Absolutes Gehör

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Als absolutes Gehör oder Tonhöhengedächtnis bezeichnet man die meist angeborene, aber auch erlernbare Fähigkeit eines Menschen, die Höhe eines beliebigen gehörten Tons zu bestimmen, d. h. seine Tonklasse innerhalb eines Tonsystems (wie C, C#, D, D#, usw.) zu benennen, ohne dabei einen Bezugston zu hören. Weitgehend ungeklärt ist, welche neuronalen Zusammenhänge dies erreichen und welche Funktionen im Gehirn dazu benötigt werden.

Das absolute Gehör kann innerhalb eines kritischen Zeitfensters von einigen Kindern durch musikalische Erfahrung bewusst oder unbewusst erlernt werden. Im Erwachsenalter lässt sich die Fähigkeit von manchen mit viel Mühe und nur unvollkommen erwerben.

Ursprung[Bearbeiten]

Es wird angenommen, dass viele ihr absolutes Gehör entweder durch frühkindlichen Kontakt mit Musik im Elternhaus erlangt haben, oder – so eine alternative Grundannahme – eine angeborene Fähigkeit zum Absoluthören durch die regelmäßige Wahrnehmung familiär genutzter, gestimmter Musikinstrumente behalten haben. Hier wird angenommen, dass der in den ersten drei bis fünf Lebensjahren gebildete Vorrat an bewusst erkennbaren und daher eigenständig interpretierbaren Phonemen und Tonemen in der Phase der frühkindlichen Sprachentwicklung durch parallel stattfindendes, regelmäßiges Musiktraining langfristig um den musikalischen Tonvorrat im Sinne eines verlässlichen Tongedächtnisses erweiterbar ist.[1][2] Für letztere Annahme spricht das häufiger vorkommende absolute Gehör bei Kindern, deren Muttersprache einen melodischen Anteil bei der Worterkennung aufweist (zum Beispiel in einigen afrikanischen und chinesischen Sprachen, siehe nächster Absatz).

Solche Thesen erklären jedoch noch nicht ausreichend, wieso Kinder, die keinerlei musikalische Früherziehung genossen haben und die zudem eine der weniger melodisch-harmonisch interpretierenden Muttersprachen erlernt haben, dennoch ein stabiles absolutes Gehör besitzen können. Hier wird zurzeit in den Neurowissenschaften angenommen, dass viele Absoluthörer möglicherweise in einem relativ weiten Spektrum zwischen absolutem Gehör (Tonerkennung ohne Referenzton) und relativem Gehör (Tonerkennung mit Referenzton) hören, jedoch nur wenige Personen über das genuin veranlagte, nicht durch Training beeinflussbare absolute Gehör verfügen würden, da nur bei jenen die Gehirnstrukturen im Planum temporale des Lobus temporalis in der linken Gehirnhälfte während des Hörens nachweislich aktiviert seien (was wiederum einen eigenständigen Fragebezug zu einer weiteren, besonderen, noch nicht hinreichend differenzierten, genetischen Veranlagung eröffnet).[3]

Alle bisherigen Erklärungsansätze verweisen jedenfalls insgesamt auf phänomenologisch komplexe Entstehungsbedingungen für ein späteres, lebenslanges Vorhandensein des absoluten Gehörs. Kinder, die im Alter von drei Jahren bereits ein Instrument spielen gelernt haben, hören sehr viel häufiger absolut.[4]

Viele Musiker erleben im hohen Alter zunehmende Schwierigkeiten bei der Nutzung ihres bislang stabilen absoluten Gehörs. Sie nehmen die Töne als höher wahr, als sie tatsächlich sind. Die physiologischen Ursachen dieser Verschiebung, oft um einen Halbton, sind unbekannt.

Verbreitung[Bearbeiten]

Das absolute Gehör ist bei musikalischen Laien angeblich sehr selten.[5] Es soll etwa bei jedem neun- bis zehntausendsten Deutschen vorliegen.

