete das Ende für die Umm-an-Nar-Kultur und den Übergang zur Wadi-Suq-Kultur.[7]

China[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Zentralchina dürfte die Dürre für den Zusammenbruch der neolithischen Kulturen gegen Ende des 3. Jahrtausends verantwortlich gewesen sein. [18] Am Mittellauf des Gelben Flusses ereigneten sich zu diesem Zeitpunkt eine Reihe außergewöhnlicher Überschwemmungen.[19] Im Becken des Yishu in Shandong wurde die blühende Longshan-Kultur von Temperaturstürzen heimgesucht, welche eine drastische Verringerung der Reisproduktion nach sich zogen. Die Lebensmittelverknappung bewirkte ihrerseits einen deutlichen Bevölkerungsrückgang, der in einer weitaus niedrigeren Anzahl archäologischer Fundstätten Ausdruck findet.[20] Gegen 2000 v. Chr. wurde die Longshan-Kultur von der Yueshi-Kultur verdrängt, die im Vergleich mit ihrem Vorgänger unterentwickelte und wesentlich einfachere Merkmale aufweist.

Mauritius[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Untersuchungen ergaben, dass etwa 2200 v. Chr. für etwa 50 Jahre auf der Insel Mauritius große Trockenheit herrschte; wahrscheinlich weil der übliche Monsunregen fehlte.[21]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b deMenocal, Peter B.: Cultural Responses to Climate Change During the Late Holocene. In: Science. Band 292, Nr. 5517, 2001, S. 667–673, doi:10.1126/science.1059287.
  2. Gibbons, Ann: How the Akkadian Empire Was Hung Out to Dry. In: Science. Band 261, Nr. 5124, 1993, S. 985, doi:10.1126/science.261.5124.985.
  3. a b Staubwasser, M. u. a.: Climate change at the 4.2 ka BP termination of the Indus valley civilization and Holocene south Asian monsoon variability. In: Geophysical Research Letters. Band 30, Nr. 8, 2003, S. 1425, doi:10.1029/2002GL016822.
  4. Gasse, Françoise und Van Campo, Elise: Abrupt post-glacial climate events in West Asia and North Africa monsoon domains. In: Earth and Planetary Science Letters. Band 126, Nr. 4, 1994, S. 435–456, doi:10.1016/0012-821X(94)90123-6.
  5. Bar-Matthews, Miryam; Ayalon, Avner und Kaufman, Aaron: Late Quaternary Paleoclimate in the Eastern Mediterranean Region from Stable Isotope Analysis of Speleothems at Soreq Cave, Israel. In: Quaternary Research. Band 47, Nr. 2, 1997, S. 155–168, doi:10.1006/qres.1997.1883.
  6. Arz, Helge W. u. a.: A pronounced dry event recorded around 4.2 ka in brine sediments from the northern Red Sea. In: Quaternary Research. Band 66, Nr. 3, 2006, S. 432–441, doi:10.1016/j.yqres.2006.05.006.
  7. a b Parker, Adrian G. u. a.: A record of Holocene climate change from lake geochemical analyses in southeastern Arabia. In: Quaternary Research. Band 66, Nr. 3, 2006, S. 465–476, doi:10.1016/j.yqres.2006.07.001.
  8. Booth, Robert K. u. a.: A severe centennial-scale drought in midcontinental North America 4200 years ago and apparent global linkages. In: The Holocene. Band 15, Nr. 3, 2005, S. 321–328, doi:10.1191/0959683605hl825ft.
  9. Menounos, B. u. a.: Western Canadian glaciers advance in concert with climate change circa 4.2 ka. In: Geophysical Research Letters. Band 35, Nr. 7, 2008, S. L07501, doi:10.1029/2008GL033172.
  10. Drysdale, Russell u. a.: Late Holocene drought responsible for the collapse of Old World civilizations is recorded in an Italian cave flowstone. In: Geology. Band 34, Nr. 2, 2005, S. 101–104, doi:10.1130/G22103.1.
  11. Thompson, L.G u. a.: Kilimanjaro Ice Core Records Evidence of Holocene Climate Change in Tropical Africa. In: Science. Band 298, 2002, S. 589, doi:10.1126/science.1073198.
  12. Davis, Mary E. und Thompson, Lonnie G.: An Andean ice-core record of a Middle Holocene mega-drought in North Africa and Asia. In: Annals of Glaciology. Band 43, 2006, S. 34–41, doi:10.3189/172756406781812456.
  13. Stanley, Jean-Daniel u. a.: Nile flow failure at the end of the Old Kingdom, Egypt: Strontium isotopic and petrologic evidence. In: Geoarchaeology. Band 18, Nr. 3, 2003, S. 395–402, doi:10.1002/gea.10065.
  14. Cullen, Heidi M. und deMenocal, Peter B.: North Atlantic influence on Tigris-Euphrates streamflow. In: International Journal of Climatology. Band 20, Nr. 8, 2000, S. 853–863, doi:10.1002/1097-0088(20000630)20:8<853::AID-JOC497>3.0.CO;2-M.
  15. Kerr, Richard A.: Sea-Floor Dust Shows Drought Felled Akkadian Empire. In: Science. Band 279, Nr. 5349, 1998, S. 325–326, doi:10.1126/science.279.5349.325.
  16. a b Weiss, H. u. a.: The Genesis and Collapse of Third Millennium North Mesopotamian Civilization. In: Science. Band 261, Nr. 5124, 1993, S. 995–1004, doi:10.1126/science.261.5124.995.
  17. Riehl, S.: Climate and agriculture in the ancient Near East: a synthesis of the archaeobotanical and stable carbon isotope evidence. In: Vegetation History and Archaeobotany. Band 17, Nr. 1, 2008, S. 43–51, doi:10.1007/s00334-008-0156-8.
  18. Wu, Wenxiang und Liu, Tungsheng: Possible role of the "Holocene Event 3" on the collapse of Neolithic Cultures around the Central Plain of China. In: Quaternary International. Band 117, Nr. 1, 2004, S. 153–166, doi:10.1016/S1040-6182(03)00125-3.
  19. Chun Chang Huang u. a.: Extraordinary floods related to the climatic event at 4200 a BP on the Qishuihe River, middle reaches of the Yellow River, China. In: Quaternary Science Reviews. Band 30 (3–4), 2011, S. 460–468, doi:10.1016/j.quascirev.2010.12.007.
  20. Gao, Huazhong, Zhu, Chengund Xu, Weifeng: Environmental change and cultural response around 4200 cal. yr BP in the Yishu River Basin, Shandong. In: Journal of Geographical Sciences. Band 17, Nr. 3, 2007, S. 285–292, doi:10.1007/s11442-007-0285-5.
  21. Megadürre vergiftete Dodos mit ihren eigenen Fäkalien.@spektrum.de, 29. April 2015 mit Verweis auf A deadly cocktail: How a drought around 4200 cal. yr BP caused mass mortality events at the infamous ‘dodo swamp’ in Mauritius. „Analyses of pollen, diatoms, XRF geochemistry, and pigments provide a unique window into how an insular ecosystem in Mauritius responded to an extreme drought event 4200 years ago... This prolonged drought around the Indian Ocean is recorded in many regions dependent on monsoon precipitation and is suggested to cause the collapse of human societies in East Africa and India... Abrupt increased aridity induced regional fires on Mauritius and caused decreased water levels, and a shrinking water surface resulting in further concentration of the animals in this coastal site... The ‘4.2 ka megadrought’ likely induced similar bottlenecks elsewhere in the SW Indian Ocean region.“, abgerufen 30. Mai 2015