Die Musikpsychologin Diana Deutsch konnte zeigen, dass die Sprecher von Tonsprachen sehr viel häufiger ein absolutes Gehör besitzen: So zeigt eine Untersuchung in den USA, dass 52 Prozent der chinesischen Musikstudenten „absolut“ hören.[6] Die Ursache liegt vermutlich in den dortigen Landessprachen begründet. In der chinesischen Standardsprache Mandarin variiert die inhaltliche Bedeutung einer Silbe mit der melodischen Kontur, in der es ausgesprochen wird. Deshalb wird mit dem Erlernen der Sprache auch die Erkennung von Tonhöhen trainiert.

Die Fähigkeit zum absoluten Hören wurde auch bei einigen Tierarten nachgewiesen, darunter Wölfe, Blauwale, Mäuse, Fledermäuse und Vögel. Das Erkennen bestimmter Tonhöhen ermöglicht die Identifikation von Sexualpartnern und Beute. Möglicherweise wird von Blauwalen auch die Bewegungsrichtung der Schallquelle anhand des Dopplereffektes erkannt.[7]

Genauigkeit des absoluten Gehörs[Bearbeiten]

Bei der Entscheidung, ob ein Mensch absolut hört, spielt die geforderte Genauigkeit der absoluten Hörfähigkeit eine Rolle. So können manche Absoluthörer den richtigen Ton auf wenige Cents genau vorhersagen, während andere lediglich auf einen Halbton (hundert Cents) genau hören. Diese Genauigkeit kann auch durch Training verbessert werden oder sich durch Entwöhnung verschlechtern.

Genetische Vorteile beim Erwerb eines absoluten Gehörs[Bearbeiten]

2009 fand Elisabeth Theusch einen Zusammenhang zwischen absolutem Gehör und Genen auf Chromosom 8 bei Europäern, beziehungsweise Chromosom 7 bei Asiaten. Es ist nicht klar, ob diese Gene eine notwendige Voraussetzung für den Erwerb des absoluten Gehörs sind oder lediglich seine Entstehung begünstigen.[8]

Bedeutung[Bearbeiten]

Die weit verbreitete Ansicht, ein absolutes Gehör sei für eine erfolgreiche Musikerkarriere förderlich, ist ein Vorurteil. Im Gegenteil ist es manchmal der Fall, dass Musiker mit dieser Fähigkeit bei transponierten Musikstücken oder der Verwendung verschiedener Stimmungen Schwierigkeiten haben: Die geschriebenen Noten entsprechen nicht den erfahrungsgemäßen Tonhöhen und müssen demzufolge ständig transponiert, d. h. „umgerechnet“ werden. Während einige Musiker dies als Selbstverständlichkeit hinnehmen, empfinden andere eine solche Situation sogar als sehr unangenehm.

Mit einem absoluten Gehör kann jemand wahrnehmen, wenn ein Musikstück in einer anderen Tonart vorgetragen wird als in der originalen. Auch Menschen ohne professionelle musikalische Ausbildung singen ein bekanntes Stück von sich aus häufig in der Originaltonart.

Varianten[Bearbeiten]

Es wird unterschieden zwischen dem passiven (die Höhe gehörter Töne kann angegeben werden) und dem aktiven absoluten Gehör (gewünschte Töne können aus dem Stegreif gesungen werden), wobei das aktive absolute Gehör das passive beinhaltet. Das aktive absolute Gehör setzt zusätzlich eine ausgeprägte musikalische Vorstellungskraft voraus.

Eine unter Sängern stärker verbreitete Eigenschaft ist, unbewusst absolut zu hören: Sie können zum Beispiel den Anfangston einer Melodie richtig singen, ohne ihn benennen zu können. Von Instrumentalisten ist ferner bekannt, dass manche den Stimmton, z. B. das a, durch jahrelange Übung ohne Stimmgabel in exakter Tonhöhe einstimmen oder singen können.

Durch Übung kann eine „schwächere“ Form des absoluten Hörens zum aktiven absoluten Gehör verbessert werden.

Die Gabe zur Ton-Farb-Synästhesie ist eine besondere Art der absoluten Gehörfähigkeit und ist mit dem passiven Absoluthören vergleichbar. Aufgrund verschiedener Arten absoluten Hörens hat man also genau genommen nicht „das absolute Gehör“, sondern „ein absolutes Gehör“.

Relatives Gehör[Bearbeiten]

Die meisten Menschen unterscheiden Tonhöhen relativ. D. h. es werden nicht Tonhöhen beurteilt, sondern Intervalle. Das Relativhören ist eine unaufwendigere kognitive Strategie als das Absoluthören. Denn Relativhören ist gleichbedeutend mit kategorialer Wahrnehmung (dient daher der Informatiomnsreduktion, schnellerer Computation, Kommunikation, etc.). D. h. ein Relativhörer wird jede aus einem Kontinuum zufällig gewählte Folge zweier Tonfrequenzen als ein bekanntes Intervall deuten. So kann ein Relativhörer (und Sänger) Intervallfolgen einer Melodie korrekt singen, unabhängig von der Höhe der absoluten Referenzfrequenz. Relativhörer können im Rahmen der Gehörbildung lernen, durch Memorieren eines gegebenen Referenztones (z. B. von einer Stimmgabel) Töne absolut zu erkennen, sozusagen wie ein Papagei oder Stimmenimitator.

Sonstiges[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Eva-Marie Heyde: Was ist absolutes Hören? – eine musikpsychologische Untersuchung. München 1987, ISBN 3-89019-172-X
  • Diemut A. Köhler: Gehörbildung für Absoluthörer – musikpsychologische Grundlagen und Lehrkonzept. Frankfurt/M 2001, ISBN 3-631-37638-3
  • Oliver Sacks: Musicophilia: Tales of Music and the Brain. Knopf, 2007
  • Albert Wellek: Das absolute Gehör und seine Typen. Bern 1970

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.tonhoehe.de/diplom-node38.html Stefan Bleeck, Diplomarbeit (1996) im Fachbereich Physik der Technischen Hochschule Darmstadt 1996 - Psychophysikalische Untersuchung von spektralen und zeitlichen Mechanismen des auditorischen Systems anhand harmonischer und unharmonischer Amplitudenmodulationen: relatives und absolutes Gehör, Kap. 4.1, „Das Benennen von Tönen“
  2. http://s272261905.online.de/old/pap2/1993-05absolutgehoer-ms.htm Alfred Lang, 1988, Universität Bern, Schweiz - „Das 'absolute Gehör' oder Tonhöhengedächtnis“
  3. http://www.wissenschaft-online.de/abo/lexikon/neuro/40 Lexikon der Neurowissenschaft, Spektrum Akademischer Verlag
  4. 90 % von mehr als 1000 befragten Berufsmusikern, die in diesem Alter zu musizieren begannen, haben ein absolutes Gehör, während von denjenigen, die erst im Grundschulalter zu musizieren begannen, nur 42 % ein absolutes Gehör haben. (D. Sergeant & S. Roche: Perceptual Shifts in the Auditory Information Processing of Young Children. in: Psychology of Music I. o. O., 1973, S. 39–48. Zitiert nach: K. E. Behne, E. Kötter & R. Meißner: Begabung – Lernen – Entwicklung. in: C. Dahlhaus & H. de la Motte-Haber (Hrsg.): Neues Handbuch der Musikwissenschaft. Bd. 10: Systematische Musikwissenschaft, Wiesbaden 1982, S. 290)
  5. Hörgeräte Seifert, Frühjahr 2009, S. 4: Das absolute Gehör – Genialität oder Lerneffekt
  6. HörWelt, Hörgeräte Seifert, Frühjahr 2009, S. 5: Das absolute Gehör – Genialität oder Lerneffekt
  7. Michael D. Hoffman, Newell Garfield, Roger W. Bland: Frequency synchronization of blue whale calls near Pioneer Seamount. In: The Journal of the Acoustical Society of America. 128, Nr. 1, 2010, S. 490–494. doi:10.1121/1.3446099. Abgerufen am 10. August 2012.
  8. E. Theusch et al.: Genome-wide Study of Families with Absolute Pitch Reveals Linkage to 8q24.21 and Locus Heterogeneity. In: American Journal of Human Genetics. 10.1016/j.ajhg.2009.06.010, 2009.